18.12.1995

BalkanDer Zauberlehrling

Für die Serben ist Slobodan Milosevic zur Schicksalsfigur des letzten Jahrzehnts geworden. Zugleich blieb der Mann ein Rätsel - Kriegstreiber einerseits, Friedensstifter andererseits.
Er tat sich am Anfang als besonders linientreuer Titoist hervor, fand aber allmählich am Nationalismus immer mehr Gefallen. Selten trat er vor das Volk, um ihm seine Politik zu erklären.
Das Friedensabkommen von Dayton pries er als großen Sieg, und doch besiegelt es eine serbische Niederlage. Nur eines hat Milosevic nach viereinhalb Jahren erreicht: Er ist selbst oben geblieben, hat alle Wirren und Wenden überlebt - ein undurchsichtiger, aber unangefochtener Führer.
Es ist bisher kein Dokument über die serbischen Kriegsziele bekannt geworden. Das berüchtigte Memorandum der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste von 1986 ist es jedenfalls nicht. In ihm wurde nur die Unzufriedenheit _(* Bei der Unterzeichnung des ) _(Friedensabkommens am vorigen Donnerstag, ) _(mit Spanien-Premier Gonzalez, ) _(US-Präsident Clinton, Frankreichs ) _(Präsident Chirac, Bundeskanzler Kohl, ) _(Briten-Premier Major. )
mit der Lage des serbischen Volkes im Jugoslawien Titos zum Ausdruck gebracht, komplexe Forderungen oder ein Zukunftsbild enthält es nicht.
In letzter Zeit läßt sich aber aus einer Reihe von Memoiren ein neues Bild zusammenstellen. Borisav Jovic, einstmals Vorsitzender des jugoslawischen Staatspräsidiums, berichtet über seine Gespräche mit Milosevic zwischen 1991 und 1994, dessen Meinungen und Weisungen. Sein als Tagebuch angelegtes Werk "Die letzten Tage der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien" erschien während Milosevics Aufenthalt in Dayton.
Ein Meilenstein war der 28. Juni 1989, die Feier des 600. Jahrestags der Schlacht auf dem Amselfeld, in der die Türken ein serbisch geführtes Heer besiegten. Mit geschickt geplanten Kundgebungen und Aufmärschen hatte Milosevic vorher die Führungen der beiden autonomen Gebiete Serbiens, der Vojvodina und des Kosovo, gestürzt und ergebene Politiker eingesetzt. Seine Anhänger nannten dieses Vorgehen die "antibürokratische Revolution".
Nun schwebte er mit einem Hubschrauber zur größten Versammlung der Serben in der Geschichte ein und rief: "Hier befindet sich heute die Seele eines jeden Serben!"
Gut möglich, daß sich Milosevic gern als Titos Nachfolger in einem vereint gebliebenen Jugoslawien gesehen hätte. Doch so stark seine Popularität bei den Serben zunahm, so sehr wuchs gleichzeitig die Ablehnung bei den anderen Völkern, vor allem den Slowenen und Kroaten. Und aufgrund der titoistischen Verfassung hatte jede Teilrepublik dasselbe Gewicht in der Föderation.
Eine der oft zitierten Erklärungen Milosevics an die Serben lautete damals: "Wenn wir schon nicht gut arbeiten können, so werden wir doch gut kämpfen!" Wie groß sollte sein Serbien werden? Immer wieder nachgebetete, aber nie von ihm selbst ausgerufene Losungen lauteten: "Alle Serben in einen Staat!" Oder: "Wo serbische Gräber sind, dort ist auch Serbien!" Aber eine Landkarte, die zeigt, wie Milosevic sich Serbien vorstellte, existiert nicht.
Der Führer der Serbischen Radikalen Partei, Vojislav Seselj, einige Zeit Milosevics Verbündeter, zur Zeit sein größter innenpolitischer Gegner, nannte als wünschenswerte westliche Grenze Serbiens die Linie von Karlobag in Norddalmatien bis Virovitica in Westslawonien. Dann wären das ganze Bosnien und die Herzegowina, mehr als zwei Drittel der Adriaküste, mehr als die Hälfte Kroatiens an Serbien gefallen. Seselj erhob auch Ansprüche auf Mazedonien, das er am liebsten mit Bulgarien geteilt hätte. Als Ziel Milosevics oder seiner Sozialistischen Partei wurden solche Illusionen freilich nie genannt.
Milosevic wollte wahrscheinlich ausloten, was maximal möglich war - nicht "Großserbien", sondern "Serbien, so groß wie möglich". Eine gewisse Dosis von Realismus kann man ihm schwerlich absprechen.
Von dem Autor Jovic erfahren wir zu unserer Verwunderung, daß Milosevic in dieser Hinsicht mit der jugoslawischen Generalität in Konflikt geraten war. Am 28. Juni 1990 - ein Jahr vor Kriegsausbruch - schrieb Jovic in sein Tagebuch: "Gespräch mit Slobodan Milosevic über den Zustand im Staat und in Serbien. Er ist mit der Idee einverstanden, Slowenien und Kroatien rauszuwerfen, fragt sich aber, ob die Streitkräfte einen solchen Befehl durchführen würden."
Milosevic wollte damals die mehrheitlich von Serben bevölkerten Bezirke Kroatiens anschließen, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien in Jugoslawien behalten. Jovic: "Ohne Slowenien und Kroatien würde Jugoslawien 17 Millionen Einwohner haben, das ist für europäische Verhältnisse genug." Wohlgemerkt: Dieses Gespräch führten die damaligen Staatsoberhäupter Jugoslawiens und Serbiens - strenggenommen war es Hochverrat.
Milosevic und er hatten mehrere Begegnungen mit Verteidigungsminister Veljko Kadijevic, der verzweifelt für die Einheit Jugoslawiens kämpfen wollte, mit einem Putsch drohte, am Ende sagte: "Wenn ihr meine Vorschläge nicht annehmt, werde ich die Streitkräfte auflösen." Jovic will ihm geantwortet haben: "Du kannst nur zurücktreten, für die Auflösung der Streitkräfte bist nicht du zuständig."
Neu ist demzufolge die Erkenntnis, daß Milosevic für ein möglichst großes Serbien eintrat, die Generalität jedoch die Erhaltung Jugoslawiens als Vielvölkerstaat verlangte. Milosevic hat die Entlassung von fast einer Hundertschaft von Generälen durchgesetzt, damit die Streitkräfte politisch besiegt und sie gleichzeitig für den Krieg fast untauglich gemacht.
Seit Titos Tod glaubten viele an die Möglichkeit eines Militärputsches. Für die meisten hohen Offiziere war der Nationalismus ein Greuel. Aber, wie sich herausstellte, nicht für alle: Titos langjähriger Verteidigungsminister Nikola Ljubicic trat für Milosevic ein; der hat ihn ausgenutzt und danach kaltgestellt. Ratko Mladic, damals noch Oberst in Knin, schwor, nie den roten Stern von seiner Kopfbedeckung zu nehmen. Bald darauf setzte er sich die Mütze des alten serbischen Heeres mit einer Kokarde auf.
Nach einem Putsch, einer Militärdiktatur als Übergangsphase, hätten vielleicht gesamtjugoslawische, klassische Parteien entstehen können. So waren die Nationalisten nicht mehr aufzuhalten.
Die Serben in Kroatien und Bosnien übernahmen Waffen, Ausrüstung und einen Teil des Offizierskorps der Jugoslawischen Volksarmee. In Kroatien errichteten sie die "Serbische Republik Krajina", in Bosnien und Herzegowina die "Republik der Serben". Die Parlamente dieser beiden Gebilde nahmen in den nächsten Jahren immer wieder Anlauf, sich mit dem Mutterland Serbien und Restjugoslawien zu vereinigen. Das offizielle Belgrad stellte sich taub.
Es gab mindestens zwei wichtige Gründe für Milosevic, keine formale Vereinigung mit den von Serben kontrollierten Gebieten in Kroatien und Bosnien anzustreben, obwohl die Sprecher der Serben dort immer wieder betonten, sie würden ihn als Führer anerkennen.
An erster Stelle stand seine Vorsicht, um nicht zu sagen sein Zaudern. Er war nicht sicher, ob das gut ausgehen würde. Und in dieser Hinsicht hat er ja recht behalten.
Aber er sah auch, daß die extremen Nationalisten in einem Großserbien, das theoretisch 1992 und 1993 leicht auszurufen gewesen wäre, keine Mehrheit für ihn zugelassen hätten. Zwar hatte er als Zauberlehrling Geister gerufen, die der alte Tito in den entsprechenden Flaschen versiegelt hatte, aber ganz außer Kontrolle gerieten sie ihm nie. Milosevic spielte mit keinem allzu hohen eigenen Einsatz, seinen Kopf hielt er nicht hin, nur die Köpfe anderer.
Was haben die Serben in den vergangenen Jahren von ihren nie genau definierten Zielen erreicht? Nichts. Dafür haben sie unendlich viel verloren.
Große Gebiete, die jahrhundertelang mehrheitlich oder doch stark von Serben bevölkert waren, gingen verloren. In der Krajina, in Norddalmatien, Banija, Westslawonien, in Teilen Westbosniens leben keine Serben mehr. Trotz aller Beteuerungen, daß alle Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren dürfen, werden es die wenigsten wagen.
Es besteht kein Zweifel, daß auch Ostslawonien bald wieder in Kroatien integriert wird. Kroatien muß den Serben weder Sonderrechte noch eine gewisse Autonomie gewähren - die sie sogar in Österreich-Ungarn vor dem Ersten Weltkrieg genossen -, einfach weil nicht mehr genug Serben da sind.
In Bosnien und Herzegowina ist fast die Hälfte des Staatsgebiets unter serbischer Kontrolle geblieben, aber wie sieht dieses Gebiet aus? Der bedeutendste Teil, Nordwestbosnien mit der Hauptstadt Banja Luka, ist eine seltsame Blase mitten in kroatischem und moslemischem Gebiet, nur mit einem dünnen, umstrittenen, durch das Abkommen in Dayton nicht endgültig festgelegten, vier Kilometer breiten Korridor mit dem Mutterland verbunden.
Wie immer man es dreht und wendet: Auch ohne militärische Bedrohung, einfach auf Grund der wirtschaftlichen Logik, wird dieses Gebiet von seiner Umgebung aufgesaugt werden.
Endgültig "gewonnen" könnte nur der schmale Streifen westlich der Drina sein - wo es früher eine Mehrheit von Moslems gab und jetzt, nach den Säuberungen, die Serben unter sich geblieben sind. Aber formal wird auch dieser Landstrich in Bosnien verbleiben.
Hunderttausende von Serben sind aus ihrer Heimat in Kroatien und Bosnien geflohen. Genaue Zahlen über die Veränderungen im ehemaligen Jugoslawien liegen nicht vor, in Belgrad spricht man von mehr als 600 000 Flüchtlingen allein in Serbien. Insgesamt mußten wohl bis dreieinhalb Millionen Menschen ihre Heimat verlassen, die größte Umsiedlung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Am Anfang des Krieges sind aus Serbien sehr viele, nach wieder nicht ganz sicheren Zahlen an die 200 000 junge Männer geflohen, um sich nicht in den sinnlosen Kämpfen verheizen zu lassen, zum größten Teil Intellektuelle. Das ist ein Aderlaß für Serbien, der zwei bis drei Generationen nachwirken wird.
Eine Analyse der Entwicklung der letzten Jahre sollte diese Massenflucht junger Kriegsgegner nicht unterschätzen. Wenn danach, vor allem nach den Schlachten um Vukovar und Dubrovnik, die jugoslawischen Streitkräfte nicht mehr direkt in das Geschehen einzugreifen wagten, hat dieser Widerstand der jungen serbischen Intelligenz eine maßgebende Rolle gespielt.
Die militärischen Niederlagen des Sommers und Herbstes 1995, der blitzschnelle Verlust Westslawoniens, der Krajina und einiger Gebiete in Westbosnien, haben dem Nimbus des serbischen Kriegertums schrecklich geschadet. Milosevics geflügeltes Wort, man werde sich wenigstens gut schlagen können, wurde damit widerlegt. Natürlich wird zur Zeit an den verschiedensten Dolchstoßlegenden gearbeitet.
Serbien und Montenegro blieben von Zerstörungen verschont, aber wegen der langjährigen Uno-Sanktionen liegt die Wirtschaft des Landes in Trümmern. Gute, bewährte geschäftliche Verbindungen sind ruiniert. Die serbische Industrie hat ihre Abnehmer verloren.
Die Zusammenarbeit mit der deutschen Automobilindustrie (zum Beispiel die Fertigung von Autoteilen für Opel in Kikinda, von Lastkraftwagen für Mercedes in Priboj), der elektronischen Industrie mit Siemens beweist, daß Serbien schon einen Fuß in Westeuropa hatte. Für die Lieferanten aus Serbien sind andere Unternehmen aus Osteuropa eingesprungen, die nun nicht mehr leicht verdrängt werden können.
Den materiellen Verlust infolge der Sanktionen hat das formale Staatsoberhaupt Jugoslawiens, Zoran Lilic, mit hundert Milliarden Dollar beziffert. Als Folge ist Serbien zum Schlußlicht Europas verkommen. Anfang der achtziger Jahre lag Gesamtjugoslawien auf Grund seiner Lebensqualität vor allen osteuropäischen Ländern.
Auch in der Bevölkerung ist es zu einer gewaltigen Umschichtung gekommen. Die Jahre der Sanktionen mit zeitweiliger Hyperinflation haben die mittleren Schichten verarmen lassen, die Arbeiter endgültig desillusioniert, die Bauern noch engstirniger und egoistischer werden lassen. Aufgestiegen ist eine neureiche Schicht von Kriegsprofiteuren, Schmugglern, Plünderern und Schiebern, die den Geschmack und die Lebensweise im Land bestimmen.
Schrecklich ist das Ergebnis einer Umfrage unter Jugendlichen, welche die Wochenzeitung Telegraf in Belgrad durchgeführt hat. Unter den gewünschten und geschätzten Tätigkeiten nannten die jungen Menschen an erster Stelle ganz offen: "Krimineller".
Die Serben hatten im westlichen Europa und in Amerika einen sehr guten Ruf. Seit Hitler ist das Ansehen eines Volkes nicht mehr innerhalb weniger Jahre so abgewertet worden wie das der Serben seit 1991.
Und was sagt dazu der Präsident Serbiens, Slobodan Milosevic, der mit Franjo Tudjman und Alija Izetbegovic in Dayton die Verhandlungen über den Frieden geführt und in Paris das Abkommen unterschrieben hat?
Die Medien, die sich für Milosevic einsetzen, erinnern daran, daß er schon im Sommer 1993 und dann sehr energisch im August 1994 wünschte, den Krieg zu beenden. Wären die Führer der Serben in Kroatien und Bosnien damals darauf eingegangen, so wäre vieles für sie weitaus besser gekommen als heute. Die Serben wären nicht nur in der Krajina geblieben, sie hätten auch eine weitgehende Autonomie erhalten.
Die Grenzen innerhalb Bosniens wären ähnlich wie heute gezogen worden, aber damals hätten die Serben als weise Sieger einem Kompromißplan zugestimmt und mithin im gemeinsamen Staat für ihre "Entität" einen weitaus besseren Ausgangspunkt gehabt.
Daß er für das Mutterland Serbien keine "territoriale Forderungen" erhebe, sagte Milosevic tatsächlich die ganze Zeit über immer wieder. Die Besen des Zauberlehrlings, Karadzic und Mladic in Bosnien, Martic in der Krajina und wie sie alle heißen, haben nun andere aufgehalten - die Nato hat es für Milosevic getan.
An der Macht geblieben ist Milosevic in einem Land mit 10,5 anstatt der erträumten 17 Millionen Einwohner. In den letzten Wochen bemühte er sich, seine bislang engsten Mitarbeiter loszuwerden, die nicht schnell genug mit ihm die Wende schafften.
Zurück aus Dayton bestand seine erste Amtshandlung darin, in seiner Sozialistischen Partei seinen Stellvertreter Borisav Jovic und seinen "Chefideologen" Mihajlo Markovic abzulösen. Schon vorher fand eine Säuberung in den Medien statt: Gehen mußten zum Beispiel der Generalintendant des staatlichen Rundfunks und der Generaldirektor des mächtigsten Zeitungskonzerns Politika.
Nun soll die Wirtschaft privatisiert, das Land demokratisiert werden. Als Friedensstifter wird Milosevic wahrscheinlich im Frühjahr vorgezogene Wahlen abhalten; er hofft sie zu gewinnen - und so Anschluß an die Ex-Kommunisten in Bulgarien, Rumänien, Ungarn und Polen zu finden. Das wäre freilich schon das Gesellenstück des ehemaligen Zauberlehrlings, der sich dem Westen nun als Biedermann anbietet. Y
[Grafiktext]
Serbische Großmachtträume 1992
Höhepunkt serbischer Expansion 1994
Serbiens Einflußgebiet nach Dayton
[GrafiktextEnde]
* Bei der Unterzeichnung des Friedensabkommens am vorigen Donnerstag, mit Spanien-Premier Gonzalez, US-Präsident Clinton, Frankreichs Präsident Chirac, Bundeskanzler Kohl, Briten-Premier Major.

DER SPIEGEL 51/1995
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