18.12.1995

MedizinIrrenarzt mit Mikroskop

Eine mysteriöse Degeneration des Gehirns wird zur „Krankheit des Jahrhunderts“. Jetzt lassen die Mediziner den Mann hinter der Krankheit zu späten Ehren kommen: den bayerischen Arzt Alois Alzheimer.
Vor gut einem Jahr hat sich der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan mit einem Brief von seinem Volk verabschiedet: "Ich beginne jetzt die Reise in die Abenddämmerung meines Lebens", schrieb der alte Herr, "aber ich weiß, daß es für Amerika immer einen lichten Morgen geben wird."
Um Reagan, 84, ist es seither dunkel geworden. An seine achtjährige Präsidentschaft (1981 bis 1989) kann er sich kaum noch erinnern. Politik interessiert ihn nicht mehr. Seine wenigen Besucher empfängt er höflich, aber er weiß nicht, wer sie sind. Sein Wortschatz wird immer kleiner. Ehefrau Nancy regelt alles, die großen und die kleinen Dinge. Denn Ronald Reagan leidet an der "Alzheimerschen Krankheit".
Reagan ist einer von rund vier Millionen Amerikanern, denen diese mysteriöse Rückbildung des Gehirns langsam, aber sicher Verstand und Identität raubt: Erst schwindet nur das Gedächtnis für frische Fakten, bald auch die Erinnerung an alte Zeiten; Interesse und Aufmerksamkeit lassen nach, die Hobbys schlafen friedlich ein; Vergeßlichkeit legt sich wie Mehltau auf alle Handlungen - Geld zählen, Haustür abschließen, lesen und schreiben.
Am Ende, nach fünf bis acht Jahren, weiß der Patient nicht mehr, wer er ist, wie man einen Löffel zum Munde führt und den Hosenknopf schließt. Der "Morbus Alzheimer" hat ihn fest umfangen, hat seine menschliche Existenz zerstört.
Bei der Sektion sieht das Gehirn klein und schrumpelig aus; Milliarden Nervenzellen sind zugrunde gegangen. Oft wiegt das Gehirn nur noch ein Drittel des Normalgewichts (Durchschnittswert bei Männern: 1375 Gramm; bei Frauen: 1245 Gramm).
Die Alzheimersche Krankheit, warnt das Deutsche Ärzteblatt seine Leser, ist "die Krankheit des Jahrhunderts". Auf die westlichen Industriestaaten mit ihrem hohen Anteil an Alten und Uralten in der Bevölkerung rolle eine "Epidemie der Verblödung" zu, vermuten Wissenschaftler. Im wiedervereinigten Deutschland, so die Schätzung, gebe es derzeit rund eine Million Alzheimer-Kranke. In 10, höchstens 15 Jahren soll sich ihre Zahl verdoppelt haben - erschreckende Perspektiven für den einzelnen und die Gesellschaft.
Medizinisch definiert wird die Alzheimer-Krankheit als "schwere, ständig fortschreitende, heute noch unheilbare Hirnleistungsschwäche". Der Name des Erstbeschreibers Alzheimer ist auf dem _(* An seinem 84. Geburtstag, am 6. ) _(Februar. )
besten Wege, neben "Röntgen" zu einem der bekanntesten deutschen Familiennamen zu werden - nach Diesel, aber noch vor Beethoven, Beckenbauer, Kohl oder Porsche.
Röntgen und Alzheimer waren bayerische Gelehrte: 1888 übernahm der Physiker Röntgen in der Universitätsstadt Würzburg einen Lehrstuhl, als der Kandidat der Medizin Alzheimer sein ärztliches Staatsexamen ablegte. Doch während Röntgens Entdeckung der "X-Strahlen" 1895 sofort Furore machte und der schüchterne Physiker zu Nobelpreis (1901) und Weltruhm emporstieg, blieb Alzheimers Verdienst fast ein Jahrhundert nahezu unbeachtet.
Das soll jetzt anders werden: Am Dienstag dieser Woche versammeln sich Deutschlands ordentliche Professoren der Psychiatrie im Mainstädtchen Marktbreit (unweit Würzburg) und eröffnen dort das renovierte Geburtshaus des Irrenarztes Alois Alzheimer als Gedenk- und Tagungsstätte. Der bescheidene Gelehrte soll endlich den ihm angemessenen Platz in der Medizingeschichte erhalten.
Verdient hat er''s - Alois Alzheimer (im Taufregister heißt er noch "Aloysius") vereinte in sich alle guten Eigenschaften, die der deutschen Medizin vor hundert Jahren (vorübergehend) den ersten Platz in der Welt verschafften.
Der Marktbreiter, Jahrgang 1864, zweiter Sohn eines königlich-bayerischen Notars, war von Kindesbeinen an ein Fan der Naturwissenschaften. Er botanisierte, färbte und mikroskopierte. Abends begoß sich Corpsstudent Alzheimer die Nase. In seiner Doktorarbeit beschrieb er den mikroskopischen Aufbau der menschlichen Ohrschmalzdrüsen, illustriert durch 15 eigenhändige Zeichnungen der Zellstrukturen.
Dem Mikroskop blieb Alzheimer sein Leben lang treu - und ihm verdankt er auch seine große Entdeckung. "Der Irrenarzt mit dem Mikroskop" nannten ihn seine Zeitgenossen. Damals galt das Wort "Irrenarzt" nicht als Schimpfwort, sondern war ein akademischer Titel. Alzheimer hat ihn in Frankfurt am Main erworben, als Medikus in der "Anstalt für Irre und Epileptische". Die hieß im Volksmund "Irrenschloß", denn sie war bombastisch neugotisch geraten, aus Spenden, die Alzheimers ärztlicher Vorgänger Heinrich Hoffmann, nebenbei Verfasser des weltberühmten "Struwwelpeter", eingesammelt hatte.
Im Irrenschloß arbeitete Alzheimer von Dezember 1888 bis März 1903. Während andernorts die Irren nur weggesperrt wurden, oft unter unmenschlichen Bedingungen, praktizierte man in Frankfurt moderne Psychiatrie, so gut es eben ging. Trinker kamen in eine Arbeitstherapie, Nervöse und Wahnkranke behandelte man mit dem 34 Grad warmen Dauerbad. Es gab Wachsäle, die Zwangsmaßnahmen wurden abgeschafft.
Einmal im Jahr gewährte der Herr Direktor seinen Assistenzärzten einen vierwöchigen Arbeitsurlaub, "eine herrliche Einrichtung", wie Alzheimer fand. Der Doktor - schon in jungen Jahren wohlbeleibt, mit einem Zwicker auf der Nase - verbrachte seine freie Zeit am liebsten im Labor. Aufregend fand er die hauchdünnen Gewebeschnitte des zentralen Nervensystems: Hinter den gleichartigen Symptomen seiner Patienten - Wahnvorstellungen, Gedächtnisverlust, Verblödung - verbargen sich offenbar ganz verschiedenartige Grundleiden.
Mangelnde Blutversorgung des Gehirns durch verengte Adern, als "Verkalkung" bezeichnet, war nur ein Grund. Mindestens ebenso häufig diagnostizierte Alzheimer aus seinen Gehirnschnitten ein Endstadium der Syphilis, die "progressive Paralyse", volkstümlich "Gehirnerweichung" genannt. Bei der Patientin Auguste D. paßte jedoch gar nichts zusammen.
Die 51jährige Frau war 1901 in das Irrenschloß eingewiesen worden. "Ihr ganzes Gebaren", erläuterte Alzheimer fünf Jahre später seinen Kollegen, "trug den Stempel völliger Ratlosigkeit." Die Frau fand sich nicht mehr zurecht, "beim Lesen kommt sie von einer Zeile in die andere, liest buchstabierend oder mit sinnloser Betonung". Beim Schreiben "versandet sie sehr rasch".
Gegenstände benennt die Kranke mal richtig, mal falsch. Oft fehlen ihr die Worte. Eine Tasse, notiert Alzheimer, nennt sie "Milchgießer". Über die eigene Unfähigkeit, die Auguste D. deutlich spürt, gerät sie oft in Wut. Alzheimer: Dann "schreit sie viele Stunden lang mit gräßlicher Stimme".
Die gründliche körperliche Untersuchung ergibt anfangs keine Auffälligkeiten. "Der Gang ist ungestört, sie gebraucht ihre Hände gleich gut", registriert Alzheimer. Auch Reflexe, Herz und Stoffwechsel sind ohne krankhaften Befund. Nach viereinhalb Jahren stirbt Frau D., am Ende ein Häufchen Elend, bettlägerig, inkontinent, wundgelegen, "allgemein verblödet", "völlig stumpf".
Alzheimer, mittlerweile Privatdozent an der Psychiatrischen Klinik der Münchner Universität, seziert das ihm von Frankfurt nachgesandte Gehirn. Es zeigt weder die Zeichen einer Syphilis noch die der Verkalkung. Vielmehr entdeckt der 42jährige Gelehrte drei Besonderheiten: *___In den Nervenzellen hat sich ein "noch nicht näher ____erforschtes pathologisches Stoffwechselprodukt ____eingelagert". *___Die "oberen Zellschichten" der Hirnrinde sind zu ____"etwa 1/4 bis 1/3 ganz verschwunden". *___Die Fortsätze der Nervenzellen, die ____"Neurofibrillen", lassen sich anfärben und "überdauern ____den Untergang der Zelle".
Das sind tatsächlich die drei anatomischen Beweise für ein Leiden, das sein Entdecker bescheiden einen "eigenartigen Krankheitsprozeß" nannte. Alzheimers Chef Emil Kraeplin war es, der damals der Fachwelt vorschlug, die neue Krankheit nach seinem tüchtigen Mitarbeiter zu benennen: "Morbus Alzheimer" oder "Alzheimersche Krankheit".
Die Kosten der Entdeckung hat der talentierte Irrenarzt zum großen Teil selbst getragen. Glücklicherweise _(* Mit einer Personalakte Alzheimers ) _(vom Pflegeamt der Frankfurter "Anstalt ) _(für Irre und Epileptische". )
hatte Alzheimer 1894 eine vermögende Witwe geehelicht (ihr erster Mann war an Gehirnerweichung gestorben). Die Enkel und Urenkel werden sich zur Feier in Marktbreit einfinden: Auf den Dienstag dieser Woche fällt der 80. Todestag des tüchtigen Vorfahren.
Organisiert wird das Revival von dem Frankfurter Psychiatrieprofessor Konrad Maurer, der die Pharmafirma Lilly zum Kauf des Alzheimerschen Geburtshauses ermuntert hat. Er selbst wird zu Ehren des großen Berufskollegen in der Kirche das Violoncello schaben, begleitet vom Münchner Psychiatrieprofessor Hans-Jürgen Möller, der die Orgel schlagen will.
Vorher werden sich die versammelten Gelehrten wissenschaftlich austauschen. Es gibt viel zu tun: Die Diagnose "Alzheimersche Krankheit" kann zu Lebzeiten des Patienten nur mit (bestenfalls) 95prozentiger Sicherheit gestellt werden, ihre Ursache ist nach wie vor unbekannt, ein Heilmittel gibt es nicht.
Aber nie wieder soll es so sein wie 1906, als Alois Alzheimer bei der 37. Versammlung Südwestdeutscher Irrenärzte in Tübingen 88 Kollegen über die neue "eigenartige Erkrankung der Hirnrinde" unterrichtete und keiner merkte, daß gerade die zukünftige Krankheit des Jahrhunderts vorgestellt wurde.
Damals, am 3. November 1906, nachmittags gegen halb vier, herrschte friedliche Stille, als Alzheimer seinen Vortrag beendet hatte. Das Protokoll verzeichnet: "Keine Diskussion." Y
* An seinem 84. Geburtstag, am 6. Februar. * Mit einer Personalakte Alzheimers vom Pflegeamt der Frankfurter "Anstalt für Irre und Epileptische".

DER SPIEGEL 51/1995
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