18.12.1995

AutoindustrieLeere Hülle

Ein indonesischer Präsidentensohn will eine eigene Autoindustrie aufbauen. Mit Freunden erwarb er die Luxusmarke Lamborghini.
Für sein Alter hat es Hutomo "Tommy" Mandala Putra weit gebracht. Über die fast 40 Unternehmen seines Humpuss-Konzerns kontrolliert der 33jährige Hutomo - unter anderem - weite Teile der nationalen Ölindustrie Indonesiens, gigantische petrochemische Industrieanlagen und eine große Öl- und Erdgas-Tankerflotte.
Die Putras sind eine überaus erfolgreiche Unternehmerfamilie. Bruder Bambang macht Geschäfte im Hoch- und Tiefbau, mit Fernsehstationen, Handy-Lizenzen und der Endmontage im Ausland gefertigter Fahrzeugteile. Schwester Siti Hardijanti Rukmana ("Tutut") ist mit dem malaysischen Autohersteller Proton liiert.
Unternehmerisches Genie wird keinem der Geschwister nachgesagt. Ihren Erfolg verdanken sie vor allem dem Amt ihres Vaters: General Suharto ist seit über einem Vierteljahrhundert Präsident des Inselstaates. Ganz ungeniert mischt die Familie des Präsidenten überall mit, wo immer im Land Geld in größeren Mengen zu machen ist.
Hobby-Rennfahrer Tommy hat sich ein neues Ziel gesetzt: Er will eine nationale Autoindustrie aufbauen. Spätestens von 1997 an sollen in der westjavanischen Stadt Cikampek jährlich 50 000 Mittelklasse- und Geländewagen gebaut werden.
Der Präsidentensohn hat bereits in aller Stille Know-how für sein Projekt aufgekauft. Über seine auf den Bahamas registrierte V' Power Corporation hält Tommy die Mehrheit am italienischen Autobauer Lamborghini und an der kalifornischen Exotenmarke Vector Aeromotive. Und Erfahrung in der automobilen Massenproduktion bringt als Partner die südkoreanische Kia-Gruppe ein.
Schon 1993 hatte der indonesische Unternehmer und Schnulzensänger Setiawan Djody, ein Freund des Präsidentensohnes, dem amerikanischen Chrysler-Konzern die fast bankrotte Automobili Lamborghini SpA in Sant' Agata bei Bologna abgenommen. Das Aktienpaket wurde bei Djodys Megatech Limited im Steuerparadies Bermuda geparkt, bis im vergangenen Sommer 60 Prozent an Tommys V' Power Corporation weitergereicht wurden.
An dem Geschäft waren auch die malaysische Mycom-Gruppe und der Investmentfonds der malaysischen Polizei beteiligt. Beide haben einen eher zweifelhaften Ruf.
Mycom-Chef Yap Yong Seong, ein ehemaliger Geheimdienstoffizier und späterer Immobilienspekulant, kontrolliert im malaysischen Bundesstaat Sabah Glücksspiele und die staatliche Lotterie. Ein europäischer Diplomat in Kuala Lumpur sieht in ihm "eine der ersten Adressen für undurchsichtige Geschäfte in Südostasien".
Kein Wunder, daß die rund 350 verbliebenen Lamborghini-Arbeiter in Sant' Agata um ihre Jobs fürchten. Viele von ihnen glauben, daß der indonesische Präsidentensohn ihr Unternehmen technologisch ausweiden und die leere Hülle dann sterben lassen will.
Der neue, von General Motors abgeworbene Lamborghini-Chef Michael Kimberley bestreitet solche Absichten. Lamborghini, versichert er, solle als eigenständige Marke auch in Zukunft weiterbestehen.
Als Beweis für die ernsten Absichten wird die Verdoppelung des Eigenkapitals auf über 50 Millionen Dollar genannt, in den nächsten Jahren sollen die Eigenmittel um mindestens das Dreifache aufgestockt werden.
Ehrgeizig ist auch das neue Modellprogramm: Ein neuer Geländewagen und ein mit rund 220 000 Mark geradezu billiger kleiner Lamborghini mit bescheidenen zehn Zylindern sollen neue Käuferschichten erschließen. Der bisher eher glücklose Superrenner Diablo wird künftig vor allem in Asien vertrieben.
Viele Experten glauben, daß die Finanzspritzen das Überleben der Lamborghini SpA garantieren könnten. Zugleich warnen sie vor dem Einstieg in die Automassenproduktion über rennsporterprobte Spitzentechnologie.
"Ungewöhnlich" nennt ein führender indonesischer Wirtschaftsjournalist mit der üblichen Vorsicht Tommys Idee, die etwa 500 PS starken und mindestens 340 000 Mark teuren Lamborghinis mit Kias billiger Massenware zu verzwittern. Und ein europäischer Banker in Jakarta hält den Plan des Präsidentensohnes schlichtweg für "bekloppt und größenwahnsinnig".
"Das ist", sagt er, "als ob er mit einem Gemisch aus Champagner und Sprudelwasser den Getränkemarkt erobern wollte." Y

DER SPIEGEL 51/1995
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