18.12.1995

GriechenlandGute Nacht

Der französische Pharma-Erbe Thierry Roussel, Witwer der Onassis-Tochter Christina, greift nach dem Erbe des Tankerkönigs.
Es war ein Leben wie aus dem Kitschroman: Mit einem Pappkoffer und 175 Dollar in der Tasche kam der 17jährige Auswanderer nach Argentinien, schlug sich anfangs als Laufbursche durch, machte dann Tabakgeschäfte und kaufte vom Ersparten ein schrottreifes Frachtschiff. Dank eines untrüglichen Gespürs für gute Deals gebot er zwei Jahrzehnte später über die weltgrößte private Tankerflotte - Aristoteles Sokrates Onassis, der "Goldene Grieche".
Jetzt wird das nächste Kapitel der Onassis-Saga geschrieben. Zwei Jahrzehnte nach dem Tod des legendären Tycoons greift ein französischer Pharma-Erbe nach dem Vermächtnis des Tankerkönigs. Thierry Roussel, vierter Ehemann der Onassis-Tochter Christina und Vater der gemeinsamen Tochter Athina, will sich die Verfügungsgewalt über das Vermögen sichern, das auf mindestens zwei Milliarden Dollar geschätzt wird.
Das Erbe des 1975 gestorbenen Reeders umfaßte neben der Flotte ein Firmenimperium von über 100 Unternehmen mit einem Jahresumsatz von vermutlich 25 Milliarden Mark, dazu zahlreiche Immobilien, Kunstwerke, Wertpapierdepots und Bankguthaben. 52,5 Prozent seines Besitzes vermachte er der gemeinnützigen Alexander-Onassis-Stiftung, benannt nach seinem zwei Jahre zuvor bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Sohn; 47,5 Prozent gingen an seine damals 24jährige Tochter Christina.
Doch die starb, nach der Scheidung von Roussel, schon 1988 unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen in Buenos Aires. Ihre damals drei Jahre alte Tochter Athina hatte sie zur Universalerbin eingesetzt. Bis zu deren Volljährigkeit, so Christinas Testament, sollen fünf Treuhänder das Vermögen verwalten: vier alte Vertraute ihres Vaters, die auch im Vorstand der Onassis-Stiftung sitzen, sowie Athinas Vater Thierry Roussel, der mit einer großzügigen Apanage von 1,42 Millionen Dollar jährlich abgefunden wurde.
Nachdem sich Roussel nach Christinas Tod bereits das Sorgerecht für Athina vor Gericht erstritten hatte, klagte der Franzose im November 1993 auf das alleinige Verfügungsrecht über das Vermögen seiner minderjährigen Tochter. Er beruft sich dabei auf das französische Familienrecht. Christinas Testament dagegen ist nach Schweizer Recht abgefaßt. Der vor den eidgenössischen Gerichten ausgetragene Streit, derzeit in zweiter Instanz, kann sich noch Jahre hinziehen.
Jetzt interessiert sich Roussel aber auch für jene andere Hälfte des Onassis-Erbes, die der Tankerkönig der Stiftung anvertraute. Ein stattliches Vermögen, das unter anderem elf Tanker und sechs Massengutfrachter, den Wolkenkratzer Olympic Tower in Manhattan, weitere Immobilien in New York, London und Monte Carlo, Beteiligungen an 87 Unternehmen in 13 Ländern, Guthaben bei 217 Banken und die Onassis-Privatinsel Skorpios im Ionischen Meer umfaßt - alles in allem mindestens eine Milliarde Dollar wert.
Mit seinen eigenen Unternehmungen - einer Baufirma in Algerien, einem Forstbetrieb in Westafrika, Erdbeer- und Tomatenfarmen in Portugal - blieb Roussel nach eigenem Eingeständnis mehr als einmal glücklos. "Niemand gewinnt immer, Fehler sind menschlich", sagte er dem Athener Boulevardblatt Eleftheros Typos. Den Vorwurf, er sei ein Bankrotteur, der sich mit den Onassis-Millionen sanieren wolle, weist der Franzose allerdings entschieden zurück. Roussel-Anwalt Nestor Kourakis versichert, die finanzielle Situation seines Mandanten sei "sehr gut".
Seinen Griff nach dem Vermögen der Stiftung begründet Roussel damit, daß Athina nach Vollendung des 21. Lebensjahres deren Vorsitz übernehmen soll. Anwalt Kourakis wirft dem Präsidium Mißwirtschaft vor: Aus dem einstigen Onassis-Vermögen sei nicht genug gemacht worden, die Stiftung schulde den Banken mehrere hundert Millionen Dollar. Niemand könne überdies die Vorstandsmitglieder daran hindern, in die Stiftungskasse zu greifen, um Gelder auf ihre Privatkonten umzuleiten.
Von den Vorstandsmitgliedern, die auch als Treuhänder des Vermögens seiner Tochter fungieren, fordert Roussel die lückenlose Offenlegung aller Geschäfte und finanziellen Transaktionen der in Vaduz registrierten Stiftung sowie Auskunft über deren Schulden.
Stiftungspräsident Stelios Papadimitriou, ein treuer Onassis-Intimus seit den fünfziger Jahren, weist dieses Ansinnen empört zurück: Die Wohltaten der gemeinnützigen Institution, die unter anderem 25 Millionen Dollar für Stipendien ausgegeben habe und weitere 78 Millionen in die Athener Onassis-Herzklinik investierte, seien allgemein bekannt. "Herr Roussel hat als Vater von Athina ebensowenig Recht, sich in die Stiftung einzumischen, wie meine Frau", empört sich Papadimitriou.
Ob Athina, heute 10, jemals den Vorsitz der Onassis-Stiftung übernehmen wird, ist inzwischen fraglich: Laut Statut steht ihr diese Position nur zu, sofern sie "willens und geeignet" sei. Bedingung dafür ist, daß Athina als Griechin aufwächst, im orthodoxen Glauben erzogen wird und eine ihrer künftigen Verantwortung als Onassis-Erbin entsprechende Ausbildung erhält.
Von diesen Voraussetzungen, so geben die vier Athener Vermögensverwalter nun zu verstehen, hänge nicht nur ab, ob Athina im Jahr 2006 den Vorsitz übernehmen darf. Möglicherweise werde man ihr auch verweigern müssen, das Erbe ihrer Mutter Christina anzutreten, warnt Treuhänder Papadimitriou.
Mit der Heimat ihres Großvaters und ihrer Mutter hat die letzte Onassis jedenfalls kaum Kontakt. Roussel wolle seine Tochter systematisch "enthellenisieren", klagt die Athener Zeitung Apojevmatini, das Kind neige sogar zum Katholizismus, graust sich das Blatt.
Nicht mal mehr ihre Muttersprache beherrscht die Enkelin des Tankerkönigs, das Vokabular der Milliardenerbin ist ärmer als der Wortschatz vieler Hellas-Touristen: "Mehr als drei Wörter Griechisch kann sie nicht", sagt Testamentsvollstrecker Papadimitriou: Danke schön, guten Morgen und "Kalinichta", gute Nacht.

DER SPIEGEL 51/1995
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