18.12.1995

EsoterikRuhig schlafen

Deutsche Sinnsucher haben einen neuen exotischen Kult entdeckt: den Voodoo-Zauber.
In einer Frühlingsnacht wurde die Gemeindemitarbeiterin Astrid Weller, 31, aus dem schwäbischen Heiligenberg plötzlich von "starken Herzproblemen" und "Schweißausbrüchen" heimgesucht. Der Hausarzt war ratlos: "Kein medizinischer Befund."
Da besann sich die junge Frau auf ein verheißungsvolles Inserat im Esoterik-Blättchen Astro Woche: "Die Magie Afrikas, seine Macht und Stärke im Einsatz für Ihre privaten und beruflichen Probleme." Das klang gut.
Hinter den Zeilen verbirgt sich der Schwabe Herbert Mauelshagen, 54. Der Parapsychologe mit "Schwerpunkt Exorzismus" behauptet, als "Voodoo-Priester" außergewöhnliche magische Kräfte zu besitzen.
Seine Diagnose im Falle Weller: "Klare Sache. Sie wurden verflucht. Das kriegen wir wieder hin." Ein böser Mitmensch, selbst der Magie mächtig, habe sie verhext. Zwei Wochen später war die junge Frau, so beteuert sie, die Geister los: "Ich kann wieder ruhig schlafen."
Der Voodoo-Zauber scheint in der ganzen Republik zu wirken. Der religiöse Kult aus Afrika findet zunehmend Anhänger im sinnhungrigen Abendland. Zwischen Konstanz und Flensburg melden sich Hexen, Zauberer und Magier zu Wort, die angeben, in den geheimen Künsten der Voodoo-Gesellschaft kundig zu sein, in der es von Göttern und Geistern nur so wimmelt. In Talkshows von Hans Meiser bis zu Ilona Christen preisen sie ihre kultischen Riten und die Beschwörung von Schutzgeistern, mit denen sie angeblich Ehekrisen wie auch Geschäftsflauten beenden können.
Vorher wird jedoch abkassiert: Marktüblich sind Preise um die 1000 Mark für ein sogenanntes Ritual.
Voodoo-Zaubermittel sind bereits per Eilbestellung erhältlich: Der Rosenheimer Versand "Welten GmbH" bietet Rituale gegen Probleme in "Familie, Beruf und Sexualität" oder "um jemanden zur Impotenz zu verfluchen" für durchschnittlich 200 Mark frei Haus.
In Hamburg gibt es bereits den ersten deutschen Voodoo-Shop. Im Souterrain eines Hauses im bunten Stadtteil Altona bietet Franziska von Schlippe, 30, ihre selbstfabrizierten Voodoo-Zauber an - hygienisch in Zellophantüten verpackt.
Um einen verlorenen Partner zurückzuholen, empfiehlt Schlippe zum Beispiel den "Bring Back Spell": Unter eine schwarze, mit speziellen Ingredienzien angereicherte Kerze wird das eigene Foto, unter eine rote Kerze das Bildnis des Partners gelegt. Beide Kerzen werden mit dem sogenannten Mandrake-Oil übergossen und an sieben Nächten um 24 Uhr für 20 Minuten angezündet.
Ein alter Haitianer und Voodoo-Priester habe sie vor zwölf Jahren auserkoren, sein "geistiges Erbe" zu tragen, erklärt Ladenbesitzerin Schlippe. Über ein Jahr habe er sie alles über Götter, Geistwesen und Gifte gelehrt. Man müsse nicht mal an den Zauber glauben, ermuntert Voodoo-Frau Schlippe skeptische Kunden: "Die Produkte sind fertig präpariert, Sie müssen Sie nur vollenden."
Da jedoch scheiden sich die Geister. Voodoo sei eine Religion und "kein Supermarkt" für spinnige Esoteriker, schimpft der in Berlin lebende Haitianer und Voodoo-Experte Alrich Nicolas, 39, Wissenschaftler am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin. Der Umgang mit dem Volksglauben sei nur akzeptabel, wenn die Menschen eine jahrelange Beziehung zu ihrem Priester pflegten, deren Zeremonien besuchten und den Göttern aufrichtig huldigten.
Ursprünglich kommt der Voodoo-Glaube aus Westafrika. Mit den schwarzen Sklaven gelangte der Kult im 16. Jahrhundert nach Haiti - bis heute ist die Insel die Voodoo-Hochburg. Seit dem letzten Jahrhundert breitete sich die Naturreligion auch in andere Teile der Karibik und nach Brasilien aus. Weltweit hängen 50 Millionen Menschen dem Voodoo an.
Elementare Bestandteile sind Tänze, bei denen die Gläubigen in Trance geraten, wobei ein Gott Besitz von ihnen ergreift. Wichtig sind außerdem rituelle Tieropfer und der Ahnenkult.
Die Priester - meist Frauen - werden in der Voodoo-Gemeinde als geistliche Oberhäupter und Heiler verehrt. Sie verfügen über besonderes Wissen im Bereich der Pharmakologie.
Daraus erklären sich selbst so phantastische Phänomene wie der Zombie-Kult: Durch ein hochwirksames Gift wird ein Mensch in den Zustand des Scheintodes versetzt, lebendig begraben und später vom Priester durch ein Gegengift wiederbelebt.
Selbst in manchen westlichen Ländern ist Voodoo fast schon zur Massenreligion geworden. In New York praktiziert eine halbe Million Immigranten aus der Karibik Voodoo, SanterIa oder Candomble, die kubanischen und brasilianischen Varianten des Kults.
Auch in der Bundesrepublik huldigen Tausende dem Voodoo-Kult. In Berlin betreiben Kubaner, ehemalige Vertragsarbeiter in der DDR, seit der Wende in Privatwohnungen Voodoo-Tempel und verdienen sich mit rituellem Zauber Geld.
Der schwäbische Voodoo-Priester Mauelshagen ist schon weiter: Er bietet "ernsthaft Interessierten" Reisen zu den Voodoo-Quellen ins Afrikanische an. Der Proband muß Fähigkeiten seiner "außersinnlichen Wahrnehmung" jedoch erst durch Tests unter Beweis stellen - gemessen auf einer Skala von 0 bis 100 Prozent. "Denn unter 50 Prozentpunkten", so Mauelshagen, "brauchen wir da gar nicht erst loszufliegen."

DER SPIEGEL 51/1995
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