18.12.1995

StasiEhrlich und zuverlässig

Wieder einmal wurden westdeutsche Funktionäre beim Versuch ertappt, die Altlasten ostdeutscher Athleten und Trainer zu vertuschen.
Helmut Weinbuch präsentiert sich in der Öffentlichkeit gern als aufrichtiger Kämpfer für das Gute in der Welt. "Sehr gewissenhaft", sagt der Geschäftsführer und Sportdirektor des Deutschen Ski-Verbandes (DSV), habe er persönlich die Stasi-Vergangenheit von Athleten, Trainern und Funktionären seiner Organisation aufgearbeitet.
Drei Jahre habe ihn dieses Wühlen im Dreck der DDR-Vergangenheit gekostet, und oft sei die Arbeit, so Weinbuch, 58, "echt brutal" gewesen - schließlich sei er "ja Sportfunktionär und kein Entnazifizierungsrichter".
Hinter einer ordentlichen Fassade läßt sich gut mauscheln. Weinbuch, Vertrauensperson des DSV für Stasi-Angelegenheiten, war keinesfalls der emsige und unvoreingenommene Aufklärer, für den er sich gern ausgibt. Die Folgen: Immer wieder muß sich der deutsche Sport mit alten Affären und _(* Mit Silbermedaillengewinnerin ) _(Simone Greiner-Petter-Memm. )
Lebenslügen auseinandersetzen, die schon längst abgearbeitet sein könnten.
Der Sportdirektor, der als extrem medaillenorientiert gilt, ging die Vergangenheitsbewältigung pragmatisch an. Brauchte er einen Trainer oder Athleten, um Gold, Silber und Bronze zu holen, war er mit Persilscheinen schnell zur Stelle - oder er schwieg im richtigen Moment.
So blieb Weinbuch stumm, als der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Walther Tröger, bei den Olympischen Spielen 1994 in Lillehammer im Vertrauen auf die korrekte Arbeit der Fachverbände stolz verkündete, das komplette deutsche Team sei sorgsam überprüft worden, mit neuen Stasi-Enthüllungen sei nicht zu rechnen.
Als Beweis für die Ernsthaftigkeit der Nachforschungen machten die Funktionäre die harmlosen Spitzeleien des Biathleten Sven Fischer öffentlich, der mit 17 Jahren angeworben worden war. Dabei war Weinbuch von der Gauck-Behörde über einen gravierenderen Fall informiert worden: Biathlontrainer Harald Böse hatte ausgiebig für Mielkes Firma Horch und Guck spioniert.
Der Fall Böse, Trainer der Nationalmannschaft der Frauen, geriet so zum Paradebeispiel für die Art und Weise, mit der sich die westdeutschen Funktionäre nach der Wende die sportliche Leistungskraft des Medaillen-Wunderlandes einverleibten, die Problematik des Stasi-unterwanderten Spitzensports aber nur widerwillig angingen.
Noch heute wundern sich Mitarbeiter der Gauck-Behörde über die Heuchelei der Sportverbände: Öffentlich hätten die Funktionäre vor Lillehammer nach "sofortiger Überprüfung geschrien", doch dann seien bei ihnen nur 70 konkrete Anträge eingegangen - und das bei insgesamt 235 Olympioniken.
Böse, damals 33, war Trainer beim ASK Vorwärts Oberhof, als er sich 1979 handschriftlich beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als Inoffizieller Mitarbeiter Sicherheit (IMS) verpflichtete. Der Kandidat, so heißt es im "Bericht über die Verpflichtung", habe auf die Frage, ob er fürs MfS tätig werden wolle, "ohne zu zögern mit Ja" geantwortet. Böse suchte sich selbst das Pseudonym "Horst Sommer" aus. Wenn der Diplom-Sportlehrer die Losung "Schießergebnisse waren berauschend" ausgab, antworteten die Stasi-Leute ebenso konspirativ, und Böse lieferte Informationen.
Die Berichte, so lobten die Sachbearbeiter vom MfS, seien "ehrlich und zuverlässig" und von "operativem Gehalt". Böse führte darüber hinaus "personengebundene" Aufträge aus, unter anderem sollte er einen Biathleten belauschen, der bald darauf Olympiasieger wurde.
Bis zur Wende wurde Böse als IMS geführt. Besondere Dienste für die Überwacher leistete der Trainer noch kurz vor dem Zusammenbruch der DDR, als er auftragsgemäß über politische Unzuverlässigkeit in seiner eigenen Familie Auskunft gab.
Nach der Wende wurde Böse auch im Westen ein gefragter Mann. Der Schießexperte, sagt die Olympiasiegerin Antje Misersky, sei die "Triebkraft im Frauen-Biathlon". Ohne den Fachmann aus Oberhof hätten die Ski-Zweikämpferinnen wohl kaum ihre fünf olympischen Medaillen gewonnen.
Erst nach Lillehammer machte sich Weinbuch an die endgültige Aufklärung des Falles Böse, um dann irgendwann für sich zu entscheiden, daß "die Geschichte völlig harmlos" gewesen sei. Der Bundestrainer, will Weinbuch mühsam recherchiert haben, sei "unter Druck gesetzt worden", er habe sich deshalb notgedrungen als Stasi-Zuträger verpflichtet. Böse behielt sein Traineramt.
Doch die Schuldbefreiung des IM Böse scheint noch nicht, wie von Weinbuch gehofft, endgültig zu sein. Demnächst wird sich die unabhängige Stasi-Kommission des Deutschen Sportbundes, der die ehemalige Berliner Parlamentspräsidentin Hanna-Renate Laurien vorsitzt, mit der Affäre befassen. Auch die Stasi-Fälle des Bob-Olympiasiegers Harald Czudaj und des Bob-Trainers Gerd Leopold, die von deutschen Funktionären Freibriefe ausgestellt bekamen, müssen dort nachgearbeitet werden.
Die Hoffnung einiger Verbandsherren, daß sich das Stasi-Problem wie von selbst auflösen werde, ist damit zerstört. "Ich hätte nie gedacht", sagte Weinbuch in der vergangenen Woche, "daß der Fall Böse einmal publik werden könnte."
Aber es werden auch neue Fälle zu diskutieren sein. Obwohl Weinbuch in Lillehammer die letzten negativen Bescheide von der Gauck-Behörde erhalten haben will, stellt sich jetzt heraus, daß aus dem Olympiakader weitere Athleten als Inoffizielle Mitarbeiter registriert gewesen sind: So wurde der Biathlon-Olympiasieger Jens Steinigen als "IMS Frank Dassler" geführt.
Steinigen, inzwischen vehementer Kritiker der DDR-Dopingmethoden wie der Verhältnisse im DSV, behauptet, die Stasi habe bei der Anwerbung eine an ihn adressierte Postkarte aus dem Westen als Druckmittel benutzt. Er habe kaum Berichte geliefert, deshalb sei ihm, als er jetzt seine Akte gelesen habe, "die Kinnlade runtergefallen". Y
Auch Olympiasieger Jens Steinigen war als IMS registriert
* Mit Silbermedaillengewinnerin Simone Greiner-Petter-Memm.

DER SPIEGEL 51/1995
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