18.12.1995

Erst die Fresse, dann die Moral

Wenn diese Nase nicht wäre, die bei der Oberlippe Halt sucht; die Augenbrauen, auf die Waigel zu Unrecht das Copyright erhalten hat, und dieser schiefe, fast frauliche Mund - dann hätte aus dem Mann vielleicht noch etwas werden können. So aber blieb ihm keine Wahl: Er konnte nur Schauspieler werden. Denn jemand wie Gottfried John wird sein Gesicht immer wie eine Bringschuld mit sich herumschleppen: Hat dieser Kerl das Profil, das sein Gesicht verspricht?
Es ist wie eine Gleichung mit mehr als drei Unbekannten - man kann auf diesem Gesicht mit den Augen spazierengehen, ohne weiterzukommen. Deshalb wohl haben sich irgendwann die Regisseure dieser Welt darauf geeinigt, daß es hervorragend geeignet ist als Ausdruck des Schlechten schlechthin. Eine Visage, der man alles zutraut - und das Niederträchtige, das abgrundtief Gemeine, das Verschlagene sowieso. Volker Schlöndorff allerdings wagte es, John in dem soeben abgedrehten Film "Der Unhold" als warmherzigen Förster zu besetzen.
In "Goldeneye" aber leiht der 53jährige John mal wieder dem Bösen sein Gesicht, dennoch vergißt er nicht, sein eigenes zu wahren. Zwar hätte er Besseres verdient, als - wie all die anderen deutschsprachigen Schauspieler vor ihm, Gert Fröbe, Curd Jürgens, Klaus Maria Brandauer - erneut den Schurken abzugeben; aber er ist das Beste, was Bond passieren konnte: Wie im klassischen Märchen hat der Gute ohnehin das Sagen, deshalb muß die Rolle des Fieslings keine wirklich beredte sein. Viel wichtiger ist, auf der Leinwand einen Kopf zu zeigen, der für sich spricht.
Gottfried John war von Anfang an klar, was seine Aufgabe ist. Noch vor Drehbeginn sagte er, befragt nach seiner Rolle als russischer General Ourumov, einen Satz, der bewies, daß er seinen Part genau kannte: "Ich bin sicher, daß James Bond auch diesmal siegen wird."
Vielleicht hatte er sich da aber auch nur schon daran gewöhnt, böse Miene zum braven Spiel zu machen. Und gelernt, den Standard so gekonnt zu variieren, daß dem Publikum seine Gesichts-, nicht die dahinter verborgenen Charakterzüge vertraut vorkamen.
Eine Rolle vorwärts ist der Bond-Konterpart aber nicht für John - schon zu Beginn seiner Karriere schwärmten Kritiker von seiner "faszinierend häßlichen Fresse", "dieser Mischung aus Jean-Paul Belmondo, Sammy Davis Jr. und Anthony Quinn".
Genauso gut erinnert sich John aber an die Zeit, als er nicht ins Bild paßte: "Ich würde eher sagen, ich habe mich trotz meines Gesichtes durchgesetzt." Als er mit 20 plötzlich den Wunsch verspürt, Schauspieler zu werden und sich in der Privatschule der Frau Ludwig in Berlin vorstellt, da sagt die zu ihm, er solle sich die Haare aus der Stirn schneiden und die zweimal gebrochene Nase begradigen lassen, und die Stimme müsse natürlich auch höher werden - "dann", vertröstet sie ihn, "sehen wir weiter".
Nur er selbst konnte sich mühelos vorstellen, "endlich die Helden zu spielen, auf die ich innerlich schon so lange vorbereitet war. Ich sah eben bloß nicht so aus".
Es war, als hätte ihm seine Physiognomie, das Riesenhafte und Störrische an ihm, ein anderes, ein besonderes Leben diktiert. Einer, der sich traurig vor den Spiegel stellt - behaupten Wissenschaftler - und sich zu einem Lachen zwingt, ist nach ein paar Minuten tatsächlich guter Dinge. Vielleicht war es mit John ähnlich: Erst war da dieses Gesicht - in sich falsch, aber an sich richtig -, und dann kleckerte das passende Leben hinterher.
Seine Biographie ist eine Aneinanderreihung von Brüchen. Er wächst als Staatsmündel in einem Heim für schwererziehbare Jungen auf, wo die Fingernägel so kurz geschnitten werden, daß Blut fließt, und sich bei ihm das Gefühl festsetzt, immer "der Fremde" zu sein. Mit 18 hat er die Schnauze voll und haut ab. Er geht nach Paris und verdient sich sein Geld als Pflastermaler. Wenn er die Münzen, die ihm die Touristen für den sorgfältig gemalten Madonnen-Faltenwurf spendieren, nicht verzockt, kommt er über die Runden. Zur Not wärmt er sich in der Post auf und zeigt sein schauspielerisches Talent: Stundenlang täuscht er vor, eine Karte zu schreiben, aus Angst vor der Kälte.
Aber jung zu sein und ohne Plan ist keine Dauerbeschäftigung. Nach zwei Jahren macht er sich auf den Weg zurück nach Deutschland. James Dean ist sein Idol, und in Berlin gibt es das Max-Reinhardt-Seminar. Er muß nur noch vorsprechen, dann kann nichts mehr schiefgehen: "Ich dachte mir, die müssen sehen, daß ich begabt bin - das ist ganz klar." Nichts ist klar, alles geht schief, er fällt durch die Aufnahmeprüfung, und niemand hat ein Auge für seine Begabung.
"Aber man hatte mir so oft erzählt, daß etwas nicht ginge, und es ging dann doch", sagt John. Also versucht er es mit Privatunterricht und danach in der Provinz. Er will die großen Rollen und bekommt die kleinen - immerhin aber so viel Gage, daß er sich einen Porsche, wie ihn auch Jimmy fährt, zusammensparen kann. Der steht zwar oft vor der Tür, weil der Sprit teuer ist, aber John ist schon ein Stück näher an seiner Vorstellung von dem, was ein Schauspieler sein soll. Es dauert nicht mehr lange, und er ist endlich einer. Denn in Krefeld begegnet er "einem pickligen Jungen mit zu kurzen Hosen, der sagte, er sei Regisseur und ob wir nicht was zusammen machen sollen". Der Bursche heißt Hans Neuenfels, ist 25 und gilt nach ein paar Skandalen als Enfant terrible der Theaterszene. In seiner Wohnung proben sie Handkes "Publikumsbeschimpfung".
Danach spielt er Richard III., Marat, Robespierre, Macbeth. Richtig bekannt, so berühmt, daß ihn der Bürger auf der Straße um Rat in allen Lebensfragen bittet, wird er aber erst durch seine Filmrollen: als "Jaider, der einsame Jäger" und 1972 als Werkzeugmacher Jochen in Fassbinders Fernsehserie "Acht Stunden sind kein Tag".
Als er anfängt, sich in "dieser Rolle zu verhalten" und die schulterklopfende Vereinnahmung des Publikums zu hassen, zieht John es vor, unbehelligt und ruhig und von der Stütze zu leben. Er will Schauspieler sein, kein Selbstdarsteller. "Der Star, der stempeln geht", schreibt der Stern. "Ich habe damals gemerkt, daß alle anderen verrückt sind", sagt er und kichert. Fassbinder schafft es, ihn zurückzuholen. Rainer Werner Fassbinder, in Johns Erinnerung "ein fettes, unartiges Kind", und Gottfried John - das ist die Verbindung zwischen zwei Extremen, die sich an einem Punkt treffen können, ohne sich zu verbiegen. Neun kompromißlose Filme, darunter "Die Ehe der Maria Braun", "Berlin Alexanderplatz" und "Lili Marleen", machen sie zusammen, daneben ein paar Theaterstücke am Frankfurter TAT. Zwischendurch dreht John mit Billy Wilder und Hans W. Geissendörfer.
Über das Verhältnis zwischen Reinhold, seiner Rolle in "Berlin Alexanderplatz", und der Hauptfigur Franz Biberkopf sagt John: "Sie waren ganz verschieden, aber jeder war das Alter ego des anderen. Das war wohl genau der Punkt, der Fassbinder faszinierte: Das Gute und das Böse und daß das im Grunde ein und dasselbe ist."
Johns Alter ego stirbt 1982 an einer Überdosis Kokain. "Ich habe immer damit gerechnet", erzählt John, "und Rainer selbst auch. Denn er wollte immer das intensivste, nie das abgesichertste Leben."
Es bleibt John nichts anderes übrig, als sich weiter darum zu kümmern, daß das Leben unsicher bleibt. "Keine Ahnung, was ich nächstes Jahr mache. Das hat mich nie interessiert. Ich habe in so vielen verschiedenen Leben gelebt und weiß, das jedes so aussieht, als wäre es das scheinbar richtige." Und er wird auch längst begriffen haben, daß sein Gesicht für so viele verschiedene Leben das einzig Wahre ist - schließlich hat jeder das Gesicht, das er sich verdient hat. Anuschka Roshani
Von Anuschka Roshani

DER SPIEGEL 51/1995
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