18.12.1995

Gedenkstätten„Dubiose Vergangenheit“

SPIEGEL: Herr Knigge, wie reagieren Sie auf die Anzeige?
Knigge: Die schreckt mich nicht. Wettsteins Aussagen über Geschichte sind so profund wie die eines Schusters über Blinddarmoperationen. Ich wurde hier schon von Altstalinisten terrorisiert, dann vom Neonazi Günter Deckert bedroht. In Buchenwald gibt es weder ein linkes noch rechtes Gedenken, wir arbeiten hier nach wissenschaftlichen Kriterien.
SPIEGEL: Über das sowjetische Internierungslager Buchenwald forschen Sie seit über zwei Jahren, haben KGB-Akten durchforstet und Zeitzeugen befragt. Wer saß denn nun ein?
Knigge: Im Gegensatz zu den sowjetischen Internierungslagern in Sachsenhausen und Bautzen waren in Buchenwald nur wenige Sozialdemokraten und kaum Verurteilte der sowjetischen Militärtribunale interniert. Rund 90 Prozent der Internierten Buchenwalds waren Männer über 40 Jahre, die 1945 ins Lager verbracht wurden. Etwa 5 Prozent der Häftlinge waren Jugendliche, die häufig als Werwölfe denunziert worden waren. Natürlich haben wir es mit einem Lager zu tun, in dem tschekistische Willkür herrschte und Vernachlässigung der Gefangenen bis in den Tod hinein, dieses Lager war vor allem ein Ort stalinistischer Entnazifizierung.
SPIEGEL: Sie wollen im ehemaligen Speziallager 2, in dem die Gefangenen der Sowjets festgehalten wurden, lediglich ein Ausstellungsgelände einrichten. Wieso keine Gedenkstätte für die Opfer des Stalinismus?
Knigge: Wir haben einen Waldfriedhof eingerichtet, um die zur DDR-Zeit verheimlichten Gräber endlich kenntlich zu machen. Damit protestieren wir gegen die Idee, irgendein Regime hätte das Recht, Menschen einfach verschwinden zu lassen. Im Ausstellungsgebäude wird ab 1997 die schwierige Geschichte des Speziallagers 2 so sachlich und differenziert wie möglich dargestellt werden. Ein Denkmal darf auf keinen Fall die deutschen Verbrechen relativieren.

DER SPIEGEL 51/1995
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