18.12.1995

Theater im Netz

SPIEGEL: Frau Ministerin, haben Sie eigentlich eine E-Mail-Adresse?
Behler: Nein, aber ich plane es für meine Heimatadresse. Ich muß in vielen Bereichen Entscheidungen treffen, die ich nicht unmittelbar selbst anwende, und ich weiß, in welche politische Richtung ich das Ganze steuern möchte.
SPIEGEL: Sie wollen alle Schulen in Nordrhein-Westfalen ans Internet bringen - aber nur mit je einem Anschluß. Die meisten pädagogischen Konzepte setzen mindestens fünf vernetzte Rechner pro Gruppe für ein vernünftiges Lernen voraus.
Behler: Der eine Platz pro Schule ist der Einstieg. Bald wird es in den Klassenräumen anders aussehen. Den Schulen bleibt es unbenommen, mit eigener Initiative schon jetzt mehr hereinzuholen. Ich bin ja auch glücklich, wenn es mehr wird. Wir haben im übrigen sehr gute Erfahrungen damit gemacht, wenn ein Arbeitsplatz für eine Gruppe zur Verfügung steht.
SPIEGEL: Im Grunde haben Sie doch vor der Knappheit der Mittel kapituliert.
Behler: Erstens bin ich davon überzeugt, daß wir in einem Zeitraum von zehn Jahren, das ist relativ kurz, eine Komplettausstattung haben werden. Zweitens würde es im Augenblick auch wenig nützen, alle technischen Möglichkeiten zu haben. Denn es mangelt an kind- und jugendgerechten Lösungen.
SPIEGEL: Wie soll sich das ändern?
Behler: Auf Dauer wird dies ein ökonomisch wie pädagogisch wichtiger Markt. Deshalb wird es für die Schulbuchverlage interessant, dort tätig zu werden. Außerdem werden wir im nächsten Jahr einen Ideenwettbewerb zur Entwicklung von Lernstoffen ausschreiben.
SPIEGEL: Schon jetzt bringen Schüler aus reicheren Familien einen Aufsatz in die Schule, den sie im Internet recherchiert haben. Die anderen haben diese Möglichkeit nicht.
Behler: Das ist ja gerade die politische Aufgabe, die sich für uns ergibt: daß diese Möglichkeiten auch denen zur Verfügung stehen, die von Haus aus nicht unbedingt das notwendige Geld oder auch die Vorbildung der Eltern mitbringen. Wenn öffentlich verantwortete Bildung die Entwicklung nur dem Markt überläßt, dann wird eine neue Form von Ungleichheit geschaffen, die politisch nicht verantwortlich wäre.
SPIEGEL: Wie wird die Schule in zehn Jahren aussehen?
Behler: Schule wird ein Ort bleiben, wo Kinder und Jugendliche zusammen viel Zeit verbringen. Die Zeit wird aber in höherem Maße selbstbestimmt sein, flexibler gehandhabt werden, in stärkerem Maße auf das mediengestützte Arbeiten in Gruppen zurückgreifen. Ich glaube, im Jahr 2010 werden solche Formen zum allgemeinen Standard gehören. Die Unterrichtsfächer werden nicht verschwinden, aber die Arbeit in den Fächern wird sich verändern. Nicht überall und nicht auf gleiche Art und Weise. Auch im Jahr 2010 wird ein Drama im Schulunterricht gelesen - und nicht nur über CD-Rom vermittelt präsentiert. Und Kinder und Jugendliche werden auch weiterhin Schultheater spielen. Aber sie werden wahrscheinlich die unterschiedlichsten Medien nutzen, um darüber wiederum kommunizieren zu können.

DER SPIEGEL 51/1995
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