18.12.1995

FilmKomplizen gesucht

„To Die For“. Spielfilm von Gus van Sant. USA 1995.
Sie kennen Suzanne Stone nicht? Das muß anders werden - findet wenigstens Suzanne Stone. Und da Stars nun mal am besten von fern flimmern, haben anfangs die Komparsen das Wort: Zehn lange Minuten dürfen Freunde, Feinde und Eltern vor der neugierigen Kamera bekennen, wie unwiderstehlich das propere Girl aus dem Provinznest Little Hope ist.
Erst dann tritt sie selbst auf. "Mal ehrlich, es ist doch sinnlos, wenn du etwas tust und keiner sieht dir zu", flötet sie ins Objektiv und beginnt zu erzählen: von ihren fabelhaften Lebensplänen, ihrer Traum-Ausbildung, ihrer Hochzeit mit dem Sonnyboy aus der Nachbarschaft, ihrem Start als Wetterlady bei der örtlichen Fernsehstation. Aber seltsam, je länger das blonde Abziehbild (wunderbar gespielt von Nicole Kidman) die Linse anhimmelt, je flinker sie ihre Phrasen vom amerikanischen Erfolgsmärchen herunterspult, desto mehr Zweifel weckt sie beim Zuschauer.
Denn in Wahrheit - das ist der Dokumentar-Trick in Gus van Sants schräger Mediensatire "To Die For" - sucht Suzanne Komplizen. Zumindest Sympathie braucht sie dringend, genau wie die Größen der letzten Fernseh-Prozeßspektakel von Tonya Harding bis O. J. Simpson: Ist sie doch für Ruhm und Karriere über eine Leiche gegangen - die ihres jungen Gatten.
Larry (etwas matt: Matt Dillon) hatte nie begreifen können, weshalb Suzanne unbedingt prominent werden wollte. So war sie schließlich darauf gekommen, daß sein Tod dafür die beste Chance böte. In der Rolle der Sozialreporterin hatte sie drei junge Streuner umgarnt, einen von ihnen, den geilen, debilen Jimmy (Joaquin Phoenix in einer Glanzrolle), sogar ins Bett geholt und mit Erfolg zum Töten ermuntert. Durch ein perfektes Alibi gesichert, badete sie hinterher als fassungslose Witwe im Blitzlichtgewitter.
Daß die Polizei dann doch nicht bloß die drei Killer-Kids verdächtigt, liegt nur an Suzannes Übereifer - oder daran, daß der Regisseur, bisher ein Idol des unabhängigen US-Kinos, diesmal aus Marktkalkül nicht ganz auf Schuld und Sühne verzichten mochte. Die Antiheldin mußte büßen, obwohl Gus van Sant, dank langer Video-Erfahrung ein Meister im Timing, mit seiner Kamera-Verführungskunst aus Suzanne leicht die Bildschirmheldin hätte machen können, die sie immer werden wollte.
So aber bleibt dem Regisseur statt vollendeter Ironie am Schluß nur eine magere Pointe: Kein Richter, sondern ein Mafioso (David Cronenberg) darf, von Profi zu Möchtegern-Profi, mit dem durchgedrehten Medienmädel abrechnen.

DER SPIEGEL 51/1995
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