04.12.1995

HauptstadtGefühl und Hertie

Berlins Finanzsenator Pieroth fand einen neuen Weg zur inneren Einheit: das Wohnzimmergespräch zwischen Westpromis und Ostbürgern.
Bei den Liebenaus in Friedrichshagen, einem Ost-Berliner Vorort, ist es rundum gemütlich. Schwere Polstermöbel füllen ein kleines Wohnzimmer mit Gummibaum und Usambaraveilchen, bunte Wollteppiche dämpfen fusselfrei den Tritt. Die kleinkindhohe Porzellanvase in der Anrichte, ein Mitbringsel aus Vietnam, zeugt von besseren Zeiten.
Da war Ingeborg Liebenau, jetzt im Vorruhestand, noch bei der DDR-Fluggesellschaft Interflug. Und Gatte Kurt, 63, machte noch Karriere als Moskau- und Hanoi-Vertreter der Staatsfluglinie. Seit der Wende versucht sich die Familie, zwei Kinder, drei Enkel, als Veranstalter von ausgefallenen Festen durchzuschlagen, etwa Hochzeiten in einer ausrangierten Iljuschin, das Standesamt hinterm Cockpit inbegriffen.
Eines Abends klingelte ein Fremder bei den Wende-Geschädigten im Plattenbau. In der proper gewienerten Küche packte er zwei Pappkartons voller italienischer Teigwaren aus: "Ich würde jetzt gern mit Ihnen Pizza essen."
Das war, so der Hausherr, der Beginn "eines wunderbaren Abends voller intensiver Gespräche". Dabei seien sich Familie Liebenau und ihr Besucher Ernst Freiberger, Lebensmittelgrossist und West-Berliner Pizza-König, menschlich nähergekommen.
Die Paarung hätte ungleicher kaum sein können: der Gast, ein erfolgreicher Tiefkühl-Unternehmer aus Reinickendorf (Jahresumsatz: 400 Millionen Mark), der Gastgeber, ein desillusionierter ehemaliger SED-Genosse. Wie die Liebenaus haben in diesem Jahr bereits einige tausend Ost-Berliner Familien zu Hause mit ihnen bis dahin unbekannten Westgästen geplaudert. Arbeiter und Vorstandsherren, NVA-Pensionäre und Spitzenmanager reden sich, bei Soljanka und Hackepeter, die Erfahrungen ihrer unterschiedlichen Sozialisation von der Seele.
Wohnzimmer-Gespräche nennen sich diese Privatissima der Völkerverständigung. Während die Bewohner der Stadthälften noch nachhaltig fremdeln, sollen die Plaudereien die Vorurteile schon im familiären Keim ersticken.
Regie führt dabei Berlins Finanzsenator Elmar Pieroth. Sowenig der Christdemokrat auch die maroden Stadtfinanzen im Griff hat, so erfolgreich hat sich seine Idee, in Wahlkampfzeiten ersonnen, durchgesetzt.
Längst hat sich das Unternehmen zum Großprojekt entwickelt. Ein Netz von Zuarbeitern ermittelt die Adressen gesprächswilliger Ostgastgeber. Vom noblen Wannsee-Domizil aus akquiriert Pieroths Ehefrau Hannelore, unter anderem im weitläufigen Bekannten- und Freundeskreis, Westgäste.
Die Liste derer, die sich schon in den Osten aufmachten, ist ein Who's who des West-Berliner Establishments. Der Historiker Arnulf Baring traf sich mit Handwerksmeistern, einer seiner Gastgeber, Harry Liedtke, Existenzgründer in der Sparte Feuchtraumsanierung, diskutierte mit dem Ordinarius über Verdrängungswettbewerb und Seilschaften, Law and Order und laxen Staat.
Der Baulöwe und Interhotel-Käufer Klaus Groenke maß sich abendfüllend mit Oberen der Charite. Schaubühnen-Chef Jürgen Schitthelm machte sich ebenso auf zum Marsch durch die Ost-Wohnzimmer wie Horst Kramp, der erste Mann der Industrie- und Handelskammer, und Friede Springer, Witwe des Großverlegers Axel Springer.
Professor Lutz Hoffmann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, diskutierte mit einem Lehrerehepaar, einer Schulleiterin und einem Steuerberater über Wende-Karrieren und deren Abbruch. Kulturschaffende monierten bei dem CDU-Hausanwalt und Kunstmäzen Peter Raue den Verlust von DDR-Errungenschaften, "die Orchester und die Rechte der Frau, die leichte Muse und das streßfreie Arbeiten" (Raue) etwa.
Lothar Schirmacher, Ex-Vorstand von Hertie, der die Ostmenschen anfangs "von der Haarfarbe über die Kleidung bis zur Seele grau" wahrnahm, plauschte einfühlsam mit Ex-Obersten der NVA. Jeder erklärte dem Fremden erst mal seine Vita, er habe so erbauliche "Abende zwischen Gefühl und Hertie" erlebt, sagt Schirmacher.
Pieroths Initiative zielt auf PDS-Sympathisanten im Osten, die er so langfristig für die CDU gewinnen möchte. Auf einen Streich sicherte er sich durch Vermittlung des örtlichen Bundeswehrverbandes und zum Wohlgefallen von Helmut Kohl etwa die Anschrift von 65 "dialogoffenen Ex-Offizieren der NVA". Die bekamen dann Besuch von Bundestagsabgeordneten, Bankherren oder lokalen Politgrößen.
Die Kameradschaft, genervt durch den Statusverlust, tendiert zwar überwiegend zur PDS. Sie könnte aber wegen ihrer Vorliebe für Recht und Ordnung auch zur CDU passen. Bei Wahlen bringen die Ex-Militärs und ihre Angehörigen allein in Ost-Berlin 20 000 Stimmen auf. Für den Berliner CDU-Altparlamentarier und Wohnzimmer-Aktivisten Klaus Franke ist die Polittherapie im häuslichen Mikrokosmos deshalb "die Wahlkampfform der Zukunft".
Die Vorlage dazu hatte Pieroth schon in seinem Hellersdorfer Wahlkreis geliefert. Mit sonorer Stimme und väterlichem Gestus warb er dort vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus im Oktober im PDS-dominierten Plattenbaubezirk Hellersdorf um ein Direktmandat. Gegen die übermächtigen Sozialisten hatte er keine Chance, doch sicherte er sich im Ost-Berliner CDU-Vergleich ein respektables Ergebnis (26 Prozent Erststimmen). Mit PDS-Kontrahenten wie der Landesvorsitzenden Petra Pau zwängte er sich dafür notfalls auf jedes Korbmöbel.
"Trotz aller Ewiggestrigen, wir müssen uns mit der PDS von heute auseinandersetzen", so Pieroths unbefangenes Credo, während Berlins Sozialdemokraten die SED-Nachfolger noch mehrheitlich meiden wie Kranke in der Quarantänestation. "Sie sind eine der Persönlichkeiten der West-CDU", rief ihm der Hellersdorfer PDS-Politiker Uwe Klett nach, "die die Herausforderungen Ost-Berlins annehmen."
So empfinden es auch die Liebenaus am südöstlichen Rand der Stadt. In einer Art Dauerabonnement ließen sie sich vor lauter Begeisterung aus Pieroths Truppe nach dem Pizza-König noch drei weitere Westgäste ins traute Plattenheim oder auf die Datsche unter der Schönefelder Einflugschneise kommen.

DER SPIEGEL 49/1995
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