18.12.1995

Emigranten„Wir vergessen nie“

Bis zu den Knien steht Ivo Slavica, 37, im wäßrigen Schlamm des Schützengrabens von Orasje, einem kleinen bosnischen Ort an der Grenze zu Kroatien. Das Gewehr, mit dem er seit dreieinhalb Jahren das Haus seiner Familie verteidigt, hat er locker um den Arm gehängt. Geschossen wird nicht mehr.
Bald wird Ivos Frau Vencetic, 33, die mit den Kindern Josipa, 10, und Josip, 4, wegen des Krieges vor drei Jahren nach Berlin floh, dorthin zurückkehren können. Selbst wenn es wenig verlockend scheint, sich in dem von Granaten und Bomben zerstörten Ort erneut niederzulassen, haben Vencetic und die Kinder wenigstens eine Perspektive - im Gegensatz zu Hunderttausenden anderer Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien.
Wer in diesem Krieg nicht sein Haus, das Dorf, die Stadt verteidigt hat, wer sich ins Ausland rettete, der gilt heute in der alten Heimat als Verräter, der sei ein Feigling. Vor allem bosnische Männer sind unerwünscht. "Wer nicht da war im Krieg", sagen Ivo und seine Kameraden, "der hat sein Recht auf ein Leben im Frieden hier verwirkt. Der soll bleiben, wo er ist."
Doch niemand will die Flüchtlinge haben. Auch die westeuropäischen Länder, in die sich rund 800 000 Ex-Jugoslawen retteten, möchten die ungebetenen Gäste nach dem Vertragsschluß von Dayton so schnell wie möglich loswerden. Allen voran die Bundesrepublik, die mit 400 000 Menschen weltweit die meisten Flüchtlinge aus Bosnien, Kroatien und Restjugoslawien vorübergehend aufgenommen hat.
Michael Glos, Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag, fordert bereits deren "zügige Rückführung", obwohl der bundesweite, von Bonn und den Ländern beschlossene Abschiebestopp noch bis März 1996 gilt. "Die entwurzelten Bürgerkriegsflüchtlinge sollten in ihre heimatnahe Umgebung zurückkehren", meint auch Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU): Die Menschen würden in ihrer Heimat für den Wiederaufbau dringend gebraucht.
Viele Experten der in Bosnien tätigen Hilfsorganisationen sehen das zwar ähnlich. Aber sie warnen davor, die Flüchtlinge, vor allem Frauen und Kinder, heimzuschicken, solange es im Land noch am Nötigsten fehlt - von Wohnungen bis zu Strom und Wasser.
Das Mitgefühl für die Kriegsflüchtlinge droht derweil freilich umzuschlagen. "Wenn Rühe und Konsorten noch dreimal sagen, daß sofort alle zurückmüssen, brennt Heiligabend das erste bosnische Flüchtlingsheim, weil die Bewohner noch immer nicht zu Hause sind in ihrem angeblich so schönen Land", empören sich Sozialarbeiter wie Ulrich Zuper, Leiter der Flüchtlingshilfe der Hamburger Arbeiterwohlfahrt.
Aus schutzwürdigen Opfern werden vermeintliche Schmarotzer, die womöglich länger bleiben könnten als unbedingt notwendig. Dabei arbeitet ein Großteil der Flüchtlinge, sofern sie dürfen, in Jobs, die Deutsche nicht haben wollen oder nicht erledigen können.
Amira Kabil, 26, Dolmetscherin aus Tuzla, lebt seit über drei Jahren in Hamburg und arbeitet bei der Arbeiterwohlfahrt. Sie hat eine kleine Wohnung gefunden, verdient ihr erstes eigenes Geld: "Viele haben ihre Heimat verloren und hier wirtschaftliche Sicherheit gefunden. Warum sollten sie zurückwollen?"
Zahlreiche Flüchtlinge können auf absehbare Zeit nicht zurückgehen, selbst wenn sie wollten. Das verwüstete Bosnien-Herzegowina sei gar nicht in der Lage, Hunderttausende zusätzlich aufzunehmen, warnt Stefan Telöken vom Uno-Flüchtlingskommissariat in Bonn: Ein Drittel der Straßen sind unpassierbar, fast jede zweite Brücke des Landes ist zerbombt.
Schon jetzt kampieren in Bosnien 2,7 Millionen Vertriebene in Lagern oder sind bei Verwandten untergekrochen. Viele Städte sind heillos überfüllt. In Tuzla lebten früher 110 000 Menschen, heute drängen sich dort über 160 000 Bosnier. Die meisten Emigranten können nicht in ihre eigenen Dörfer und Städte zurück, weil die von Serben oder Kroaten besetzt oder zerstört wurden.
Die bosnischen Eheleute Kata und Ömer Alijagic, die mit ihren drei halbwüchsigen Kindern in München Zuflucht fanden, sehen dem Tag der Abschiebung mit Schrecken entgegen. Ihr Haus im kleinen Ort Visoko bei Sarajevo ist halb zerbombt, der Rest von einer anderen Flüchtlingsfamilie besetzt. Mutter, Schwester und Bruder von Ehefrau Kata wurden von Serben getötet. Wochenlang hatte die fünfköpfige Familie im Keller gekauert und gehungert. Nun hofft sie, hier zur Ruhe zu kommen und eine neue Existenz gründen zu können. "Ich kann es nicht verantworten", sagt die Bosnierin Kata, "meine Kinder in die Katastrophe zurückzuschicken."
Große Probleme erwarten vor allem die binationalen Familien. Sie kommen im Vertrag von Dayton gar nicht vor. Dabei verließen moslemisch-serbische oder serbisch-kroatische Eheleute das Kriegsgebiet meist als erste und in großer Zahl. Wenn einer der Partner in das Gebiet seiner Volksgruppe zurückkehren will, ist der andere dort unerwünscht.
"Wenn ich in meine Stadt zurückgehe, bin ich ein toter Mann", sagt etwa der heute in Hamburg lebende Moslem Sabahudin Mustafcic, 42, ehemals Abteilungsleiter einer Schuhfabrik im serbisch besetzten Derventa. Er floh im Sommer 1992 in die Bundesrepublik. Mustafcic, seine serbische Frau Gordana, 30, und ihre drei Kinder sind heute in einer privaten Flüchtlingsunterkunft untergebracht.
Die meisten männlichen Heimkehrer müssen außerdem die Strafe ihrer Armee fürchten: Entweder sie sind von der Front desertiert, oder sie haben sich dem Wehrdienst von vornherein entzogen.
Dazu kommt der Haß der Daheimgebliebenen, die durch die Kriegsgreuel mindestens seelisch verwundet oder für den Rest ihres Lebens zu Krüppeln geschossen wurden. Während sie den Kopf hingehalten haben, seien ihre Kameraden feige ins schöne Deutschland gereist, wo das Geld vom Himmel regne und man es sich nur in die Tasche stecken müsse, so die verbreitete Meinung.
"Was willst du deinem Sohn eines Tages sagen, warum du vom Krieg weggelaufen bist? Du wirst Geschenke bringen und denken, daß wir dann alles vergessen haben? Aber du hast dich getäuscht! Wir vergessen das nie!" singt die Volks-Popgruppe Rascvica. Das Lied ist im Norden Bosniens zu einer Art Ersatzhymne geworden.
Zdravko Kolundzic, 28, Sohn eines serbisch-kroatischen Ehepaars aus Sarajevo, verließ die Stadt im April 1992 mit dem letzten Zug. Der Akquisiteur einer Druckerei hat eine kleine Wohnung gefunden und schlägt sich in Hamburg als Putzmann durch: "Wo soll ich hingehen? Für die Bosnier bin ich ein Verräter und für die Serben ein feiger Hund."
Niemand unter den in Deutschland lebenden Flüchtlingen traut dem Frieden in Bosnien. Zynisch kommentiert ein Architekt aus Sarajevo, der in Hamburg lebt, den Vertragsschluß von Dayton: "Der einzige, der etwas hatte von diesem großen Tag, war Bill Clinton - nämlich gute Fotos für seine nächste Wahl."
Das Mißtrauen hat sich tief eingegraben. Die Erfahrung, daß der Nachbar, der Kollege aufgrund seiner Abstammung morgen der Feind, ein Vergewaltiger, Mörder und Brandschatzer sein kann, hat die Menschen erschüttert.
"Was zählt, ist nicht mehr die Persönlichkeit, sondern welches Blut in deinen Adern fließt", sagt die Psychologin Zorica _(* Mit Ehefrau Gordana und Kindern in ) _(Hamburg. )
Eterovic, 41, die im Frauenladen der Arbeiterwohlfahrt in Berlin-Neukölln traumatisierte Frauen und Kinder aus dem Kriegsgebiet therapiert.
Nach den Horrorerlebnissen des Krieges gelangten die Ex-Jugoslawen meist unter abenteuerlichen Bedingungen nach Deutschland. Wer keine Verwandten hatte, die sich zur Übernahme aller anfallenden Kosten bereit erklärten, mußte illegal einreisen: Sie kamen über die grüne Grenze, durchwateten nachts die Neiße oder wurden von professionellen Schleppern herübergebracht.
Vor allem Kindern und Jugendlichen ist kaum klarzumachen, daß sie Deutschland nach mehreren Jahren nun wieder verlassen sollen. Viele haben in ihrer Heimat erlebt, wie Väter und Brüder erschossen wurden. Das desolate Land, in das sie nun zurückkehren sollen, bietet ihnen weder ein Zuhause noch Zukunftschancen.
Oft sprechen die Kids bereits akzentfrei Deutsch und sehnen sich danach, daß endlich alles bleibt, wie es ist.
Daniela Galic, 15, die aus dem Norden Bosniens stammt, hatte anfangs vor allem ihre Freundinnen und die bekannte Umgebung der Heimat vermißt. Sie trauerte lange um ihren Lieblingsonkel Marco, 25, den Serben beim Wasserholen erschossen hatten.
Heute hat sie sich in Berlin eingelebt und eine neue beste Freundin, Kristina, 15, aus Sarajevo, gefunden. Daniela will ihre Schule zu Ende machen, studieren und Anwältin werden: "In der Heimat haben meine Eltern keine Wohnung, keinen Job, nichts."
Rund die Hälfte der Ex-Jugoslawen hat hier bereits Arbeit gefunden. Sie dürfen nur Jobs annehmen, die kein Deutscher will - meist Hilfsdienste in Putzkolonnen. Wer nach dem Oktober 1993 einreiste, darf faktisch nicht mehr arbeiten, sondern bloß Sozialhilfe beziehen.
Zwar werden sich die Kosten für Unterbringung und Verpflegung der Flüchtlinge - derzeit rund 3,7 Milliarden Mark jährlich - durch Abschiebung deutlich reduzieren. Doch kosten sie auch dann noch viel Geld: Die EU, insbesondere Deutschland, wird ebenso für die Betreuung vor Ort aufkommen müssen. Darüber, wer wieviel zahlen muß, verhandeln Vertreter von EU, Amerika und Japan in diesen Tagen.
Nach dem Vorbild von Vietnam wollen sich die neuen Machthaber im ehemaligen Jugoslawien die "Rücknahme" ihrer Landsleute womöglich teuer bezahlen lassen. Zumindest die Mitarbeiter der Milosevic-Regierung haben bereits im März gegenüber Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes eindeutige Forderungen gestellt. Dabei ging es vor allem um die Rückkehr serbischer Deserteure und von Kosovo-Albanern.
Bevor sie zwangsweise in ihre frühere Heimat zurückgeschickt werden, wollen viele Exilanten lieber weiterziehen - nach Kanada, Australien und in die USA. Amerika, das pro Jahr ein Kontingent von 45 000 Flüchtlingen aus der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa aufnimmt, hat bereits zugestimmt, auch eine kleine Quote von bosnischen Moslems und binationalen Ehepaaren ins Land zu lassen.
Zurück nach Sarajevo, sagt Zdravko Kolundzic, dessen Freundin Dragana, 26, im achten Monat schwanger ist, bringe ihn in den nächsten 20 Jahren jedenfalls nichts. Die Stadt ist zerstört, die meisten Angehörigen sind im Ausland, der beste Freund ist tot: "Ich bin fertig mit diesem Land."
* Mit Ehefrau Gordana und Kindern in Hamburg.

DER SPIEGEL 51/1995
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