18.12.1995

LiteraturUnter Irren und Mördern

Als es für den alten Michael Hader ans Sterben geht, verabschiedet er sich in einem letzten lichten Augenblick auch von sich selber mit dem Ruf: "So einen wie mich trifft man nicht alle Tage!" Es ist der Winter 1963/64, Schauplatz ist ein mickriges Grenzdörfchen im Salzburgischen, und als späten Triumph erfährt Hader, daß sein lebenslanger Freund und Intimfeind Ladurner - Verkörperung aller erzösterreichisch intriganten Gschaftlhuberei - Selbstmord begangen hat. Hader aber, in einem Ausbruch rasenden Universalhasses, erschlägt die Überbringerin dieser Nachricht: Kein Zweifel, wir befinden uns in einer "menschlich verwahrlosten und verrohten Region von besonderer Gewalttätigkeit", wie sie der neueren österreichischen Literatur als alpenländischer Unheilsort schlechthin vertraut und lieb ist. Clemens Eich, 41, erzählt von Schicksalsverfinsterungen und kriminellen Verirrungen hellwach, hochgespannt, eindringlich; wenn seine Prosa sich in Grenzzustände von Verzweiflung und Schmerz hineinsteigert, in "Randzonen, wo sich das Glück mit dem Irrsinn vereinigt", gewinnt sie die leuchtende Überschärfe von Fiebervisionen: Das Massiv seines ersten Romans "Das steinerne Meer" präsentiert sich als ein Werk von beeindruckender Dichte und Schwere. Dem alten Hader, diesem selbsternannten "König der Einsamkeit", dessen Leben Eich in kompakten Erzählblöcken vorführt, steht als letzter Gefährte sein zwölfjähriger Enkel Valentin bei. Dessen Lebenstraum, wie der jedes österreichischen Bergbuben seiner Zeit, heißt Skiweltmeister, aber Valentin, kränkelnd und fußschwach, lernt, daß das Wort Ski von Scheit kommt: So steckt das Scheitern schon drin. Dennoch verheißt Eich dem Unglücksjungen in seinem hellen, singenden Romanfinale eine Utopie hoch über den Nebeln, wo er zu einem neuen König der Einsamkeit werden kann.
Clemens Eich Das steinerne Meer S. Fischer Verlag, 336 Seiten; 42 Mark

DER SPIEGEL 51/1995
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