18.12.1995

USADer Fürst der Finsternis

In dieser Nacht, seiner letzten als Präsident, ist das Weiße Haus ein Spukschloß voller Schatten und endloser Korridore. Allein, taumelnd, unrasiert, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, schleppt sich der Geschlagene durch die leeren Hallen, vorbei an den Porträts seiner Vorgänger. Vor einem bleibt er stehen. "Wenn sie dich anschauen, sehen sie, wie sie sein möchten", flüstert Richard Nixon vor dem Kennedy-Gemälde. "Wenn sie mich anschauen, sehen sie, wie sie sind."
Und die Amerikaner schauen, faszinierter denn je, schaudernd und grübelnd: Mit "Nixon", einem Dreieinhalbstunden-Epos des Filmemachers Oliver Stone, das diese Woche anläuft, kehrt der Fürst der Finsternis unter den amerikanischen Präsidenten machtvoll ins öffentliche Bewußtsein zurück.
Gleichzeitig konkurriert Ted Turners TV-Sender TNT mit einem eigenen Nixon-Spielfilm. Das Magazin Newsweek widmete dem alten neuen Politstar eine Titelgeschichte. Und der New Yorker spöttelt treffend: "Nixon hat sein bestes Jahr seit seinem Wahlerfolg von 1972."
Nachdem Oliver Stone vor vier Jahren mit seinem Kennedy-Film "JFK" noch einmal das Strahlen von Camelot vorgeführt hat, verhext er die Nation nun mit dem dunklen Gegenbild. In Nixons düsterem Ehrgeiz, seinem verbissenen Knüppelweg nach oben erkennt sich die Nation derzeit eher wieder als im Siegerlächeln der ewig jungen Kennedys.
Nixons Rückkehr zur Respektabilität war bereits Ende der siebziger Jahre in den Interviews mit David Frost eingeleitet worden. Er galt nicht länger als gefährlich, sondern als interessant. Er war über Watergate gestolpert, aber er hatte Mao die Hand gedrückt. Der Mann, der Kambodscha bombardieren ließ, war selbst durch die Hölle gegangen und wiederaufgetaucht als Elder Statesman, der am Kaminfeuer die Aussöhnung mit Rußland empfahl.
Als Nixon im vergangenen Jahr starb, gaben ihm fünf Präsidenten das letzte Geleit. Und ihre Landsleute standen mit ihnen "wie Kinder", so Newsweek, "am Grabe eines Vaters, der voller Fehler war". Der Mann, der sein Amt wie kaum einer vor ihm mißbraucht hatte, wurde gewürdigt, sogar vorsichtig geliebt. Selbst Präsident Bill Clinton konnte nicht umhin, in seiner Eloge Kapital aus der neuerwachsenen Magie der einstigen Unperson zu schlagen, und sprach von dessen Größe.
Und so wie Clinton bei seiner letzten Wahl den Kennedy-Mythos mit Erfolg beschwor, so versuchen sich die republikanischen Hoffnungsträger derzeit für das anstehende Rennen als Nixons Erben zu präsentieren. Es ist, als würde ein Wahlkampf, dem schon vor dem Start die Puste auszugehen droht, durch einen Untoten neues Leben gewinnen.
Bob Dole, Nixons Freund und Protege der letzten Jahre, ließ der Los Angeles Times Briefe zukommen, in denen Nixon dem "lieben Bob" taktische Ratschläge erteilte. Doles Schachzug war eine fast bolschewistische Geste - der Thronerbe, der vor Nixons Sarg hemmungslos weinte, präsentiert das politische Testament des großen Vorgängers.
Es ist ein Handbuch zur Machterringung: "Rennen Sie so weit Sie können nach rechts, um nominiert zu werden", schlägt Nixon dem Senator vor. "Um die Präsidentschaftswahl zu gewinnen, müssen Sie allerdings so schnell wie möglich zur Mitte zurückrennen."
Ein Szenario, an das sich Bob Dole bisher gehalten hat. Da gab es Prügel für das linke Hollywood und kurz darauf eine Entschuldigung bei einer Schwulenorganisation, Flirts mit dem rechten Rand und schnellen Rückzug in die Mitte: der entschlossene Zickzackkurs zur Macht. Nixon spielt mit.
Sein Vermächtnis ist das einer durchaus unideologischen Politik. Er ließ kommunistische Reisbauern bombardieren und schloß Frieden mit den kommunistischen Supermächten. Er weitete den Vietnamkrieg aus und strich den Verteidigungshaushalt zusammen. Er ließ Studenten verprügeln und erließ Gesetze zum Umweltschutz. Er kungelte mit dem Big Business und setzte Mindestlöhne durch.
In Umfragen unter Historikern rangiert Nixon als schlechtester Präsident der Geschichte. Kommentatoren wie Jonathan Rauch in The New Republic machen ihn für Spätlasten wie das riesige Haushaltsdefizit verantwortlich. Durch die Aufstockung der Sozialversicherung, ein Wahlkampfgeschenk von 1972, habe er den Startschuß zur Staatsverschuldung gegeben: "Reagan hat die Karre in den Graben gefahren, aber Nixon hat vorher die Bremsen gelöst."
Einig sind sich alle darüber, daß Nixon die US-Gesellschaft polarisiert hat wie kaum ein zweiter. Das war es, was Stone interessierte, als er vor drei Jahren mit den Vorbereitungen zu seinem Film begann. Nixon, so verrückt es auch klingen mag, war fester Bestandteil der amerikanischen Popkultur.
Der Regisseur, sonst der Preßlufthammer des amerikanischen Kinos, widersteht dabei der Versuchung, auf einer erledigten politischen Karikatur herumzuhauen. Statt dessen entdeckt er in dem Politiker, den er wie viele seiner Generation auf der Straße bekämpfte, einen Gestrauchelten: Nixon als amerikanischer Jedermann, als zerrissener Held der Vorgänger-Generation - Stone hat den Film seinem Vater gewidmet.
Es ist das Drama eines Zukurzgekommenen: Geboren 1913 als Sohn eines verarmten Krämers und einer strengen Quäkerin, einer "Heiligen", an die er sich im Moment des Scheiterns, in seiner Abschiedsrede im Weißen Haus, erinnern wird. Er studiert mit dem Stipendium seines Bruders und leidet sein Leben lang darunter, daß erst dessen Tod ihm die Möglichkeit eröffnete, aufs College zu gehen und dadurch später die politische Arena zu betreten.
Nie einer der Brillantesten, machte er seine Defizite durch Fleiß wett. Seine Kommilitonen nennen ihn den "eisernen Hintern". Bereits mit 33 wird er Kongreßabgeordneter. Harte Arbeit und Ehrgeiz - vor dem Straßenremmidemmi der Babyboomer war das der American Way of Life, und darin erkennt sich die Nation heute wieder.
Es sind die späten vierziger Jahre, in denen die Jagd auf Rote Wahlen gewinnt - und Nixon jagt. Er beschmiert politische Gegner als Kommunisten, er bezichtigt Alger Hiss mit Hilfe von zwielichtigen Zeugen der Spionage, er triumphiert mit patriotischem Haß und reaktionärem Tumult.
Seine machiavellistische Grundüberzeugung, daß die Menschen "nur auf Furcht, nicht auf Liebe reagieren", ist längst zur Binsenweisheit in der politischen Auseinandersetzung geworden. Damals, 1952, kommt die Partei an ihm nicht mehr vorbei, als sie ihn zu Eisenhowers Vize kürt.
Drüben an der Ostküste schmiert der versnobte Kennedy-Clan den Sprößlingen den Weg an die Spitze. Hier, in Kalifornien, kämpft ein Straßentreter um die Macht. Charme hat er nicht. Er ist gehemmt. Er weiß, er ist ein "Introvertierter, den es in eine extrovertierte Branche verschlagen hat".
Gefühle zeigt er nur, wenn sie politisch Dividende bringen - dann kommen sie als billige Sentimentalität daher, etwa in der schamlosen "Checkers"-Rede, mit der er den Verdacht auf unerlaubte Wahlkampfspenden zurückweist. Er spricht gerührt über sein bescheidenes Häuschen und seinen kleinen Hund. _(* Bill und Hillary Clinton, George ) _(und Barbara Bush, Ronald und Nancy ) _(Reagan, Jimmy und Rosalynn Carter, ) _(Gerald und Betty Ford. )
Nein, Klasse hat er nicht - so einen pflegen die Kennedys am Dienstboteneingang abzufertigen.
Nixon ist der stets gehetzte Vertreter, der für einen Abschluß seine Seele verkauft. Nicht von ungefähr beginnt Stones Film mit einem Trainingsstreifen für Vertreter aus den Fünfzigern. "Schau den Leuten in die Augen", sagt der Coach, "sie mögen Ernsthaftigkeit." Nixons Augen bleiben starr. Ab und zu reißt der Mund zu einem gehetzten Lächeln auf - die Augen erreicht es nie.
Da ist eine tiefliegende, nie erschlossene Verletzung, die der walisische Schauspieler Sir Anthony Hopkins instinktiv aufspürt. Er sieht weder aus wie Nixon, noch hat er dessen Akzent. Doch nach wenigen Minuten ist er Nixon - umgeben von einer Aura völliger Einsamkeit.
In der TV-Debatte von 1960 treffen die beiden Amerikas zum erstenmal aufeinander: Nixon und Kennedy. Das ächzende gegen das lächelnde Amerika. Keiner nimmt so richtig wahr, daß es Kennedy ist, der Nixon als Eisenbeißer rechts überholt und mit der Lüge einer Raketenlücke für Aufrüstung wirbt. Nixon wirkt unrasiert, finster - das zählt.
Zwei Jahre später unterliegt Nixon im kalifornischen Gouverneursrennen. Seiner Frau Pat, bis dahin treuer Ehesoldat, fehlt der Mut, weitere Demütigungen zu ertragen. Sie ahnt plötzlich: Er wird verbrennen, sie muß sich retten. Im Schlafzimmer droht sie ihm mit Scheidung. Er bricht zusammen. "Das ist doch nur, was sie wollen", stößt er hervor. Alles ist politisch - mit Pats Weggang hätten seine Feinde gesiegt.
Selten hat Stone behutsamere Szenen gedreht: Nixon weint und schwört, der Politik den Rücken zu kehren. Er steht vor ihr, ein hilfloser kleiner Mann mit hängenden Schultern, und drückt ihr einen Kuß auf. Dann tritt er vor die wartende Pressemeute und verabschiedet sich auf seine Art, gleichzeitig wehleidig und mit verhaltener Wut: "You won''t have Nixon to kick around anymore" - in Zukunft habt ihr keinen Nixon mehr, den ihr treten könnt.
Sechs Jahre später allerdings ist es Pat, die ihn treibt. Die nach dem Goldwater-Debakel heillos zerstrittene Partei braucht Nixon und nominiert ihn. Als dann der zweite Kennedy ermordet wird, ist ihm der Sieg nicht mehr zu nehmen. Dort oben steht er und reißt die Arme empor, die Finger zum Victory-Zeichen gespreizt. Stone zeigt ihn im Moment des Triumphes wie aufgehängt an den Händen, emporgerissen von einem Schicksal, das ihm nun zufallen läßt, was er sich nicht erkämpfen konnte.
Mit Nixon als Präsident, so sahen es die Babyboomer bisher, hatte Dracula das Weiße Haus erobert. Da waren Tote in Vietnam und Tote in den eigenen Straßen. Auf seiner Yacht hört der Präsident von den vier Studenten der Kent State University, die bei Demonstrationen erschossen worden sind. Seine zynischen Berater, Kissinger und Haldeman, besprechen den Vorfall in erster Linie als politische PR-Schlappe.
Nixon bleibt stumm. Er starrt auf sein halbgares Steak, aus dem plötzlich Blut quillt. Angewidert wirft er die Serviette auf den Teller. Dann murmelt er: "Ich würde gern kondolieren, aber Nixon darf das nicht."
Stone führt Nixon, mit verblüffender Nachsicht, als Betroffenen und als Gefangenen vor. In einer imaginären Sequenz zeigt er den Präsidenten, der sich morgens um vier zum Lincoln Memorial chauffieren läßt. Er steigt die Stufen hinauf zu den kampierenden Hippies und diskutiert mit ihnen: Er will wissen, warum sie ihn hassen.
Stone zeigt nicht Sympathie, aber Verständnis für einen, dem seine Herkunft Grenzen gesetzt hat und der nun verführt ist von der Wahnsinnsspirale der Macht. Das ist wohl die erstaunlichste Umdeutung des Films, und sie wird nachhaltiger prägen als alle Geschichtsbücher zusammen: Die Babyboomer-Generation hat Frieden geschlossen mit dem einstigen Erzfeind - eine Wunde verheilt.
Welch ein Spektakel schließlich dieser Höllensturz. Der mächtigste Mann der westlichen Welt stolpert über einen drittklassigen Einbruch. Da ist Nixon, der mit Kissinger im Bunkerkoller der letzten Tage betet, der trinkt und - vor prasselndem Kaminfeuer und gleichzeitig laufender Klimaanlage - Erinnerungen beschwört, ein gestürzter Shakespeare-Held, der immer wieder die Geisterstimmen auf den Bändern abhört, die er heimlich mitschneiden ließ, und der Geständnisse flüstert wie dieses: "Der Tod hat mir den Weg zur Macht geebnet. Vietnam. Die Kennedys. Das war die Schneise für mich. Über Leichen hinweg. Vier Leichen . . ."
Dieser Abgang ist eine Tragödie und gleichzeitig eine Farce, denn mittlerweile weiß jeder: Das Weiße Haus finanzierte auch nach Nixon weit Schlimmeres als Einbrüche, log umfassender, kaltschnäuziger und vor allem cleverer als er - verraten die mitgeschnittenen Gespräche nicht den heimlichen Wunsch nach Enthüllung und Sühne?
Ganz ohne Verschwörungstheorie kommt Stone auch in diesem Film nicht aus. Was treibt Nixon, was verdrängt er, worunter leidet er? Natürlich: unter Kennedys Ermordung. Anspielungen auf eine Mitschuld Nixons streut Stone zur Genüge, und wie schon in "JFK" ist J. Edgar Hoover mit von der Partie sowie jede Menge finsterer Exilkubaner.
Als Eisenhowers Vize sei Nixon mit den Planungen für ein Attentat auf Castro befaßt gewesen. Codename der Aktion: "Track 2". Der Plan wurde nie ausgeführt, doch als drei Jahre später die Schüsse in Dallas fallen, soll das "Track 2"-Team die Finger im Spiel gehabt haben.
Das, so Stone, war das Geheimnis, das Nixon in die Falle trieb. Warum sonst wurde der windige Watergate-Einbrecher Howard Hunt geschmiert, wenn nicht, um ihn als Mitwisser jenes viel größeren Skandals zum Schweigen zu bringen? Es war die Spur dieses Geldes, der die Reporter der Washington Post folgten - sie führte ins Weiße Haus, ganz an die Spitze.
Da sind die 18 Minuten, die auf den Bändern aus dem Oval Office fehlen - wäre es nicht möglich, daß sie eine Reminiszenz des Präsidenten auf "Track 2" und Kennedy enthalten?
Doch anders als bei "JFK" läßt sich Stone diesmal von seiner Obsession für Verschwörungen nicht völlig aus der Kurve tragen. Daß Nixon einen lebenslangen Kennedy-Komplex hatte, ist belegt. Über die Gründe dafür muß nicht spekuliert werden. Nixon wußte: Der andere wurde geliebt, er wurde lediglich gefürchtet. Im Schöpfungsdrama der amerikanischen Nachkriegsgeschichte war jener die Lichtgestalt, er selber die Ergänzungsfigur: Luzifer. Erst zusammengenommen erschließen sie die Seelenlage der Nation.
So ist Oliver Stones "Nixon" tatsächlich wie der Blick in einen dunklen Spiegel. Die Nation schaut ihn an und erkennt sich selbst. Y
* Bill und Hillary Clinton, George und Barbara Bush, Ronald und Nancy Reagan, Jimmy und Rosalynn Carter, Gerald und Betty Ford.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 51/1995
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