22.04.2013

KARRIERENBreak Point

Claudia Kohde-Kilsch war einmal ganz weit oben. Als Weltklassespielerin verdiente sie im Tennis Millionen. Dann kam der Abstieg. Vor zwei Jahren meldete sie Insolvenz an. Jetzt will sie für die Linke in den Bundestag, gefördert von Oskar Lafontaine.
Ein Vierteljahrhundert nachdem ihr die Herzogin von Kent am Centre Court von Wimbledon den Siegerpokal überreichte, sitzt Claudia Kohde-Kilsch in einem winzigen Büro der Linkspartei, umzingelt von Plakaten, die "Reichtum ist teilbar" schreien, und schaut auf Fotos von sich und Oskar Lafontaine.
Auf den Bildern trägt sie ein Abendkleid, Lafontaine trägt einen schwarzen Anzug, sie posieren auf einer Gala. "Ich war da seine Begleitung, weil die Sahra woanders war", sagt Kohde-Kilsch. Sie spricht von Sahra Wagenknecht, Lafontaines Lebensgefährtin. "Sonst wäre die ja dabei gewesen." Kohde-Kilsch will nicht, dass da ein falscher Eindruck entsteht. Und dem Kollegen, der fürs Internet schreibt und sie als "Lafontaine-Freundin" bezeichnet hat, solle man, bitte schön, ausrichten, dass sie nicht Lafontaines Freundin sei, sondern nur mit ihm befreundet.
Der befreundete Lafontaine hat Kohde-Kilsch vor einem Jahr als Pressesprecherin der Linken-Fraktion im saarländischen Landtag eingestellt, deren Vorsitzender er ist. Seitdem sitzt sie hier auf acht Quadratmetern, auf der Fensterbank eine winzige Yuccapalme, daneben ein Pflanzenbefeuchter.
Eben hat sie ein paar Pressemitteilungen verschickt, es ging um Pferdefleisch, um die Integration von Behinderten und ärztliche Atteste für Hartz-IV-Empfänger.
Jetzt ist Zeit, die eigene Homepage zu aktualisieren. Sie klickt auf "Galerien", und auf dem Bildschirm leuchtet ihr altes Leben auf: Kohde-Kilsch auf den berühmten Plätzen der Tenniswelt, in Melbourne, Paris, New York, Wimbledon.
"Das mag ich sehr", sagt sie. Auf dem Bild kniet sie hinter einem Tennisnetz und lugt über die Kante. Neben ihr kniet Steffi Graf. Beide lächeln so heiter und zuversichtlich, als wäre das Leben ein Sommerurlaub. "Wir haben beide dieselbe Frisur", sagt Kohde-Kilsch. Für einen Moment wirkt sie nicht ansprechbar. Als träumte sie von damals.
Wenn man die heutige Kohde-Kilsch mit dem Foto vergleicht, muss man an diese Spielfilme denken, in denen schöne junge Frauen eine Generation älter geschminkt werden. Dort die volle Mähne der Achtziger, hier die dünnen, blondierten Haare der Gegenwart. Der größte Unterschied aber sind die dunklen Augenhöhlen, die aussehen, als nistete in ihnen das Leid der vergangenen Jahre.
Einen Klick weiter großer Jubel. Steffi und Claudia sind gerade Mannschaftsweltmeister geworden. Zu diesem Zeitpunkt war Graf die Nummer drei der Weltrangliste, Kohde-Kilsch Nummer fünf. Zwei Mädchen auf dem Weg nach oben. 1988 in Seoul gewannen sie die olympische Bronzemedaille im Doppel.
"Die Steffi wohnt jetzt in Las Vegas", sagt Kohde-Kilsch vor ihrem Computer.
Irgendwann nahmen ihre Leben verschiedene Abzweigungen. Graf wurde die erfolgreichste Tennisspielerin aller Zeiten, heute lebt sie mit ihrem Mann Andre Agassi in einer großen Villa mit Pool und Tennisplatz. Kohde-Kilsch ist geschieden und kämpft an der Seite Oskar Lafontaines gegen Hartz IV. Ihre Geschichte handelt von großen Erfolgen und noch größeren Abstürzen. Von zu starken Vaterfiguren und dem Selbsterhaltungstrieb der menschlichen Natur.
Auf dem nächsten Bild hält sie einen dieser riesigen Siegerschecks in der Hand. Die Höhe des Preisgelds ist nicht zu übersehen: 65 000 Dollar.
Kohde-Kilsch hat zwischen vier und fünf Millionen Mark eingespielt. Sie war Stammgast im legendären Beverly Hills Hotel und zählte berühmte Filmregisseure zu ihren Freunden. Vor zwei Jahren meldete sie Privatinsolvenz an, weil ihre Schulden sie erdrückten.
Die Insolvenz ist das Scharnier zwischen der großen Vergangenheit auf dem Bildschirm und dem winzigen Büro, in dem er steht. Zwischen Wimbledon und Linkspartei, Steffi und Oskar, Grand Slam und Hartz IV, Reich und Arm.
Als Lafontaine ihr den Job in diesem Büro anbot, holte er sie aus jenen prekären Verhältnissen heraus, gegen die sie heute kämpft. Auf seinen Impuls hin will Kohde-Kilsch jetzt selbst Politikerin werden. Sie soll als Direktkandidatin der Linken im Wahlkreis Saarbrücken bei der Bundestagswahl antreten. Auf einer Mitgliederversammlung der saarländischen Linken wird sich bald klären, ob sie auch einen sicheren Listenplatz bekommt.
"Ach, ich muss ja noch Mittag essen", sagt Kohde-Kilsch. Sie klickt die Galerie weg, schaut auf den Speiseplan und wählt die Nummer der Landtagskantine. "Hätten Sie noch eine Portion von den vier Eiern mit Senfsauce übrig? Das ist nett, ich komme rüber." Sie sagt das so vorsichtig und bescheiden, dass man sich fragt, wie sie sich bis in die Weltspitze vorkämpfen konnte. Und ob das gutgeht mit ihr in der rauen Welt der Politik.
Auf dem Weg zur Kantine zitiert sie, was ein Journalist über sie geschrieben habe: dass sie, "die gescheiterte Gegenspielerin von Steffi Graf", es nun in der Politik versuche. "Was soll das? Wieso immer der Vergleich mit der Steffi?", fragt sie. "So ein Drecksack. Das regt mich auf."
Wäre Kohde-Kilsch in einem anderen Jahrzehnt geboren, sie wäre der Star ihrer Generation geworden. So aber stand ihre Karriere im Schatten. Mit dem Aufstieg der jüngeren Graf begann ihr Abstieg. "Das ist das Extreme in Deutschland", sagt sie: "Es zählt nur die Nummer eins. Die Nummer zwei zählt nicht." Auch auf der vermeintlichen Sonnenseite gibt es das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, jenes Gefühl, aus dem die Linke ihre Anhänger rekrutiert.
Kurz darauf sitzt sie in der Kantine vor den Eiern mit Senfsauce und erzählt von ihrem Stiefvater. Jürgen Kilsch war Rechtsanwalt, ehe er Anfang der Achtziger seinen Job aufgab, um mit Claudia um die Welt zu reisen. Aus ihren Sätzen entsteht das Bild eines besessenen Patriarchen, der seine Tochter kontrollierte, sie vor anderen Männern abschottete, damit sie sich ganz dem Tennis widmete.
Nach verlorenen Spielen brüllte er sie oft lange an. In der Zeitung konnte sie damals lesen, wie ihr Stiefvater über sie sprach: dass sie immer "gegen sich gearbeitet" habe, dass sie körperlich eine "Ruine" sei und nichts dafür tue, neben dem Sport etwas dazuzulernen: "Claudia fängt viel an, aber sie steckt alles nach einer gewissen Zeit wieder auf."
Warum hat sie nie gegen den Vater aufbegehrt? Warum konnte sie sich fast 20 Jahre lang nicht von ihm lösen? "Ich hatte Angst vor ihm, aber ich habe ihn auch geliebt", sagt sie. "Eine echte Hassliebe, ich war psychisch abhängig von ihm."
Sie ringt nach Worten, während sie erzählt, jedes einzelne scheint sie Kraft zu kosten. Einmal schloss sie sich nach einem verlorenen Spiel und den obligatorischen Beschimpfungen im Hotelzimmer ein und trank die Minibar leer, bis sie so besoffen war, dass sie umkippte. Ein anderes Mal verschlug sie absichtlich den Matchball, weil sie den Druck nicht mehr aushielt und eine Pause vom Tennis machen wollte. Doch statt nachzuholen, worauf sie in ihrer Jugend verzichtet hatte, kehrte sie bald unter das Regime ihres Stiefvaters zurück. "Ich hatte ja niemanden, mit dem ich feiern konnte", sagt sie rückblickend. "Da waren keine Freunde."
Ihre erste richtige Beziehung hatte sie mit Mitte dreißig. Sie sei "sehr, sehr spät mit dem ersten Sex" gewesen, gestand sie dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung".
Die Kontrolle über ihre Millionen hatte sie all die Jahre dem Stiefvater überlassen. Erst ihr Freund, der später ihr Mann und Vater ihres Sohnes wurde, ermutigte sie, nach deren Verbleib zu fahnden. Sie schaltete einen Anwalt ein und sperrte dem Stiefvater die Vollmachten. "Du bist gleich die erste Frau, der ich in die Fresse haue!", brüllte Jürgen Kilsch.
Vergebens versuchte er noch, Claudia und ihren Freund auseinanderzubringen. Am Ende gestand er, dass aus den Millionen Schulden geworden waren. Einen Teil hatte er ausgegeben, den anderen in windigen Geldanlagen versenkt.
Sie verklagte ihn, gewann in allen Instanzen und hatte doch nichts von ihrem Sieg. Kurz darauf starb Jürgen Kilsch an einer Lungenembolie. Sogar auf den Anwaltskosten blieb sie sitzen.
Sie hockt jetzt weit nach vorn gebeugt am Tisch, ihre Hände umklammern ihre Waden.
Nach dem Tod des Stiefvaters ging es schwierig weiter. Erst scheiterte sie mit einer Musikproduktionsfirma, die sie und ihr Mann, ein Schlagersänger, aufgebaut hatten. Ein Jahr später mit ihrer Ehe. Zu diesem Zeitpunkt war sie hochverschuldet.
Sie heuerte bei einer Immobilienfirma als Maklerin an, raste von Objekt zu Objekt, um wenigstens die Wohnung für sich und ihren Sohn halten zu können. Schlimme Zeit, sagt sie. "Man kann ja nicht sagen: Du blöder Sack, jetzt nimm endlich das Haus!"
Sie verglich im Supermarkt Preise, bis sie das billigste Produkt gefunden hatte, kochte nur noch einfaches Essen, Nudeln, Pfannkuchen, Milchreis. Ihr Briefkasten quoll über vor Rechnungen, Mahnungen, Drohungen. Sie öffnete alles, ordnete es, bat um Aufschub. "Ich kam mir vor wie Frau Zwegat, wie Petra Zwegat." Sie zerzaust sich die Haare, während sie die Geschichte ihrer Schulden erzählt. "Da dreht man irgendwann durch."
Als sie die Miete ein paarmal zu spät überwies, weil sie das Geld nicht pünktlich zusammenbekam, kündigte der Vermieter die Wohnung. Ihr Stromanbieter drohte, sie abzuschalten. Und als ihr Girokonto um 7,90 Euro überzogen war, verweigerte ihre Bank eine Überweisung. Eines Tages zog der Geldautomat dann die EC-Karte ein. "Mein Gott, wo bist du nur gelandet?", habe sie damals am Automaten gedacht, sagt sie. "Willkommen im bitteren Leben."
Irgendwann gab sie auf und stimmte einem Insolvenzverfahren zu.
Sie verlor acht Kilo in jenen Jahren und lernte die Gesellschaft von unten kennen - wie die Hartz-IV-Empfänger, für die sie heute Pressemeldungen schreibt und bald im Bundestag kämpfen möchte.
"Es gibt Kinder, die sind von Anfang an renitent", sagt ihre Mutter. "Die Claudia war das nie." Sie blickt zu ihrer Tochter, die neben ihr in einem Café sitzt. "Wenn ich dich geschimpft habe, dann hast du dich gar nicht gewehrt."
"Das stimmt", sagt ihre Tochter.
Ursel Kilsch-Rolle ist über Ostern zu Besuch im Saarland, eine drahtige, sportliche Frau, auf den Wangen die Sonne Marbellas, wo von Claudias Geld in den Achtzigern ein Haus gekauft wurde. Das Haus ist längst weg, aber die Mutter ist in Marbella geblieben. Sie ließ sich von Jürgen Kilsch scheiden und heiratete einen anderen Mann.
"Ich dachte ja, die Claudia hat ausgesorgt fürs ganze Leben", sagt sie. Wieder der Blick zu ihrer Tochter. "Oder? Wenn du einigermaßen geschickt hantiert hättest, hätte das doch reichen müssen."
"Aber locker. Ich darf gar nicht daran denken, was mit dem Geld passiert ist."
Die Mutter schüttelt den Kopf. "Und jetzt muss sie wieder hart arbeiten."
Später schiebt sie hinterher, dass ihre Tochter eine Kämpfernatur sei, zudem intelligent und sehr gutmütig.
"Zu gutmütig", korrigiert Claudia.
"Ja, zu gutmütig." Sie habe sich ihr Leben lang ausnutzen lassen, wer etwas brauchte, dem zahlte sie es. Sie habe den Leuten nur schwer etwas ausschlagen können. Bis ihre Großzügigkeit und Unbedarftheit sie selbst ruinierte.
Vielleicht ist es paradox, vielleicht auch nur konsequent, dass sie sich nun mit der Linken eine Partei gesucht hat, die niemandem etwas ausschlagen kann, die Slogans wie "Reichtum für alle" plakatiert.
Als Mutter Ursel vom neuen Job ihrer Tochter erfuhr, fragte sie: "Arbeitest du jetzt beim Oskar?" Sie selbst kennt Lafontaine noch aus der Kneipe, Claudias neuer Mentor und ihr Stiefvater waren Freunde. "Aber ich wusste gar nicht, dass der jetzt bei der Dings ist."
"Die Linke", hilft ihre Tochter. Und dann erklärt sie der in Spanien lebenden Mutter, warum ihre Partei angeblich so wichtig ist. Als sie früher um die Welt reiste, da sei sie stolz auf Deutschland gewesen. "Bei uns war alles Mittelschicht. In den anderen Ländern gab es Unten und Oben. Jetzt geht es bei uns auch so los."
"Was geht los?", fragt die Mutter.
Dass armen Menschen im Winter der Strom abgestellt werde, etwa. Das sei in einem Land wie Deutschland doch unwürdig. Sie spricht von Ausbeutung, von der berühmten Schere zwischen Arm und Reich. Bei jedem Satz meint man, Oskar Lafontaine sprechen zu hören.
Die Mutter aus Marbella wirkt verblüfft. So schlimm hatte sie sich die Lage in Deutschland offenbar nicht vorgestellt. "Manche Leute gehen nicht wählen, weil ihnen das Geld für den Bus zum Wahllokal fehlt", sagt Kohde-Kilsch.
"Echt? Denen fehlt das Geld für den Bus?" Die Tochter nickt.
"Dann ist es ja ganz schlimm."
Im Landtag will Kohde-Kilsch noch ein paar Sachen aus ihrem Büro holen. Auf dem engen Fraktionsflur läuft sie an der Tür ihres Mentors vorbei.
Als er von ihrer Lage gehört habe, den Schulden, der Krise, erzählt Lafontaine, da habe er gedacht, "sie müsste jetzt ja auch einen Zugang haben zu den Themen unserer Partei". Also sprach er sie an.
"Ich habe anderen Parteien immer etwas geneidet, wenn sie Spitzensportler für sich eingesetzt haben, weil das meist einen leichten Imagegewinn bringt", sagt Lafontaine. Er halte es für wichtig, dass die Linke mit Namen verbunden werde, die ein gewisses Ansehen und Renommee haben. "Für mich wäre das auch ein Gewinn für die Bundespartei."
Das Modell sei "der Gienger", sagt Lafontaine. Eberhard Gienger war Weltmeister im Reckturnen, seit zehn Jahren sitzt er für die CDU im Bundestag. Der habe sehr gute Wahlergebnisse erzielt. "Ich habe mir das vorher mal angesehen."
Im Sportausschuss des Bundestags könne Kohde-Kilsch gewiss eine besondere Rolle übernehmen, glaubt er. "Sie wird den Durchschnitt des Abgeordnetentypus sogar etwas überragen." Er klingt warm und freundlich, wenn er über sie spricht. So klingt er nicht immer.
"Alle, die mit ihr zu tun haben, sagen: Sie hat einen guten Charakter." Lafontaine lacht. "Und das ist in der Politik ja auch nicht so schlecht."
Der Oskar, erzählt Kohde-Kilsch, habe sie in den vergangenen Wochen oft gefragt: "Geht's dir gut? Greift dich jemand an?" Er müsse sich keine Sorgen machen, habe sie ihm geantwortet. "Ich bin ja schon groß. Ich muss ja nicht immer gleich zu ihm rennen." So wie sie über ihn spricht, scheint es, als hätte sie wieder eine Vaterfigur gefunden.
Sie steht jetzt in der Tiefgarage des Landtags und steigt in ihren Mini Cooper, Ziel ist eine Tennishalle am Rand der Stadt. Sie fährt durch Saarbrücken, sportlicher Stil, laute Musik, eine Hand am Lenkrad, mit der anderen klopft sie den Takt des Liedes. Dann klart auch noch der Himmel auf. Und für einen Moment wirkt Claudia Kohde-Kilsch doch noch, wie man sich einen ehemaligen Tennisstar vorstellt: lässig, heiter, unbekümmert, stets der Sonne zugewandt.
Nach einer Weile fragt sie, ob man den Artikel in der "Saarbrücker Zeitung" gelesen habe. "Widerstand gegen Kohde-Kilsch", steht dort in der Unterzeile. Bei einem Treffen der Orts- und Kreisvorsitzenden hätten einige Parteimitglieder ihr "fehlende politische Erfahrung und Verwurzelung in der Partei" vorgeworfen. Die Saar-Linken stellen bislang zwei Bundestagsabgeordnete, für Kohde-Kilsch müsste mindestens einer weichen. Sie wirkt, als wäre ihr gar nicht bewusst gewesen, dass Kandidaturen in der Politik immer mit Kämpfen verbunden sind.
"Vielleicht", sagt sie jetzt, "bin ich in der Politik auch hoffnungslos verloren." Sie wolle mit Herzblut für ein soziales Land kämpfen, gerade, ehrlich, direkt, niemals hintenrum. "In der Politik aber gibt es viel Hinterfotzigkeit. Und deshalb denke ich manchmal: Du bist nicht abgebrüht, nicht hart genug." Ähnlich lauteten damals auch die Urteile über die Tennisspielerin Kohde-Kilsch.
Sie setzt den Blinker, Ausfahrt Güdingen. Kurz darauf parkt ihr Mini vor einem Sportcenter im Industriegebiet, sie gibt hier Tennisunterricht. Auf ihrer Homepage kann man Einzelstunden mit ihr buchen, aber das tut kaum noch jemand.
Sie öffnet den Kofferraum und holt die Tasche ihres alten Ausrüsters Wilson hervor. Die seien die Einzigen, die ihr die Treue gehalten hätten. Später auf dem Platz erahnt man gleich, warum sie einst Martina Navratilova besiegte und als eines der größten Talente aller Zeiten galt. Leider, hieß es dann immer gleich, habe sie viel zu wenig aus ihrem Talent gemacht. "Die war Nummer vier in der Welt, obwohl sie nur 25 Prozent ihres Potentials ausgenutzt hat", meinte ihr Stiefvater einmal.
Sie ist noch immer schnell, ihre Technik elegant, die Rückhand spielt sie wie damals am liebsten als Slice, unterschnitten, die Vorhand Topspin. Noch immer zieht es sie ans Netz, der Angriff war immer ihre Stärke, ihre Volleys waren tödlich. Leider fehlte ihr oft der Antrieb, ans Netz zu rennen.
Zur Tragik der Claudia Kohde-Kilsch gehörte, dass sie ihre Erfolge nur selten einem eigenen Antrieb verdankte. Dass sie fast immer den Druck von außen brauchte. Auch die Idee, Politik zu machen, kam nicht von ihr, sondern von Lafontaine, dem Patriarchen der Linken.
Nach der kurzen Trainingseinheit sitzt Kohde-Kilsch auf der Bank neben dem Netzpfosten. "Jetzt spüre ich die Eier im Magen", sagt sie. Nach zehn Minuten gehe ihr mittlerweile die Puste aus, die Büroarbeit sei völlig gegen ihre Natur.
Sie steht auf und blickt über den Platz. "Der Moment des Sieges, das war ein extremes Glücksgefühl. Man denkt dann, man könne Bäume ausreißen." Solche Gefühle hatte sie lange nicht mehr.
Aber jetzt soll es wieder aufwärtsgehen. Sie hat einen festen Job, einen neuen Lebensgefährten und endlich wieder ein großes Ziel: Abgeordnete im Deutschen Bundestag. "Das wär schon was: ich so 'ne richtige MdB", sagt sie.
Und wenn die Partei sie doch nicht auf einen sicheren Listenplatz wählt?
"Wenn man so viel durchgestanden hat wie ich, kann einen nichts mehr umhauen", sagt sie. Dann werde sie eben als Direktkandidatin Wahlkampferfahrung sammeln und es noch mal versuchen.
Sie packt ihren Schläger und will schon gehen, aber ihr fällt noch dieser Satz von damals ein, wenn sie sich nach Niederlagen neuen Mut machen musste: "Jedes Match ist anders, jeder Tanz ist wieder neu." Dann geht sie vom Platz.

"Das ist das Extreme: Es zählt nur die Nummer eins, die Nummer zwei zählt nicht."

Claudia Kohde-Kilsch

(*) Mit Stiefvater Jürgen.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 17/2013
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