18.12.1995

„Wir müssen unser Tempo erhöhen“

Ron Sommer,
Vorstandsvorsitzender der Telekom AG

In Deutschland werden 1996 die entscheidenden Weichen für die Entwicklung der Schlüsseltechnologie Telekommunikation und damit für das Überleben des Wirtschaftsstandorts Deutschland in der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts gestellt. Ein erfolgreicher Börsengang der Deutschen Telekom AG ist darüber hinaus von enormer Wichtigkeit für den Finanzplatz Deutschland. Die Telekommunikationsbranche wird 1996 weiter an Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland gewinnen, dies wird mit positiven Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt verbunden sein. Meine Einschätzung der Konjunktur ist vorsichtig optimistisch. Wir müssen weiterhin in Zukunftstechnologien investieren, sonst droht ein weiterer Export von Arbeitsplätzen; Deutschland hat in der Vergangenheit bereits den Wettlauf um andere Zukunftsbranchen verloren - zum Beispiel Unterhaltungselektronik, Software, Gen-Technologie. Nach dem Telekommunikationsmarkt muß auch der Energiemarkt liberalisiert werden, denn auch hier bedeutet Wettbewerb Vorteile für private Verbraucher sowie Unternehmen.

Jürgen Weber,
Vorstandsvorsitzender der Lufthansa

Die Luftverkehrsbranche bleibt auch 1996 eine Wachstumsbranche. Die Erfahrung hat gezeigt, daß sich der Luftverkehr in etwa parallel mit dem Welthandel entwickelt, die Wachstumsraten des Weltsozialprodukts aber immer weit hinter sich läßt. Wir erwarten die höchsten Zuwächse im Verkehr nach Asien und nach Osteuropa, relativ niedrige im innerdeutschen Verkehr oder nach Nordamerika.
Eigentlich bin ich ganz optimistisch, daß sich 1996 - bei allen Schwierigkeiten, die sich andeuten - die Wachstumserwartungen von zwei bis zweieinhalb Prozent erfüllen können. Voraussetzung dafür dürfte allerdings sein, daß die D-Mark nicht weiter aufgewertet wird, die Bundesbank weiterhin verantwortliche Geldpolitik betreibt, der Bund seine Finanzierungsprobleme in den Griff bekommt und die privaten Haushalte wieder eine stärkere Neigung zum Geldausgeben entwickeln. Ich halte Deutschland für sehr wettbewerbsfähig. Produkte deutscher Unternehmen sind selten billig, aber meist doch ihren Preis wert. Wirtschaft und Politik müssen mindestens drei Problembereiche angehen: Die Kosten des Faktors Arbeit, das weitverbreitete Besitzstandsdenken und die im Wettbewerb so entscheidenden Rahmenbedingungen, die von der Politik über Genehmigungsverfahren, Steuern, behördliche Auflagen etc. beeinflußt werden.

Mark Wössner,
Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG

Ich rechne damit, daß sich der Rückgang der Wachstumsraten in den Industrieländern auch 1996 fortsetzen wird, glaube aber nicht, daß es zu einem regelrechten Konjunkturabschwung kommt. Alle größeren westlichen Industrieländer durchleben derzeit einen tiefgreifenden strukturellen Wandel.
Aus der Industrie- wird eine Dienstleistungs- und Kommunikationsgesellschaft. Hier entsteht ein bedeutender Zukunftsmarkt für die Medienwirtschaft. Schon heute investieren wir deshalb in neue elektronische Medien wie Online-Dienste oder digitales Fernsehen. Damit legen wir die Basis für das Wachstum und die Arbeitsplätze der Zukunft. Für unsere gewinnstarken Stammgeschäfte Buch und Presse erwarte ich Kontinuität auf hohem Niveau. Ich sehe für 1996 zwei Prioritäten: Zum einen müssen die Tarifpartner gemeinsam innovative Lösungen entwickeln, um die Arbeitskosten in den Griff zu bekommen und gleichzeitig das Reallohnniveau zumindest zu halten. Die Stichworte lauten hier: Flexibilisierung der Arbeitszeit und Verzicht auf weitere Arbeitszeitverkürzung. Zum anderen müssen die Staatsausgaben umfassend reduziert werden, denn ein Abbau der derzeit immensen Abgabenlast ist eine wesentliche Voraussetzung für die Schaffung neuer Arbeitsplätze.

Ferdinand Piech,
Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG

Die Automobilnachfrage in Deutschland dürfte im Jahre 1996 noch keinen durchgreifenden Aufschwung erfahren. Die Wettbewerbsintensität wird auch im kommenden Jahr in Form von attraktiven Produktangeboten weiter zunehmen. Für Westeuropa gehen wir von nur leichten Zuwächsen bei den Neuzulassungen aus.
Dennoch erwarten wir für den Volkswagen-Konzern aufgrund der Fortsetzung unserer Produktoffensive für das kommende Jahr Verkaufszuwächse und damit eine Festigung unserer Marktposition. Außerdem wird der Volkswagen-Konzern seine Anstrengungen zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit durch die weitere Verbesserung der Kostenstrukturen forcieren.
Bei insgesamt vorsichtiger Einschätzung der Rahmenbedingungen für Wachstum und Wechselkurse sieht Volkswagen für das Jahr 1996 eine Festigung des positiven Ergebnistrends.
Die Intensivierung des Wettbewerbs um Produkte und Dienstleistungen wird von den deutschen Unternehmen neue kreative und innovative Lösungen erfordern, um die existierenden Standortnachteile zu überwinden. Dazu gehört unter anderem eine Flexibilisierung der Arbeitswelt. Gleichzeitig ist die Politik gefordert, die Rahmenbedingungen für eine attraktive Unternehmenslandschaft in Deutschland sicherzustellen. Das bedeutet insbesondere, daß es gelingen muß, die Abgabenbelastung der Unternehmen zu verringern sowie die Staatsquote nachhaltig zu senken. Nur so wird sich der Wohlstand, den unsere Gesellschaft erreicht hat, auch zukünftig bewahren lassen.

Jürgen E. Schrempp,
Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG

Wir erwarten keine konjunkturellen Höhenflüge im kommenden Jahr. Die absehbare Belebung des privaten Verbrauchs wird vermutlich nicht ausreichen, gesamtwirtschaftlich wesentliche Impulse zu geben. Unser Haus wird in 1996 weiter daran arbeiten, konzernweit die Ertragskraft wiederherzustellen. Wir sind mit unseren Maßnahmen auf dem richtigen Weg, aber noch nicht am Ziel.
Wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens darüber, was wir uns in der Zukunft noch leisten können. Unser Standort muß entscheidend seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Kreativer, flexibler, innovativer sollten wir sein. Der Wettbewerb der Volkswirtschaften hat sich zu unseren Lasten verändert.

Martin Kohlhaussen,
Vorstandssprecher der Commerzbank

Deutschland steht Mitte der neunziger Jahre vor zwei großen Herausforderungen: Wie kann Europa - und nicht nur Deutschland - seine im globalen Maßstab sehr hohen Einkommen verteidigen? Und wie kann die mehr als 40 Jahre dauernde Teilung Europas, die für Deutschland eine besonders unmittelbare und schmerzliche Erfahrung war, überwunden werden? Wir müssen uns von Produktionen trennen, die am Hochlohn-Standort Westeuropa im Wettbewerb nicht zu verteidigen sind. Mit der Verlagerung dieser Produktion in die Schwellenländer entstehen dort Einkommen, die auch die Nachfrage nach europäischen Erzeugnissen erhöhen. Die zweite Herausforderung liegt in der Überwindung der Spaltung. Auch hier steht das ökonomische Problem im Vordergrund: Für eine massive Umverteilung von West nach Ost, wie sie jetzt innerhalb Deutschlands praktiziert wird, fehlt es an Bereitschaft. So kann die Lösung nur Wachstum in Mittel- und Osteuropa heißen, und hierfür bietet Westeuropa zahlreiche Hilfen, bis hin zur geplanten Aufnahme in die Europäische Union gegen Ende des Jahrzehnts. Ich denke hierbei insbesondere an die Chance zur Schaffung eines Produktionsverbundes zwischen Hoch- und Niedriglohnländern. Die Nutzung des Lohngefälles zwischen der EU und Mittel- und Osteuropa würde sowohl deren Wirtschaft im schwierigen Transformationsprozeß stützen als auch die Wettbewerbsfähigkeit der westeuropäischen Industriebetriebe verbessern.

Lothar Späth,
Chef der Jenoptic

Wir wollen 1996 die notwendigen Sanierungen abschließen und mit unseren wichtigsten Technologiefirmen auf den Auslandsmärkten durchstarten. Von unseren 40 Firmen schreiben 32 bis 34 schwarze Zahlen. Unser Umsatz wird 1996 die Milliardengrenze übersteigen, die Halbleiter-Industrie, in deren Ausrüstungsbereich wir 50 Prozent unseres Umsatzes machen, wird gewaltig boomen.
Wichtigster Markt für uns ist Südostasien. 1996 wird die Konjunktur eine ziemlich müde Veranstaltung. Wir können froh sein, wenn wir ein Wachstum von zwei Prozent erreichen. Die produzierende Industrie wird sich wegen der bekannten Standortprobleme sehr schwer tun, Investitionen werden daher eher ins Ausland gehen.
Besondere Probleme sehe ich beim Bau. 1996 wird ein schlechtes Baujahr für die alten Bundesländer. Hier in den neuen Bundesländern sehe ich erst 1997 für die Baubranche eine sehr schwere Zeit kommen. Wir haben eine Rentenkrise, wir haben Probleme bei der Kranken- und der Arbeitslosenversicherung. Im nächsten Jahr werden die Lohnnebenkosten erneut steigen. Wir können uns diesen Sozialstaat nicht länger leisten. Wir müssen unser Innovationstempo erhöhen, wir brauchen größere Risikobereitschaft, sonst laufen wir Gefahr, in einer Rentner- und Rentiersgesellschaft zu versinken.
[Grafiktext]
Spitzenmanager - Perspektiven für 1996
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DER SPIEGEL 51/1995
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