18.12.1995

SchiffsunglückeRohre wie Blätterteig

Der französischen Klassifizierungsgesellschaft, die auch die Sicherheit der „Estonia“ bescheinigte, werfen Fachleute Nachlässigkeit vor.
Zwei Monate hatte Aleksej Selter-Belajew als Chief Engineer auf dem Tanker MT "Pallieter" gearbeitet. Als er in Rotterdam von Bord ging, sandte er der niederländischen Reederei Shipyard De Schroef am 30. September 1991 seinen Abschlußbericht.
Die "Pallieter", notierte er, "war das schlechteste Schiff während meiner 35jährigen Fahrtzeit. Als Eigentümer und Werftbesitzer sollten Sie sich eigentlich schämen, solch einen Schrottdampfer in Fahrt gehen zu lassen". Vorzeitig schied Selter-Belajew aus dem Heuervertrag.
31 Mängel waren dem Ingenieur während der Fahrt aufgefallen. "Diverse Rohrleitungen", monierte er, seien total verrostet gewesen und hätten nur noch aus "Blätterteig" bestanden. Eine Gasöltransferleitung war gerissen und provisorisch geflickt worden. Wegen ständiger Leckagen lief gelegentlich Öl über Bord, manchmal ins Hafenbecken.
Der elektrischen Hauptschalttafel attestierte Selter-Belajew einen "katastrophalen Zustand". Die Kabel seien "alt und brüchig, teilweise überlastet". Zwei Schalttafelbrände während der Fahrt hatten die Besatzung in unmittelbare Lebensgefahr gebracht. Die "Pallieter" war mit 2500 Tonnen hochentflammbarem Ethylbenzol unterwegs gewesen.
Die Kritik des Bordingenieurs hatte Folgen. Ende 1991 wurde die "Pallieter" umfangreich repariert. Dennoch wirft der Vorfall einen tiefen Schatten auf das Sicherheitsniveau der internationalen Seeschiffahrt. Denn solche Mängel hätten nicht erst dem Bordingenieur auffallen dürfen. Jährlich, so schreiben es internationale Richtlinien vor, müssen neutrale Experten an Bord kommen und den Zustand des Schiffes beurteilen, ähnlich wie TÜV oder Dekra regelmäßig Hauptuntersuchungen bei Autos vornehmen.
Im Falle der "Pallieter" handelte es sich um Mitarbeiter des Bureau Veritas, einer international anerkannten Klassifizierungsgesellschaft mit Sitz in Paris und der weltweiten Verantwortung für etwa 7000 Schiffe. Im Juni 1991 waren die Veritas-Kontrolleure zuletzt an Bord der "Pallieter" gewesen, kurz nach einem Umbau des Gastankers zum gewöhnlichen Tankschiff.
Dabei, erklärt Werner Buhr, leitender Techniker im deutschen Büro der Gesellschaft, haben die Inspektoren sich im wesentlichen auf die Umbauten konzentriert und den vorhandenen Installationen "keine große Aufmerksamkeit" gewidmet. Das sei jedoch nicht zu rechtfertigen, gesteht Buhr ein. Die Kritik des Chefingenieurs sei "sachlich richtig" gewesen.
Eine Nachlässigkeit der Gutachter auf der "Pallieter" lastet um so schwerer auf der französischen Gesellschaft, als sie seit dem Untergang der "Estonia" unter erhöhtem Rechtfertigungsdruck steht. Im Auftrag der estnischen Regierung hatte Bureau Veritas die Sicherheitszeugnisse für die Unglücksfähre ausgestellt. Doch eine Freigabe für die Fahrt auf hoher See hätte wegen offensichtlicher Mängel nie erfolgen dürfen: Auf dem Fahrzeugdeck der "Estonia" fehlte ein - womöglich lebensrettendes - zusätzliches Kollisionsschott hinter der Bugrampe (SPIEGEL 12/1995). Das Schiff war nur für die Fahrt in Küstengewässern konstruiert worden.
Während die Schuldfrage am "Estonia"-Unglück noch immer von internationalen Experten hin und her gewendet wird, sehen einige Fachleute ein entscheidendes Versäumnis bei der Klassifizierungsgesellschaft. So erklärte der Hamburger Kapitän und Havariesachverständige Werner Hummel: "Wenn ich Verantwortlicher bei Bureau Veritas wäre, würde ich nicht gut schlafen."
Schiffsingenieur Selter-Belajew geht noch entschiedener auf Distanz zu den umstrittenen Gutachtern: "Ein Schiff, das von Bureau Veritas klassifiziert wurde, betrete ich nicht mehr."

DER SPIEGEL 51/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Schiffsunglücke:
Rohre wie Blätterteig

  • Trump attackiert eigene Partei: "Die Republikaner müssen härter werden"
  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Johnson droht Parlament: "Dann muss es Neuwahlen geben"
  • Dänemark: Leuchtturm wird verschoben