18.12.1995

ManagerSchwerer Schlag

Der ehemalige Finanzchef des Daimler-Konzerns nahm sich das Leben: Er stand vor einem finanziellen Desaster.
Selten wird so viel geheuchelt und gelogen wie nach dem Tod eines Menschen. Mitunter sagt einer aber auch die Wahrheit.
"In Gerhard Liener verliere ich einen guten Freund", sagte Daimler-Benz-Chef Jürgen Schrempp, als er vergangene Woche vom Selbstmord Lieners erfuhr. Schrempp war dem langjährigen Finanzvorstand des Konzerns, der seine Karriere oft förderte, tatsächlich freundschaftlich verbunden.
Ansonsten aber steckt wenig Wahrheit und viel Legende in dem, was direkt nach dem Tod Lieners verbreitet wurde. "Mercedes-Boß erhängt sich am Swimmingpool" titelte Bild. In Deutschlands größtem Unternehmen und in der Öffentlichkeit blühen seitdem die Spekulationen über die Hintergründe des Freitods.
Völlig isoliert sei Liener gewesen, nachdem er zuerst seinen Vorstandsposten vorzeitig abgeben mußte und Daimler-Benz anschließend auch noch einen bis Ende 1997 dotierten Beratervertrag auflöste. "Nicht mal mehr zum Golfspielen lädt man mich ein", soll er gesagt haben.
Richtig ist lediglich, daß Liener mehr mit dem Stuttgarter Konzern verband als ein Arbeitsvertrag. "Beim Daimler zu schaffen", hatte er gesagt, "war schon als Kind mein Wunschtraum."
1967 fing der promovierte Volkswirt in der Beteiligungsverwaltung des Konzerns an. 1982 rückte er in den Vorstand auf, war zeitweilig für das Nutzfahrzeuggeschäft verantwortlich und ab 1987 für die Finanzen des 100-Milliarden-Konzerns.
Mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Edzard Reuter hatte Liener häufiger Meinungsverschiedenheiten. Reuter wollte Gewinne und Dividende gern etwas höher ausweisen, weil sich beide an den langfristigen Ertragserwartungen orientieren müßten. Finanzmanager Liener mahnte zur Vorsicht, beugte sich aber dem Willen des Vorsitzenden.
Im Unternehmen war nach einiger Zeit nicht mehr zu übersehen, daß private Probleme Liener zu schaffen machten, daß er mitunter von depressiven Stimmungen erfaßt wurde, die er mit Hilfe von Pharmazeutika mühsam in den Griff bekam.
Reuter verlängerte den Vertrag des Finanzvorstands dennoch. Und Liener gelang es, die Daimler-Benz-Aktie als ersten Anteilsschein eines großen deutschen Unternehmens an der New Yorker Börse einzuführen.
Bei internationalen Auftritten, in den USA, in Asien und Mexiko, fühlte sich Liener, der fließend spanisch sprach, wohl. Dort konnte er sein Verhandlungsgeschick einsetzen und manche Erfolge erzielen.
In der Konzernzentrale aber geriet er zunehmend ins Abseits. Mehrere Fehlentscheidungen wie die Unterzeichnung eines Vertrags mit den Dornier-Erben, der Daimler viel Geld kostete, wurden ihm vorgeworfen. Reuter und der Aufsichtsratsvorsitzende Hilmar Kopper von der Deutschen Bank beschlossen im Januar 1994, daß Lieners Vertrag vorzeitig gekündigt wird. Seitdem nahm Lieners Leben eine tragische Wendung.
Kopper drückte sich bis August davor, Liener die schlechte Botschaft zu überbringen. Der Vorstand erfuhr von seiner bevorstehenden Entlassung aus dem SPIEGEL. Entsprechend enttäuscht und verärgert war er.
In einem langen Brief, den er 1997 an Edzard Reuter schicken wollte, rechnete Liener brutal mit seinem einstigen Chef ab. Er warf ihm unternehmerisches Versagen und Charakterschwächen vor. Nachdem das Manager Magazin Auszüge aus dem Liener-Papier veröffentlicht hatte, blieb dem neuen Daimler-Chef Schrempp keine Wahl: Er mußte den Beratervertrag, den Liener nach seinem Abgang aus dem Vorstand noch bekommen hatte, sofort lösen.
Doch Liener fiel nicht, wie nun kolportiert wird, ins Bodenlose. Schrempp sorgte dafür, daß Liener die vertraglich bis Ende 1997 zugesagten Bezüge, insgesamt rund drei Millionen Mark, ausbezahlt bekam.
Auch gesellschaftlich war der Ex-Vorstand nach seiner Schmähschrift keineswegs völlig isoliert. Eine Investmentbank zog zwar ihr Angebot zurück, Liener in ihren Beirat aufzunehmen. Doch Freunde aus dem Konzern hielten regen Kontakt. Schrempp überlegte gar, ob er Liener mit dem einen oder anderen Sonderauftrag wieder beschäftigen könnte.
Doch gerade als es wieder ein paar neue Perspektiven im Leben des 63jährigen gab, traf ihn ein schwerer Schlag. Der Ex-Finanzvorstand stand vor einem finanziellen Desaster.
Liener hatte sich vor Jahren zusammen mit einem ausländischen Partner groß am Berliner Immobilienmarkt engagiert. Für einen zweistelligen Millionenbetrag hatten sie ein Projekt erworben. Doch der erwartete Berlin-Boom blieb aus. Der Gebäudekomplex verlor an Wert.
Ausgerechnet jetzt drängte der Liener-Partner, offenbar in Geldnot, auf Verkauf. Mit dem Erlös hätte Liener die hohen Kredite, die er für das Projekt aufgenommen hatte, nicht ablösen können. Ihm drohte der Offenbarungseid.
In dieser Situation sah der Mann, der 1992 wegen privater Probleme seinem Leben schon einmal ein Ende setzen wollte, offenbar keinen Ausweg mehr. Y

DER SPIEGEL 51/1995
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