22.04.2013

WELTHANDELWeiße Ware

Export-Boom mal anders: In einem Stuttgarter Studentenheim findet sich die Erklärung, warum Baby-Milchpulver in deutschen Geschäften knapp wird.
Wer wissen will, welche Kreativität der Welthandel entfachen kann, dem sei ein Blick in das Stuttgarter Studentenwohnheim Pfaffenhof empfohlen. Der Flur hier ist eng, zwei schmale Schultern breit, und im dritten Stock ist kaum noch ein Durchkommen. An den Wänden stapeln sich blaue und gelbe Milchpulverpäckchen wie im Supermarkt, daneben stehen Dutzende packfertige Kartonagen. Die meisten Pakete sind schon adressiert, mit Familien- und Städtenamen in ganz China. Absender ist eine Phantasiefirma namens "China - Pro Germany GmbH" mit Unternehmenssitz in einem der Wohnheimzimmer.
Die vermeintliche Handelsfirma ist das Resultat eines bizarren Problems rund 8000 Kilometer östlich vom Pfaffenhof. Seit Jahren reiht sich in China ein Skandal um verunreinigtes Milchpulver an den anderen. Rund 300 000 Babys mussten allein 2008 wegen Nierenproblemen behandelt werden, mindestens sechs starben an den Folgen gepanschter Trockenmasse für Säuglingsmilch. Und spätestens seit im Sommer 2012 in der Babynahrung Quecksilber gefunden wurde, misstrauen chinesische Eltern den einheimischen Produkten - und versuchen, ihren Nachwuchs mit Direktimporten aus Australien, Großbritannien oder Deutschland zu versorgen.
Wer Freunde oder Verwandte in der westlichen Welt hat, lässt sich Baby-Carepakete schicken. Wer über keine privaten Kontakte verfügt, ordert via Internet. Auf der Online-Plattform Taobao, dem chinesischen Ebay, ist mit ein paar Klicks schnell das passende Angebot zu finden.
"Direkt aus Deutschland", "Neuware", "originalverpackt" heißt es in der Artikelbeschreibung. Der Lieferant sitzt in Stuttgart und hat für Nachfragen eine deutsche Handy-Nummer angegeben. Es ist dieselbe Zahlenkombination, die auch auf den Kartons im Flur des Studentenwohnheims steht.
Das Zimmer im dritten Stock wird seit ein paar Jahren von einer Studentin aus China bewohnt. Sie ist 28 Jahre alt, versteht Fragen auf Deutsch einwandfrei, antwortet aber lieber auf Englisch. Angesprochen auf ihre offenkundig florierenden Geschäfte im Milchpulverexport, lächelt sie abwehrend: Sie verschicke die Babynahrung lediglich an "drei, vier Freunde" in ihrer Heimat, die gerade Eltern geworden seien. "Das ist nur ein Freundschaftsdienst."
Die Erfahrungen, die deutsche Einzelhändler seit Monaten machen, lassen daran zweifeln. Bundesweit ärgern sich Mütter und Väter über leergekaufte Regale und über Schilder wie jenes in einer dm-Filiale: "Liebe Kunden, die Abgabe aller Milupa-Milchnahrungen kann derzeit nur in haushaltsüblichen Mengen erfolgen. Vielen Dank für Ihr Verständnis!"
Gefragt ist insbesondere das Milchpulver Aptamil, der Absatz stieg in den vergangenen drei Monaten um rund 30 Prozent. "Wir haben die Produktion der gestiegenen Nachfrage bereits angepasst", erklärt Milupa-Sprecher Stefan Stohl. Das Werk in Fulda laufe im Drei-Schicht-Betrieb, sieben Tage die Woche, eine weitere Aptamil-Produktionslinie sei vor rund einem Monat gestartet. Für das zweite Quartal 2013 wurde die Herstellung besonders beliebter Sorten von 1500 auf 2000 Tonnen erhöht. Um die aufgebrachte Kundschaft zu beruhigen, die sich in den Märkten, aber auch auf der Facebook-Seite des Unternehmens den Frust von der Seele schimpft, verschickt das Team der Milupa-Mütterberatung auf Nachfrage offenbar Notfallpakete.
In manchen Regionen geht es zu wie dereinst in der DDR. "Wir haben es unseren Filialleitern freigestellt, die Abgabe von Aptamil-Packungen pro Kunde zu reglementieren", erklärt ein Sprecher der Drogerie-Kette dm aus Karlsruhe. Der einfachste Weg, größere Mengen Milchpulver zu erwerben, sind derzeit noch Online-Supermärkte wie allyouneed.com oder mytime.de, bei denen zehn oder mehr Packungen pro Einkauf bestellt werden können. Dort ordern offenkundig auch viele private Pulver-Dealer, die ins Export-Business eingestiegen sind.
Und davon gibt es augenscheinlich immer mehr. Lebhaft wird in Online-Foren darüber diskutiert, welche Mengen nach China verschickt werden dürfen und wie man teure Zollzahlungen vermeiden kann. Die illegale Ausfuhr ausländischer Babynahrung von Hongkong nach China wird bereits mit hohen Geldstrafen oder sogar Gefängnis bestraft. Doch beim Handel mit der begehrten weißen Ware locken hohe Gewinnmargen: Auf chinesischen Auktionsforen sind Eltern bereit, bis zu 100 Euro für spezielle Dosen aus Deutschland zu zahlen.
Daran gemessen sind die Angebote der Studentin aus Stuttgart brüderlich. 200 Yuan, rund 25 Euro, kostet bei ihr das 600-Gramm-Paket "Aptamil 1+", das im Supermarkt um die Ecke für etwas mehr als 10 Euro zu haben ist.
Mit der Enge im dritten Stock des Studentenwohnheims wird es bald vorbei sein. Sie sei gerade dabei auszuziehen, erzählt die Chinesin, zwischen ihren Milchpulvervorräten stehend: "Ich habe eine bessere, größere Wohnung gefunden." Die Freundschaftsdienste sind offenbar ziemlich lukrativ.
Von Simone Kaiser

DER SPIEGEL 17/2013
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