04.12.1995

AffärenFrauen, Geld und Risiko

Skandal im Gelddruckhaus Giesecke & Devrient: Firmenpatriarch Siegfried Otto hat Millionengewinne vor Familie und Fiskus verheimlicht. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Firma, ein Vorstand der Deutschen Bank, brauchte verblüffend lange, bis er den Firmeninhaber zur Selbstanzeige gedrängt hatte.
Im Prinzregententheater ließ der Patriarch sich feiern. Zahlreiche Banker, Politiker und Angehörige der Münchner Schickeria waren im Januar zum 80. Geburtstag von Siegfried Otto gekommen.
Sie ehrten den Mann, der nach dem Krieg in Bayern die heute zweitgrößte Banknotendruckerei der Welt aufgebaut hat: Giesecke & Devrient (G&D), eine vornehme Familienfirma mit Milliardenumsatz und weltweit 3700 Mitarbeitern.
Das Traditionshaus produziert Spezialpapier und druckt Banknoten, die in mehr als 60 Ländern der Welt umlaufen, in den USA und auch in Libyen. In Deutschland kommt jeder zweite Geldschein aus dem Hause Otto. Die Firma druckt Euroschecks und Aktien, sie stellt Kredit- und Telefonkarten her, baut Maschinen zum Gelddrucken und zum Geldzählen.
Für die bayerische Regierung sprach auf dem Geburtstagsempfang Wirtschaftsstaatssekretär Hans Spitzner. "Was Unternehmer wie Sie für die bayerische Wirtschaft getan haben", pries er Otto, "ist vorbildlich."
Der so Geehrte entpuppt sich nun als einer der größten Steuerhinterzieher, der jemals in Deutschland aufflog. Sein feines Druckhaus steht im Mittelpunkt eines bizarren Wirtschaftskrimis: Es geht um Trickserei im großen Stil, um Schwarzgeld und Steuerhinterziehung in Millionenhöhe, um Immobilienspekulation - und um zwei Tote.
Am vergangenen Montag wurde ein leitender Mitarbeiter des firmeneigenen Sicherheitsdienstes leblos aufgefunden. Der 40jährige starb an Herzversagen, sagen die Ärzte. Die Staatsanwälte ermitteln noch - auch in der Firma.
Sieben Wochen vorher war in der Schweiz Kurt Hofstetter verstorben. Ein Gehirnschlag raffte den 71jährigen dahin, sagen die Ärzte. Hofstetter war Geschäftsführer einer heimlich gehaltenen Otto-Firma in Zürich.
Zu den verworrenen Vorgängen gesellten sich wie von selbst Verdächtigungen und Gerüchte. Von einer Verletzung des Kriegswaffenkontrollgesetzes durch Giesecke & Devrient war plötzlich die Rede - wofür es bisher keinen Anhaltspunkt gibt.
Vergoldete Kloschüsseln und Limousinen, so hieß es, seien als Gefälligkeiten an potentielle Kunden verschenkt worden. Und warum wurde ausgerechnet der Finanzvorstand, der eine Top-Karriere bei Bertelsmann und der Verseidag AG hinter sich hat, auf einmal gefeuert?
Die Boulevardpresse machte sich über "Geldschein-Otto" (Abendzeitung) und das feine Druckhaus her, das die Öffentlichkeit jahrzehntelang gemieden hatte. Firmenpatriarch Siegfried Otto sprach am Donnerstag von zusammengedichteten Schmuddelgeschichten, die das Ansehen seines Hauses beschädigt hätten.
Die Firma ist nicht ohne Ottos Zutun ins Schlaglicht der Scheinwerfer geraten. Jutta Otto-Devrient sah das Unheil lange schon auf das Unternehmen zukommen.
Die Ex-Gattin des heute 80jährigen Siegfried Otto durchschaute offenbar als erste das dubiose Treiben ihres ehemaligen Gatten. In einem vom 26. September 1994 datierten Brief an Aufsichtsratschef Michael Endres von der Deutschen Bank forderte die streitbare Dame den Banker auf, "Ihnen und mir bekannte Gefahren von Giesecke & Devrient abzuwenden". "Vielleicht zu Unrecht", drohte sie, gehe Endres "davon aus, daß die Wahrheit nie ans Tageslicht kommt".
Jetzt kommen die Machenschaften Stück für Stück zum Vorschein. Im Zentrum der zum Teil weit zurückliegenden Ereignisse steht der ehemalige Wehrmachtsangehörige Siegfried Otto, der vieles liebte: die Frauen, das Geld und das Risiko.
Die Gewinne aus Druckerei und Papierfabriken sollten fließen, aber möglichst an Familienmitgliedern und Fiskus vorbei. Am 1. Februar 1961 gründete Otto in der Schweiz eine Firma neben der Firma. Die Security Printing Aktiengesellschaft in Zürich sollte das gleiche leisten wie das deutsche Gegenstück - nur noch diskreter.
Laut Eintrag im Handelsregister des Kantons Zürich befaßte sich die neue Firma mit dem "Druck von Wertpapieren und Banknoten" sowie dem "An- und Verkauf von Druckmaschinen zur Herstellung von Wertpapieren". Tatsächlich hat die Gesellschaft, die in der Löwenstraße in der Zürcher City residierte, niemals selber Banknoten gedruckt oder Maschinen dafür produziert. Die Schweizer Firma, erklärt G&D-Geschäftsführer Manfred Beck heute, habe in Deutschland produziertes Banknotenpapier an Druckereien im Ausland verkauft: "Das war für uns eine Handelsfirma."
Die Firmengründung erklärt Beck mit dem Kalten Krieg, der die Welt in zwei Lager spaltete. Manches Abnehmerland habe mit einer erkennbar deutschen Firma keine Geschäfte machen wollen.
Bis 1977 saß Beck im Verwaltungsrat der Security Printing. Bis dahin hielt Giesecke & Devrient eine Beteiligung an der Firma.
Dann wurde diese Beteiligung verkauft - an wen, will Beck nicht gewußt haben. Die Zweitfirma wurde in den Büchern von Giesecke & Devrient gestrichen.
Der Handel mit der Schweizer Firma aber florierte weiter. Und das hatte einen einfachen Grund: Siegfried Otto, Hauptgesellschafter von G&D, übernahm heimlich die Anteile an Security Printing.
Das Prinzip funktionierte einfach: Die Produktion lief in Deutschland, die Gewinne fielen zum Teil in der Schweiz an. Siegfried Otto, das war seine geniale Idee, wurde zu seinem eigenen Zwischenhändler. _(* Links: in Zürich; rechts: mit ) _(Gästen bei einer Disco-Gala in Miami im ) _(Oktober 1992. )
Die Gewinne der Zweitfirma sprudelten ordentlich. Allein in den letzten zwölf Jahren erwirtschaftete Security Printing 195 Millionen Mark. Dem deutschen Fiskus entgingen in dieser Zeit rund 100 Millionen Mark an Gewinnsteuern.
Die Familie, die früher in der Firma unter anderen von Jutta Otto-Devrient und ihren zwei Söhnen, heute nur noch von zwei Otto-Töchtern vertreten ist, ging leer aus. Die Ausschüttung der Zürcher Gewinne hat ihre Konten nie erreicht.
Siegfried Otto schwieg und genoß. Im Privatflugzeug jettete er durch die Welt. Ferienhäuser auf Ibiza und in Palm Beach, Florida, standen für ihn bereit.
Erst im Frühsommer 1993 offenbarte sich der Steuerhinterzieher dem Finanzamt, durch eine Selbstanzeige. Der Grund war nicht späte Reue, sondern Verwicklungen im Privatleben des Mannes. Der Polizistensohn aus Halle, der 1943 die Urenkelin einer der beiden Firmengründer von Giesecke & Devrient geheiratet hatte, überwarf sich mit vielen der Seinen.
Schon Ende der fünfziger Jahre kriselte die Ehe mit Jutta Otto-Devrient. Schließlich wechselte der Kettenraucher und Espresso-Liebhaber in den achtziger Jahren auch offiziell die Frau: Jutta Otto-Devrient ging, und Ursula "Bambi" Burda kam.
Die Dame aus der Münchner Schickeria, die zuvor mit dem Verlegersproß Franz Burda verheiratet war, hat aus ihrer ersten Ehe eine Tochter, die dem Finanzjongleur Thomas Kramer verfiel - so geriet auch Lebemensch Otto an den Playboy und Spekulanten Kramer.
Der Windikus machte 1990 in Deutschland mit mehreren Firmen Pleite, tauchte wenig später aber putzmunter in Miami auf, wo er ins Immobiliengeschäft einstieg. Business Week feierte ihn als "deutschen Tycoon".
Auch Otto war angetan von dem jungen Mann mit den flotten Sprüchen. Ihm vertraute der Alte einen Teil seines Geldes an. Und plötzlich riß die Glückssträhne des Siegfried Otto.
Kramer setzte das Geld in den Sand von Florida. Seine Immobilienprojekte brachten nicht den von Otto erhofften Geldzuwachs. Ganz im Gegenteil: Die Vermögensverwaltung durch Kramer, gestand ein zerknirschter Otto kürzlich in einem Zeitungsinterview, führte zu "erheblichen Verlusten".
Das rief 1992 die Otto-Söhne Tilmann und Yorck auf den Plan. Die beiden Männer hatten ihr Leben darauf ausgerichtet, nach dem Tod des Vaters das Familienunternehmen fortzuführen. Sie arbeiteten beide bereits als Geschäftsführer.
Die Geldschiebereien ihres Vaters drohten alles zu gefährden. Also recherchierten sie gemeinsam mit Mutter Otto-Devrient den verschwundenen Otto-Millionen hinterher.
Otto fühlte sich ganz offenbar in seinen Geschäften gestört. Schnell und möglichst ohne großes Aufheben wollte er die Störenfriede aus der Firma entlassen. Da bat er die Deutsche Bank um Hilfe, die Endres gewährte.
In der Rechtsabteilung der Deutschen Bank ließ er 1992 ein Gutachten anfertigen, das klären sollte, ob die Söhne "ohne wichtigen Grund" von ihren Geschäftsführerposten abberufen werden können. Das Ergebnis fiel positiv aus: Tilmann und Yorck wurden vom Aufsichtsrat suspendiert.
Endres gab sich damit nicht zufrieden. Er ließ intern auch klären, "welche Möglichkeiten bestehen, die Position der Söhne von Herrn Otto über dessen Tod hinaus zu beschränken". In einem solchen Fall mußte jemand anders die Geschäfte führen, etwa ein Testamentsvollstrecker. Offenbar spielte Endres mit dem Gedanken, selbst diese Rolle zu übernehmen. Giesecke & Devrient, die jährlich eine Umsatzrendite von rund acht Prozent erwirtschaften, gilt in der Branche als Perle.
Die Hausjuristen mußten ihn enttäuschen: "Nach gegenwärtigem Kenntnisstand", heißt es in dem fünfseitigen Papier, könne die "Anordnung einer Testamentsvollstreckung nicht als sicherer Weg angesehen werden, den leiblichen Abkömmlingen nach dem Tod von Herrn Siegfried Otto einen raschen Zugriff auf das in der Gesellschaft angesammelte Vermögen unmöglich zu machen". Der Gegenwind aus der Deutschen Bank und das offenbar zerrüttete Verhältnis zum Alten ließen Mutter und Söhne nicht ruhen. Bei den Nachforschungen stießen die Verärgerten schließlich auf Security Printing, Ottos heimliche Firma in der Schweiz.
Im Oktober 1992 brachte Frau Otto-Devrient das Thema in einem Brief an Endres erstmals zur Sprache. Ein heftiger Briefwechsel zwischen Frau Otto-Devrient und dem Oberaufseher folgte. Doch das Hin und Her blieb ohne erkennbares Ergebnis. Jutta Otto-Devrient fühlte sich allein gelassen.
Am 26. November l992 schließlich präsentierte sie dem Aufsichtsrat einen detaillierten Fragenkatalog zu der noch immer verheimlichten Beziehung von Otto zur Security Printing. Die Fragen wurden in der Sitzung, die vom Aufsichtsrat Endres geleitet wurde, nicht beantwortet.
Monatelang ging das Gezerre weiter. Jutta Otto-Devrient wollte Klärung. Die Mehrheit im Aufsichtsrat blockte ab. Und: Niemand informierte die Steuerbehörden über die Zweifel, Gerüchte und Fragen.
Erst am 17. September 1993, drei Monate nach der Selbstanzeige Ottos, wurde der Aufsichtsrat offiziell informiert. Es handele sich, sagte Beck damals, um eine "reine Privatsache" Ottos.
Inzwischen hat Siegfried Otto rund 100 Millionen Mark Steuern nachgezahlt. Weitere drei Millionen mußte das Unternehmen an Körperschaftsteuer abführen, weil es Ottos Schweizer Firma geschäftlich begünstigt hatte.
Der Fall Giesecke & Devrient ist für die Deutsche Bank peinlich. Warum handelte der als korrekter Banker bekannte Endres nicht früher? Oder hat der Aufsichtsratschef schlicht geschlafen?
Der Deutsche-Bank-Vorstand sagt heute, er habe sehr wohl gehandelt, allerdings hinter den Kulissen. Er sei es gewesen, der Otto zur Selbstanzeige gedrängt habe. In einem Familienunternehmen seien die Dinge eben komplizierter als in einer börsennotierten Aktiengesellschaft.
Jutta Otto-Devrient wirft den Aufsichtsräten vor, zu lange die Augen verschlossen zu haben. In ihrem letzten Schreiben an Endres, kurz nachdem sie frustriert den Aufsichtsrat verlassen hatte, erhebt sie schwere Vorwürfe gegen den Oberaufseher:
"Sie wissen, daß ich seit 1992 darauf gedrängt habe, die Ära Siegfried Otto zu beenden und den existenzbedrohenden Machenschaften, in die er Giesecke & Devrient hineingezogen hat, einen Riegel vorzuschieben. Sie bezogen sofort Front gegen mich, auch als Ihnen einige Monate später die Selbstanzeige von Siegfried Otto bekannt wurde, die meine Befürchtungen belegte und bestätigte."
Endres habe es ihr übelgenommen, resümiert sie die Zeit des Streits, daß sie im Aufsichtsrat auf die Probleme hingewiesen habe: "Es war Ihre Politik, Siegfried Otto zu decken." Y
* Links: in Zürich; rechts: mit Gästen bei einer Disco-Gala in Miami im Oktober 1992.

DER SPIEGEL 49/1995
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