20.11.1995

AlltagKrampf im Todessitz

Ein Psychologe hat die Ängste und Seelennöte des Beifahrers erforscht. Befund: Nur ein Psycho-Airbag kann helfen.
Am Ende der Fahrt war die Testperson Heiner L. schweißnaß, und die Messung seines Hautwiderstandes signalisierte große Erregung. Dabei hatte der Mann behauptet, ein gelassener Beifahrer zu sein. Seine Frau steuerte den teuren Passat weitaus weniger riskant über die Teststrecke als er selbst, doch L. war nach der ersten Runde "fix und fertig mit den Nerven".
Zudem machte er den Fehler der meisten Sozius-Männer - er gab dauernd blöde Kommentare ab.
Männer, so hat die ADAC-Motorwelt über die Angst des Beifahrers herausgefunden, regen sich vor allem über "langsames, unsicheres und übervorsichtiges Fahren" auf, wenn sie im Auto vorn rechts sitzen. Sie werden leicht wütend und haben großen Bammel. Die körperlichen Symptome sind immer die gleichen: Die Hände krallen sich an Sitz und Tür fest; die Füße stemmen sich der Straße entgegen; Angstschweiß bricht aus.
Rainer Schönhammer, 42, Professor für Psychologie der Gestaltung an der Hochschule für Kunst und Design in Halle, hat nun alle bisher bekannten Untersuchungen zusammengetragen, die das Leiden der Beifahrer erklären. Ergebnis seiner Recherchen: Der Platz neben dem Fahrer ist eindeutig mit negativen Gefühlen besetzt*.
Nur antrainierte Gedulds-Knautschzonen und Psycho-Airbags können Kollisionen in der Beziehungskiste verhindern. Das Elend des Mitfahrers spiegelt ein Stück Psychopathologie des Alltagslebens.
Besonders beim Mann ist die seelische Stabilität gefährdet, wenn er das Lenkrad und damit die Kontrolle und Macht an die Frau abgibt. Mann und Frau haben nicht nur spezifische Beziehungen zum Auto - die Partnerschaft selbst ist verwoben mit der Rollenverteilung hinter der Windschutzscheibe. Wer vom Beifahren spreche, so Psychologe Schönhammer, "beleuchtet eine bedeutsame Bühne für das Liebes- und Familienleben".
Im fahrbaren Theater stehen meist mittlere Tragödien auf dem Spielplan. Denn die Dreiecksbeziehung Mann-Frau-Auto ist geprägt von Machtkämpfen, Angst und Eifersucht. In diesem Spannungsfeld entstehen Konflikte. Wer das Steuer nicht durch einen kleinen Scherz oder große Geduld herumreißen kann, baut leicht einen Beziehungscrash.
Das Auto kann in einer Partnerschaft psychologischen Totalschaden anrichten - von der heftigen Diskussion über den handfesten Streit bis hin zur Scheidung.
Ist die spannungsgeladene Psychodynamik im Cockpit durch technische Hilfsmittel zu durchbrechen? Die Einführung des Sicherheitsgurtes konnte die Angst der Beifahrer vor dem "Todessitz" nicht lindern. _(* Rainer Schönhammer: "Das Leiden am ) _(Beifahren. Frauen und Männer auf dem ) _(Sitz rechts". Vandenhoeck & Ruprecht, ) _(Göttingen; 128 Seiten; 19,80 Mark. )
Mehr geglückt scheint der Versuch der Autoindustrie, die Panik des Mitfahrers durch den Airbag aufzufangen. Todesangst und Machtkampf auf den vorderen Sitzen spiegeln sich in der Werbung für die Sicherheitsluftkissen wider. Als die Karossenhersteller Anfang der neunziger Jahre den Beifahrer-Airbag einführten, blies BMW den Rettungssack zum Symbol der Emanzipation auf: "Airbag für mich, Airbag für dich", lautete die Schlagzeile eines Inserates, in dem von "serienmäßiger Gleichberechtigung" die Rede war.
Als es noch nicht umstritten war, wer auf welchem Sitz sitzt, waren Krisensituationen im Wagen seltener. Die Rollenverteilung war klar - er hält das Lenkrad, sie hält ihn bei Laune. Die ideale Beifahrerin im Wirtschaftswunder-Deutschland sollte sich um Proviant, gute Stimmung und Sauberkeit kümmern, auf keinen Fall aber um den Straßenverkehr. Das "Beifahrerbuch" riet 1970 den Frauen, dem Mann das Fahren so angenehm wie möglich zu machen: zum Beispiel mit einem selbstgebastelten Kissen mit Styroporfüllung.
Darüber, warum Männer und Frauen sich auf dem Beifahrersitz so unterschiedlich benehmen, rätseln Wissenschaftler seit Jahren. Die Wurzeln liegen schon in der Jugend. Die "Konzentrationsthese" besagt, daß Mädchen eher Angst haben als Jungen, wenn sie mit ihren Eltern fahren. Knaben konzentrieren sich auf das Fahrverhalten des Piloten, Mädchen schauen sich lieber die Gegend an.
Die "Amputationsthese" behauptet, daß besonders Beifahrer, die selbst über Fahrpraxis verfügen, sich vor riskanten Manövern fürchten - weil sie keine Kontrolle über den Wagen haben, ihr fahrbarer Untersatz quasi amputiert wurde.
Psychologe Schönhammer spricht auch vom "Marionetten-Effekt": Das Auto als Verlängerung des Körpers, das auf dem Fahrersitz dem eigenen Willen gehorcht, reagiert auf einmal nicht mehr, wenn man beifährt. Die pathologischen Folgen sind Verkrampfungszustände, gereizte Ausrufe und zwanghafte Tritte auf die Fußmatte.
In den USA ist die Angst vor dem Fahren bereits als "Autophobie" von den Krankenkassen anerkannt. Der ADAC legte in Extremfällen die Scheidung oder den Zweitwagen nahe. Kevin und Todd Berger raten in ihrem Standardwerk "Zen oder die Kunst des Autofahrens" zu fernöstlichen Entspannungstechniken.
"Distanz zum Fahren kann Gegensteuerkrämpfe vermindern", empfiehlt Schönhammer - zum Beispiel durch Ausweichen auf den Rücksitz. Falls es dann ganz übel wird, schlägt der Psychologe vor, "gemeinsam zu lachen" - oder gleich zu Fuß zu gehen. Y
* Rainer Schönhammer: "Das Leiden am Beifahren. Frauen und Männer auf dem Sitz rechts". Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen; 128 Seiten; 19,80 Mark.

DER SPIEGEL 47/1995
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