18.12.1995

PolenKoppchen hinhalten

Die kleine Minderheit der Kaschuben kämpft unentwegt um die Anerkennung als Volk.
Als seine Tochter einen Bayern heiratete, war Piotr Struck, 63, überhaupt nicht zufrieden. Die fremde Nationalität seines Schwiegersohnes drückte ihm aufs Herz: "Wir sind doch Kaschuben und müssen Kaschuben bleiben."
Noch ein anderes Problem beunruhigt derzeit den rundlichen Bootsbauer mit der schwarzen Schiebermütze: Auf der Halbinsel Hela ließen sich zu viele "fremde Menschen" nieder, die sich in seine meerumschlungene Heimat verliebt haben: "Allein leben wir besser."
Trotzige Worte eines Kaschuben, der einen polnischen Paß besitzt und fließend Polnisch spricht. Struck ist selbstbewußter Vertreter einer fast vergessenen Minderheit, die seit der politischen Wende 1989 um den Erhalt ihrer Kultur und Sprache kämpft.
"Weil wir etwas von unserem Erbe bewahren müssen", hat er in seinem Haus im Inseldorf Jastarnia ein Museum eingerichtet, wo er alte Gerätschaften kaschubischer Fischer ausstellt. Neuerdings zimmert er typische pommersche Schaluppen; die hofft er an Nostalgiker in Deutschland zu verkaufen, das Stück für 10 000 Mark.
Das westslawische Völkchen der Kaschuben, ein Stamm der Pommern, hat seine Wurzeln auf der Halbinsel Hela sowie in der schönen Landschaft ("kaschubische Schweiz") zwischen Gdansk (Danzig) und Bydgoszcz (Bromberg). Rund 350 000 polnische Staatsbürger zählen sich laut jüngsten Umfragen dazu.
Sie leben zwischen stillen Seen, tiefen Wäldern und weißen Sandstränden, gelten als bodenständig und ein wenig skurril. Ihre Sprache ähnelt stark der polnischen, enthält aber viele deutsche Lehnwörter wie "brauchowac" (brauchen) oder "slaxtowac" (schlachten).
Eingeklemmt zwischen Deutschen und Polen, hatten die Kaschuben immer Mühe, ihre Eigenständigkeit zu wahren. Autor Günter Grass, selbst Sohn einer Kaschubin, hat in seinem Roman "Die Blechtrommel" das Schicksal des kleinen Volkes beschrieben: Kaschuben, sagt die Großmutter von Oskar Matzerath, "missen immer dablaiben und Koppchen hinhalten, damit de anderen drauftäppern können, weil unserains nich richtich polnisch is und nich richtich deitsch jenug, und wenn man Kaschub is, das raicht weder de Deitschen noch de Pollacken".
Die Preußen untersagten ihnen Anfang dieses Jahrhunderts, Land zu kaufen, und zwangen sie, im Religionsunterricht Deutsch zu sprechen. Nach dem Ersten Weltkrieg mußten sie in den nun zu Polen gehörenden Gebieten Polnisch reden. Als nach 1945 die ganze Kaschubei an Polen fiel, vertrieb Warschau die "Slowinzen" genannten evangelischen West-Kaschuben aus der Gegend von Slupsk (Stolp) nach Westdeutschland.
Die dagebliebenen katholischen Kaschuben erlitten das Schicksal aller Minderheiten in Polen: Um die Einheit des lange von fremden Mächten besetzten Staates zu betonen, leugnete Warschau, daß andere Völker auf polnischem Territorium lebten.
Als mögliche Separatisten durften die Kaschuben in der Zeit des Stalinismus nicht studieren, Wehrpflichtige mußten Ersatzdienst in Bergwerken leisten. Später machten die Behörden sie zur folkloristischen Kuriosität; die Kaschuben durften zwar Tänze und Gesang pflegen, jedoch nie als eigenständiges Volk auftreten. Ihre Sprache stufte die KP zum polnischen Dialekt herunter.
Seither ist nicht nur eigentümliches Brauchtum wie das gemeinsame Tabakschnupfen der Männer vor der Messe, sondern auch ein historisch einzigartiges Sozialsystem der Hela-Fischer verschwunden: Im sogenannten Maszoperia-Verbund teilten die Kaschuben ihre Fischgründe in der Danziger Bucht so auf, daß alle Mitglieder über die Jahre den gleichen Verdienst hatten.
Der kaschubische Charakter der Dörfer sei längst verloren, klagt Tadeusz Sadkowski. Der Denkmalschützer im Freilichtmuseum von Wdzydze Kiszewskie versucht, die erhaltenen Beispiele kaschubischer Fachwerkarchitektur vor Abriß und Verfall zu retten und auf dem Gelände auszustellen.
Seit dem Ende des Kommunismus kämpfen die Kaschuben um die Anerkennung als Minderheit. Ihre Vertreter bilden im Danziger Stadtparlament eine eigene Fraktion, ihre "Kaschubisch-Pomeranische Gesellschaft" fordert von Warschau mehr politische Entscheidungsfreiheit für die ganze Region. Von eigener lokaler Macht versprechen sie sich unter anderem besseren Schutz für die Umwelt. Einen ersten Erfolg errangen sie, als sie 1989 gemeinsam mit anderen Demonstranten den Bau eines Kernkraftwerks bei Zarnowiec stoppten.
Derzeit versucht Denkmalschützer Sadkowski, die durch Abwässer zahlreicher Campingplätze und Hotels verdreckten Seen der Kaschubischen Schweiz zu retten. Eine Kläranlage am Wdzydze-See konnten die Kaschuben den Behörden schon abtrotzen.
Vor allem wollen sie ihre Sprache vor dem Aussterben bewahren. "Es ist der allerletzte Moment", warnt Sadkowski. Kaschubisch soll fortan in den Schulen gelehrt, Heimatkunde in den Unterrichtsplan aufgenommen werden. Schon jetzt erscheinen Zeitungen und Broschüren in kaschubischer Sprache, das Neue Testament ist wieder in Kaschubisch gedruckt, Priester lesen die Messen zuweilen in ihrer Sprache.
So mancher Kaschube träumt gar schon von zweisprachigen Orts- und Straßenschildern. Bislang existieren nur zwei Schilder in Kaschubisch: am Lebensmittelladen und an der Schule von Glodnica. Links neben der Eingangstür prangt das Staatsemblem, der weiße polnische Adler, und rechts dreimal so groß das Wappentier der Kaschuben, der schwarze Greif.
Das Dorf Glodnica, weitab von jeder Hauptstraße, hat sich in den letzten Monaten zum Bollwerk der kaschubischen Kultur gewandelt. Vorkämpfer ist Witold Bobrowski, Rektor der vierklassigen Grundschule mit rund 30 Schülern, die erste zweisprachige Lehranstalt in Kaschubien. Nur das Gymnasium in Brusy lehrt noch einige Stunden in der Woche Kaschubisch.
Der Lehrer ist Initiator eines Protestakts: Sieben Eltern weigerten sich jüngst eine Woche lang, ihre Kinder in die polnische Schule des Nachbardorfes zu schicken. Mit dem Streik wollten sie erreichen, daß Bobrowskis Grundschule um höhere Klassen erweitert wird, die Kinder mithin länger auf kaschubisch unterrichtet werden können. Erst nach der Drohung der Behörden, den Prinzipal zu feuern, lenkten die Eltern ein.
Bobrowski hält die Lokalpolitiker für "kulturell kolonialisiert". Er will sich in dem Konflikt nicht unterkriegen lassen: "Wir werden uns durchsetzen, eines Tages." Y
[Grafiktext]
Kartenausriß Polen - Lage Kaschubien
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DER SPIEGEL 51/1995
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