18.12.1995

FamilieHölle los

Streßgeplagte Politikerinnen entdecken, daß es ein Leben neben ihrem Job gibt: Sie nehmen sich Zeit für ihre Kinder.
Sylvia Schenk hat gewagt, was Politiker sich meist aus Angst vor Machtverlust und Karriereknick nicht trauen. Die Frankfurter Dezernentin für Recht, Sport und Frauen (SPD), Mutter der sechsjährigen Maike, hat jetzt durchgesetzt, daß sie künftig an einem Tag der Woche zu Hause bleiben kann. "Montag ist Maike-Tag", heißt nun die Formel im Büro der Kommunalpolitikerin.
Die frühere Leistungssportlerin mochte es ihrer gerade eingeschulten Tochter nicht mehr zumuten, wichtige Gespräche immer wieder zu verschieben. Selbst am Wochenende ist Schenk ständig unterwegs, um Vereinsjubilare zu ehren oder eine Sporthalle einzuweihen.
Die Juristin ist überzeugt, daß sie ihre Arbeit auch ohne den Montag schafft. "Das ist eine Frage der Organisation und der Vorbereitung", sagt sie. Für den freien Tag verzichtet sie auf 20 Prozent ihres Gehalts.
Noch immer gelten Polit-Spitzenpositionen als unvereinbar mit Erziehungsurlaub und familienfreundlicher Teilzeitarbeit. Zeit für Kinder ist das, was im vollgepackten Terminkalender übrigbleibt.
Vor allem Politikerinnen mühen sich mit Hilfe von Kinderfrauen, Müttern oder Au-pair-Mädchen, Beruf und Familie, so gut es geht, unter einen Hut zu bringen. Daß sich überwiegend der Mann um die Kinder kümmert, wie bei Bundesfamilienministerin Claudia Nolte (CDU) oder der SPD-Finanzpolitikerin Ingrid Matthäus-Maier, ist selten.
Beifall bekam die sozialdemokratische Stadträtin Schenk von ihrer Chefin, der CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth. Die Zeiten seien vorbei, ließ sie bestellen, in denen man "wie eine Monstranz vor sich hertrug, daß man 100 Stunden arbeitet".
Doch noch wollen viele Bürger ihre politischen Führungskräfte so sehen - und die richten sich danach. Die Norm, so die Hamburger Kultursenatorin Christina Weiss, sei "das männliche Berufskarrieremuster der ständigen Verfügbarkeit". Wer daran rüttelt, gefährdet den Betriebsfrieden und wird zurückgepfiffen.
Das erfuhr die baden-württembergische Familien-, Frauen- und Kunstministerin Brigitte Unger-Soyka (SPD), 46, die im Juni 1992 ihren Job antrat. Als die dreifache Mutter verkündete, sie wolle in der Politik "kein Männerleben" führen und auch mal um 16 Uhr zu Hause bei ihren Kindern sein, brach ein Sturm der Entrüstung los. "Wie faul darf eine Ministerin sein?" fragte Bild empört.
Der Stadträtin Schenk warf die Frankfurter Allgemeine, im Gleichschritt mit den Republikanern, sogar Wählertäuschung vor: Sie sei doch nicht "als Teilzeitkraft" angetreten. Eine Bürgerin schrieb ihr: "Jetzt haben Sie schon sechs Jahre Ihr Kind vernachlässigt, warum stört Sie das plötzlich?"
Niedersachsens SPD-Umweltministerin Monika Griefahn, die auf Sitzungen schon mal ein Kind auf dem Arm hat oder eine Runde zum Stillen unterbricht, wurde wegen ihrer Mutterschaft von der CDU gar mit einer parlamentarischen Anfrage traktiert, weil sie wegen ihres kranken Sohnes Jonas einmal einen Termin abgesagt hatte.
Gerade mal vier Wochen blieb die einstige Greenpeace-Aktivistin nach der Geburt ihrer jüngsten Tochter Stella Theresa zu Hause. Schon maulte CDU-Fraktionschef Christian Wulff, Griefahn habe gar keinen Anspruch auf Mutterschutz. Tatsächlich sind im Ministergesetz weibliche Kabinettsmitglieder, die schwanger werden, nicht vorgesehen.
Rita Hermanns, 43, Pressesprecherin der Berliner Sozialsenatorin und SPD-Spitzenfrau Ingrid Stahmer, hat die kinderfeindliche Lektion längst verinnerlicht: Sie erwähnt ihre vierjährige Tochter Sophie im Job möglichst wenig.
Um 17 Uhr muß Hermanns täglich am Kindergarten sein. "Wenn ich bei Presseanfragen am Telefon erklärte, ich kann jetzt nichts mehr für Sie tun, mein Kind wartet, war am anderen Ende der Leitung immer die Hölle los", sagt sie. Jetzt erklärt Hermanns knapp, sie habe "einen wichtigen Termin". Das funktioniert.
Ministerin Unger-Soyka schert sich nicht mehr um die öffentlichen Reaktionen. "Ich nehme mir die Freiheit, einen Termin zu streichen, wenn ich denke, mein Kind braucht mich."
Um zum Abendbrot möglichst zu Hause zu sein, läßt die gelernte Sonderschullehrerin Vernissagen und Theaterbesuche sausen, auf Bundeskonferenzen mit ihren Fachkollegen packt sie ihre Sachen zusammen, wenn die anderen die ersten Weinflaschen öffnen.
Männliche Kollegen trifft die Ministerin auf ihren Früh-Heimfahrten selten. Deren Bedürfnis nach Familie, vermutet Unger-Soyka, sei "offenbar weit weniger stark".
Politiker wie Achim Exner, 51, gelten da als absolute Paradiesvögel. Als im Juli 1991 seine Tochter Valentine geboren wurde, packte der Wiesbadener Oberbürgermeister Fax und Handy ein und regierte die Stadt für ein halbes Jahr überwiegend von zu Hause aus.
Die Repräsentation überließ er seinem Magistrat. Dafür verzichtete er auf die Hälfte seiner Bezüge.
Durch Talkshows und Gazetten wird Exner seitdem als Ideal eines Politikers gereicht, der nicht nur von Kinderfreundlichkeit redet, sondern sie auch praktiziert. Doch Nachahmer hat der Sozialdemokrat bisher unter seinen Geschlechtsgenossen nicht gefunden.
Der neue saarländische CDU-Landesvorsitzende Peter Müller, Fraktionschef im Landtag, ist schon stolz, sich immerhin ein Wochenende im Monat für Frau und seine drei Jungen frei zu halten. Seine Vorzimmer haben strikte Anweisung, für das jeweils letzte Wochenende keinerlei Termine anzunehmen.
Bundesinnenminister Manfred Kanther kommt dem konservativen Frauen- und Familienideal weit näher. Er überläßt die Erziehung seiner sechs Kinder seiner Frau Barbara, einer früheren Zahnärztin. Wie er deren Arbeit einschätzt, tat der CDU-Mann der Bild-Zeitung kund. Die Familie, schwärmte er, sei "die größte Freude meines Lebens" - vor allem, "wenn meine sechs Frauen für mich kochen: Mutter, Schwiegermutter, Frau und drei Töchter". Y

DER SPIEGEL 51/1995
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