20.11.1995

FernsehenMoralische Fallhöhe

Auch TV-Star Günther Jauch verdingt sich als PR-Mann der Wirtschaft: In Frankfurt moderierte er das Jubiläum einer Drückerkolonne.
Die Enthüllung war sachlich und kühl inszeniert. Ohne moralische Entrüstung, eher versteckt in einem launigen Filmchen über die Werbebranche, outete Günther Jauch seinen Kollegen Ulrich Wickert als Animateur der Deutschen Bank.
Anschließend plauderte der Moderator von Stern-tv mit einem Studiogast über "40 Jahre TV-Werbung". Den Konkurrenten von der ARD erwähnte er nur noch mit einem Satz.
Die Bombe hatte dennoch gezündet. Schon wenige Tage später zappelte Wickert im Kreuzfeuer der Öffentlichkeit, ergossen sich Häme und Spott über den Autor tugendhafter Schriften (siehe Kasten Seite 124).
Dabei hätte Jauch gar nicht so tief graben müssen, um zu beweisen, wie die Stars der Mattscheibe mit dubiosen Werbeauftritten ihr Salär aufbessern. Jauch, 39, hätte nur seinen eigenen Terminkalender zu durchforsten brauchen. Auch der Stern-Mann, der bei Vertragsverhandlungen "über Geld nur an dritter oder vierter Stelle diskutiert", weiß seine Popularität immer wieder nutzbringend zu vermarkten.
Mal lockert er einen Zahnärztekongreß auf oder sorgt für Stimmung beim Betriebsfest einer Computerfirma. Mal moderiert er eine Talkshow beim Fußballklub Bayern München, präsentiert auf einem Video die neuen Modelle des Autokonzerns BMW oder motiviert die Vertreter einer Kosmetikfirma.
Auch vom späteren Milliarden-Bankrotteur Jürgen Schneider ließ sich der _(* Beim DVAG-Jubiläum am 1. Juli in ) _(Frankfurt. )
"Lohnstückarbeiter" (Jauch über Jauch) einspannen. Mit mehreren Talkshows war er bei der Eröffnung des Einkaufszentrums Zeilgalerie behilflich.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel seiner Kunst als einfühlsamer Honorar-Interviewer lieferte der "sympathischste Prominente Deutschlands" (Gala) am 1. Juli in Frankfurt. Da feierte die Deutsche Vermögensberatung AG (DVAG), die größte Vertriebskolonne des deutschen Versicherungsgewerbes, ihr 20jähriges Bestehen.
Bei der dreieinhalbstündigen Riesenfete in der Festhalle auf dem Frankfurter Messegelände spielte der Mann vom Stern nicht nur den gutgelaunten Conferencier des Abends. Unter dem donnernden Applaus der 9000 Zuschauer stellte Jauch auch "ausgesuchte Leistungsträger" (DVAG-Gründer Reinfried Pohl) der Versicherungstruppe vor. Jauch jubelte: "20 Jahre DVAG wären ohne Ihre Arbeit und ohne Ihren Einsatz nicht möglich gewesen."
Dem TV-Liebling, der gute Recherche und kritische Fragen für seine stärksten journalistischen Fähigkeiten hält, ist dabei wohl entgangen, daß die DVAG in diesen 20 Jahren vor allem durch knallharte Vertriebsmethoden nach dem Schneeballsystem von sich reden machte.
Etliche Verbraucherschützer sehen in den DVAG-Angeboten eine unsinnige Verknüpfung verschiedenster Anlageformen. Hans Dieter Meyer, Geschäftsführer des Bundes der Versicherten, nennt die Policen der DVAG-Verkäufer gar "Schrottprodukte, die Leute für ihr Leben schädigen".
Doch solch unbotmäßige Themen mochte der Stern-Journalist in der "großen Familiengemeinschaft" des charismatischen und von seinen Mitarbeitern verehrten DVAG-Gründers Pohl nicht zur Sprache bringen. In "lockeren Gesprächen", so die DVAG-Festschrift, interviewte Jauch mehr als zwei Dutzend "Vermögensberater-Persönlichkeiten" über ihre Karriere in der Vertriebstruppe. Insgesamt 12 000 Mitarbeiter gehen für Pohl anschaffen.
Die waren von Jauchs sensiblen Fragen hellauf begeistert. DVAG-Direktionsleiter Ralf Mausolff aus Rostock: "Ich fühlte mich bei ihm gut aufgehoben." Zum Finale jubelte Jauch Arm in Arm mit der Pop-Diva Jennifer Rush: "Schöner und spektakulärer kann ein Tag nicht zu Ende gehen."
Mit Jauchs Auftritt in Frankfurt, für den er nach Insiderschätzungen 50 000 Mark Honorar kassierte, schmückt sich die DVAG gern. Ein aufwendig gestaltetes Video, das an gute Geschäftsfreunde verteilt wird, zeigt den populären TV-Mann im Kreise der Veteranen. Allerdings wurden die "aufschlußreichen Gespräche" (Festschrift) ausgeblendet.
Der Einsatz für die DVAG ist nicht Jauchs erstes Engagement für eine umstrittene Vertriebsfirma. So schwärmte er vor einigen Jahren auf einem 20minütigen Werbevideo von den Produkten der Firma Amway. Der Multi aus Amerika setzt im Vertrieb vor allem auf Hausfrauen, die das Amway-Sortiment, Kosmetik und Waschmittel, an ihre Freundinnen verkaufen.
Als 1993 Jauchs Ausflug in die sumpfigen Gefilde des Werbegeschäfts publik wurde, zeigte er Einsicht: Künftig wolle er solche Auftritte "genau überdenken", zumal die "moralische Fallhöhe heute generell größer" sei. Y
* Beim DVAG-Jubiläum am 1. Juli in Frankfurt.

DER SPIEGEL 47/1995
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