18.12.1995

AussteigerRobinson ans Telefon

Auf dem tropischen Eiland San Jose, vor Panama im Pazifik gelegen, will ein britisches Ehepaar seinen Traum von Glück und Freiheit verwirklichen - einen basisdemokratischen Inselstaat für 500 wohlhabende Familien aus aller Welt, der sich durch Hotels, Plantagen und Computerlehrgänge finanzieren soll.
Unten im Tal schwimmt Mrs. Campbell auf dem Teich, eine Entenwitwe, die übrigblieb, nachdem ein Fuchs nächtens Mr. Campbell verspeiste. Einzig ihr Geschnatter durchbricht die Stille. Ein weißgekalktes Landhaus duckt sich an den Hügel, vollgestopft mit Antiquitäten und alten Gemälden.
Mit ihrem Sohn Ryan, 5, bewohnen Lyn, 37, und Tony Craig, 45, ein stilbewußt restauriertes Haus in Pentregat, einem abgeschiedenen Flecken an der südwalisischen Küste. Die Craigs aber leiden, das Paar sitzt in der Falle.
"Ich will dieses kalte und deprimierende Land loswerden", sagt Lyn und guckt verständnisheischend hinaus in den Garten. Das Ambiente paßt nicht zu ihrer Elendsbeschreibung - die Frühwintersonne strahlt auf grüne Hügel, auf Fuchsien und Feigenbäume, die zu ihrem Anwesen gehören. "Wenn es regnet", schwört Lyn, "ist es scheußlich."
"Besucher sagen uns immer, ihr lebt doch schon im Paradies, warum wollt ihr weg?" erzählt Tony. Über solche Naivlinge kann er nur lachen: Das marode England habe alte Werte - Vertrauen, Fürsorge und harte Arbeit - vernachlässigt. Craig betet die Kriminalitätsraten im United Kingdom herunter, die Zahl der Diebstähle und Räubereien. In diesem Monat hat er sein hübsches Haus verkauft.
Tony und Lyn haben einen Traum, der nun endlich wahr werden soll. Vor einem Jahr setzten sie unter dem Stichwort "Tropisches Inselleben" eine Anzeige in die Sunday Times, die ihr Leben verändert hat: "Wir sind eine normale Familie. Wir wollen eine Insel kaufen und suchen nach einer ergänzenden Gemeinschaft."
Mehr als tausend Menschen, die sich reif für die Insel fühlten, haben sich seither bei den Craigs gemeldet, haben das Telefon blockiert und den Briefkasten verstopft; die meisten waren Briten, aber es kam auch Post aus Sri Lanka und von der Schwäbischen Alb.
Millionäre, Hippies und profitlüsterne Investoren schrieben Briefe. Bierbrauer zieht es auf die Insel, Rechtsanwälte und Manager, Ärzte, Biochemiker und Banker. Ein Zimmermann aus Nordengland will ebenso mit wie ein ehemaliger Priester, der durch eine Erbschaft von über zwei Millionen Mark zu unerwartetem Reichtum kam.
Craigs Inseltraum liegt 14 Flugstunden von Großbritannien entfernt. Er heißt San Jose und gehört zu den Perleninseln im Golf von Panama. Der Traum ist so groß wie Bermuda und hat ein Wetter wie Hawaii. Zwei Flugstunden benötigen die künftigen Inselbewohner, um nach Miami zu kommen, und 20 Minuten, um Panama-Stadt zu erreichen.
Die "Perle aller Perlen", wie Craig die Insel nennt, hat mehr als 30 weiße Sandstrände. Wasserfälle stürzen in smaragdgrüne Becken. Wo der Dschungel nicht wuchert, da wachsen Kokospalmen und Mangobäume.
Noch allerdings sind zwei Deutsche Haupteigner der weltweit größten Insel in Privatbesitz: der ehemalige Hertz-Manager Josef Probst und sein Bruder Otto. "Mir gefällt Craigs Idee, ich will mitmachen", sagt Otto Probst, für dessen Insel sich auch ein paar Deutsche interessieren.
Die Deutschen und die Briten sollten sich zusammentun, rät Probst, der gute Wille sei auf beiden Seiten da. 43 Millionen Mark wollen die Eigner für die Pazifikinsel haben, die zuvor dem Multimillionär Earl S. Tupper gehörte. Der Amerikaner, der mit Plastikbehältern ("Tupperware") Hausfrauen erfreute, wollte dort einen Zoo errichten. "Wenn es so etwas wie ein Paradies gibt", behauptet Craig, "dann ist es San Jose."
Als Inselbewohner sind den Craigs nur Leute mit Geld und der richtigen Philosophie willkommen. In einem Papier, betitelt "Flucht ins Paradies", beschreiben die beiden ihre Wünsche: "Wir wollen eine sichere, familienorientierte, fürsorgliche Gemeinschaft aufbauen, eine Insel des Vertrauens."
Für diese im milden Wortnebel verhangene Utopie müssen Menschen 150 000 Pfund Startkapital übrig haben, immerhin 335 000 Mark. Dafür bekommen sie ein Privatgrundstück und ein Haus auf San Jose. Außer dem eigenen Heim wird es kein Privateigentum geben. Mit dem restlichen Geld, das in einen Treuhandfonds fließt, wollen die Neu-Insulaner die Infrastruktur aufbauen und gemeinsame Projekte finanzieren.
Eine Farm soll Lebensmittel für den Eigenbedarf liefern. Das Touristenhotel, das noch nicht steht, wird zunächst auch als Unterkunft für die ersten Siedler dienen. Mit einem Zentrum für Geschäftsseminare und einer Schule für Computerlehrgänge will die Inselgemeinschaft Geld verdienen. Selbst das touristische Unterhaltungsprogramm, so wünscht es Craig, sollen die künftigen Mitbewohner selbst bestreiten - von der Disco bis zur Theateraufführung, vom Jongleur bis zum Streichquartett.
Die Grundzüge einer politischen Verfassung hat Craig bereits entworfen. Danach gehören alle Neu-Joseaner einem Inselrat an, der etwa mißliebige Störenfriede wieder von der Pazifikperle verbannen kann.
Rund 500 Familien, schätzt der Initiator, sind notwendig, damit sein Unternehmen nicht Schiffbruch erleidet. Gut 90 Mitglieder hat das Paar schon in seiner Kartei. Eifrig schreibt es den Familien Informationsbriefe und organisiert Treffen, auf denen das künftige Inselvolk seine Vorstellungen vom meerumspülten Lebensglück entfaltet. "Ich will", sagt Craig, "kein Ayatollah sein."
Seine Mitstreiter haben sich in der Rolle enttäuschter Exilsucher eingerichtet. Mit heiligem Ernst planen die Snobs auf Sinnsuche ihre Flucht. Zuversicht schlägt Zweifel.
Als sandiges Füllsel fürs Sinnvakuum, das hat schon der Held von Daniel Defoes Roman "Robinson Crusoe" erkannt, ist eine unbewohnte Insel hervorragend geeignet. "Ich bin fasziniert von der Idee, aus dem Nichts etwas Neues zu erschaffen, etwas Eigenes", sagt Computerfachmann David Oram. "Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückblicke, ich hätte genausogut nicht existieren können."
Die Neu-Joseaner sind begeistert von der Idee, wenn nicht die Welt, so wenigstens eine unbekannte Pazifikinsel nach ihrem Willen zu formen. Derlei geht nicht mehr in Miami und auch nicht auf den Malediven. Dort sind die Fitneßklubs und Tauchschulen, die Segelkurse und all die anderen Dinge, die auf San Jose etabliert werden sollen, schon da. Wie langweilig. Viel verwegener ist es doch, den Krempel, den es andernorts bereits gibt, selber aufzubauen.
Das altmodische deutsche Wort "Heimat" ist für die britischen San-Jose-Fans eine unbekannte Größe. Viele sind aufgewachsen in der Tradition des Commonwealth. Der Wechsel von Ländern und Sitten ist ihnen so selbstverständlich wie anderen ein Leben, das von der Wiege bis zur Bahre am gleichen Ort verharrt.
Anne Greens Großeltern lebten in Indien; als kleines Mädchen kam sie 1950 mit ihren Eltern nach Kenia. Dort lernte sie ihren Mann kennen, einen Amerikaner, und ging mit ihm nach Washington, wo sie bis 1989 lebte. Aus der kolonialen Vergangenheit ihrer Vorfahren ist ihr eine Farm in Kenia geblieben, auf die sie sich nach ihrer Scheidung zurückzog.
Während eines Besuchs bei Verwandten, die im britischen Mutterland blieben und im reetgedeckten ehemaligen Postbüro des Dorfes Wilcot residieren, hat Anne Green, 53, beschlossen, nun San Jose zu ihrer ständigen Adresse zu machen. "Nachdem die Kinder groß sind", doziert sie aus dem rosafarbenen Polstersessel im Wilcotschen Landhaus, "gibt es für Frauen nur ein kleines Fenster, aus dem sie ihrem Trott entkommen können."
Als sie Craigs Anzeige in der Sunday Times las, schrieb sie ihm zwei Zeilen: "Schicken Sie bitte weitere Informationen. Klingt wundervoll." Green reizt die Herausforderung, ein Abenteuer von Anfang bis Ende zu erleben. "Ich habe nur ein Leben", sagt die ehemalige Immobilienmaklerin entschlossen, "und ich will ein neues Kapitel."
Auf San Jose will die ehemalige Geschäftsfrau Tiere halten und einen Orchideengarten anlegen. Und sie plant Ruhestandsaktivitäten wie Lesen, Golf, Partys, Töpfern und Tennis. Aber warum muß sie für die Lektüre eine Buchs auf die Insel? Was ist so besonders am Töpfern, wenn man es statt in England auf San Jose betreibt?
Jeder Alterssitz für Gutbetuchte offeriert die Abenteuer, die sich Anne Green auf San Jose erhofft. Nur ist der Service besser in der Zivilisation. Sorgen um die medizinische Betreuung im Dschungel wehrt sie als kleinlich ab - "zur Herztransplantation nach New York sind es nur vier Flugstunden".
Wo aber bleibt das Abenteuer, wenn die künftigen Insulaner ihren Tropentrip notfalls als Verlust in der Bilanz abbuchen können? Für die neuen Robinsons ist die Insel der letzte Kick: Der Erfolg hat sie satt, aber auch unzufrieden gemacht. San Jose scheint ihnen der Ort zu sein, auf den sie all ihre unerfüllten Träume projizieren können.
Craig hat sich seine Utopie bei Robinson Crusoe geborgt. Der wohl berühmteste Schiffbrüchige erkannte erst in seiner fürchterlichen Einöde fernab der Zivilisation, wie sinnentleert das Treiben seiner britischen Zeitgenossen war.
"Natur und Erfahrung lehrten mich nach gehörigem Nachsinnen, daß das Gute auf der Welt nur so weit gut ist, als wir es brauchen können", predigt der Held in Daniel Defoes Roman, und: "Der gierigste Geizkragen auf der ganzen Welt wäre von seinem Laster kuriert worden, wäre er nur in meine Lage gekommen."
Eine moderne Variante des Crusoe-Abenteuers hat sich in Craigs Hirn festgesetzt - ein friedliches Inselleben, allerdings mit Satellitentelefon, Fax und Internet-Anschluß. "Wir wollen keine Hippiekommune mit Heilstempeln, mit Love-and-peace-Gehabe", sagt er schroff: "Wir wollen professionelle Geschäftsleute."
Folgerichtig sortiert der ehemalige Kunst- und Antiquitätenhändler alle vermeintlichen Spinner unter den Bewerbern aus. Aber auch Spekulanten, die ihre Inselleidenschaft allein in Profitraten ausdrückten, finden vor den Augen des entschlossenen kleinen Mannes aus Wales keine Gnade.
Nicht einmal die Hälfte der Briefe hat Craig, der weiter nach perfekten Paradiesbewohnern sucht, überhaupt beantwortet. Vergangenen Monat warb er mit seiner Familie in einer Fernsehshow für das Projekt. Demnächst will er nach Hongkong reisen, um Chinaflüchtige, die sich vor dem Kommunismus gruseln, Richtung Pazifik umzulenken.
Denn Menschen wie Tony und Lyn sind auf der Flucht: Sie wollen einem System entkommen, in dem sie immer mehr Geld verdienten, um immer mehr Steuern und immer höhere Hypotheken zu bezahlen - und in dem sie immer weniger Zeit fanden, den Rest auszugeben.
Auf San Jose werden sie neben Mangos, Kokosnüssen, Austern und frischem Fisch auch Steuerfreiheit genießen. Das zumindest hat die panamaische Regierung, der die Insel untersteht, Craig zugesichert. Allein in der Hauptstadt dieses mittelamerikanischen Kleinstaats siedeln 200 000 Briefkastenfirmen. "In Finanzkreisen", wirbt der walisische Paradiessucher, sei das Land als "die kleine Schweiz" bekannt. Eine Utopie mit Standortvorteil.
Auch im Paradies wird Craig sich abstrampeln müssen. Jedenfalls dann, wenn er seine Vorhaben verwirklicht, eine Perlenzucht aufzieht oder einen Austern- und Fischexport. Und nebenbei will er noch für ein Londoner Verlagshaus ein Buch über seine Erlebnisse schreiben.
Trotz kapitalistischer Wirtschaftsprinzipien, träumt Craig, werde es auf San Jose weder Rücksichtslosigkeit noch Egoismus geben. Das gemeinsame Abenteuer könne nur bestanden werden, wenn alle zusammenhalten. Warum diese Art von Kommunen-Kapitalismus erstmals auf San Jose funktionieren soll, bleibt das Geheimnis von Craig und seinen Mitstreitern.
"Wenn John und ich nach San Jose gehen, muß es klappen", sagt Deb Gilmore, "schließlich geben wir alles auf." Um die 150 000 Pfund Einlage aufzubringen, verkaufen die Gilmores ihre Tankstelle im walisischen Machynlleth, auch die Autowerkstatt sowie das Haus.
"Mein größter Fehler war es, nach England zurückzukommen", sagt John. Der 37jährige hat jahrelang in Nordafrika gelebt. Als er nach Wales zurückkehrte, fand er die alten Freunde zu seinem Erschrecken unverändert vor. Alles war gleich geblieben, gleich durchschnittlich und gleich langweilig. Heirat, Job, Hauskauf, Kinder, stöhnt der schmale John, "sonst nichts".
Aber wird er auf der Insel glücklicher? John zeigt seine Hände vor: "Wissen Sie, wie kalt es im Winter in der Werkstatt ist? Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie rund um die Uhr arbeiten und Ihnen zehn Prozent des Umsatzes bleiben?" Auf San Jose wird John wieder ackern müssen. Und wird er sich dann nicht über die Hitze beschweren oder über die Langeweile am Palmenstrand? Wenn es zu touristisch wird, verkündet John, geht er wieder. Aber wohin dann? Auf der Suche nach dem perfekten Lebensort wird der Globus ganz schnell fürchterlich klein - der Nordpol ist zu kalt, die Wüste zu sandig, Europa zu zivilisiert. Und John zu anspruchsvoll.
Aber der unzufriedene Mechaniker und seine Frau Deb wissen, daß die Grenze zwischen Wunsch- und Alptraum durchlässig ist. Die Gefahr, im absoluten Bankrott zu enden, ist ihnen bewußt. "Wenn du nicht romantisch bist, machst du solche Projekte ohnehin nicht. Du bleibst im Tunnel", sagt John. Eine Aussicht, gegen die sich ein Bankrott auf San Jose allemal harmlos ausnimmt. Den neuen Wohnsitz wird das Paar vor dem endgültigen Aufbruch nicht besichtigen. "Warum?" fragt John. "Es ist eine tropische Insel. Ich weiß, wie so was aussieht."
Wird die "Insel des Vertrauens und der Fürsorge" ein Eiland der Gerechten und Gleichen sein? Oder werden sich die Mitglieder, je nach Höhe ihrer Anteile, in oben und unten, in Diener und Herren scheiden? Es wird keine gleiche Gesellschaft sein, prophezeit Roy Romsey aus Southampton. "Craig ist ein Träumer, und wir brauchen Träumer, Glückwunsch soweit", sagt der 53jährige. Und blickt nach vorn.
Was passiert, wenn den Leuten auf San Jose das Geld ausgeht, nachdem sie ihre 150 000 Pfund ausgegeben haben? Romseys Fragen scheinen nicht nur von jener "Fürsorge" motiviert, die Craig immer wieder als neues Insel-Ethos ausruft. Eher schon von dem Bedenken, ob wohlhabende San-Joseaner künftig in Not geratene Mitbewohner finanziell unterstützen müssen.
Romsey und seine Frau Jean, eine gebürtige Chinesin, haben als Inneneinrichter für Hotels, Büros und Gesundheitszentren viel Geld verdient. Vor acht Jahren stiegen sie aus dem Geschäftsleben aus. Seitdem reisen die 55jährige Jean, eine temperamentvolle, energische Kichererbse, und ihr Mann, ein Rotary-Mitglied im abgeschabten Fischgrätmantel, um die Welt - als Rucksacktouristen. "Wir haben anderthalb Jahre gebraucht", lacht Jean, "bis wir uns nicht mehr schuldig fühlten, daß wir nicht mehr arbeiteten."
Auf San Jose wollen sich die Romseys zwei Jahre lang dem Aufbau der Infrastruktur widmen, danach entspannen und die Blätter an den Bäumen zählen. In seiner Siegesgewißheit wirkt das pragmatische Paar überzeugend. Mit sensiblen Seelendramen oder der bösen britischen Gesellschaft, die zum Ortswechsel nötigt, kann Jean nicht aufwarten.
"Ich mag einfach Veränderungen", sagt die 55jährige. "Das ist genauso, wenn ich eine Geschichte lese. Da bin ich auch in einer anderen Welt." Nur sind Reisen in die literarische Fiktion billiger. Die "fürsorgliche Gemeinschaft" aber ist eine Utopie nur für Dollar-, Pfund- oder Mark-Besitzer.
Für sie hat Insel-Chefplaner Tony Craig bereits billige Häuser ausfindig gemacht. Sie stammen aus dem Versandhauskatalog einer amerikanischen Firma, die hurrikanstabile Behausungen für entlegene Weltgegenden anbietet. Für knapp 30 000 Dollar etwa ist das einfache Baumhaus zu haben; die Anlieferung erfolgt auf dem Schiffsweg durch den Panamakanal.
"Auf San Jose wird die Moral des Geldes regieren", prophezeit Robert Alexander Warren in seinem Londoner Lieblingspub. Der großgewachsene, dicke, mit sonorer Stimme gesegnete Architekt wird zur dröhnenden Baßgeige, wenn er über die Insel der Seligen philosophiert. Sein Bauch wackelt, und die schwarzgeränderte Intellektuellenbrille gerät auf der Nase ins Rutschen.
In der Hängematte zu liegen, urteilt Sozialist Warren streng, sei einfach nur egoistisch: Wer räumt die leeren Rumflaschen weg, wer putzt die Toiletten? "Fast alle Leute, die auf die Insel wollen, haben immer Befehle gegeben. Geben sie sich dort künftig selbst welche?" fragt er und sieht San Jose schon als zweites Monaco.
Im kanadischen Neufundland hat der 56jährige einst eine ganze Stadt für 40 000 Menschen gebaut. Heute aber hat er nicht einmal die zum San-Jose-Einstieg nötigen 150 000 Pfund. "Die brauchen einen Architekten", das sei sein erster Gedanke gewesen, als er die Anzeige las - er bot Craig einfach an, seinen Anteil mit Schweiß und Arbeit zu bezahlen.
Der Londoner war fasziniert von der Vorstellung, eine ganz neue Gesellschaft in einer unbewohnten Ecke der Welt mitzugestalten - eine neue Gesellschaft? "Die Leute sind fast alle im gesetzten Alter. Sie nehmen ihre Biographie mit, ihre Vorurteile und ihren Geschmack." Robert Alexander Warren schnauft.
Der Mann ist ein chaotischer Unruhestifter, ausgestattet mit bissig-krudem Humor. "Eine fürsorgliche Gemeinschaft aufzubauen, das ist der Versuch, einen vollbesetzten Bus zum Schweigen zu bringen", scherzt der Troubleshooter ungerührt und macht ein anderes Motiv für das Fernweh aus: "Sie wollen nach San Jose, weil sie gelangweilt sind."
Zugleich aber träumt er: "Statt San Jose zur neuen Ersatzkolonie zu machen, könnten wir dort eine Gesellschaft gründen, die das 21. Jahrhundert umarmt." Aber wie müssen Menschen beschaffen sein, denen diese Umarmung gelingt? Sie müßten Robinson Crusoes sein, behauptet Warren, und er muß es wissen: Er ist ein Nachfahre jenes schottischen Unglücksraben Alexander Selkirk, der Defoe zu seinem Roman anregte.
Für Warren sind die modernen Inselsucher weit entfernt vom Geist Crusoes: "Sie wollen", lacht Warren, und sein sozialistisches Urgewissen pocht, "die Welt nur zu ihrem eigenen Vergnügen ändern." Claudia Pai
[Grafiktext]
Kartenausriß Panama - St. Jose
[GrafiktextEnde]
Von Claudia Pai

DER SPIEGEL 51/1995
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