18.12.1995

Schauspieler„Immer erstaunt, was passiert“

Sie war jung, sie liebte das Theater, und sie hatte ihre erste Chance gekriegt. Es war bodenlos: Ein acht Meter hohes Gerüst mußte sie erklimmen, dabei mit dem Degen fuchteln und zugleich noch einen Monolog sprechen. Der Text handelte von wunderbarer Errettung aus höchster Seenot. Für die junge Schauspielerin war es der Schiffbruch.
Neun Jahre ist es her, daß Martina Gedeck beinahe in den wilden Wassern des Regietheaters ertrunken wäre. Sie kam frisch vom Max-Reinhardt-Seminar; der Regisseur Wilfried Minks inszenierte am Hamburger Schauspielhaus den "Geizigen" von Moliere und verhalf der Anfängerin zu ihrer ersten Rolle. Doch der Debütantin fehlte die Sicherheit für die komplizierte Kletterpartie. Der Monolog verfehlte seine Wirkung.
Heute - sie liebt das Theater immer noch - erzählt die herb-schöne Charakterfrau gelassen von jenem Gerüst, das beinahe zum Schafott ihrer Karriere geworden wäre. Sie kann sich die heitere Rückschau leisten: Schier unaufhaltsam scheint diese schauspielerische Spätentwicklerin mit 34 Jahren ins Zentrum der neueren deutschen Film- und Fernsehproduktionen zu rücken.
In Rainer Kaufmanns Kinokomödie "Stadtgespräch" weckt sie den Zuschauer aus seiner Verzweiflung über die Single-Parodien, die - permanent quasselnd - nach echten Gefühls-Parodien suchen. Da steht, vom Drehbuch als blinder Ehetrampel mit zwei Horrorkindern avisiert, plötzlich ein richtiges Vollweib unter all den Kopfgeburten: dunkle Haare, kühne Nase, kräftige Gestalt. Das Komödienklischee wackelt angenehm.
Wo sich Katja Riemann in der Rolle einer Liebessüchtigen abmüht, hat die Gedeck schon gewonnen: Sie strotzt vor Natürlichkeit und scheint doch ein Geheimnis zu haben. Eine freundliche Pandora, die irgendwo die Büchse mit den gefährlichen Leidenschaften versteckt hält.
Die Ahnung eines Mysteriums hinter einem nachtschönen Geiergesicht - so was macht Regisseure scharf. Sie ist gut im Geschäft. Im "Bewegten Mann" war sie dabei, in Götz Georges "Schwein"; Serien wie "Schulz & Schulz", "Nur eine kleine Affäre", "Die Kommissarin" gewannen durch ihre Auftritte.
In der vergangenen Woche beeindruckte sie als Betriebs-Controllerin: Die verschlossene Beauty verbreitet Furcht und Erotik als explosives Gemisch. Das TV-Spiel hieß "Mobbing - Wer Kollegen hat, braucht keine Feinde". Das nächste Jahr ist mit seriösen Projekten so gut wie verplant. Gedeck - eine dieser Schauspielerinnen, die einfach Schwein gehabt haben?
Glück allein, das zeigt diese Karriere, reicht nicht. Den Mimen flicht die Nachwelt bekanntlich keine Kränze. Die Mitwelt dreht ihnen Stricke, wenn Schauspieler nicht hart an sich arbeiten.
Nach dem Absturz vom "Geizigen"-Gerüst war schnell Schluß mit dem geliebten Theater. Weder in Basel, der nächsten Station nach Hamburg, noch in Frankfurt kam es zu einer dauerhaften künstlerischen Bindung.
Mitten im Frust erwies sich Filmregisseur Dominik Graf als Gedecks Rettung. Weil er mit ihr einen kleinen Film gemacht hatte, als Gedeck noch Schauspielstudentin in Berlin gewesen war, bot er ihr - gegen den erbitterten Widerstand des ZDF ("Debütantinnen sind zu riskant") - die Hauptrolle in einem Fernsehspiel.
"Die Beute" hieß das Stück, und Gedeck packte zu: "Ich spürte die Kamera physisch. Sie ruhte wie ein liebendes Auge auf mir." Aber die Tochter des Managers einer Handelskette begriff sofort die Dialektik der Filmerei: "Man muß die Kamera schnell wieder vergessen. Man darf nicht schön sein wollen, dann wird man maskig."
Die wunderbare Affäre mit dem Kinoauge hat sie innerlich nicht mehr losgelassen. Weitere Angebote gab es zunächst nicht; die Gedeck wurde arbeitslos, verkroch sich in sich selbst - und durchlebte dennoch "die wichtigste Zeit" ihres Schauspielerlebens. Sie sei wie süchtig gewesen, sagt sie; mehrmals am Tag rannte sie ins Kino, guckte sich Tricks der großen Leinwandstars ab, studierte stundenlang Rollen allein vor dem Spiegel, verschlang Bücher über die Duse, die Urmutter aller Mimen. Und sie verlor die Angst vor der beruflichen Ungewißheit.
Was in dieser Eremitage geschah, war die Selbstfindung. Sie lernte die Paradoxie der Darstellerkunst der Martina Gedeck zu verstehen: daß nur die exakteste Vorbereitung erst das Wunder des nicht Beabsichtigten möglich macht, eben das, woraus gute Schauspielerei entspringt.
Gedeck, die nun endlich auch den Erfolg kennenlernte, wurde damit fertig, daß die Regisseure sie ganz unterschiedlich sahen: Dem einen galt sie als typisch deutsch, dem anderen als typisch polnisch.
Graf zog ihr für den Film "Der Sieger" Katja Flint vor, weil er meinte, die Gedeck sei zu proletarisch: "Bei dir sehe ich den Dreck unter den Fingernägeln."
Der TV-Krimi-Autor Karl Heinz Willschrei witterte verruchte Erotik. Der Regisseur Jo Baier hält dieselbe Gedeck für besonders geeignet zur Darstellung eines feinen Seelengespinstes. Ein dritter Regie-Allmächtiger verfügte: "Du bist immer unfreiwillig komisch." Wie, meine Herren, hätten Sie's gern?
Gedeck ließ sich nicht beirren. Sie ging auf die Rollen zu, "und war dann immer wieder erstaunt, was passiert". In weniger wichtigen, kleinen Auftritten experimentierte sie mit abgezirkelten Posen und war hinterher über den manierierten Krampf entsetzt. Spielen sei, lernte sie, wie der Eintritt in einen Tunnel: "Man weiß nicht, wo man rauskommt."
Doch solche Weisheit machte die Frau nicht zufrieden. Noch fehlte die richtige Rolle, ein "Erwachsenenfilm", bei dem man nicht das Gefühl hatte, "die Schauspieler hätten die Windeln in der Kniekehle" (Gedeck).
Die Rolle kam: 1995 machte Gedeck Furore im "Hölleisengretl", einem preisgekrönten TV-Film nach einer Erzählung von Oskar Maria Graf unter der Regie von Jo Baier. Darin wird von einer buckligen, bayerischen Bäuerin erzählt, in der auf einmal die Leidenschaft explodiert. Herrisch und mordlustig nimmt sich dieser weibliche Krüppel, was ihm die verstockte Dorfgemeinde vorenthalten möchte. Ein niedergedrückter Vogel mit zorniger Sehnsucht in den braunen Augen macht sich auf einen Hochzeitsflug - die Gedeck verwandelte sich die Rolle bis in die kleinste Geste an.
Wer hart arbeitet wie sie, kriegt einen Blick für die Kollegen. An Katja Riemann bewundert Gedeck deren professionelle Anstrengung: Selbst wenn der blonde Star der neuen deutschen Filmkomödie nicht im Bild ist, assistiert die Riemann aus dem Off so engagiert, als hätte sie eine Großaufnahme.
Und Gedeck sieht auch die Mängel: Ihr fehlen unter den jungen Protagonisten des deutschen Films ernst zu nehmende Männer, Kerle, die richtig erwachsen sind. Es sei kein Zufall, meint sie, daß in den allermeisten Kuß-Szenen die Regisseure von ihr die Initiative verlangen. Küssen - noch eine Frauensache mehr.
Spät am Abend strebt sie am Hamburger Schauspielhaus vorbei zu ihrem Hotel. Als sie an einer Werbesäule des Theaters vorbeikommt, aus welcher Video-Mitschnitte der aktuellen Aufführungen zu sehen und zu hören sind, verlangsamt sie ihren Schritt.
Dort stand das Gerüst, das sie fechtend zu besteigen hatte. Martina Gedeck, deren Liebe zum Theater noch immer nicht erwidert wird, scheint einen Moment lang vergessen zu haben, daß sie inzwischen oben angekommen ist.
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 51/1995
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