13.11.1995

GESTORBENIsang Yun

78. Sein ganzes Schaffen, mehr als 150 Kompositionen in fast allen Gattungen, war ein faszinierend tönender Ost-West-Konflikt. In Opern und Orchesterwerken, vor allem aber in seiner exotisch-gläsernen Kammermusik hat der koreanische Schriftstellersohn immer wieder den Formalismus der europäischen Avantgarde mit den geheimnisvollen Traditionen des buddhistisch-taoistischen Kulturkreises, dem er entstammte, in Einklang gebracht. Aber nicht nur die schöpferische Spannung zwischen Zwölftönerei und fernöstlichen Ritualen empfand Yun als einen kompositorischen Kampf "auf Leben und Tod". Auch als humanitärer Idealist und mutiger Patriot riskierte er Kopf und Kragen. Nach seinen Studien in Osaka und Tokio ging er, aus Protest gegen die japanischen Besatzer seiner Heimat, in den Untergrund, wurde 1943 verhaftet und gefoltert. In den fünfziger Jahren hatte Yun in Europa Fuß gefaßt und erntete Beifall bei den Renommier-Treffen der Neutöner. 1967 verschleppte ihn der südkoreanische Geheimdienst aus Berlin nach Seoul. Der folgende Schauprozeß wegen landesverräterischer Kontakte zu Nordkorea endete mit einem Urteil zu lebenslanger Haft. Als Yun Anfang 1969, auf internationalen Druck hin, freikam und nach Deutschland übersiedelte, war er ein körperlich angeschlagener Mann. In Berlin, wo er dennoch jahrelang an der Hochschule der Künste gelehrt hat, starb Isang Yun am 3. November.

DER SPIEGEL 46/1995
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