18.12.1995

BestechungBrav versteuert

Ein Manager des Veba-Konzerns soll einen Beamten geschmiert haben. Es ging um lukrative Aufträge.
Vebacom-Vorstand Ulf Bohla war persönlich gekommen, um den Mitarbeitern der Tochtergesellschaft Lion Gesellschaft für Systementwicklung mbH die ungewöhnliche Botschaft zu überbringen: Der Chef der Firma, Erich Matthias Kuhns, war verhaftet worden.
Gleichzeitig hatten Beamte der Staatsanwaltschaft in Bochum und im Kölner Tele-Tower in den Räumen der Software-Firma Akten beschlagnahmt. Sie fahndeten nach Beweisen in der jüngsten Korruptionsaffäre der deutschen Wirtschaft.
Betroffen ist - wieder einmal - die Düsseldorfer Veba AG, einer der größten Konzerne Deutschlands. Sie läßt bei ihrer Tochter Lion Software für ihr Tele-Kommunikationsgeschäft entwickeln.
Kuhns, 46, hatte die Firma Mitte der achtziger Jahre gegründet. Seither wächst sie sprunghaft - aber offenbar nicht sprunghaft genug: Der Chef soll die Entwicklung des Unternehmens mit Schmiergeld befördert haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Oldtimer-Liebhaber und Jaguar-Fahrer wegen des Verdachts der Vorteilsgewährung, des Betrugs, der Untreue sowie Steuerhinterziehung.
Zeitgleich mit Kuhns wurden auch ein bekannter Rechtsanwalt aus Köln sowie ein hoher leitender Beamter der Oberfinanzdirektion Magdeburg verhaftet. In Bochum, Köln, Hannover und Magdeburg durchstöberte die Staatsanwaltschaft Wohnungen und Büros.
"Für die Erteilung eines Auftrages", begründet das Amtsgericht Bochum das rigorose Vorgehen der Ermittler, soll Kuhns in mindestens 15 Fällen dem Staatsdiener Günter K., 54, "Vorteile gewährt haben". Der hatte, im Gegenzug, Mittel aus dem Bund-Länder-Projekt Isybau zu vergeben.
Das Geld zweigte der diplomierte Betriebswirt Kuhns offenbar aus der Firmenkasse ab. Hierfür stellte der Kölner Jurist Wolfgang W. der Lion für angebliche Marketingberatungen horrende Rechnungen aus, insgesamt 1,5 Millionen Mark. Die Forderungen beglich Kuhns per Scheck.
"Für diesen Betrag würde ich einen Schrank voll Material erwarten", sagt Ulrich Hüpper, Chefjurist der Veba AG. Doch die Konzern-Revision fand nicht den kleinsten schriftlichen Bericht des Unternehmensberaters. Lion-Mitarbeiter haben seinen Namen nie gehört.
Bei Studenten ist der Anwalt besser bekannt - als Repetitor. Die Einnahmen von Lion für die angeblichen Leistungen versteuerte er brav. Anschließend, so der Verdacht, leitete der nach umfassendem Geständnis inzwischen aus der Haft entlassene Mittelsmann die übrigen Gelder an den in Magdeburg als leitender Regierungsdirektor arbeitenden Günter K. aus Hannover weiter.
Mehrere Jahre florierte so das Geschäft mit den falschen Forderungen und der Forschung: Mit den erschlichenen Aufträgen setzte Lion (Gesamtumsatz 1994: 60 Millionen), so interne Ermittlungen der Veba, insgesamt 15 Millionen Mark um. Und die waren aufgrund minimalen Personaleinsatzes äußerst profitabel.
Um die Schecks über je mehrere hunderttausend Mark auszustellen, brauchte Kuhns das Okay des Mehrheitseigners, denn 1992 hatte der Kaufmann 75 Prozent seines Unternehmens für einen stattlichen Millionenbetrag an die Urbana Beteiligungs-GmbH, Bochum, eine Tochter der Veba Immobilien AG, verkauft. Auf die Genehmigung verzichtete er; für die zweite Unterschrift, die er ebenfalls benötigte, ließ er einen Mitgeschäftsführer gegenzeichnen.
Den Mitarbeiter weihte Kuhns ein. Fasziniert von dem lukrativen Abrechnungsmodus leitete dieser in den Folgejahren, ebenfalls mit fingierten Rechnungen, 270 000 Mark auf sein Privatkonto um.
Als das bekannt wurde, schied er mit einem Aufhebungsvertrag aus. Bemüht, den Schaden zurückzuzahlen, fühlte er sich jedoch in den folgenden Monaten von Kuhns derart unter Druck gesetzt, daß er die Flucht nach vorn ergriff: Er zeigte sich selbst an - und erstattete Anzeige gegen den ehemaligen Chef.
So hat die Veba wieder eine Affäre. Erst vor einem Jahr hatte eine Managerin der hauseigenen Versicherungsagentur Millionen abgezweigt und Führungskräfte zum Betrug verleitet. Wie damals wird nun wieder die Treuarbeit eingesetzt, um in einer Sonderprüfung zu klären, was bei dem Tochterunternehmen noch alles im argen liegt.
Die Staatsanwaltschaft prüft dagegen, ob der an dem Skandal beteiligte Beamte nur mit Lion in besonderer Geschäftsbeziehung stand oder ob noch weitere Unternehmen und andere Beamte, die am Isybau-Projekt beteiligt sind, in die Affäre verwickelt sind. 469 Millionen Mark hat sich der Bund bisher das Projekt Isybau kosten lassen, laut Bundesbauministerium 207 Millionen Mark davon für 27 Softwarepakete und Grundlagenarbeit.
Der Bundesrechnungshof hat Isybau bereits gerügt. "Die Projektorganisation weist erhebliche Mängel auf", heißt es im Bericht vom Oktober '95. Wie sich zeigt, mit Folgen.

DER SPIEGEL 51/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • New Orleans: Baukräne an eingestürztem Hotel gesprengt
  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Tierische Begegnung: Fuchs verzögert den Start einer Boeing 747
  • 50 Jahre Kanzlerwahl Willy Brandt: Der letzte Superstar der Sozialdemokratie