18.12.1995

SudanFatima kam nicht allein

Im Schatten unter dem Laubdach des alten Feigenbaums von Manyiel sitzen die Leibeigenen. Ein halbes Dutzend dunkelhäutiger Jungen und Mädchen zwischen 6 und 18 Jahren, dicht an dicht mit dem Rücken zum Stamm. Ihre Gesichter sind ernst.
Sieben Tage Marsch vom arabischen Dorf Abu Matarik bis hierher haben sie hinter sich. Von berittenen Arabern vor Jahren überfallen und in den Norden des Sudan verschleppt, haben die Kinder vom schwarzen Stamm der Dinka dort ihr halbes Leben lang Wasser zu den Tränken geschleppt und das Vieh der Züchter gehütet. "Abd" sei er von seinem Herrn gerufen worden, sagt der 13jährige Bol Kuol - "Sklave".
Jetzt stehen Bol Kuol und seine Schicksalsgenossen zum Freikauf an. Der Nomade Ahmed Kabaschi, Oberaufseher und Vermittler im Menschenhandel zwischen dem arabisch geprägten, islamischen Norden und dem schwarzen, christlich-animistischen Süden, hat die Kinder über den Fluß Bahr el-Arab zurück in die Heimat bringen lassen. Er will dies als mitmenschliche Regung verstanden wissen. Und Bares sehen.
Faustregel auf dem Sklavenmarkt von Manyiel ist, daß ein Dinka, gleich welchen Alters, fünf Kühe wert ist oder eine Kalaschnikow oder den Gegenwert in sudanesischen Pfund. Bei Sammelangeboten ist Preisnachlaß möglich. Wird keine Einigung erzielt, müssen die Kinder zurück nach Norden.
Fünf Kühe garantieren hier die Lebensgrundlage einer ganzen Familie, und die Kalaschnikow, so vorhanden, sorgt für Schutz vor Marodeuren. Geld ist knapp, und in Notfällen müssen die örtlichen Würdenträger den Kaufpreis aufbringen - mit christlichen Spendengeldern oder aus der Kriegskasse der Rebellenfraktion SPLA, die seit über einem Jahrzehnt die Regierungstruppen aus Khartum bekämpft.
Wer zu lange in der Fremde war, wer jetzt unterm Feigenbaum nur noch seinen zwangsverliehenen arabischen, nicht aber den wahren Dinka-Namen nennen kann und auch nicht den seiner Mutter, hat Mühe, Freikäufer zu finden. Der kleine Deng Kuol, als Kind einer verschleppten Schwangeren schon im Norden geboren, hat Glück und einen älteren Bruder. Der wird von einem Onkel erkannt.
Zu Dutzenden scharen sich Dorfbewohner um die Neuangekommenen. Sie starren und tuscheln. Wer hierher vordringt, kommt als Bote aus einer anderen Welt. Manyiel ist eine herbe Heimat.
Vier Stunden Marsch durchs Buschland von der letzten befahrbaren Piste entfernt, steht das Häuflein schilfgedeckter Lehmhütten am Rand der sudanesischen Nilsümpfe. Von Norden her haben die Milizen arabischer Nomaden das Dorf im Visier, vom Osten Truppen der Armee. Im Süden richten schwarze Freischärler die Waffen gegen das eigene Volk.
Manyiel liegt zwischen Kimme und Korn. Mit Kalaschnikows und selbstgefertigten Speeren verteidigen Männer vom Stamm der Dinka diesen Außenposten Schwarzafrikas. Schon in Safaha, zwei Tagesmärsche nördlich, siedeln hellerhäutige Nomaden.
Von Manyiel ab südwärts hingegen ernten dunkle Niloten auf dem fruchtbaren Land am Gazellenfluß Hirse und hüten ihr Vieh. Sudan bedeutet "Land der Schwarzen". Doch das islamistische Regime des Putschistengenerals Umar Hassan el-Baschir in Khartum macht die naturgläubigen und die christlichen Stämme des Südens per se zu Gesetzesbrechern im Gottesstaat. Nach der auch im Sudan gültigen Scharia droht ihnen für Schnaps die Nilpferdpeitsche und für Diebstahl das Abhacken der Hand.
Zwei Millionen hat der Hunger schon nach Norden getrieben. Die Menschen von Manyiel leben südlich der Front und noch nach ihren Gesetzen. Sie haben Galgenfrist. Seit 1983 ist wieder Krieg im Sudan und an die 1,5 Millionen Bürger sind inzwischen erschossen, erstochen, verhungert oder verbrannt.
In Manyiel schwenken die Halbwüchsigen selbstgenagelte Kreuze. Andere schlagen sich in den Busch, sobald sich ein Hellerhäutiger zeigt. Die Alten haben ihnen die Hautfarbe des natürlichen Feindes beschrieben. Alte sind hier Ende 40. Die Kindersterblichkeit ist die höchste weltweit.
Unter die Afrikaner auf dem staubigen Marktplatz haben sich etliche Araber in knöchellanger Dschallabija gemischt, die sanft lächelnd im Schatten ihrer strohgedeckten Stände dösen. Auf Schleichwegen bringen sie Salz, Tee und Zucker mit Eseln über die Glaubensgrenze nach Süden. Mit zurück nehmen sie Alkohol, Opium und die Klagen von Eltern, deren Kinder verschleppt sind.
Die junge Frau, die abseits vom Feigenbaum auf der Erde sitzt und die Neuankömmlinge mustert, kennt das Leben im Norden. Erst im Mai ist sie zurückgekehrt. Als Aluat Majok war sie, gerade zwölf Jahre alt, von einer Viehweide unweit Manyiels nordwärts verschleppt worden. Als Fatima Majok kehrte sie sieben Jahre später aus den Händen ihres arabischen Herrn heim. Fatima war eine Frau geworden, und sie kam nicht allein.
Der acht Monate alte Säugling, der still auf ihrem Schoß thront, hört auf den arabischen Namen Bachit. Er hat hellere Haut als seine Mutter und dunklere als die Menschen von jenseits des Flusses im Norden. Er ist das Ergebnis der Tage und Nächte, die das afrikanische Dinka-Mädchen Aluat, umbenannt in Fatima, im Haus des arabischen Bauern Uthman Isa verbracht hat.
Sieben Jahre lang habe sie im Dorf Abu Gabra gelebt, fünf Tagesmärsche nördlich von hier, sagt Aluat. Sie habe im Haushalt geholfen, Geschirr gespült und Getreide im steinernen Mörser gestampft für die Kasira, Hirsefladen: "Reden durfte ich nur, wenn ich gefragt wurde." Sie hat Feuerholz gesammelt, und wenn die Frau des Hauses zum Markt ging, hat Uthman Isa, den sie "sajjid" nannte - "Herr" -, nach ihr gerufen. Im Schlafzimmer des Bauern vollzog sich, was die Dinka schamhaft "Benutzung als Ehefrau" nennen. "Er verlangte nach mir, wie konnte ich ablehnen?" sagt sie. "Er hatte mich entführt, er war nun mein Herr."
Weil aus Aluat Fatima geworden war, mußte sie freitags mit zur Moschee. Im Haus des Bauern aber schlief und aß sie allein. Zweimal versuchte sie zu fliehen, zweimal wurde sie gefaßt und geschlagen. Zur Rede gestellt, von wem sie schwanger sei, antwortete sie der Frau des Bauern schließlich wahrheitsgetreu: "Von deinem Mann, Mutter".
Das Kind hat sie noch im Norden geboren. Dann durfte sie gehen.
Nach Hause haben Nomaden sie gebracht, Grenzgänger. Für zehn Kühe wurden sie und ihr Sohn in die Freiheit entlassen. Jetzt leben die beiden in einer erbärmlichen Hütte hinter dem Markt, in der eine Pritsche steht, sonst nichts. "Einen Alten kann sie noch kriegen", sagen die Dorfbewohner über die junge Frau mit dem Mischlingskind, "einen jungen Mann nicht."
Der Sohn soll einen Dinka-Namen bekommen und dann Schwamm drüber, hat der Dorfälteste verfügt. Ob auch die jungen Mädchen unterm Feigenbaum, 14jährige, mißbraucht worden seien? "Wenn sie nicht schwanger oder schwer verletzt sind, fragen wir sie nicht", sagt er: "Man redet nur, wenn man Hoffnung hat, recht zu bekommen. Im Zustand der Gesetzlosigkeit schweigt man."
Die Dinka sind kein Volk, das Talent dazu hätte, wortreich Klage zu führen. Wenn wieder ein "ghasu" zu Ende ist, ein Überfall von Arabern zu Pferde, wenn die Männer erschossen und die Vorräte verbrannt sind, die Frauen und Kinder verschleppt, dann verscharren die Dinka ihre Toten, schlagen vielleicht noch das Kreuzzeichen und schwören Rache.
Tödlicher Streit um Wasser und Weideland im Hungerstaat hat Tradition auf beiden Seiten. Die Gewalt im Sudan folgt einer archaischen Logik, die älter ist als der Krieg der Religionen - der Logik des Broterwerbs. Im christlichen und naturgläubigen Süden sind nach Erkenntnissen von Human Rights Watch weniger Zivilisten durch die von Moslems kommandierte Armee ermordet worden als von rivalisierenden Freischärlern aus dem eigenen Lager.
Die Fundamentalisten in Khartum mußten sich das Stammesdenken nur zunutze machen, um Hilfstruppen für die Sache des Islam zu rekrutieren. Unter neuen Fahnen werden nun die alten Rechnungen beglichen, werden Nomaden mit Nachschub aus iranischen und libyschen Waffenarsenalen auf Missionskinder losgelassen und Koranschüler an die Front geschickt. Das Ergebnis ist blutiger denn je.
Versklavt allerdings, auch das ein uraltes Muster, wird nur in einer Richtung. Sklaven sind schwarz und gehen von Süd nach Nord, nie umgekehrt. "Ich denke, wir sprechen von Tausenden", sagt Lady Caroline Cox, Mitglied des britischen Oberhauses und der Christian Solidarity International, die ihren schwarzen Glaubensbrüdern in den Nilsümpfen beisteht. Das Ausmaß des Menschenhandels im Süden des Sudan sei "einzigartig".
Die Sonne steht noch immer lotrecht über den Lehmhütten von Manyiel, und die Fischer am Lol-Fluß werfen ihre Netze, als sich die Tageskurse am Markt stabilisieren: Der Erlös für zehn Ziegen, die am Ufer zum Ergötzen der Dorfjugend ausgeweidet werden, bringt wenige Meter weiter einen freien Dinka-Sklaven.
"Wenn Leute aus der Gefangenschaft freikommen sollen, muß gezahlt werden - unvermeidlich", sagen die arabischen Händler, als verkündeten sie ein Naturgesetz. "Manche Kinder sind mißhandelt worden. Für andere war es wie normales Leben. Kinder wissen nicht, wie ihnen geschieht. Nur die Eltern sind unglücklich."
Die Händler aus dem Norden sind darauf angewiesen, mit den Dinka Geschäfte zu machen; und so behaupten sie, mit Sklavenhandel selbst nichts zu tun zu haben: "Unser Gewissen würde uns nicht erlauben, bei solchen Geschäften mitzumischen."
Und doch taucht Eleu Ajak, einer der Männer mit gehäkelter Kappe, Stunden später beim Feigenbaum auf, als es darum geht, Namen unter den Freikaufvertrag zu setzen und Lösegeld in Empfang zu nehmen. Auch er müsse essen, sagt er, als er gebündelte Pfundnoten in seine Plastiktüte packt. Wieviel er letztlich behalten dürfe, entscheide Ahmed Kabaschi, der Nomade, dem er das Geld bringen wird.
Schweigend umstehen die hageren Dinka in zerlumpten Kleidern das Schauspiel. Sie murren nicht, beschimpfen nicht den Händler, bejammern nicht den Verlust des Geldes - einer Summe, von der das ganze Dorf eine gute Weile hätte leben können. Kaum einer der Dinka kann den Vertrag lesen. Ihnen wurde gesagt, wenn sie nicht zahlten, sei jede Hoffnung auf Heimkehr ihrer noch vermißten Kinder vergebens.
Erst als die Zeremonie beendet ist, löst sich aus der stumm starrenden Menge der Dorfbewohner Deng Macam Angui, ein Mann von 33 Jahren, und sagt über die arabischen Händler: "Wir stehen nicht gut mit ihnen. Trotzdem lassen wir sie auf den Markt. Wenn alle unsere Leute frei sind, werden wir zurückschlagen."
Das kann dauern, und Deng weiß das; 15 seiner Angehörigen wurden bei einem Überfall 1986 in den Norden entführt, darunter zwei Brüder und elf Schwestern, die sein Vater mit mehreren Frauen gezeugt hatte. Als sechs Jahre später noch jede Spur von ihnen fehlte, hüllte Deng sich in Dschallabija und Turban und ging über den Bahr el-Arab nach Norden.
Ein arabischer Freund seines Vaters habe ihm dann den Weg gewiesen, sagt Deng, zu Kontaktmännern und Augenzeugen, in die Dörfer und auf die Weiden zwischen El-Daein und Abu Matarik, wo das Gros der Dinka-Sklaven gehalten wird. Deng hat seine Verwandten gefunden. Sein Geld hat nur gereicht, um fünf von ihnen nach Hause zu bringen.
Seine Schwester Abuk, die er vor drei Jahren im Haus des Nomaden Ali Kadok aufgespürt hat, ist nicht zurückgekehrt. Sie sei verschleiert gewesen, sagt Deng, der Nomade habe "ihr oben vier Zähne ausbrechen lassen, angeblich weil sie den Eseln nicht zu trinken gab".
Als Deng sie bat, ins Fotostudio der Stadt El-Daein zu kommen, damit die Familie zu Hause ein Bild von ihr habe, schickte Abuk ihre Schwägerin vor. Auf dem Foto, das Deng mit zurück in den Süden brachte und nun vorzeigt, steht die Verwandte aufrecht und ernst im Hintergrund. Vor ihr sitzen fesch geputzt zwei kleine Mädchen mit hellerer Haut.
Aischa und Sahra, Zwillingstöchter des Nomaden Ali Kadok und seiner Dinka-Sklavin Abuk Macam Angui, sind 1988 geboren worden. Y
"Wenn unsere Leute frei sind, werden wir zurückschlagen"
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 51/1995
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