18.12.1995

Kriminalität„Ich habe einen erschossen“

SPIEGEL: Sascha, Sie dirigieren eine Bande von Tankstellenräubern, Drogenhändlern, Autodieben und Erpressern, die von Rostock aus die Bundesrepublik unsicher macht. Wie groß ist Ihre Gang?
Sascha: 22 Mann, alles illegale Leute. 10 Rumänen, 7 Russen, 5 Jugoslawen. Sie werden als Asylbewerber wieder nach Hause geschickt und leben deshalb im Untergrund. Sie sehen keine Zukunft hier . . .
SPIEGEL: . . . und gehen deshalb in Ihrem Auftrag rund um die Uhr auf Raubtour?
Sascha: Lange Zeit haben wir Klauen in Kaufhalle und Tankstelle gemacht; Zigaretten klauen, Zigaretten verkaufen. Jetzt zahlen andere Prozente an uns. Wir erhalten eine Art Schutzgeld. Es leben viele russische Zuhälter und Kneipenbesitzer in Ostdeutschland, die schwarzes Geld verdienen. Von diesen Einkünften kriegen wir unseren Teil.
SPIEGEL: Wie viele Wirte erpreßt ihr etwa in Rostock?
Sascha: Zwölf.
SPIEGEL: Und was bekommt ihr monatlich von jedem?
Sascha: Mindestens 8000 Mark. Wir wollen kein Geld vom Chef einer Kneipe, wenn er selber ehrlich arbeitet. Aber Schwarzmarkthändler, Dealer, Zuhälter müssen zahlen. Beispielsweise Vietnamesen. Die verkaufen schwarz Zigaretten. Von 10 000 Stück will ich meinen Teil, 3000, haben.
SPIEGEL: Und wenn die nichts hergeben?
Sascha: Wer nicht gibt, geht weg.
SPIEGEL: Wohin?
Sascha: Einfach weg. Schießen . . . weg.
SPIEGEL: Ihr legt also auch Leute um?
Sascha: Ungern.
SPIEGEL: Handelt ihr auch mit Drogen?
Sascha: Nicht mit Heroin, weil das die Deutschen kaputtmacht. Aber mit Kokain. Damit kann man noch leben. Man kann anfangen, aufhören, wann man will.
SPIEGEL: Woher kommt die Ware? _(* Mit SPIEGEL-Redakteur Peter Adam ) _(in Stettin. )
Sascha: Aus Holland.
SPIEGEL: Wie sind die Preise in Rostock zur Zeit?
Sascha: Bis 200 Mark pro Gramm.
SPIEGEL: Wieviel verdienen Sie und Ihre Gang daran?
Sascha: Pro Gramm 120 Mark, 60 Prozent ist Gewinn.
SPIEGEL: Nord- und Ostdeutschland werden seit Monaten von Einbrecherbanden heimgesucht. Autos fahren rückwärts ins Schaufenster eines Elektronik- oder Zigarettenladens . . .
Sascha: . . . das sind wir. Unsere VW-Transporter fahren - zack - rein. Wir räumen aus, fahren weg. Wir laden dann um in ein anderes Auto. Wenn die Polizei kommt, findet sie nur den Transporter und weiß nicht, wer es war.
SPIEGEL: Ihr klaut auch Autos?
Sascha: Nur auf Bestellung. Zur Zeit nicht so viele. Wir nehmen Audis und Volkswagen.
SPIEGEL: Wie erreichen Sie Ihre Leute?
Sascha: Wir haben Treffpunkte. Ich verteile die Arbeit. Wir gliedern uns in sechs Gruppen. Manche haben Handys. Manche leben mit deutschen Frauen zusammen. Die sind aber nicht eingeweiht. Wir benutzen Codes.
SPIEGEL: Wie wird der Erlös der Beute, wie werden die Erpresser- und Drogengelder aufgeteilt?
Sascha: Ich bezahle monatlich. Jeder meiner Leute kriegt dann 4000 oder 5000 Mark.
SPIEGEL: Das sind rund 110 000 Mark monatliche Lohnkosten, 1,3 Millionen im Jahr. Und was verdient der Boß?
Sascha: Gar nichts. Aber 800 bis 900 Mark pro Abend gebe ich aus.
SPIEGEL: Wofür?
Sascha: Disko, Geschäfte, Restaurant; ich lebe gern im Hotel.
SPIEGEL: Was ist das für eine Schramme an Ihrem Kinn? Ist das ein Messer gewesen?
Sascha: Nein, ein Schlagring.
SPIEGEL: Haben Sie Leibwächter?
Sascha: Nein, ich habe selbst fünf Jahre Kampfsport gemacht, Aikido, Karate. _(* An der Raststätte Gudow in ) _(Schleswig-Holstein. )
SPIEGEL: Wie wird man russischer Mafioso?
Sascha: Ich bin eigentlich Afghane. Ich war mit 18 im Krieg in Afghanistan. Als ich aus dem Krieg raus war, habe ich mir gesagt: Wenn ich jetzt nach vier Jahren nicht tot bin, werde ich nie tot sein. Ich werde nicht sterben.
SPIEGEL: Haben Sie auch in Rußland kriminelle Geschäfte gemacht?
Sascha: Waffen, Drogen. In Leningrad, Moskau, Odessa, Minsk. Aber auch in europäischen Ländern. Ich war Chef der russischen Mafia in meiner Stadt Chisinau in Moldawien.
SPIEGEL: Wann sind Sie nach Deutschland gekommen?
Sascha: Vor vier Jahren.
SPIEGEL: Warum?
Sascha: Weil ich 14 Jahre ins Gefängnis sollte.
SPIEGEL: Warum?
Sascha: Ich habe einen erschossen, meinen besten Freund, er war ein Verräter. Seither lebe ich in Rostock, Hamburg, Kiel, Frankfurt und Berlin.
SPIEGEL: Wird in Deutschland nach Ihnen gefahndet?
Sascha: Nein, weil mich keiner kennt. Ich habe mehrere Pässe, auch deutsche.
SPIEGEL: Was haben Sie für Pläne?
Sascha: Ich will ein Kabarett aufmachen in Rostock. Nicht einen Puff oder so. Nur Mädchen nackt tanzen lassen, und die Leute kommen und gucken.
SPIEGEL: Da müssen Sie doch vorher zum Ordnungsamt.
Sascha: Nein, ich gehe auf kein Amt.
SPIEGEL: Sie versuchen, über einen Strohmann eine Konzession zu kriegen?
Sascha: Ja.
SPIEGEL: Was lockt Ihre Leute, bei Ihnen mitzumachen?
Sascha: Die haben keine Arbeit zu Hause. Die kommen her, wollen Geld verdienen. Aber sie haben keine Chance. Die Bürokraten im Arbeitsamt geben keine Arbeit an Ausländer. Bei mir aber verdienen sie 20 000 bis 30 000 Mark im halben Jahr und gehen damit nach Hause.
SPIEGEL: Und was reizt Sie selbst?
Sascha: Ich habe es nie geschafft, irgendwo arbeiten zu gehen, was zu verdienen, eine Familie zu gründen - solange ich kein Geld hatte. Nun habe ich das Geld, habe Freunde und ein schönes Leben. Kriminell sein fängt damit an, daß du siehst, du kannst nichts verdienen. Aber du weißt, du kannst verdienen mit Krach. Dann geht es los. Y
* Mit SPIEGEL-Redakteur Peter Adam in Stettin. * An der Raststätte Gudow in Schleswig-Holstein.
Von Peter Adam

DER SPIEGEL 51/1995
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