18.12.1995

SteuernSchwindel macht frei

Tennisprofi Stefanie Graf muß nicht mehr mit einer Anklage rechnen - ihr Vater hat sogar sie über das Vermögen getäuscht.
Kaufmann Peter Graf, 57, klagte vor dem Haftrichter über seine Malaisen. Er sei "gesundheitlich stark angeschlagen", leide "an fünf Magengeschwüren" und habe einen "Cholesterinspiegel von circa 1000" - besorgniserregend. Mit Tabletten und Alkohol gebe es auch Probleme: "der Streß".
Zum Vorwurf der Steuerhinterziehung, die den Mannheimer Richter Johannes Jülch, 44, eigentlich interessierte, machte er nur knappe Angaben. Um "steuerliche Angelegenheiten" habe er sich "überhaupt nicht gekümmert". Stets habe er den Beratern "großes Vertrauen" entgegengebracht. "Mehr oder weniger blind" habe er alles unterschrieben. Der Richter hörte zu, machte sich Notizen und gab zu Protokoll: "Der Haftbefehl bleibt aufrechterhalten." Das war am 2. August, wenige Stunden nach der Festnahme.
136 Tage später, vorigen Freitag, stand der Vater der deutschen Tenniskönigin Steffi Graf wieder vor einem Richter. Diesmal war es der Jülch-Kollege Helmut Bauer, der über einen Haftprüfungsantrag Grafs zu entscheiden hatte. Noch immer plagten den U-Häftling Zipperlein, und zur Sache steuerte er, wie im August schon, wenig Erhellendes bei. Er habe sich auf seine Berater verlassen. Ziemlich blind natürlich, und die hätten ihm "die sichere Gewißheit" vermittelt, daß alles legal sei.
Die Dampfplauderei irritierte die Justiz ebenso wie die Graf-Strategie, kurz vor der Haftprüfung über ausgewählte Medien Mitleid für einen angeblich unschuldig Verfolgten wecken zu wollen. Der Trickser aus Brühl dirigierte dabei aus der Zelle eine bizarre Allianz von Bild und Süddeutscher Zeitung.
Während der Boulevard im hauseigenen Imperativ ("Vater Graf: Holt mich raus") holzte, übernahm Herbert Riehl-Heyse, Anwalt des Wahren und Guten in München, den seriösen Part. Sein mitfühlendes Feuilleton durfte er mit ein paar kostenlosen Graf-Zitaten anreichern, während Stern und Focus, wie Graf-Anwalt Steffen Ufer erzählt, bisher vergebens bis zu einer viertel Million Mark für ein handfestes Interview geboten haben.
Auch Richter Bauer, kein Papa Gnädig, machte sich am vergangenen Freitag Notizen. Die Staatsanwaltschaft, die den Richter ziemlich gut kennt, trat "einer Aufhebung des Haftbefehls oder einer Außervollzugsetzung . . . nachdrücklich entgegen".
Die Ermittler haben nämlich weitere Tricks aus alten Tagen enttarnt, die sie daran zweifeln lassen, daß die Verdunklungsgefahr gebannt ist. So haben nicht nur ausländische Banken im Millionenspiel mitgemacht, auch die Commerzbank diente mit einem namenlosen Konto. Sogar seine Tochter täuschte Peter Graf, als er ihr auf Anfrage fast die Hälfte des in Vaduz gehorteten Geldschatzes verschwieg. All das wird Richter Bauer zu werten haben, ehe er Anfang der Woche seine Entscheidung verkündet.
Der Fall mit dem Aktenzeichen 616 Js 223/95 läuft, alles in allem, nicht gut für den einst so einflußreichen Tennisvater. Im Haftbefehl aus dem Sommer war noch von 4 029 332 Mark hinterzogenen Steuern die Rede, plus einiger Extras. Inzwischen füllt der Fall Graf viele Leitz-Ordner, und der Vorwurf der Steuerhinterziehung wird immer voluminöser.
Als am 5. Oktober die Mitbeschuldigte Stefanie Graf erstmals vernommen wurde, war von mindestens 10 555 417 Mark hinterzogenen Steuern für die Jahre 1989 bis 1992 und weiteren 3 964 740 Mark für 1993 die Rede. Inzwischen hat die Staatsanwältin Bettina Krenz, 34, weitere Zahlenkolonnen addiert. Sie ist bei über 20 Millionen Mark hinterzogenen Steuern angelangt - Ende offen. Der Strafkatalog sieht angesichts solcher Summen selbst bei reuigen Steuersündern hohe Haftstrafen vor.
Die Ermittlungen dauern noch, aber die Steuerfahnder schreiben bereits an der Abschlußverfügung im Fall Graf. Strafverfolgerin Krenz will die Anklageschrift im Januar nächsten Jahres fertiggestellt haben, die Hauptverhandlung beginnt möglicherweise im Sommer.
Es wird voraussichtlich ein Monsterverfahren werden mit vielen Zeugen, Gutachtern und auch politischem Getöse. Peter Graf will dann endlich detailliert über die Protektion von oben reden und auch die zweifelhafte Rolle des Stuttgarter Finanzministers Gerhard Mayer-Vorfelder nicht aussparen.
Im Untersuchungsausschuß, der sich in Stuttgart mit genau diesem Thema beschäftigt, mag er nicht aufkreuzen. Einer wie er, hat er Knastkollegen verraten, werde im anlaufenden Landtagswahlkampf nicht Rot-Grün helfen. Ein Emporkömmling wie Peter Graf ist doch kein Sozi.
Neben ihm auf der Anklagebank wird der Steuerfachgehilfe Joachim Eckardt, 48, sitzen. Er soll als "faktischer Steuerberater der Beschuldigten Stefanie Graf" an der Steuerhinterziehung mitgewirkt haben. Eckardt sitzt zur Zeit im Knast zu Karlsruhe, sein Haftprüfungstermin ist Anfang dieser Woche.
Die laut Mannheimer Amtsgericht immer noch "Mitbeschuldigte Stefanie Graf" muß nach derzeitigem Stand nicht als Angeklagte erscheinen. Steuerfahnder und Staatsanwälte haben bislang keinen handfesten Beweis dafür entdeckt, daß sie an Steuermanipulationen mitgewirkt hat. Auch gibt es wenig Neigung, die Lichtfigur des deutschen Tennis in den Schatten zu stellen.
In zwei langen Vernehmungen hat Stefanie Graf ihre Arglosigkeit beteuert. "Erst als diese SPIEGEL-Interviews veröffentlicht wurden", sagte sie den Beamten, habe sie von der Finanz-Drehscheibe Amsterdam erfahren.
Immerhin sei ihr klar gewesen, "daß Steuern gezahlt werden müssen". Als der Vater mit ihr über einen möglichen steuersparenden Kirchenaustritt habe reden wollen, habe sie protestiert.
"Haben Sie Ihren Vater jemals angesprochen, wie Ihr Geld angelegt wird?" fragte die Ermittlerin. Steffi: "Nein, er hat jedoch Summen genannt. Ich kann mich an ein Gespräch vor zwei, drei Jahren erinnern, als er mir sagte, daß sich 18 Millionen Mark angesammelt hätten."
Die Ermittlerin war, in Kenntnis der wahren Zahlen, baff. Steffi erklärte, auch sie habe "die Summe als nicht groß erachtet. Ich habe dies auch meinem Vater gesagt, daß ich das für nicht so viel Geld halte. Mein Vater sagte daraufhin, daß ich auch mal die Ausgaben berücksichtigen müßte und auch die Häuser, die wir hätten". Später ergänzte sie: "Nochmals zurück zu den 18 Millionen Mark. Ich habe mir damals schon überlegt, daß es nicht so viel Geld ist ." Aber: "Es hat mich nicht gestört."
Was sie nicht störte, ist gleichwohl wundersam. Als das traute Gespräch zwischen Vater und Tochter geführt wurde, lagen die Einnahmen von Steffi Graf bei 80 bis 120 Millionen Mark. Allein bei der Verwaltungs- und Privat-Bank AG in Vaduz waren rund 30 Millionen Mark gebunkert.
Der Schwindel des Vaters stellt die Tochter jetzt frei. Die Ermittler glauben, daß Steffi Graf wirklich nicht mehr wußte.
Hinzu kommt die Geschichte mit dem Unterschriftenautomaten: In einem Gutachten des Bundeskriminalamtes wird festgestellt, daß mit der goldenen Feder die Vermögensteuererklärung für 1988 und die Einkommen- sowie Gewerbesteuererklärung für 1993 unterschrieben wurden.
In der am 25. Juli 1994 eingegangenen Steuererklärung für das Jahr 1993 werden nach neuen Rechnungen der Ermittler mindestens fünf Millionen Mark verschwiegen. Da aber nur der Automat unterschrieb, gilt sie womöglich als nicht abgegeben. Die Anwälte von Stefanie Graf erwägen deshalb, für 1993 eine neue Steuererklärung zu erstellen - diesmal soll sie korrekt sein. Die Frist für die Abgabe der Erklärung für 1994 ist noch einmal verlängert worden.
Einige Rätsel haben die Fahnder immerhin in den letzten Wochen gelöst. Fünfmal wurde Gehilfe Eckardt vernommen. Über das Ergebnis schweigen sich die Fahnder und Eckardt-Anwalt Bernd Schneider aus - kein Wort soll an die Öffentlichkeit dringen.
Es geht um viele weitere Millionen, mit denen Peter Graf, eine Art badischer Dagobert Duck, jonglierte und schwindelerregende Finanzmanöver initiierte - auch in Deutschland selbst.
Da sind beispielsweise jene 15 Millionen Mark, die 1994 in Amsterdam bei der Societe Generale lagerten. In kleinen Portionen wurde das Geld abgehoben. Der Hauptteil des Zasters wurde nach Wiesbaden verschoben. Von dort ging er auf ein namenloses Konto zur Commerzbank in Hockenheim, dann zur Commerzbank Luxemburg und schließlich nach Genf. Peter Graf, alter Commerzbank-Kunde in Mannheim-Neckarau, ist mit den Managern des Geldinstituts gut bekannt.
Womöglich werden auch die Commerzbanker von der Lawine neuer Verfahren gegen Graf-Helfer erfaßt, die für das nächste Jahr erwartet wird. Es werde "umgehend entschieden" - so steht es in einem Vermerk des Stuttgarter Finanzministeriums -, "welche Ermittlungen gegen Verantwortliche der Sponsorenfirmen zu tätigen sein werden".
Als nächster ist der frühere Graf-Vertraute Horst Schmitt dran, gegen den Peter Graf einen Rachefeldzug gestartet hat. Eine Abfindung in Höhe von mindestens 750 000 Mark hat Schmitt nicht versteuert. Weitere 450 000 Mark stehen in Rede, die ebenfalls nicht deklariert wurden. Derzeit ist Schmitt für die Ermittler allerdings nicht zu erreichen - er lebt auf Mallorca.
Stefanie Graf ordnet derweil die Finanzen neu. Die Steuerfachleute von Price Waterhouse raten ihr, einen Teil des Gewinns aus den Jahren 1993 bis 1995, rund 20 Millionen Mark, in Ost-Immobilien anzulegen, für die es hohe Sonderabschreibungen gibt. Eine Immobilien-Tochter der Deutschen Bank soll eine Mietgarantie für mindestens 15 Jahre geben. Der Vater ist sehr dagegen, weil er Festgeld-Fetischist ist. Steffi schwankt noch.
Aber die 26jährige wird allmählich erwachsen. "Es war mir bewußt", hat sie den Ermittlern mal gesagt, daß ihre Familie von ihren Einnahmen lebe. "Kein Thema" sei es für sie etwa gewesen, wenn sich ihr Vater von dem Geld "ein größeres Auto kaufen wollte". Nun überlegt Stefanie Graf, sich im Osten selbst was Größeres zuzulegen.

DER SPIEGEL 51/1995
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