11.12.1995

Geheimdienste„Selten so jelacht“

War Otto John, erster Verfassungsschutz-Präsident der Bundesrepublik, ein Überläufer? Der Fall entzweit bis heute die Experten, John selbst verlangt seit Jahrzehnten seine Rehabilitierung. Doch Akten von Stasi und KGB stützen den Verdacht: John wurde nicht entführt - und er verriet zahlreiche Agenten.
Dem Kanzler der Republik, Konrad Adenauer, war Otto John stets verdächtig. "Er jefällt mir nicht", vertraute der rheinische Christdemokrat seiner Umgebung an. Als der erste Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz im Juli 1954 plötzlich in Ost-Berlin auftauchte, fühlte sich Adenauer bestätigt.
Otto John, heute 86, bestreitet seit vier Jahrzehnten kategorisch, in die DDR übergelaufen zu sein. Seine Version: Das sowjetische KGB habe ihn unter Drogen gesetzt und in den Osten verschleppt. Der Bundesgerichtshof glaubte ihm nicht und verurteilte ihn nach seiner spektakulären Rückkehr in den Westen im Dezember 1956 wegen "landesverräterischer Konspiration" zu vier Jahren Zuchthaus.
Wie kaum ein anderer Fall der Nachkriegsgeschichte bewegt das Schicksal Johns, der während des Nazi-Regimes der Widerstandsgruppe des 20. Juli 1944 angehörte, die Republik. Sein Weg von West nach Ost und knapp 17 Monate später wieder zurück beschäftigt seit zwei Generationen Juristen, Historiker und Politiker. Prinz Louis Ferdinand von Preußen, der Kaiserenkel, nannte den Fall John "eine deutsche Dreyfus-Affäre" - in Anspielung auf den französischen Hauptmann Alfred Dreyfus, der 1894 wegen des angeblichen Verrats militärischer Geheimnisse an Deutschland verurteilt und später rehabilitiert wurde.
Verbittert, aber unverdrossen kämpft Otto John, seit Jahren schwer krank, um seine Ehre. Beim Kammergericht Berlin hat er im vergangenen Jahr einen neuen Antrag auf Rehabilitierung eingereicht. John: "Ich will nicht als Verräter sterben." Sein prominentester Zeuge ist Walentin Falin, Moskaus ehemaliger Botschafter in Bonn. Er will Johns Geschichte vom Menschenraub bestätigen.
Aber auch Falin wird Otto John kaum helfen können. Denn bisher unter Verschluß gehaltene Akten der Berliner Gauck-Behörde und des Moskauer KGB sprechen gegen seine Version. Sie zeichnen vielmehr das Bild eines politischen Überzeugungstäters, der, enttäuscht von Adenauers West-Politik, in den Osten ging - ein Verführter, aber kein Entführter.
Die beiden Konvolute aus Moskau und Berlin entlarven John als Denunzianten. Stets hatte der Verfassungsschützer erklärt, dem Osten nichts über die Geheimdienste der Bundesrepublik verraten, den Kommunisten keine Agenten ausgeliefert zu haben. Davon war auch der Bundesgerichtshof 1956 in seinem Urteil ausgegangen.
Nach Aktenlage ein Trugschluß: "Keller", wie das KGB John nannte, lieferte offenbar jede Menge Geheimdienstinterna.
Allein 24 Bände John-Akten lagern im Archiv des ehemaligen Mielke-Ministeriums, in Moskau ist der Vorgang noch umfangreicher. Die schmutzigorangenen Hefter in der Gauck-Behörde bergen Hunderte Fotos: John in Restaurants und Bars, bei politischen Veranstaltungen und vor der Lomonossow-Universität in Moskau. Briefe und Manuskripte des Verfassungsschützers aus seiner Zeit im Osten sind abgeheftet, Abschriften seiner Gespräche nach Datum sortiert. Penibel notierte die Stasi alles, was John sagte, wen er traf. Auch die markante Handschrift des langjährigen Spionagechefs des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), Markus Wolf, findet sich in den Akten.
Johns Verteidiger kennen die Berliner Unterlagen. Sie halten sie für echt, monieren aber, daß sich über die Umstände des Wechsels von West nach Ost kein Blatt findet. Dafür hat der ehemalige KGB-Oberstleutnant Witalij Tschernjawski, Leiter der "Operation John", eine einfache Erklärung: Adenauers Sicherheitschef sei nicht entführt worden, "John ist freiwillig gekommen". Die Stasi-Unterlagen zitieren John selbst mit der Bemerkung, die Unzufriedenheit "mit der politischen Entwicklung in Westdeutschland" habe ihn in die DDR geführt.
In einer Expertise kommt die Bundesanwaltschaft zu demselben Fazit wie KGB-Offiziere: John wurde nicht entführt. Generalbundesanwalt Kay Nehm lehnt jede Rehabilitierung des ehemaligen Verfassungsschutz-Präsidenten kategorisch ab.
Vier Monate verbrachte John laut KGB- und Stasi-Akten in Obhut der Russen. Man brachte ihn nach Moskau, später ans Schwarze Meer. Als John im Dezember 1954 von dort nach Ost-Berlin zurückkehrte, quartierte ihn die Stasi in der Lindenstraße 14 in Berlin-Schmöckwitz ein.
Ein "Martyrium" nennt John seine Zeit in Ost-Berlin bis heute. Stets habe er "Mittel und Wege zur Flucht" gesucht, deshalb "in der Gefangenschaft keinen sinnlosen Widerstand geleistet".
Es war eine komfortable Gefangenschaft. John residierte in einer Villa direkt am Zeuthener See. Die Wohnung war bester westlicher Standard. Der damalige MfS-Chef Ernst Wollweber und sein Vize Erich Mielke trafen sich mit dem prominenten Überläufer zum Plauschen.
Anfangs fürchtete die Stasi, John könnte in den Westen zurückkehren. Trotz Johns "fester politischer Haltung" ordnete Wollweber Sicherheitsmaßnahmen an. In die Villa und Johns Auto, einen Mercedes, wurden Abhörgeräte eingebaut. Abends mußten die Kieswege rund um das Anwesen geharkt werden, um eventuelle Fußspuren identifizieren zu können.
"Heute fällt es mir schwer", schrieb John 1969 in seinen Memoiren, "mich noch einmal an jene Zeit zurückzuerinnern, in der mein ganzes Denken auf eine Fluchtchance ausgerichtet war."
Die Mimikry muß perfekt gewesen sein, die Stasi merkte ein Jahr lang nichts. In den Akten steht statt dessen, John habe gebeten, sich "gegen die Remilitarisierung in Westdeutschland und für die deutsche Einheit" nützlich machen zu dürfen. _(* Mit dem Architekten Hermann ) _(Henselmann und dem Präsidenten des ) _(Nationalrats der Nationalen Front, Erich ) _(Correns, auf dem Balkon des Cafe ) _(Warschau in der Stalinallee. )
Albert Norden, damals Vorsitzender des DDR-Ausschusses für die deutsche Einheit, ließ ihm am Thälmannplatz in Berlin-Mitte ein geräumiges Büro einrichten. John sollte sich "dienstlich gebunden" fühlen, "arbeitsmäßig einen festen Stand haben" (Stasi-Akte).
Für seine Arbeit gegen den Westen wurde der Überläufer gut entlohnt: 2500 Ostmark flossen monatlich auf ein Sparbuch, dazu Honorare für Zeitungsartikel, Rundfunk- und Fernsehsendungen. Für den Text der schmalen Broschüre "Ich wählte Deutschland", in der John sich vehement für die deutsche Einheit einsetzte, überwies ihm ein DDR-Verlag 15 299,40 Mark.
Die Broschüre will John nie geschrieben haben. Auch seinen Propaganda-Job rechtfertigt er bis heute damit, er habe nur die Rolle einer "patriotischen Schaufigur" gespielt, um "in der Zone herumzukommen und dabei meine Bewacher sehr genau zu studieren".
Er kam rum. Über 30 Veranstaltungen sind in seiner Stasi-Akte registriert. Er sprach in Bad Blankenburg über die "Lebensfragen der deutschen Nation", geißelte in Schwerin, Brandenburg und Arnstadt die "Adenauer-Regierung" und lobte den "Friedenswillen der Sowjetunion". In Thale wurde John mit der Schiller-Medaille ausgezeichnet. Zufrieden vermerkte die Stasi, daß John die Zuhörer stets wissen ließ, er "spreche aus eigener Initiative, die ihn auch veranlaßt habe, in die DDR zu kommen".
Probleme bereitete der Stasi offenbar der Durst ihres Gastes. Eine "sehr schlechte Eigenschaft" sei Johns Trinkerei, notierten seine Aufpasser. Der KGB-Oberstleutnant Tschernjawski, selbst kein Blaukreuzler, erinnert sich: "In erster Linie war er ein großer Freund starker Getränke."
Pikiert vermerkt die Stasi, ihr Neubürger sei sogar vor den DDR-Oberen aus der Rolle gefallen. "So pöbelte John auf einem Empfang der Partei und Regierung, anläßlich des Tages der Befreiung 1955, den Genossen Arthur Pieck an, da dieser seine Orden und Ehrenzeichen angelegt hatte." Arthur Pieck war der Sohn des damaligen DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck.
John, heißt es an anderer Stelle über dessen Verhalten unter Alkoholeinfluß, "ahmte Goebbels nach, indem er die rechte Hand hob und hinkte". Zudem irritierte er die Genossen durch Gegröle. Wenn er betrunken war, heißt es in den Akten, "sagte er: Warum sagen die Leute nicht mehr ,Heil Hitler'' oder ,Es lebe die Kreisleitung''?"
Stasi-Chef Wollweber bedrängte John, wenigstens nicht mehr in der Öffentlichkeit zu trinken - ohne Erfolg.
Noch heute erinnern sich altgediente Stasisten an Johns liebsten Trinkkumpan Günther Gereke. Der war Reichskommissar _(* Simplicissimus-Karikatur aus dem ) _(Jahr 1956 zum John-Prozeß. )
für Arbeitsbeschaffung in der Weimarer Republik und auch noch unter Adolf Hitler. Nach dem Krieg wurde er Innenminister in Niedersachsen, bis ihn der SPIEGEL-Vorläufer Diese Woche wegen seiner Vergangenheit stürzte. 1952 wechselte Gereke in die DDR und brachte es bis zum Präsidiumsmitglied des Nationalrats der Nationalen Front.
Erst als Gereke und John im Januar 1955 an der Bar des Hotels Johannishof so kräftig zulangten, daß der Ex-Minister für drei Wochen ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte, war es mit den Gelagen vorbei.
Am verheerendsten für John ist ein Aktenfund aus der Moskauer KGB-Zentrale. Immer wieder hatte John nach seiner Rückkehr in den Westen beschworen, "nichts und niemanden verraten zu haben". Sogar an "Selbstmord" habe er gedacht, um sich nicht zu verplappern, und sich ansonsten an eine Order seines eigenen Amtes gehalten, im Entführungsfall nur "Tarngeschichten" zu erzählen. Schließlich, so John in seinen Memoiren, hätte der Vernehmer kapituliert: "Bei Ihnen habe ich meinen Beruf verfehlt. Ich gebe es auf."
Johns überzeugend vorgetragene Beteuerungen beeindruckten nicht nur den Bundesgerichtshof, sondern auch den Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. 1986 bewilligte Weizsäcker ihm einen "Gnadenunterhaltsbeitrag". In einem Brief an John schrieb Weizsäcker: "In der Berichterstattung herrschten Sensationsneigung und Vorurteile vor . . . Um so mehr war es nach meiner Überzeugung notwendig, mit den bescheidenen Mitteln, die meinem Amt zur Verfügung stehen, einen Schlußstrich zu ziehen."
In den Geheimdienstakten liest sich Johns Verhalten in Moskau ganz anders. Die Aussagen "Kellers" füllen drei Aktenordner. Mit dem Ergebnis der "hartnäckigen Befragungen" (KGB-Akten) waren die Sowjets hoch zufrieden: John benannte "Personen, die im Verdacht stehen, für den Osten zu arbeiten" (etwa den damaligen DRK-Präsidenten Heinrich Weitz), lieferte Namen und Charakterprofile von Geheimdienstlern der Organisation Gehlen (des späteren BND) und der "Nachrichtenagenturen der Westmächte".
So berichtete "Keller" laut KGB-Protokoll, daß ein Agent seines Amtes "wahrscheinlich in der Erfassung und Statistik des Hauptvorstandes der KPD sitzt", da der Verfassungsschutz "Fotokopien wichtiger Unterlagen" erhalte. "Im Laufe der Zusammenarbeit", so das KGB, habe "Keller" noch sieben weitere "Residenten und Agenten . . . die in der KPD tätig sind", benannt.
Die KGB-Akten schreiben "Keller" auch den Verrat von elf Agenten zu, die in "neofaschistischen und militaristischen Organisationen" eingesetzt waren. Sogar exakte Personenbeschreibungen lieferte "Keller": Der Agent mit dem Decknamen "Reinberger" zum Beispiel habe eine "normale Figur, blasse Gesichtsfarbe, ovales Gesicht. Trägt beim Lesen eine Brille".
Tagelang, so legen die Akten nahe, muß der Antifaschist John dem KGB über die neuen Karrieren der alten Nazis in der Organisation Gehlen erzählt haben. Die Stasi, die die John-Protokolle auszugsweise erhielt, war so begeistert, daß sie dem damaligen SED-Chef Walter Ulbricht vorschlug, den KGB-Residenten Jewgenij Pitowranow mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold auszuzeichnen.
Um so erboster verfolgten KGB und Staatssicherheit, daß John 1958 nach seiner Haftentlassung die westdeutsche Öffentlichkeit mobilisierte, um gegen den "Justizmord" an seiner Person anzugehen. Erich Mielke wollte Fotos in den Westen lancieren lassen, die zeigen, "wie sich John frei bewegen und amüsieren konnte". Die Russen planten, Johns "Verratsmaterial" zu publizieren. Das Vorhaben wurde schließlich verworfen.
In den Unterlagen finden sich auch Berichte des MfS über Johns Flucht zurück in den Westen.
Mit einem "Bluff" will John seine Bewacher am 12. Dezember 1955 abgewimmelt haben. Bei einem Besuch der Berliner Universität habe er eine Mappe mit 8000 Mark im Auto zurückgelassen und sich mit den Worten "Ich bin gleich wieder da" davongemacht. John: "So lenkte ich die Aufmerksamkeit der beiden jungen Bewacher auf das Geld . . . und sie ließen mich allein in die Universität gehen." Am Vorderausgang wartete der dänische Journalist Henrik Bonde-Henriksen und fuhr John in den Westen.
In Wahrheit hatten KGB und Staatssicherheit längst das Interesse an John verloren. Der Plan einer Wiedervereinigung war in Moskau auf Eis gelegt worden. "John sah sich betrogen", erinnert sich Tschernjawski, "er war ausgenutzt worden." KGB-Chef Iwan Serow entschied: "Wenn er will, soll er gehen. Wir werden ihn nicht halten." So steht es in den Akten.
Der listige Fuchs Adenauer hatte offenbar einmal mehr den richtigen Riecher: "John ist jeflohen. Selten so jelacht", juxte der Kanzler nach der Heimkehr seines obersten Geheimdienstlers.
* Mit dem Architekten Hermann Henselmann und dem Präsidenten des Nationalrats der Nationalen Front, Erich Correns, auf dem Balkon des Cafe Warschau in der Stalinallee. * Simplicissimus-Karikatur aus dem Jahr 1956 zum John-Prozeß.

DER SPIEGEL 50/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Geheimdienste:
„Selten so jelacht“

  • Britische Parlamentswahl: Der Brexit-Beschleuniger
  • Schottland nach der Briten-Wahl: "Mandat für Unabhängigkeitsreferendum"
  • Neue Saurierarten entdeckt: Gestatten: Nullotitan Glaciaris
  • Trotz Eruptionsgefahr: Soldaten bergen Opfer von White Island