18.12.1995

MuseenSammeln lernen

Die Museen in Osteuropa kämpfen mit Geldnot und Chaos. Dennoch wagt Prag eine Neueröffnung.
Jeden Morgen, bevor sich die Tore des Museums für Bildende Künste in Budapest öffnen, müssen erst einmal Putzkolonnen durch die Säle ziehen. Vorsichtig werden die Krümel weggewischt, die über Nacht auf die Bilderrahmen gefallen sind. Weil es an Geld für Reparaturen fehlt, bröckelt die Farbe von der Decke, bei Regen bilden sich Pfützen auf den Fluren.
Vor einiger Zeit kündigte das Museum für Moderne Kunst in Prag voller Stolz eine große Schau aus dem New Yorker Whitney-Museum an. Ein halbes Jahr später zog das Whitney seine Zusage zurück. Die Tschechen hatten noch immer keinen Termin für die Eröffnung nennen können.
Der Warschauer Galerie für Gegenwartskunst "Zacheta" wurden jüngst zwei Leihgaben angeboten, prominente Bilder von Balthus und Francis Bacon. Doch das Institut, Polens erste Adresse für moderne Kunst, mußte absagen. Das Haus verfügt weder über Mittel für die Leihgebühren noch über eine brauchbare Klimaanlage.
Sechs Jahre nach dem Fall des Kommunismus herrschen in den Museen Osteuropas vielfach katastrophale Zustände. Befreit von Zensur und Kontrolle, kämpfen die Sammlungen nun mit Sparzwängen und Mißmanagement.
Viele Etats sind seit 1989 nahezu eingefroren und werden nun durch die Inflation de facto dezimiert: Längst fällige Reparaturen unterbleiben, Neuerwerbungen sind kaum noch möglich, und die Gehälter der Mitarbeiter liegen zumeist unter der Armutsgrenze. Selbst ein Kustos verdient nur etwa 300 Dollar monatlich.
"Die Leute haben nicht einmal mehr Geld für Briefmarken, um Einladungen zu verschicken", sagt Elzbieta Grygiel von der Stefan Batory Stiftung in Warschau, einem zur Kunstförderung eingerichteten Institut des amerikanischen Mäzens George Soros. Im Kommunismus habe "der Staat den Museen wenig gegeben, jetzt kriegen sie gar nichts".
Das mag übertrieben sein; tatsächlich aber hat die Revolution des Jahres 1989 vielen Sammlungen mehr geschadet als genützt. Kulturförderung gilt als zweitrangig - zum Zorn der Betroffenen: "Kunst ist etwas, was bleibt", mahnt Anda Rottenberg, Direktorin der Warschauer Zacheta-Galerie. "Was sonst sollen wir unseren Nachkommen hinterlassen?"
In Ländern wie Polen und Ungarn, deren kommunistische Regime bereits eine relativ liberale Kulturpolitik betrieben hatten, blieben die Direktorenposten auch nach der Wende vielerorts in alter Hand. In der Tschechoslowakei hingegen wurden die Funktionäre durch ehemalige Dissidenten ersetzt. Damit gingen persönliche Kontakte verloren, die für den Alltag wichtig gewesen waren. Die Folgen sind chaotisch: Seit 1990 haben die Tschechen drei Kulturminister und drei Leiter der Nationalgalerie verschlissen.
"Es ist unmöglich, bei diesem ständigen Hin und Her Pläne zu machen", klagt JirI Sevcik, jüngst entlassener Direktor des Prager Museums für Moderne Kunst. "Die Museen kommen nur durch Zufall zu irgendeiner Ausstellung und nehmen das, was gerade so auf dem Markt ist."
Solchen Erfahrungen widerspricht nur scheinbar jene gute Nachricht, die vorige Woche aus Prag kam: Endlich ist im wiederhergestellten Messepalast das Museum für Moderne Kunst als weitgehend eigenständige Dependance der Nationalgalerie eröffnet worden - laut dessen derzeitigem Direktor Martin Zlatohlavek "ein Jahrhundertereignis". Anspruchsvolle Ausstellungen sind vorgesehen, doch das "Hauptproblem" heißt, wenig überraschend, "Geldmangel" (Zlatohlavek). Das Museum soll sogar die Umbaukosten großenteils an den Staat zurückzahlen, und das, obwohl Teile des Messepalasts kommerziell genutzt werden.
Nicht nur die Tschechen erhoffen Hilfe von der Wirtschaft. Nach westlichem Vorbild wollen auch andere Staaten Osteuropas möglichst viele Kultur-Aufgaben in private Hände legen. Ungarns Kulturminister Gabor Fodor wies kürzlich sämtliche Museumsdirektoren an, einen besonderen Fonds für Sponsoren einzurichten.
Einen ersten Erfolg erzielte die ungarische Nationalgalerie im vergangenen Frühjahr. Dem größten Kunstmuseum des Landes, mit Sitz im ehemaligen Königspalast hoch über der Donau, gelang der Abschluß eines Sponsorvertrags mit dem Mobiltelefon-Konsortium Pannon GSM. Aus Rücksicht auf die wachsende Armut im Lande wurde über die gestiftete Summe Stillschweigen vereinbart, angeblich liegt sie, nach internationalem Maßstab bescheiden, bei 100 000 Dollar pro Jahr.
Die Direktoren kleinerer Museen können von solchen Summen nur träumen. Sie müssen Personal entlassen, ihre Bilder möglichst häufig zu Ausstellungen in den Westen schicken und ihre schönen Sammlungen als dekoratives Ambiente für Bankette und Filmproduktionen vermieten.
"Wir müssen das Geldsammeln erst lernen", gesteht Katalin Neray, die Direktorin des Ludwig-Museums in Budapest. Allerdings fehle es noch an den notwendigen rechtlichen Voraussetzungen.
Anders als etwa in Polen sind in Ungarn steuerfreie Schenkungen an Museen nicht möglich. Und so geraten vor allem die ganz kleinen Häuser in Existenznot. _(* Oben: am vergangenen Mittwoch mit ) _(Staatspräsident Vaclav Havel (M.); ) _(unten: mit Skulptur von Georg Baselitz. )
Anfang dieses Jahres kündigte die Stadtverwaltung im ungarischen Györ die Schließung ihres Geschichts- und Kunstmuseums an - aus purer Geldnot. Nach heftigen Reaktionen wurde der Beschluß immerhin vorerst ausgesetzt.
Gelegentlich bedrängen die neuen Herren Osteuropas die Museen ihrer Länder auch politisch. So verlangte die erste postkommunistische Regierung Ungarns, es solle verstärkt nationale Volkskunst gefördert werden. "Doch es blieb meistens bei der Rhetorik", berichtet Katalin Neray. "Sie konnten nicht genug gute Künstler und Direktoren finden, die mitmachen wollten."
Aus der Geldnot der öffentlichen Kulturinstitute und der Ahnungslosigkeit der neuen Prominenz hat der Tscheche JirI Svestka seinen eigenen Schluß gezogen. Der einstige Direktor des Düsseldorfer Kunstvereins, der 1992 auch einmal als Chef im Prager Museum für Moderne Kunst vorgesehen war, dann aber ausgebootet wurde, hat soeben - mit städtischer Mietvergünstigung - in einem prächtigen Altstadthaus eine Privatgalerie für Kunst des 20. Jahrhunderts eröffnet. Bei Unternehmern, Anwälten und Empfängern von Entschädigungen vermutet Svestka genügend Geld und auch Interesse für einen erfolgreichen Handel. Y
* Oben: am vergangenen Mittwoch mit Staatspräsident Vaclav Havel (M.); unten: mit Skulptur von Georg Baselitz.

DER SPIEGEL 51/1995
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