18.12.1995

PopMurmeln der Seele

Rock'n'Roll als Wahnsystem: Die US-Band Smashing Pumpkins macht die Neurose hitparadenfähig.
Morgens beim Frühstück ist die Welt endlich wieder das graue Dreckloch, für das Billy Corgan sie hält. Draußen stürzt der Regen aus einem bleiernen Himmel in die Amsterdamer Kanäle, und die Bootsfahrt, die für den Nachmittag geplant war, ist längst abgesagt - dafür hat Corgan nun jede Menge Zeit, um sich in die schlechte Laune hineinzureden, für die er berühmt ist.
"Es pißt mich an, wie andere Bands uns beklauen", beginnt er mit leiser, schneidender Stimme. Zornig feuert er seinen Toast zurück auf den Teller und steigert die Lautstärke: "Irgendwelche Schwachköpfe verdünnen unsere Ideen - schon haben sie einen Nummer-eins-Hit und einen Haufen Dollars." Dann noch mal mit Gebrüll: "Es kotzt mich an!"
Es ist nicht der Neid des Erfolglosen, der den neuerdings kahlköpfigen Finsterling zur Weißglut treibt. Die drei Alben, die er als Kopf der Smashing Pumpkins zum Teil ganz ohne seine drei Band-Mitstreiter aufgenommen hat, haben sich bis heute rund fünf Millionen Mal verkauft; die jüngste Doppel-CD namens "Mellon Collie and the Infinite Sadness" schoß vor ein paar Wochen gleich nach dem Erscheinen auf den ersten Platz der US-Hitliste; dazu feiert das britische Magazin Arena den Mann ebenso als "Rock-Ikone der Neunziger" wie das amerikanische Fachblatt Rolling Stone. Corgan aber brüllt: "Es geht nicht um Geld oder Hitparaden. Wir wollen Respekt!"
Der Mann kämpft mit Sorgen, die weder teure Psychiater lösen können noch die Popschreiber, denen er ausführlich von seinen Therapiesitzungen erzählt. Schon als Corgan, heute 28, Mitte der achtziger Jahre zu Hause in Chicago zum erstenmal auf einer Rockbühne stand, wurde er von der lokalen Musikerkonkurrenz als Poseur und Großmaul beschimpft. Als 1991 die erste Pumpkins-Platte "Gish" erschien, passierte erst mal gar nichts. Ein paar Monate später aber brachte ein Kerl, der noch dazu mit Corgans altem Schwarm Courtney Love liiert war, ein Album mit dem Titel "Nevermind" heraus - Kurt Cobain und Nirvana galten plötzlich als Revolutionäre der Rockmusik und Corgan als einer, der irgendwie auch mitwerkelte am großen Grunge-Gewitter.
Ein historisches Mißverständnis, aus schierer Niedertracht in die Welt gesetzt, fand Billy Corgan, schließlich sei er nicht nur früher drangewesen, sondern wollte ohnehin nichts gemein haben mit dem neuen Krach aus Seattle. Also keifte er los gegen alles und jeden, redete von Selbstmord, von der Tiefe und Wahrheit der eigenen Songs und von den miesen Machenschaften des Musikgeschäfts.
"Ich glaube nicht an Gott. Ich glaube nicht an Amerika. Ich glaube nicht an Rock'n'Roll. Ich glaube nur an mich", lautet eines seiner Bekenntnisse - und durch solche Sätze erkämpfte er sich den Ruf eines launischen, düsteren, größenwahnsinnigen Irren.
"Mellon Collie", das aktuelle Werk, ist zuallererst eine kühne Demonstration dieses Geniewahns: ein Konzept-Doppelalbum mit Tag- und Nachtseite, das an den verschütteten Sergeant-Pepper-Pomp der Beatles anzuknüpfen scheint und mehr noch an die manierierten Bombastrock-Attacken von Queen und Pink Floyd. "Ein Aufbruch zu einem neuen Horizont", prahlte Corgan schon, als die Platte noch gar nicht in den Läden war; die Musikjournalisten aber warnten: "War es nicht immer hip, diese Band zu hassen?"
Kolleginnen wie Kim Deal nannten Corgan ein "aufgeblasenes Arschloch", und in einem Song von Pavement, der Lieblingsband amerikanischer Studenten, heißt es über die Smashing Pumpkins: "Keine Ahnung, was sie meinen, und es interessiert einen Dreck." Selbst Courtney Love sagt über ihren Freund Corgan: "Er weiß nicht, wo sein Platz ist in der Welt, und das macht ihn ziemlich schwierig." Der Sänger selbst fühlt sich durch solche Bemerkungen nur in seiner Paranoia bestärkt: Keiner versteht ihn, keiner liebt ihn. Was bleibt einem armen Jungen wie ihm da anderes übrig, als die Zähne zu fletschen und loszuschnauzen, "vergiftet vom Wahnsinn, verliebt in die Traurigkeit", wie es in einem seiner neuen Songs heißt - im klammen Universum des Billy Corgan ist die Verzweiflung Hasses Bruder.
Irgendwas aber läuft schief beim Konzertauftritt in Amsterdam, dem im Frühjahr eine ausgedehnte Europatournee folgen wird: Kein miesepetriger Egomane steht da auf der Bühne, sondern ein freundlich, mitunter ein wenig bescheuert grinsender Rocker, der sichtlich Spaß hat am Herunterballern harter, melodischer Songs; ein um Sympathie buhlender, abgefeimter Entertainer, der vor tobenden Teenagern noch seinen Hit "Disarm" so singt, als handle es sich um ein Schlaflied und nicht um eine Drohung für Leib und Leben: "The killer in me is the killer in you", behauptet die Schlüsselzeile.
Nach einer knappen Stunde ist der sonnige Spuk zu Ende. Ohne Wutanfall, ohne Kollegenbeschimpfung; nicht mal eine zornig himmelwärts gereckte Faust war zu sehen im Scheinwerferlicht. Der sonst so grimmige Schlagzeuger Jimmy Chamberlin hat ein paar nett altmodische Hochgeschwindigkeitssoli abgeliefert, Ko-Gitarrist James Iha hat sich beim Saitendreschen prächtig amüsiert; und selbst Bassistin D'Arcy, die sonst gern klagt, daß es Quatsch sei, "zu leiden, um große Kunst zu machen, nur bei uns ist das leider so", war allerbester Dinge: kein wirklich gelungener Abend für den Mann, den sie Null nennen.
Corgan hat auch diesmal das schwarze T-Shirt getragen, für das er berühmt ist, einen schwarzen Fetzen mit dem Schriftzug "Zero" auf der Brust, und als er beim Hotelfrühstück am nächsten Morgen über das Konzert redet, klingt es wie eine Entschuldigung: Die vier hätten ein paar Haschkekse zuviel eingeworfen, bevor sie auf die Bühne gingen. Chamberlin stimmt ihm zu und verzieht sein zerknautschtes Gesicht zu einer unglücklichen Grimasse: Er hat das Hotelbett nicht gefunden und die Nacht in der Badewanne verbracht.
Überhaupt nicht cool und auch noch stolz drauf: Das ist die Haltung, mit der die Smashing Pumpkins um, wie Corgan sagt, "Würde und Anerkennung" ringen. Es gilt, fern aller Moden eine vergessen geglaubte Idee vom puren Künstlertum zu neuem Leben zu erwecken. Corgan redet nicht nur davon, daß er beim Musikmachen "religiöse Befriedigung" empfinde und Songs schreiben wolle, die das Leben seiner Zuhörer verändern. Er meint es auch so.
Erstaunlich, daß aus dieser Besessenheit nicht bloß ambitionierter Krampf entsteht: Viele der 28 Songs auf "Mellon Collie" sind kleine Wunderwerke aus harten Gitarrenriffs und mild pathetischem, psychedelischem Siebziger-Jahre-Schmalz; und mitunter scheint der Band, deren Songs dauernd von Nullen und Nobodies handeln (sogar eine "Ode To No One" gibt es auf der Platte), so etwas zu gelingen wie das Nullsummenspiel der Rockgeschichte der letzten zwei, drei Jahrzehnte. Die Welt sei ein Vampir, behauptet Corgan in einem Lied. In seinem Fall gilt das vor allem für die Musik: Rock'n'Roll saugt.
Die Klaustrophobie und die Sentimentalität, die durch Grunge in die Welt kamen, treiben die Smashing Pumpkins zum Exzeß: Der Rock-Spielplatz der siebziger und achtziger Jahre, auf dem es darum ging, sich an immer bombastischeren Soundwällen die Köpfe blutig zu rennen, hat sich mittlerweile in einen geschlossenen, gegen alle Wutattacken abgepolsterten Raum verwandelt. Bei Corgan und seinen Kumpanen hat Rock alle Illusionen von Rebellion und Befreiung verloren, dafür haben sie jene Kunst perfektioniert, die seit Nirvana den alten Rock'n'Roll-Schwindel ersetzt: das Toben in der Gummizelle.
Hier wird gehämmert und gefiept, gebrüllt und gegeigt im Namen der Neurose. "Irgendwas ist nicht richtig in meinem Kopf", sagt Corgan - und: "Wir sind offene Wunden." Er besingt "die Leere der Jugend", "das Murmeln der Seele" und "die Stille der Welt", sich selbst sieht er als "Ratte im Käfig". Und doch setzt er sich schnaubend zur Wehr, wenn ihn die Trend-Überwacher der Jugendkultur zur Symbolfigur einer herbeihalluzinierten Depressions-Dekade erheben - nur für sich allein will er sprechen, ansonsten liege ihm nur daran, "ultimativ schöne Musik zu machen".
Sehr blaß und ziemlich panisch wirkt Corgans Gesicht, wenn er seine Unfähigkeit beteuert, für irgendwen die Leitfigur zu spielen. Kann sein, daß Musickritiker und Konkurrenten ihm für die monströse Kunstanstrengung von "Mellon Collie" nun den Respekt zollen, den er nach eigener Einschätzung seit jeher verdient - genaugenommen aber wirkt der Mann so, als fühle er sich ganz wohl als ewig mißverstandenes Haßobjekt. Seinen Fans, die meist unter 20 sind, ist es vermutlich ohnehin egal. Manche von ihnen schicken dem Sänger Briefe, in denen steht, er habe ihr Leben gerettet. Doch was ist er für die meisten mehr als ein hartgesottener Entertainer? Corgan flüchtet sich in ein Wortspiel: "We entertain - and our pain is your gain." Hier leidet einer für die Jugend der Welt.
Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 51/1995
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