22.04.2013

USATäterjagd live

Die Suche nach den mutmaßlichen Attentätern von Boston konnte im Minutentakt nachvollzogen werden. Über die Motive der Täter wurde zuallererst auf Twitter spekuliert.
Die ersten Nachrufe auf sein angeblich so perfektes amerikanisches Leben wurden geschrieben, als die Jagd auf Dschochar Zarnajew, den zweiten Attentäter des Boston Marathon, gerade begonnen hatte.
"Mein Herz ist gebrochen", twitterte die amerikanische Radiomoderatorin Robin Young. Es gibt ein Foto von Dschochar, das ihn im Smoking mit roter Fliege auf dem Abschlussball, der "Prom", zeigt, er hält da ein Mädchen in den Armen. Dschochar sei einer der besten Freunde ihres Neffen gewesen, und sie wolle ihm ein ehrwürdiges Andenken bewahren, so die Moderatorin. "Haltet Dschochar in guter Erinnerung, einen hübschen Jungen im Smoking", schreibt Young.
Elf und neun Jahre lang haben Dschochar und sein Bruder Tamerlan in den Vereinigten Staaten gelebt, bevor sie am vergangenen Montag in der Nähe der Ziellinie des Boston Marathon zwei Bomben deponierten. Zwei Jungen, geboren in eine tschetschenische Familie, die Freunden zufolge ein normales amerikanisches Leben lebten und nun für das Grauen verantwortlich gemacht werden: die blutverschmierten Bürgersteige, die mehr als 170 Verletzten und die 3 Toten, darunter ein Achtjähriger.
Warum die Brüder die Anschläge verübt haben, wer ihnen dabei half und ob dabei eine radikale islamistische Ideologie eine Rolle spielte, blieb bis zum späten Freitag im Unklaren. Irgendwann in dieser Nacht umzingelte die Polizei den 19-jährigen Dschochar, der sich in einem Garten im Bostoner Vorort Watertown versteckt hatte. Sein Bruder Tamerlan war bereits zuvor bei einem Schusswechsel ums Leben gekommen. Ob sich die Tat der beiden mit tschetschenischem Islamismus erklären lässt, mit einer schleichenden Radikalisierung in einem fremden Land oder ob sie eher mit Amokläufern wie jenen von Columbine und Newtown vergleichbar ist, mit dem Wunsch von Außenseitern, eine Spur aus Blut und Terror zu hinterlassen, auch das stand noch nicht fest.
Und natürlich stellt sich wieder einmal die Frage, woher die Täter Waffen und Sprengstoff hatten - in einer Woche, in der der Senat eine Verschärfung der Waffengesetze abgelehnt hat, umso mehr.
Tamerlan, der Ältere der beiden, soll sich gegenüber einem Fotografen schon im Jahr 2009 als "sehr religiös" bezeichnet haben. Er erklärte, er trinke keinen Alkohol und zeige sich, obwohl er Boxer sei, nie mit nacktem Oberkörper, "damit die Mädchen nicht auf falsche Gedanken kommen". Seine portugiesischstämmige Freundin sei ihm zuliebe zum Islam konvertiert. Er brach sein Studium ab und sagte damals: "Ich habe keinen einzigen amerikanischen Freund. Ich verstehe die nicht." Auf einer YouTube-Seite sammelte Tamerlan religiöse Videos des Hasspredigers Scheich Feiz Mohammed, es findet sich auch ein Ordner, der mit "Terrorists" überschrieben ist - die Videos darin sind allerdings gelöscht. Im vergangenen Jahr soll er sechs Monate lang in Russland gewesen sein, von Januar bis Juli.
Tamerlan mochte angeblich den tschetschenischen Liedermacher Timur Muzurajew. Einige seiner Lieder sind in Russland verboten, sie waren Hymnen des Widerstands gegen Russland. "Uns rettet nur der heilige Krieg", heißt es in einem. Ein anderes ist mit dem russischen Wort für Selbstmordattentäter überschrieben und hört sich an wie eine Anleitung zum Terroranschlag: "Kämpft bis zum Letzten auf dem Weg zu Allah. Die Zeit ist reif, ihm ins Gesicht zu schauen."
Der jüngere Bruder lebte dagegen vergleichsweise angepasst: Er hatte 2011 die "Cambridge Rindge and Latin"-Schule abgeschlossen, auch Matt Damon und Ben Affleck waren dort. Die Stadt Cambridge gewährte Dschochar ein Stipendium, das mit 2500 Dollar dotiert war, nur 45 Stipendien werden jedes Jahr vergeben. Die früheren Mitschüler bezeichnen ihn als ruhig, als freundlichen, beliebten Jungen, der ein erfolgreicher Wrestler gewesen sei.
Der einzige Hinweis, den es auf eine religiöse Gesinnung bei ihm gibt, findet sich auf Dschochars Profilbild beim russischen sozialen Netzwerk VKontakte. Da gibt er als Weltanschauung "Islam" an, aber er legte seine Religion offenbar nicht allzu streng aus. Er soll auf Partys gelegentlich getrunken oder gekifft haben. Im vergangenen Jahr nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an, ausgerechnet am 11. September. Ein Zufall?
Die Familie der Attentäter war vor den Grauen des Tschetschenien-Kriegs erst ins ferne Zentralasien geflüchtet. Später in Dagestan bemühte sich der Vater um eine gute Ausbildung der Söhne. Von September 2001 bis März 2002 besuchten sie die Schule Nummer 1 in Machatschkala, der Hauptstadt der Kaukasusrepublik, die prestigeträchtigste der Stadt.
Machatschkala liegt nur 50 Kilometer vom umkämpften Tschetschenien entfernt, wo Tamerlan und Dschochar Verwandte haben. Es ist wahrscheinlich, dass sie damals viel von den Grausamkeiten der russischen Sicherheitskräfte gehört haben. Die tschetschenischen Rebellen, unterstützt von Islamisten aus arabischen Ländern, waren für viele Menschen im Kaukasus Helden. Ihren jüngeren Sohn benannten die Eltern vermutlich nach General Dschochar Dudajew, dem ersten gewählten tschetschenischen Präsidenten. Aber bedeutet das auch, dass damals bei ihnen schon der Hass auf die "Ungläubigen" gesät worden ist?
Die Geschichte der Einwandererkinder, die in ihrem neuen Heimatland nie ganz angekommen sind, erinnert an den Lebenslauf vieler Dschihadisten und an die Geschichte von Mohamed Merah. Der Sohn algerischer Einwanderer aus Toulouse hatte sich schleichend radikalisiert, bis er vor gut einem Jahr Anschläge auf französische Soldaten und eine jüdische Schule beging. Der Fall Merah gilt heute als besonders beunruhigendes Beispiel von "homegrown terrorism", von Terrorismus, der weniger in pakistanischen Trainingscamps genährt wurde, sondern in den tristen Vororten von Paris oder New York.
Der Familie Zarnajew fiel es nicht leicht, in Amerika Fuß zu fassen. Ansor Zarnajew, der Vater der Täter, galt als begabter Automechaniker, er wollte seine eigene Werkstatt eröffnen, als er mit Frau und Kindern 2002 in die USA kam. Aber er lernte kaum Englisch, berichtet ein Freund in US-Medien, daran scheiterten seine Pläne. Er nahm Gelegenheitsjobs an, oft für nur zehn Dollar pro Stunde. Dass er gern auf der Straße an defekten Autos herumbastelte, irritierte seine Nachbarn. Vor etwa zwei Jahren erkrankte Ansor an Krebs, berichtet ein Freund der Familie. Amerika blieb für ihn ein Versprechen, das sich nie erfüllte. Zarnajews Schicksal ist eines, das viele Einwanderer teilen. Spielte das eine Rolle bei der Radikalisierung seiner Söhne? Wurden sie deshalb zu Mördern?
Die vergangenen Tage in Boston haben ein weiteres Mal gezeigt, dass vorschnelle Schlüsse wenig hilfreich sind. Alte und neue Medien spielten in den Stunden und Tagen nach dem Anschlag eine unglückliche Rolle: Die "New York Post" druckte auf der Titelseite ein Foto von gleich zwei falschen Verdächtigen, CNN bezeichnete vorschnell "einen dunkelhäutigen Mann" als möglichen Attentäter, und schließlich meldeten mehrere Medien, ein Täter sei verhaftet worden, obwohl das nicht stimmte. Schon nach dem Amoklauf von Newtown waren selbst angesehene Medien der Versuchung erlegen, Nachrichten aus Internetquellen ungeprüft zu übernehmen. Nun folgte auch auf den Anschlag in Boston eine gewaltige Flut an Informationen, die ungefiltert durchs Internet strömten, und nicht nur jeder Einzelne, auch die großen Medienorganisationen schienen überfordert damit, die Fakten von Gerüchten zu trennen.
Es ist nicht das erste Mal, dass soziale Medien die Verbreitung von Nachrichten beschleunigen und zugleich für Verwirrung und Hysterie sorgen. Es zeigte sich einmal mehr das Dilemma von Nachrichtensendern wie CNN, die in ihrer Berichterstattung langsamer sind als Twitter, aber beim Versuch mitzuhalten immer wieder Falschmeldungen produzieren. Der Comedian Stephen Colbert witzelte, die "vier W des Journalismus" seien inzwischen: "Wer, wie auch immer, und warum warten?"
Der Wahnsinn der Echtzeitberichterstattung erreichte seinen Höhepunkt in der Nacht auf Freitag, kurz nachdem das FBI die Fahndungsbilder der beiden Verdächtigen bekanntgegeben hatte. Es begann eine öffentliche Suche, bei der etwa die Nutzer des Internetdienstes Reddit wahllos Verdächtige outeten, die mit der Sache nichts zu tun hatten.
Als die wahren Verdächtigen schließlich die Nerven verloren und sich eine Schießerei mit der Polizei lieferten, waren die folgenden Ereignisse auf Twitter zu verfolgen, ganz so, als wäre man dabei: Einwohner des Bostoner Vororts Watertown luden Fotos ihrer durchschossenen Wände hoch und lieferten Augenzeugenberichte, Journalisten twitterten live aus den Funksprüchen der Polizei, denen in jener Nacht bis zu 90 000 Menschen im Internet zuhörten, dazu kamen die Livestreams der Lokalfernsehsender.
So wurde die Verfolgungsjagd zu einem filmischen Erlebnis, nur verstehen ließ sich die ganze Sache dadurch nicht besser. Falschinformationen verbreiteten sich ebenfalls schnell - im Polizeifunk wurde kurz der Name eines indischstämmigen Studenten genannt, der von seiner Familie seit fünf Wochen vermisst wird. Auf Twitter galt der junge Mann wenig später schon als Attentäter, bis dementiert wurde - ebenso schnell wie zuvor verdächtigt. Als die Namen der beiden Brüder Tamerlan und Dschochar dann publik wurden, fanden sich auf Twitter in kürzester Zeit Fotos der Männer, Facebook-Zitate von ihnen und Informationen über ihr Vorleben. Früher musste man tagelang auf solche Informationen warten. Aber das war in einer anderen Welt.
Von Marc Hujer, Mathieu von Rohr, Matthias Schepp und Gregor Peter Schmitz

DER SPIEGEL 17/2013
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