18.12.1995

BoxenScherbengericht im Ring

Nach der Niederlage von Axel Schulz kriselt das Millionengeschäft. Die Champagnergläser, die nach dem Urteil im Ring zerschellten, machten deutlich, daß der gesellschaftliche Aufstieg des Faustkampfes nur schöner Schein ist. Die Wirklichkeit sieht trübe aus: Beendet Henry Maske seine Karriere, ist es mit der Hausse vorbei.
Der kleine Mann im dunklen Anzug sitzt so dicht beim Boxring, daß er bei härteren Treffern das Stöhnen der schweren Jungs hören könnte.
Könnte.
Denn der kleine, mächtige Mann im dunklen Anzug trägt Kopfhörer und würdigt das Geschehen im Ring kaum eines Blickes. Er starrt in den Minimonitor auf seinen Knien. Dort sind jene Bilder zu sehen, die RTL-Kameraleute um ihn herum gerade drehen.
Während der Rundenpausen, in denen live die Schwellungen im Gesicht des Boxers Axel Schulz behandelt werden, schaut Helmut Thoma, Geschäftsführer des Fernsehsenders RTL, auf Biergläser voll Hasseröder und Anzüge Marke Daniel Hechter. Einmal Hasseröder, einmal Daniel Hechter, beide 30 Sekunden-Spots bringen knapp eine halbe Million Mark.
Ab und an schmunzelt Thoma leise, während das ihn umgebende Volk bis zum Ende des Fights johlt und klatscht. Erst als Gläser und Flaschen durch die Stuttgarter Schleyer-Halle fliegen und die Frau seines Nachbarn blutend zu Boden sackt, kommt Thoma aus der keimfreien Bilderwelt ins Leben zurück. Mit steinernem Blick erhebt er sich und folgt den Sanitätern mit der verwundeten Unesco-Botschafterin Ute Ohoven nach draußen.
"In diesen Minuten ist eine schöne Welt zusammengebrochen", wird RTL-Sportchef Burkhard Weber später sagen. Die Zukunft des deutschen Schwergewichtlers Axel Schulz, der an diesem 9. Dezember gerade dem Südafrikaner Frans Botha unterlegen war, wird er nicht gemeint haben. Eher schon die sendereigene Werbewelt, wo der Zutritt 7000 Mark pro Sekunde kostet, weil 18 Millionen Zuschauer vor den Fernsehern sitzen.
"Das Image des Boxens hat sicher gelitten", sagt ein Sprecher des Strumpfmachers Falke. Es habe nur gefehlt, daß "faule Eier auf unser Logo fliegen". Und der Mann von der Hasseröder-Brauerei markiert schon den Punkt für den Rückzug: Sollte sich das Interesse halbieren - womit die Quote immer noch über der des Publikumsrenners "ran" läge -, müßte man "sich überlegen, ob Boxen weiter unterstützt wird".
Nach nur einem heftigen Scherbengericht: Vorbei die Zeit, da unbescholtene deutsche Boxer für ihren Haussender und zum Ergötzen zahlungskräftiger Kundschaft die schmierige internationale Faustkampfszene aufmischen sollten? Wer hatte da mit schweren Geschossen auf wen gezielt? Das gesunde Volksempfinden auf blinde Punktrichteraugen - wie Boxpromoter Wilfried Sauerland nahelegte, denn "12 600 Menschen können nicht irren". Schulz sei der Sieger gewesen.
Der Protest im Affekt kam vor allem aus den vermeintlich besseren Kreisen, das zeigten die an Logentischkanten abgebrochenen Flaschenhälse. Getroffen, soviel ist sicher, wurde vor allem der vorn plazierte Teil der VIP-Gesellschaft von der weiter hinten angesiedelten Fraktion derselben.
Viel welkes Fleisch und welker Lorbeer hatten sich rund ums Seilgeviert versammelt in der Hoffnung auf frische Blüte im Licht der Scheinwerfer - die auf ewig jung getrimmte Aktrice Cleo Kretschmer, die Hitparaden-Oldies Udo Jürgens und Roberto Blanco. Dicht dabei die gerissensten Macher des Profisports aus den Sparten Tennis, Boxen und Formel 1 - Ion Tiriac, Don King und Bernie Ecclestone. Eisern im Schlagschatten des Boxers Schulz schließlich die Politiker Stolpe (Landesvater), Spöri (Hobbykämpfer) und Teufel (Wahlkämpfer).
Die Publikumsmischung war bei den Titelkämpfen Henry Maskes nicht weniger buntscheckig gewesen. Bis in Stuttgart die ersten Gläser zerschellten, hatten sich regelmäßig alle, vom Frankfurter Luden über die Quotenkönige der leichten Unterhaltung bis hin zum Minister und Industriekapitän, dem Gefühl hingegeben, einer außergewöhnlichen Messe beizuwohnen, die Reich und Arm, Ost und West im Glauben an den Weltmeistergürtel eint. Niederlagen auf deutschem Boden waren nicht vorgesehen.
Mit einem Mal aber fand sich das Boxen in Zeiten zurückversetzt, in denen die Kämpfe des Pforzheimers Rene Weller gegen zweite Wahl aus Übersee noch den Zenit des Faustkampfhimmels über Deutschland markiert hatten. Die liegen gut zehn Jahre zurück - erst als 1990 Henry Maske zu den Profis kam, begann der Aufstieg des Schmuddelsports zum gesamtgesellschaftlichen Erlebnis.
Weil sich die teuren Rechte an Fußball-Bundesliga und Grand-Slam-Tennis nicht mehr rechneten und die angekündigte journalistische Großoffensive in der Sportberichterstattung über Ansätze nicht hinauskam, suchten die fixen Fernsehmänner von RTL neue Arenen. Sie hatten eine Idee: Boxen. Die Geschichte half, sie zu realisieren.
Der Konsumentenplantage (West) fehlten zur Wendezeit Sportstars von verkaufsfördernder Anmutung. Rund um die einstigen Medaillenschmieden (Ost) hingegen herrschte Mangel an kaufkräftigen Konsumenten mit einer Schwäche für Hochleistungssport. Zweckehen lagen nahe. Heike Drechsler und Jens Weißflog wurden erst nach ausgiebigem Fremdeln gesamtdeutsch geliebt. Bei Matthias Sammer, Kati Witt oder Franziska von Almsick ging es schneller.
Aus der historischen Bruchstelle wucherte auch der Box-Boom der Nachwendezeit. Die hochtrainierten Staatsamateure (Ost) bedienten den Idealtypus der Werbeindustrie (West): hungrig, deutsch und Spitze. Die Geschichte einer fruchtbaren Symbiose begann.
Sponsoren, Boxpromoter, Fernsehbosse, Publikum und Athleten setzten - zielgerichtet die einen, anfangs noch unbewußt die anderen - ein vielbestauntes Perpetuum mobile der Geldvermehrung im Sport in Bewegung. Mit immer neuen Rekordmeldungen wurden Alarmsignale, die an die Flüchtigkeit des Geschäfts gemahnten, verdrängt.
Die Ringpräsenz von Becker, Stich und Schumacher wurde noch beim Rückkampf zwischen Maske und Rocchigiani als gesellschaftlicher Ritterschlag für das Restpublikum gewertet. Daß die Prominenz zuerst hartnäckig zur Rolle als Garnitur überredet werden mußte, blieb unerwähnt. Die Spirale drehte sich ja wie gewünscht: Die ersten Stars lockten die nächsten an, der Glamour machte schließlich viele Deutsche zu Boxfreunden. Zuletzt waren die Hallen oft schon ausverkauft, ehe der Gegner der teutonischen Preisboxer feststand.
Doch vor dem Schulz-Kampf schickten viele Prominente ihre Freikarten zurück - einmal dabeigewesen zu sein reiche. Zum selben Schluß ("Nie wieder Boxen") kam der Daimler-Benz-Chef Jürgen Schrempp im Stuttgarter Flaschenhagel - und flog eilig der Fußball-Auswahl nach Südafrika hinterher.
Ratlos zurück bleibt Ganzledernes und Halbseidenes, die Rocksängerin Doro beispielsweise. Im Irrglauben, der am Ring verabreichte Champagner sei inbegriffen, ließ sie sich eine Flasche "Cordon Rouge" kommen - konnte in ihrer Ledermontur mit Loch-Design aber keine 95 Mark finden. Auch andere VIPs hatten kein Geld dabei, nur die als Traumschiffkapitäne oder Kosaken verkleideten Herren des Rotlichts tragen die Scheine stets gebündelt in der Tasche. Zurück bleibt seit langem der ehrliche Fan, der für gut 200 Mark oben in der Hallenkrümmung sitzt und rätselt, was die dort unten prominent macht.
Noch blockt die Sponsorenzunft größere Zweifel am Sympathiewert des Spektakels ab. RTL-Chefredakteur Hans Mahr findet das nur billig: "Wir haben denen 15 Millionen Zuschauer garantiert. Wir hatten 18 Millionen - da beschwert sich keiner." Die Strumpffabrikanten von Falke feierten mit 2000 Mitarbeitern eine "Axel-Schulz-Nacht" im sauerländischen Schmallenberg - mit TV-Bildern vom Kampf und Live-Musik. Als in Stuttgart die Gläser flogen, sagt PR-Chef Blanke, habe man kurzerhand "die Fernseher ausgeschaltet und an die Band weitergegeben - damit war die Sache gegessen".
"Wir hatten unseren Spaß", sagt der Mann, der für das Mundwasser geradestehen muß, das, beworben von Henry Maske und in Stuttgart frei verteilt, das "Gleichgewicht der Mundflora" am Ring garantieren sollte und dann in 100-Milliliter-Fläschchen auf Unschuldige niederhagelte. Das sei "unglücklich gelaufen", aber nicht weiter tragisch: "Der Masse der Leute ist ja nicht aufgefallen, daß da mit unseren Flaschen geworfen wurde."
So manchem war immerhin aufgefallen, daß zwischen den Sprüchen aus dem deutschen Boxstall vor dem Kampf - "Wenn Tyson später gegen Schulz boxen will, kostet das zehn Millionen" - und nach dem Debakel sich eine beträchtliche Kluft auftat. Von Skandal sprach Promoter Wilfried Sauerland, von Schiebung und Mafia-Methoden des mit Botha siegreichen Promoters Don King.
Da fügte es sich nicht günstig, daß Sauerland als Mitveranstalter am selben Abend den Frankfurter Willi Fischer im Rahmenprogramm mitkämpfen ließ. "Ochsen-Willi" erfreut sich der besonderen Fürsorge des Graf-Erpressers Ebby Thust. Und die wegen fahrlässiger Tötung verurteilte Hamburger Kiezgröße Karl-Heinz Schwensen durfte bei der Siegerehrung des Weltmeisters im Cruisergewicht im Ring assistieren.
Derlei Unebenheiten wurden bisher von der befreundeten Fernsehanstalt begradigt, im Zweifelsfall durch Rockstars und Brillantfeuerwerk im Rahmenprogramm oder verfilmte Heldenmythen aus dem Leben der Hauptdarsteller Henry und Axel.
Findigkeit im Umgang mit Versatzstücken gilt als Kardinaltugend im Boxgeschäft. Gehe es mit Schulz weiter schief, sagt RTL-Chefredakteur Mahr, "haben wir im Sauerland-Stall immer noch die May-Brüder und den Zeljko Mavrovic".
Olympiasieger Torsten May vor allem gilt als vielversprechender, wenn auch wenig charismatischer Kandidat für künftigen Ruhm. Mavrovic wiederum schlägt wie Schulz eigentlich schlagen sollte, ist aber Kroate. Weil er noch nicht eingebürgert ist, lauscht er vor seinen Kämpfen weiter der je nach Stand des Balkankriegs umgetexteten Hymne seines Heimatlands.
Im Sauerland-Stall werde nur "Hausmannskost" zubereitet, klagt der Berliner Unternehmer Helmuth Penz, der vor allem mit Immobiliengeschäften in Ostdeutschland Umsatzmilliardär wurde. Im festen Glauben an eine glänzende Zukunft für Schulz, Torsten und Rüdiger May sowie deren gemeinsamen Trainer Manfred Wolke hatte Penz vor dem Kampf gegen Botha dem Sauerland-Stall angeboten, die PR-Rechte der Truppe für rund drei Millionen Mark zu übernehmen. Sauerland war das zuwenig. Sein Angebot gelte weiter, sagt Penz, obwohl es "mit zahlungskräftigen Prominenten jetzt wohl erst mal vorbei" sei.
Rekordmeldungen verdrängten die ersten Alarmsignale

DER SPIEGEL 51/1995
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