18.12.1995

AutorenWas ist los, Schwestern?

Bernuth, 34, lebt als Publizistin in München.
Carmen, Mitte 30, sieht blendend aus, managt ihren Job mit links und hat nur ein Problem: Männer, die immer können, immer wollen. Männer, die es "am Tag viermal" brauchen und jede Abfuhr stockbeleidigt persönlich nehmen ("Du liebst mich nicht mehr!").
Carmen, restlos genervt, will endlich einen Kerl, der "nicht seinen Penis, sondern sie anbetet", mit dem sie "feiern, leben und reden kann, ohne ständig von einem erigierten Glied bedrängt zu werden". Also schaltet sie eine Anzeige. "Wanted: Klaren Männerkopf. Bedingung: Intelligenz und Impotenz."
Erotik ja, aber bitte ohne penetrierende Gelüste - "Suche impotenten Mann fürs Leben" lautet der Titel des Manuskripts, mit dem sich die bis dahin völlig unbekannte Autorin Gaby Hauptmann auf die Suche nach einem Verleger machte.
Piper griff zu und dürfte die Entscheidung nicht bereut haben. Im Juni erschien das Werk als Taschenbuch, Auflage bislang: mehr als 250 000 Stück, Tendenz rasant steigend. Acht Filmfirmen standen Schlange für den Stoff; den Zuschlag erhielt die Berliner Filmproduzentin Regina Ziegler.
Gaby Hauptmann, im Hauptberuf Filmemacherin für den Hessischen Rundfunk, liest in überfüllten Räumen vor fast ausschließlich weiblichem Publikum und bekommt dazu noch Hunderte von Leserinnenbriefen, Tenor: Endlich sagt mal eine auf die witzige Tour, wie es wirklich ist.
Ist es wirklich so schlimm? Eins haben die neuen komischen Heldinnen auf dem Buchmarkt jedenfalls allesamt gemeinsam (neben der Tatsache, daß sie durch die Bank attraktiv und erfolgreich sind): Streß mit beschränkten Typen.
Das scheint im Trend zu liegen. Vergeßt Günter G. und Martin W. - die wahren Erfolgsautoren der neunziger Jahre sind weiblich. Im Zeitalter angeblich nachlassender Leselust mobilisieren literarische No-Names wie Gaby Hauptmann, Hera Lind, Tina Grube _(* Mit Katja Riemann. )
und Karin Luginger Käufer en masse*.
In zahlreichen Buchhandlungen gibt es inzwischen Sondertische an exponierter Stelle für sogenannte Frauenkomödien im Taschenbuchformat. Dabei hält sich der Wortwitz arg in Grenzen: _____" Ich bin doch keine Henne, die mit wackelndem Popo " _____" hinter dem stolzen Hahn herwatschelt und so tut, als " _____" würde sie die Aussicht brennend interessieren, nur um " _____" einmal auf sein Kanapee geworfen zu werden, bis die " _____" Federn fliegen?! . . . Hab ich das dienstgradmäßig " _(* Tina Grube: "Männer sind wie ) _(Schokolade". Fischer Taschenbuch Verlag, ) _(Frankfurt am Main; 144 Seiten; 9,90 ) _(Mark. - Gaby Hauptmann: "Suche ) _(impotenten Mann fürs Leben". Piper ) _(Verlag, München; 320 Seiten; 14,90 Mark. ) _(- Hera Lind: "Ein Mann für jede Tonart". ) _(288 Seiten; 14,90 Mark. "Die ) _(Zauberfrau". 528 Seiten; 16,90 Mark. ) _(Beide Fischer Taschenbuch Verlag, ) _(Frankfurt am Main. - Karin Luginger: ) _("Männer fallen nicht vom Himmel". Heyne ) _(Verlag, München; 144 Seiten; 9,90 Mark. )
nötig? Am hellichten Tag rumtrüffeln?
Was begeistert mehr als 700 000 Leserinnen an Hera Linds "Die Zauberfrau", einem Roman, in dem sich eine Ich-Erzählerin namens Charlotte Pfeffer in dröger Ausführlichkeit über ihren dicklich-faden Ehemann Ernstbert, ihren eitlen Möchtegern-Liebhaber Justus und ihre nicht ausbaufähige Rolle als Ärztin in einer Seifenoper beschwert?
Irgendwann hat Charlotte die Faxen dicke und feiert tolle Tournee-Erfolge mit einem offenbar urkomischen, aber nie näher erläuterten Kabarettprogramm. Angereichert ist der zähe Plot mit Haha-Effekten der ultrabiederen Art ("Huch! Herr Steuerberater! Was ficht Sie an?"), und im letzten Drittel wandelt sich schließlich - wer''s glaubt, wird selig - der langweilige Stubenhocker Ernstbert in den kreativen Vater und liebevollen Gatten Ernstbert.
Musikstudentin steht zwischen zwei Männern, den einen findet sie attraktiv und sexy, den anderen nur ganz nett. Wieso die Lady nicht einfach Klartext redet, bleibt ihr Geheimnis. Macht nichts, Hera Linds erster Roman "Ein Mann für jede Tonart" wurde auch ihr erster Megaseller und zur Belohnung noch verfilmt.
Moderedakteurin sucht Lover, findet schließlich häßlichen, aber netten Fotografen: Ebenfalls bestens verkauft sich die laut Klappentext "heitere Odyssee" von Karin Luginger, Titel: "Männer fallen nicht vom Himmel", deren angeblich ironische Grundhaltung sich in so faszinierenden Erkenntnissen erschöpft wie: "Männer! Waren diese befremdlich konstruierten Geschöpfe wirklich unabdingbar im Leben einer Frau? Ja, verflixt noch mal, das waren sie!"
Frau will Mann fürs Leben - auf dieses platte Fazit laufen die von der jeweiligen Verlagswerbung allen Ernstes als "frech und amüsant" oder "witzig und frivol" gepriesenen "neuen Frauenkomödien" hinaus, deren Titel a la "Männer sind wie Schokolade" (Tina Grube) meist für sich sprechen. Tut nichts: Frauen haben Hera Lind zur Auflagenmillionärin mit eigener Talkshow gemacht, Frauen haben dafür gesorgt, daß Tina Grubes Schokoladenmänner (Frau aus Werbeagentur sucht Lover, verknallt sich in ihren Auftraggeber) seit Juli 100 000mal über den Ladentisch wanderten. Was ist los, Schwestern? Tomaten auf den Augen?
Ärgerlich an diesen Null-Storys ist ja nicht nur der eklatante Mangel an erzählerischer Phantasie (daß Mann immer im Mittelpunkt weiblichen Erlebens stehen muß, reduziert die Handlungsmöglichkeiten auf altbekannte Konstellationen). Vielmehr erfüllen sie - Beispiel Tina Grube - auch noch freiwillig alle Klischeevorstellungen männlicher Stammtischbrüder über weibliche Dämlichkeit: _____" Da lag sie nun, die Botschaft eines Mannes . . . " _____" Lockere fünfhundert Kilometer " _____" lagen zwischen uns. Per Luftlinie gerechnet und mal ganz " _____" abgesehen von einem ganzen Strauß an Fragen. Aber - du " _____" hast es ja so gewollt, sinnierte ich. Immer auf der Suche " _____" nach neuen Herausforderungen. So, wie es sich für mich " _____" als Erfolgswesen gehörte. "
Daß sich eine Frau für ein Erfolgswesen hält, bloß weil sie sich als Wahl-Hamburgerin in einen Typen jenseits der Main-Linie verliebt, sollte selbst Nicht-Feministinnen auf die Palme treiben. Dazu kommt die so naive wie geschwätzige Diktion, die an pubertierende Mädels erinnert und - wiederum so ätzend typisch weiblich - jede kleine Seelenblähung zum Anlaß weitschweifig-weinerlicher Erörterungen nimmt.
So lassen die Autorinnen ihre Heldinnen gern "stumme Zwiesprache" mit "der Lieblingspalme" halten und dabei scherzhaft über die Frage räsonieren, ob eine Frau mit 34 das "Verfallsdatum überschritten" habe. Denn "auf den Joghurtdeckeln hieß es ja immer mindestens haltbar bis . . ." (Karin Luginger). Was das Patriarchat nicht mehr fertigbringt, schaffen Hera Lind & Co. mit links: die totale Verdummung an der Frauenfront.
Geschildert wird zwar stets die coole, intelligent-kritische Powerfrau, die Job, Haushalt und Liebe locker meistert und dummen Männern schlagfertig eins auf die Mütze gibt. Spätestens auf Seite fünf stellt sich allerdings jedesmal heraus, daß die Business-Ladys nie etwas anderes als romantische Verwicklungen im Sinn haben, was sie letztlich so altbacken urkomisch macht wie die Heldinnen von Arztromanen.
Vom verdreht-absurden, gar nicht witzigen Männerbild, das zu allem Überfluß verbreitet wird, mal abgesehen: Männer als solche, weiß ja jeder, sind grundsätzlich egoistisch, geil, langweilig und unsensibel - Erkenntnisse, die die Protagonistinnen allerdings nie dazu bringen, diesen öden Monstern konsequent zu entsagen.
Vielmehr wird zwischen den Zeilen Geduld gepredigt, denn im letzten Drittel taucht todsicher Mr. Right auf, der endlich genau alle wunderbaren Eigenschaften in sich vereinigt. Und schon haben wir das altbekannte Phantom der weibliche Bedürfnisse sensibel erahnenden Machos mit Beschützerqualitäten, treu, zärtlich, endlos sexy. Und natürlich das Happy-End.
Dabei fing alles so vielversprechend an. Vor acht Jahren veröffentlichte die Frankfurter Soziologin Eva Heller einen witzigen Roman über Theorie und Praxis des Geschlechterkampfs: "Beim nächsten Mann wird alles anders" - gelungene Persiflage auf Pseudo-Emanzentum und Möchtegern-Softies mit Mackerseele, als ironischer Abgesang auf die feministische Jammerliteratur konzipiert. Mit Erfolg. Propagandistinnen weiblichen Selbstmitleids wie die sich progressiv gebärdende Autorin Svende Merian ("Der Tod des Märchenprinzen") waren fortan als Klageweiber alter Schule enttarnt, die Männern in die Schuhe schieben wollten, was sie selber zu verantworten hatten - Mißgriffe bei der Partnerwahl etwa.
Diese Entwicklung wiederum weckte damals kühne Hoffnungen auf eine deutsche Frauenliteratur im Fay-Weldon-Stil: brillant, satirisch, entlarvend, kämpferisch, die sich von typisch weiblichen Irrtümern distanziert, anstatt sie auch noch auf die eigenen Fahnen zu schreiben.
Fehlanzeige. Wirklich gute Frauenbücher, witzig oder nicht, kommen nach wie vor aus England und Amerika - was man gerechterweise den derzeitigen deutschen Erfolgsautorinnen nicht wirklich vorwerfen kann. Die erfüllen nur Bedürfnisse einer Leserinnenschaft, die von Harmoniesucht einerseits und tiefer Ratlosigkeit andererseits geprägt scheint: Die deutsche Durchschnittskonsumentin will offenbar nicht aufgerüttelt oder wenigstens intelligent unterhalten, sondern vor allem nach der Istdoch-gar-nicht-so-tragisch-Devise beruhigt werden.
So wurde vor allem Gaby Hauptmann zur unfreiwilligen Adressatin zahlreicher frustrierender Lebensbeichten über real existierende Beziehungspleiten mit unsensiblen Potenzprotzen. Leserinnen berichteten über Ehemänner, die das Tragen von Reizwäsche zu erzwingen suchten, von Liebhabern, die ihre Partnerinnen als frigide beschimpften, nur weil die nicht täglich Lust auf Sex hatten: Offenbar gibt es immer noch eine Menge Frauen, die sich von Männern eine Menge Blödsinn einreden lassen.
Statt Geschlechterkampf auf dem Papier Lebenshilfe für Frustrierte im Zeitalter der Post-Emanzipation? Wirklich deprimierend ist jedenfalls nicht nur die mangelhafte literarische Qualität dieser Romane, sondern ihr riesiger Erfolg, der niederschmetternde Rückschlüsse auf die Trostlosigkeit deutscher Beziehungskisten geradezu erzwingt. Wer keinen unsensiblen Schnarchsack a la Ernstbert zu Hause sitzen hat, würde "Die Zauberfrau" nach den ersten drögen Szenen doch ganz schnell wieder aus der Hand legen.
Viele begeisterte Leserinnen lassen hingegen verdammt tief blicken. Um so schlimmer, daß sie von Hera Lind - Happy-End muß her! - auch noch aufs Glatteis geführt werden. Kein Saulus-Gatte wird zum Paulus-Gatten, bloß weil sich die Ehefrau vier Wochen lang auf Tournee selbst verwirklicht.
Da lobt man sich doch die herrlich humorlosen Trivialschmöker alter Schule. Im literarischen Kitsch-Universum einer Barbara Cartland spielt sich die Handlung schön weit entfernt von der Realität der Konsumentinnen in imaginären Glitzerwelten ab. Das ist wenigstens ehrlich verlogen. Y
Potenzprotze mit täglich Lust auf Sex
Ein Schnarchsack für die "Zauberfrau"
* Mit Katja Riemann. * Tina Grube: "Männer sind wie Schokolade". Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main; 144 Seiten; 9,90 Mark. - Gaby Hauptmann: "Suche impotenten Mann fürs Leben". Piper Verlag, München; 320 Seiten; 14,90 Mark. - Hera Lind: "Ein Mann für jede Tonart". 288 Seiten; 14,90 Mark. "Die Zauberfrau". 528 Seiten; 16,90 Mark. Beide Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main. - Karin Luginger: "Männer fallen nicht vom Himmel". Heyne Verlag, München; 144 Seiten; 9,90 Mark.
Von Christa von Bernuth

DER SPIEGEL 51/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Autoren:
Was ist los, Schwestern?

  • AKK zu US-Anfrage: Regierung hat noch nicht über Golf-Mission entschieden
  • Essex, Großbritannien: 39 Tote in LKW gefunden
  • Nächstes Brexit-Manöver des Premiers: Johnson macht Pause
  • Trump attackiert eigene Partei: "Die Republikaner müssen härter werden"