25.12.1995

ÖnologieRauchige Melone

Weine aus Sachsen gelten unter Kennern als Delikatesse. Doch Normalverbrauchern sind die Tropfen vom Elbhang zu teuer.
Zum krönenden Abschluß der Saison gab''s heiße Würstchen aus der Dose und Jägermeister für alle: Hoch auf dem "Goldenen Wagen", einem steilen Südhang im sächsischen Radebeul, feierte Freizeitwinzer Dietmar Börner, 53, unter den letzten Sonnenstrahlen mit Schwager, Sohn und Nachbarin die Ernte ''95.
Börners Rebhang liegt im kleinsten und östlichsten Weinbaugebiet Deutschlands: Fern von den großen Weinregionen um Rhein, Mosel, Main und Neckar gedeihen im malerischen Elbland zwischen Pirna und Diesbar-Seußlitz 0,3 Prozent des gesamtdeutschen Weines. Einzelne Winzergemeinden im Rheingau verfügen meist über mehr Anbaufläche als die 320 Hektar in ganz Sachsen.
Der ostdeutsche Tropfen aus dem Dresdner Umland ist knapp und teuer, aber, wider alle sauren Vorurteile, exzellent: Zehnmal ergatterten Sachsens Winzer in diesem Jahr das höchste amtliche Prädikat ihrer Zunft, den "Großen DLG-Preis" der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, und 21 weitere Ehrungen.
Zwar sind die Rebhänge im Osten jährlich mit nur 1600 Sonnenstunden gesegnet, was in der Zunft als absolutes Minimum gilt. Doch speichern die vielerorts angelegten historischen Trockenmauern aus Granit die Wärme und geben sie schließlich an die Pflanzen ab.
Wein-Päpste wie der Frankfurter Buchautor Hans Ambrosi, 70, äußern sich entzückt über das "ehrliche, saubere" Gaumenspiel des Sachsen-Trunks: "Ursprünglich und ungestylt", lobt der ehemalige Direktor der hessischen Staatsweingüter, der seit fünf Jahren auch den Landwirtschaftsministerien in Sachsen und Sachsen-Anhalt als Berater zur Seite steht.
Sogar die verwöhnten Weinkritiker des Gault Millau empfehlen den "rauchigen Melonenduft" und die "reintönige Frucht" des Grauburgunder Kabinett von Schloß Proschwitz. Das alte Adelsweingut wurde nach der Wende neu belebt. Der Sproß des Adelsgeschlechts zur Lippe-Weißenfeld, der studierte Landwirt und Ökonom Prinz Georg, 38, kaufte das Land zurück und bewirtschaftet es nun selbst.
Unter Kennern galt der Sachsen-Wein immer schon als Kostbarkeit - besonders zu Honeckers Zeiten. In der SED-Ära produzierten mehr als 2500 Hobbywinzer jährlich rund 1,5 Millionen Flaschen.
Doch das meiste davon blieb in der Familie. Lediglich noch 300 000 Flaschen gingen in Volkseigentum über - und wurden, wie sich der damalige und heutige Geschäftsführer der Sächsischen Winzergenossenschaft Jürgen Fehling, _(* Im staatlichen Weingut Schloß ) _(Wackerbarth. )
55, erinnert, an "Sonderbedarfsträger" ausgereicht - Diplomaten, Generäle und SED-Bonzen in Wandlitz.
Auch die herben Säfte von den Hängen um Saale und Unstrut, der anderen Weinenklave der DDR, waren fast ausschließlich für Privilegierte reserviert.
Das Volk trank gesüßte Billigweinverschnitte mit Phantasienamen wie "Goldener Herbst" aus Rumänien, Bulgarien und Ungarn.
Neben Alu-Chips und harter West-Mark galt Wein von Elbe, Saale und Unstrut als dritte Währung in der DDR: "Suche Maler, biete blaue Fliesen oder Traubensaft", inserierten Hobbywinzer wie Börner in den Zeiten sozialistischer Tauschwirtschaft, um etwa Handwerker ins Haus zu locken. Blaue Fliesen stand nach gängiger Ost-Lesart für Hunderter aus dem Westen.
Seit der Wende gibt es ostdeutsche Spitzengewächse für jedermann - wenn der sie sich denn leisten kann. Für einen Weißburgunder aus dem Jahre 1994 muß der Käufer inzwischen soviel ausgeben wie für einen italienischen Barbera aus Piemont, rund 15 Mark. Sächsische Spitzenmarken wie die 93er Traminer-Spätlese "Proschwitzer Katzensprung" kosten um die 18 Mark.
Die sächsischen Genossenschaftswinzer produzieren auch heute nur ein kleines Kontingent, rund eine Million Flaschen jährlich. Doch hat die Organisation den Anschluß an die Marktwirtschaft offenbar noch nicht gefunden: Der Absatz stagniert.
Schon veröden die ersten Rebflächen von Freizeitwinzern, die keinen Sinn mehr sehen in der schweren Handarbeit. Die steilen Rebanlagen müssen wie vor Hunderten von Jahren ohne technische Hilfsmittel beackert werden.
Schwierigkeiten gibt es auch beim Vertrieb: Der Tafelwein "Perle von Zala" oder der Traminer "Meißner Kapitelberg" sind hinter Sachsens Ladentheken kaum zu finden, geschweige denn außerhalb der Landesgrenzen.
Die Erzeuger setzen allein auf den Tourismus: Fremdenverkehrsamt und Wirtschaftsministerium vermarkten die Sächsische Weinstraße, die sich rund 50 Kilometer an der Elbe entlang schlängelt, neuerdings als kulturlandschaftliche Attraktion. Tatsächlich wurden die hohen Rebhänge und heute selten gewordenen schmalen Querterrassen teils schon im zwölften Jahrhundert von Mönchen angelegt.
Nach der Tristesse der letzten Dekaden soll auch die laszive Lebensart des weinseligen Kurfürsten August des Starken (1670 bis 1733) in Sachsen wieder aufleben - zumindest für die Bus-Touristen aus Wuppertal und Gummersbach. Jährlich werden bereits über hunderttausend Menschen durch Augusts Lustschloß in Pillnitz und den repräsentativen Alterssitz seines Generalfeldmarschalls August Christoph Graf von Wackerbarth, das gleichnamige staatliche Weingut Schloß Wackerbarth, geschleust. Weinprobe und Anekdoten über die zahllosen Amouren des kapriziösen Regenten inklusive.
Doch auch vielen Westlern ist Sachsen-Wein, der vor Ort nicht unter zehn Mark die Flasche zu haben ist, zu teuer. Nörgelnden Besuchern gegenüber appelliert Weingutbesitzer Joachim Lehmann aus Diesbar-Seußlitz an gesamtdeutsche Verantwortung: "Entweder wir werden in zehn Jahren sagen, es gab hier auch einmal Wein, oder Sie bezahlen."
[Grafiktext]
Kartenausschnitt: Weinanbaugebiete in d. neuen Bundesländern
[GrafiktextEnde]
* Im staatlichen Weingut Schloß Wackerbarth.

DER SPIEGEL 52/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 52/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Önologie:
Rauchige Melone

  • Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Lage in Nordsyrien: "Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen"
  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor