20.11.1995

Saudi-Arabien„Allah kennt keine Prinzen“

Der Bombenanschlag von Riad hat das Vertrauen in die Stabilität des reichen Ölstaats erschüttert. Herrscher Fahd ist schwer krank, eine radikale islamistische Opposition wirft dem Königshaus Korruption vor, die Thronfolger streiten um das Erbe. Auf dem Spiel steht das Bündnis mit der Schutzmacht Amerika.
Zu dem exklusiven Ausflug hatte der Hof eine kleine Anzahl westlicher Diplomaten geladen. Seine Majestät, König Fahd Ibn Abd el-Asis, wollte den Abgesandten die erdölreiche Ostregion des Landes zeigen - und mit dem Auftritt auch allen Gerüchten über die eigene körperliche Gebrechlichkeit entgegentreten.
Doch statt Stärke offenbarte der königliche Auftritt auf dem Flughafen von Dharan erschreckende Schwäche: Nur mühsam konnte sich Fahd, 72, auf den Beinen halten; seine Maschine mußte der schwergewichtige König über eine Hebebühne verlassen. Die kurze Strecke zur Empfangshalle schaffte er nicht allein; Helfer mußten ihn nach einem Sturz wieder aufrichten; der Herrscher konnte den Blick nicht konzentrieren, seine Augen flackerten.
Der Zustand des Königs bestürzte nicht nur die peinlich berührten Zeugen. Auch in Prinzenpalästen am Golf und in westlichen Geheimdienstkreisen nährte der Vorfall schlimmste Befürchtungen: Geht die Regentschaft des ersten Mannes auf der Arabischen Halbinsel bald zu Ende? Droht dem Herrscherhaus nach Fahd gar der Untergang - und der Region mit den größten bekannten Ölreserven der Welt blutiger Aufruhr?
Die Vorzeichen scheinen unübersehbar. Die Familie Saud, deren Namen das Land auf der Arabischen Halbinsel trägt, steht unter politischem Druck wie nie zuvor. "Denkt an das Beispiel des Ketzer-Schahs von Iran", hieß es in Riad auf einem Flugblatt aus dem Untergrund: "Könige sind von Übel."
Die schwerste Erschütterung seit Jahren erlebte das Königreich am vergangenen Montag. Auf dem Parkplatz vor einem US-Ausbildungslager für Mitglieder der saudischen Nationalgarde detonierte eine 200 Kilo schwere Autobombe; sieben Menschen, darunter fünf US-Bürger, starben, über 60 wurden verletzt.
Zu dem Anschlag bekannten sich drei unbekannte Gruppen - die "Tiger des Golfs", die "Islamische Bewegung für Veränderung" und die "Kämpfenden Advokaten Gottes", die gegen die stationierten US-Truppen Front machen. "Die Operationen", drohten die Golftiger, "werden fortgesetzt, bis der letzte US-Soldat die Stadt verlassen hat."
Die Attacke zielte offenkundig auf das Herzstück saudischer Sicherheitspolitik: die enge strategische Partnerschaft mit den USA, die von islamistischen Eiferern als Teufelspakt angeprangert wird. Zugleich zeigte die Explosion, daß Fundamentalisten, die von Algerien bis Pakistan Haß und Gewalt schüren, nun auch jenes Regime herausfordern, das sie jahrelang insgeheim mit Spenden gepäppelt hat. Könnte der Islam, die Grundlage des saudiarabischen Staates, am Ende die Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina verschlingen?
Im strenggläubigen Obrigkeitsstaat Saudi-Arabien, der weder Parteien noch Gewerkschaften zuläßt, nutzen Ulama (Islamgelehrte) inzwischen ihre Predigten zu unverhohlener Abrechnung mit dem Königshaus.
Vor allem jüngere Redner in den 11 000 Moscheen des Landes halten sich immer weniger an die Gepflogenheit, ihre Ansprachen von einem als "Scheich" ausgegebenen Zensor entgegenzunehmen. Statt dessen fordern sie in flammenden Freitagspredigten "den König und seine Regierung" zur "Beendigung der Unmoral" im Lande auf.
Schärfer noch ziehen radikale Prediger - Chomeini läßt grüßen - auf Tausenden von Kassetten, die im Untergrund zirkulieren, gegen das Königshaus zu Felde. "Eine Herrscherfamilie, die dem Volk das Recht abspricht, sich politisch zu betätigen, kann nicht im Sinne des Islam regieren", verdammt ein Geistlicher "diese Familie von Glaubensabtrünnigen". Ein anderer Kassetten-Imam warnt die Mächtigen vor Hochmut: "Allah kennt keine Prinzen oder Könige."
Kritische Gefolgsleute des Königshauses vergleichen die Stimmung mit einem "Kessel voller Benzindampf, der beim kleinsten Funken explodiert". Bereits im Oktober hatte ein Sprengstoffanschlag in der Provinz Bischa ein erstes Warnsignal gesetzt.
Dabei kommt das Wüstenreich, Heimat des Propheten Mohammed, das die grüne Flagge mit Glaubensbekenntnis und Schwert als Staatsfahne führt, einer Theokratie so nahe wie nur der Iran. Der Islam gilt gleichsam als die Verfassung des Landes, und die Scharia, die islamische Rechtsordnung, findet rigorose Anwendung: Dieben wird öffentlich eine Hand abgehackt, Drogenhändler werden enthauptet. In diesem Jahr starben bisher über 150 Delinquenten unter dem Schwerthieb des Henkers, so viele wie noch nie.
Weil das ganze Land heilig sei, belehrte Prinz Salman Ibn Abd el-Asis, Bruder König Fahds und Gouverneur von Riad, Papst Johannes Paul II., dürften in Saudi-Arabien auch keine christlichen Kirchen erbaut werden. Das Katholiken-Oberhaupt hatte anläßlich der Eröffnung der großen Moschee in Rom die Intoleranz der Saudis gegenüber anderen Glaubensbekenntnissen kritisiert.
In den Palästen vieler Prinzen jedoch regiert - so die Anklage der Fundamentalisten - die Sünde. Alkohol, den Moslems streng verboten, fließt hinter den hohen Mauern ungeniert. Die Weinkeller der Königsfamilie zählen angeblich zu den besten der Welt. Eingelagert wird ohne Rücksicht auf Feindbilder: von den edlen Tropfen der Rothschilds, große Förderer der jüdischen Besiedlung Palästinas, bis hin zu den Whiskey-Marken der Firma Seagram, deren Mitinhaber Edgar Bronfman seit 1981 Präsident des jüdischen Weltkongresses ist.
Diplomaten berichten von Gelagen mit europäischen Edelprostituierten; auch manche Stewardessen internationaler Fluglinien verbringen angeblich gern eine Nacht in Riad, um für eine goldene Uhr ein bißchen zu "scheicheln".
Oppositionsführer wie der populäre Prediger Salman el-Auda, 40, verteufeln die Königsfamilie auch wegen solcher überall kolportierten Geschichten als Inbegriff der "Dekadenz". Und sein Mitstreiter Mohammed el-Massari, 48, bekräftigt aus dem Londoner Exil: "Diese Familie ist korrupt, verschwenderisch und unverbesserlich."
Die Vorwürfe treffen ein Herrscherhaus, dessen Machtfülle als schrankenlos gilt, seit der Beduinenführer Abd el-Asis Ibn Abd el-Rahman, genannt Ibn Saud, die wichtigsten Gebiete der Arabischen Halbinsel unter seine Herrschaft brachte und 1932 das Königreich Saudi-Arabien ausrief. "Das demokratische System, das die Welt dominiert", befindet sein Sohn Fahd heute noch, "ist für die Bevölkerung unserer Region nicht geeignet."
Gegen fremde Einflüsse schottet sich das Königreich rigoros ab. Ins Land gelassen wird, wer genehm ist: wichtige Geschäftspartner und Experten aus dem Westen, billige Arbeitskräfte aus Asien. Kritische Journalisten müssen zumeist draußen bleiben, vor allem seit dem Golfkrieg. Die Sauds haben nicht verwunden, daß US-Korrespondenten, die auf Druck aus Washington zur Kriegsberichterstattung zugelassen werden mußten, die Allmacht des Königshauses und die Unterdrückung der Frauen anprangerten.
Mit seinen Petrodollars hat das Regime ein riesiges Medien-Imperium errichtet, das vorwiegend einem Zweck dient: Saudi-Arabien als Musterland des Islam darzustellen und den König zu feiern. "Die haben vom Golf bis nach Marokko für märchenhafte Gehälter die besten Journalisten schlicht weggekauft", klagt der Chefredakteur des Beiruter Blattes El-Safir.
Fahds Erkenntnis nach dem Golfkrieg, daß der Nahe Osten "ein arabisches CNN" brauche, natürlich unter saudischer Regie, wird seit Jahren in London umgesetzt. An der Themse produziert das Middle East Broadcasting Centre (MBC) ein Programm aus Unterhaltung, Nachrichten, Musik und Koranlesungen. Das MBC-Projekt kostet Fahd jährlich schätzungsweise 300 Millionen Dollar. Und den jüngsten Mediencoup landeten die Saudis in Italien. Dort erwarb Königsneffe Prinz Walid Ibn Talal 4,1 Prozent von Silvio Berlusconis Fernsehreich Mediaset. Im eigenen Land dagegen sind Satellitenschüsseln verboten, wacht eine unerbittliche Zensur über jede Sendung und jeden Zeitungsartikel.
Dank ihres Ölreichtums konnten die Saudis Kritiker und potentielle Rebellen lange ruhigstellen. Der Ölboom der Wirtschaftswunderjahre hatte das Wüstenreich in ein Schlaraffenland verwandelt. Die Untertanen werden in modernsten Krankenhäusern praktisch kostenfrei behandelt. Ob Strom, Telefon oder Benzin - die Bürger zahlten allenfalls Pfennige. Steuern und Arbeitslosigkeit gab es so gut wie gar nicht. Doch die Zeiten ändern sich.
Das Märchenland, das einst die zweitgrößten Devisenreserven der Welt hielt, ist finanziell abgebrannt. Weil der Preis für ein Barrel Öl von einst 35 (1981) auf gut 15 Dollar sank, gingen die staatlichen Einkünfte von 120 auf 40 Milliarden Dollar zurück.
Die unübersehbaren Folgen: Baustellen verwaisen; internationale Geschäftspartner klagen über unbezahlte Rechnungen. Das immense Staatsvermögen ist verschleudert - auch dank irrsinniger Rüstungskäufe; der Schuldenberg soll rund 120 Milliarden Dollar betragen.
Um Ausreden sind die Herrscher nicht verlegen. Erst habe man, rechnet etwa Innenminister Prinz NaIf Ibn Abd el-Asis vor, Saddam Husseins Krieg gegen Iran mit 35 Milliarden Dollar finanziert; dann sei die Befreiung Kuweits, das der undankbare Diktator dem Irak einverleiben wollte, mit über 80 Milliarden zu Buche geschlagen.
Oppositionsführer Massari macht eine andere Rechnung auf. Er sieht das Land durch Vetternwirtschaft und Prasserei der etwa 6000 Prinzen in den Bankrott getrieben. "Das halbe Jahresbudget", sagt der Fahd-Gegner, "versickert in schwarzen Kanälen."
Die Geldgier des Saud-Clans ist legendär. Vor allem durch ebenso windige wie einträgliche Kommissionsgeschäfte schröpfen sie den Staat. Im Golfkrieg soll allein Prinz Chalid Ibn Sultan, Sohn des Verteidigungsministers und Mitbefehlshaber der alliierten Streitkräfte, für Warenlieferungen an die im Lande stationierten US-Truppen bis zu sieben Milliarden Dollar Provision kassiert haben. Ein Sohn des Innenministers Prinz NaIf wiederum soll sich durch Zölle auf Viehimporte bereichern sowie an der Vermittlung von Ärzten und Wissenschaftlern kräftig verdienen.
Die Unsitten der Sauds prangern Islamisten schon länger an. Regen Zulauf aber verzeichnen die Eiferer erst seit dem Golfkrieg. Daß der stolze Ölstaat, der so viele Milliarden in modernste Waffen aus dem Westen investiert hatte, fremde Truppen ins Land holen mußte, um sich vor einem arabischen Bruder schützen zu lassen, deckte die Abhängigkeit und die Verwundbarkeit des Regimes schlagartig auf. Und daß in manchen US-Uniformen auch noch Frauen steckten, empfanden die frommen Beduinen als besonders tiefe Demütigung.
Schon im Februar 1991, mitten im Golfkrieg, beschossen unbekannte Täter einen Bus in Dschidda und verletzten zwei amerikanische Soldaten.
Anders als früher können die Sauds ihre Bürger heute nicht mehr mit Geldgeschenken befrieden, im Gegenteil. Um die marode Wirtschaft anzukurbeln, mußte König Fahd dem Land ein Sparprogramm verordnen. Gebühren für Wasser, Strom und Telefon etwa wurden um ein Drittel erhöht, die Haushaltsmittel für Ausbildung und Erziehung um 20 Prozent gekappt.
Seit geraumer Zeit schickt die Regierung kaum noch Studenten an ausländische Universitäten, weil sie fürchtet, die junge Elite könne durch westliche Ideen verdorben werden. Die Absolventen der heimischen Hochschulen aber finden keine Arbeitsplätze mehr, die ihnen früher garantiert zustanden.
Die Fundamentalisten suchen denn auch vor allem bei der bürgerlichen Jugend Nachwuchs. 60 Prozent der 13 Millionen Saudis sind unter 21 Jahre alt und stehen vor einer ungewissen Zukunft. "Wieso gibt es inzwischen Tausende arbeitsloser Akademiker", fragte ein empörter Student in der Zeitung El-Safir, "während gleichzeitig die wichtigsten Staats-, Wirtschafts- und Industrieposten von Angehörigen der Herrscherfamilie besetzt werden, die teilweise nicht einmal einen Schulabschluß haben?"
Die Prinzen leben weiterhin im Überfluß. Von Geburt an erhalten Mitglieder des Herrscherhauses monatlich 10 000 Riyal (3800 Mark) aus der Staatskasse. Allein im Außenministerium sind 37 Prinzen beschäftigt, die nie eine Universität besucht haben, aber formal wichtige Posten bekleiden. Selbst langjährige Gefolgsleute des Königshauses wie der ehemalige Erdölminister Ahmed Saki el-Jamani räumen ein, daß Fehler gemacht wurden, und fordern "jetzt Reformen" (siehe Interview Seite 208).
Über die Frage, wie es den religiösen Rebellen begegnen soll, ist das Regime zerstritten. König Fahd neigte zu "Nachsicht und Versöhnung". Der Thronerbe und Herr über die mächtige Nationalgarde, Prinz Abdullah, 71, forderte dagegen: "Wir müssen das Übel an der Wurzel packen" - und setzte sich offensichtlich durch.
Vor den Augen seiner Gefolgsleute wurde im vergangenen Herbst der Fundamentalistenführer Salman el-Auda verhaftet. Zum Entsetzen des Regimes reagierten seine Anhänger mit Demonstrationen. Nach Angaben aus Oppositionskreisen zogen 8000 durch die Straßen, _(* Während der Golfkrise 1990. )
1300 seien prompt festgenommen worden. Die Protestbewegung, warnte aus dem bürgerkriegserfahrenen Libanon die Zeitung Nida el-Watan, sei "nur die Spitze eines Eisbergs".
Wenn das Regime sich bedroht wähnt, läßt es rücksichtslos verhaften, foltern und morden. "Das Leben eines Kamels ist wertvoller als das eines Menschen", klagt ein Oppositioneller. Vor allem das Innenministerium ist dafür berüchtigt, Mißliebige abholen und spurlos verschwinden zu lassen.
Berichte über Korruption, Sittenverfall oder die Krankheit des Königs - für das Herrscherhaus und seine Vertreter sind das alles nur Falschmeldungen der Opposition, die empört zurückgewiesen werden. Doch auch wenn Innenminister NaIf behauptet, daß die Islamisten "keine Gefahr" darstellen - die Sprengkraft religiöser Eiferer hat das Regime schon einmal bitter erfahren. 1979 besetzten Aufrührer die Große Moschee von Mecka und forderten "Umkehr und Reue". Erst nach zweiwöchigen Auseinandersetzungen war der Aufstand niedergeschlagen - mit Unterstützung aus dem westlichen Ausland. Da Sturmangriffe der eigenen Soldaten gescheitert waren, mußte das Königreich Spezialisten einer französischen Antiterroreinheit zu Hilfe rufen. Regime-Insider berichten, daß damals über 600 gefangene Aufständische erschossen wurden - nachdem sie ihre Gräber selbst ausgehoben hatten. Bis heute weiß niemand, wo sie verscharrt wurden.
Die Fahd-Gegner kämpfen mit modernster Kommunikationstechnik. In London hat der Physikprofessor Massari eine kleine, aber effektive Oppositionszentrale aufgebaut. Daheim saß er sechs Monate im Gefängnis, weil er ein "Komitee zur Verteidigung legitimer Rechte" (CDLR) gegründet hatte.
Per Fax und E-Mail hält Massari zu etwa tausend Mitstreitern in Saudi-Arabien ständig Kontakt. Von London aus organisiert er Versammlungen oder versendet auf Tonband- und Videokassetten Informationen und Predigten von Auda und anderen oppositionellen Scheichs. Damit der Geheimdienst den Frondeuren daheim nicht auf die Spur kommt, laufen die Verbindungen über Telefongesellschaften in Amerika. Monatliche Fernsprechgebühren für das CDLR: weit über 100 000 Mark.
Genug Geld hat die Opposition: Zu den heimlichen Sympathisanten zählen etliche schwerreiche Geschäftsleute in Saudi-Arabien. Der Tycoon Ussama Ibn Ladin, der angeblich vom Sudan aus auch militante Fundamentalisten in Algerien oder Ägypten sponsert, führt und finanziert eine weitere Widerstandsgruppe, die gleichfalls von London aus gegen das Königshaus trommelt. Im vergangenen Jahr hat das Regime in Riad ihm deshalb die Staatsbürgerschaft aberkannt.
Massari, der über zwölf Jahre als Stipendiat des Königreichs in Deutschland lebte und mit einer Amerikanerin verheiratet ist, verspricht eine Kombination aus Islam und Demokratie: Parteien und freie Wahlen werde es geben, unabhängige Gerichte, aber auch mehr Rechte (und den Führerschein) für Frauen. Daß Israel kein Existenzrecht habe und natürlich die Scharia weiter angewandt werden müsse, gehört aber auch für Massari zu den Fundamenten eines künftigen "wahrhaft islamischen Arabien".
Den Mißmut durch die Zulassung einer gemäßigten Opposition aufzufangen, liegt der Königsfamilie fern. Obwohl schon 1962 den Bürgern ein Madschlis elschura, eine "beratende Versammlung", versprochen wurde, berief Fahd den Rat erst 1993 - wirklichen Einfluß haben die 60 ernannten Mitglieder, allesamt Royalisten, nicht.
Lieber verläßt sich das Regime auf die Macht seiner fünf Geheimdienste, von denen zwei dem König direkt unterstellt sind. Im Kampf gegen die islamistische Opposition sollen ausgewählte Agenten sogar mit dem israelischen Mossad zusammenarbeiten.
Washington, das sich immer noch mit Grausen an den Sturz des Schahs erinnert, beobachtet den Niedergang seines wichtigsten Verbündeten am Persischen Golf mit zunehmender Sorge. Die USA trauen Fahds Brüdern, die in der Thronfolge an nächster Stelle stehen, nicht zu, das Land aus der Krise zu führen.
Kronprinz Abdullah, 71, Chef der schlagkräftigen Nationalgarde, gilt als schlichter Beduine, der keine Rede halten kann, ohne ins Stottern zu geraten. Fahd, der die Pflichten und Aufgaben des Thronfolgers nach Kräften beschneidet, bevorzugt zwei andere Brüder: Innenminister Prinz NaIf, 61, und Verteidigungsminister Prinz Sultan, 73. Im Kampf um das Erbe könnte die Autobombe vergangene Woche auch eine Warnung an Abdullah gewesen sein.
Die Amerikaner favorisieren einen Mann der dritten Generation: den modernen, westlich ausgerichteten Botschafter in Washington, Prinz Bandar, 46, Sohn des Verteidigungsministers Sultan.
Den an Diabetes, Herzmuskelschwäche und Übergewicht leidenden König scheint der Streit um das Thronerbe immer weniger zu interessieren. Fahd, der zu Ministerratssitzungen im Rollstuhl gefahren wird, hat wohl innerlich schon abgedankt. "Nichts blieb vom alten Holz", resignierte der Herrscher vor hohen Offizieren, "selbst die jungen Triebe sind tot."
"Das halbe Jahresbudget versickert in schwarzen Kanälen"
Gemeinsam mit Israels Mossad gegen religiöse Extremisten
[Grafiktext]
Daten von Saudi-Arabien
[GrafiktextEnde]
* Während der Golfkrise 1990.

DER SPIEGEL 47/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 47/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Saudi-Arabien:
„Allah kennt keine Prinzen“

  • Hightech-Mode für Gehörlose: Musik fühlen statt hören
  • Umstrittenes Staudammprojekt: Historische Stadt in der Türkei versinkt
  • Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen
  • "Lady Liberty": Demokratie-Aktivisten errichten Statue in Hongkong