27.11.1995

Pflicht zur Widernatürlichkeit

Auch heute noch, bald 150 Jahre nach Darwins ernüchterndem Blick auf die Naturgeschichte, sind wir weit davon entfernt, daß alle die Tragweite seiner Erkenntnisse verstehen, geschweige denn akzeptieren. Man spricht von der zweiten Entthronung oder gar Demütigung des Menschen - nach jener der Zerstörung des geozentrischen Weltbildes durch die kopernikanische Revolution.
Der Mensch steht nun nicht mehr als höchstes Ziel der Schöpfung an der Spitze der Lebewesen. Er steht vielmehr als ein Seitenzweig der Evolution mitten in der Naturgeschichte, auf sich selbst gestellt, seiner gottgegebenen Privilegien beraubt.
Begreifen wir uns nun einerseits mit allem, was wir geworden sind und tun, als durchaus naturgemäß, so daß wir, entlastet von unserer Sonderrolle, unseren natürlichen Antrieben frönen könnten, so haben wir andererseits ein für allemal die dünkelhafte Gewißheit verloren, daß Gottvater oder Mutter Natur für ihr letztgeborenes Nesthäkchen, für das Kronjuwel der Schöpfung, schon in grenzenloser Güte sorgen werde, was immer wir der Schöpfung in ebenso grenzenloser Habgier abfordern oder antun mögen.
Für uns als eines der Geschöpfe der Natur wie andere sollte nichts, was wir tun, unnatürlich sein. Aber dann gelten für unsere Spezies eben auch nur die Regeln der Natur, die immer neue Lebensformen gebiert, indem sie ebenso unaufhörlich und ungerührt über Leichen geht - die Leichen der vermutlich Milliarden Spezies, die in den mehr als drei Milliarden Jahren der Lebensexistenz auf dieser Erde unter das sich vorwärts wälzende Rad der Evolution geraten sind.
Wenn wir dies nicht gleichmütig hinnehmen wollen, wenn wir also dafür sorgen wollen, daß unsere Spezies noch möglichst lange überleben kann, dann sind wir gezwungen, aus Eigeninteresse oder aus sittlicher Verantwortung für das Wohlergehen künftiger Generationen, gerade unsere Natürlichkeit aufzugeben und uns ganz bewußt anders zu verhalten, als es naturgegebenen Antrieben entspräche.
Üblicherweise betrachten wir am menschlichen Verhalten als widernatürlich, was der Natur schadet: wenn wir Felder mit Pestiziden vergiften, wenn wir Feuchtgebiete trockenlegen, wenn wir gerodete Abhänge der Erosion aussetzen. Es ist schon richtig: All dies und viel mehr zerstört Natur; und all dies können wir nur dank unserer hochentwickelten technischen - also kulturellen - Fähigkeiten.
Dennoch ist es ein Denkfehler, diese Exzesse der Kulturentfaltung als unnatürlich zu betrachten. Wenn etwas genuin zu unserem natürlichen Spezies-Charakter gehört, so ist es unsere Kulturfähigkeit. Mit seiner Kultur - bis hin zu Bachs Kantaten und Horst Janssens Radierungen, zu Raumfahrt und CD-Rom - entfaltet der Mensch immer nur, in allerdings ganz einzigartiger Weise, seine Natur. Die Kulturgeschichte ist nichts anderes als die Naturgeschichte der Spezies Mensch, so wie die Entwicklung von Wachswabenbau und Tanzkommunikation diejenige der Honigbiene ist.
Wenn wir für einen Augenblick einmal vergessen, daß Menschen Sonette dichten, mit Hubschraubern fliegen und Differentialgleichungen lösen, so stellen wir fest, daß Angehörige der Spezies Homo sapiens mittels Verfahren, die biologisch zu nennen keine Zumutung sein sollte, Kinder zeugen, ernähren und versorgen - genauso wie dies Angehörige anderer Spezies tun.
Wir stellen weiter fest, daß Homo sapiens niemals gezögert hat, mit anderen Spezies rücksichtslos zu konkurrieren, solche, die ihm nützlich sind, zu unterwerfen und auszubeuten, andere, die ihm schädlich oder gleichgültig sind, zu verfolgen, zu vertreiben oder einfach zu verdrängen - genauso wie dies Angehörige anderer Spezies tun.
Und was war das Ergebnis von all dem? Vor fast zwei Millionen Jahren vermochte es der kulturell noch eher plumpe Vorfahr Homo erectus, sich von Afrika aus über Europa und Asien auszubreiten. Unsere eigene, fortentwickelte Spezies mit noch mehr Hirn und noch mehr Grips hat diesen Siegeszug noch einmal wiederholt und damit den verfügbaren Lebensraum auf Sammler- und Jägerniveau mit etwa zehn Millionen Exemplaren ziemlich vollständig ausgefüllt.
Nach Erfindung von Ackerbau und Viehzucht wurden daraus 50 Millionen, bis zum Jahre 1990 schließlich fünf Milliarden Menschen. Da diese Menschheit zugleich, erfinderisch, wie sie nun einmal ist, ihren Pro-Kopf-Ressourcenverbrauch annähernd vertausendfacht hat, steigerte sich die Ressourcenbeanspruchung millionenfach.
Es ist die schiere, blanke, brutale Naturgesetzlichkeit der exponentiellen Wachstumskurve, die wir hier wie dort vor uns sehen. Was wir - ganz zutreffend - eine gewaltige, eine in ihren Ausmaßen nur mit den schrecklichsten Zerstörungsereignissen der Erdvergangenheit vergleichbare Naturzerstörung nennen, ist pures Naturgeschehen, fast möchte man sagen: das Natürlichste der Welt!
Deshalb hat der Papst, der ja, ganz abgesehen von seiner Heiligkeit, bestimmt auch ein tiefgründiger Denker ist, völlig recht, wenn er die nicht mit künstlichen Mitteln verhinderte Vermehrung der Menschen als Ausdruck der - seiner Glaubensüberzeugung nach so von Gott gewollten - Natürlichkeit des Menschen betrachtet. Wir dürfen dem alten Mann aus Rom jedoch in seinen Schlußfolgerungen nicht folgen, wenn wir nicht sehenden Auges die Menschheit und die ganze Biosphäre einem Katastrophenkurs überlassen wollen.
Zwar wird die Natur durch den Menschen am Ende wohl nicht ganz und gar zerstört werden. Mit irgendwelchen Lebensformen wird irgendeine Natur gewiß weiterexistieren. An unserem Untergang wäre nichts Widernatürliches. Dem Gläubigen erschiene er vielleicht sogar durchaus gottgewollt. Zugleich aber kann wohl niemand verkennen, daß eine so stoisch-fatalistische, zugleich naturgemäße und gottergebene Einstellung gegenüber der gegebenen Wirklichkeit auch zutiefst inhuman, ja geradezu zynisch wäre.
Was folgt aus dieser biologisch-evolutionären Betrachtung der bisherigen Menschheitsgeschichte? Wenn wir Selbstverpflichtung zur Humanität, zur Menschenliebe, als unsere Aufgabe und unsere Verantwortung erkennen und annehmen, dann folgt daraus, daß wir die Pflicht zu einer Moral der Widernatürlichkeit akzeptieren müssen.
Nicht der Übergang von Natur- zu Kulturevolution - markant gekennzeichnet durch den Übergang vom Jäger- und Sammlerdasein zur Nahrungsproduktion durch Landwirtschaft - wäre dann der tiefe Einschnitt in der Evolution des Lebens, sondern der uns und unseren Nachkommen bevorstehende Schritt zur selbstverantwortlichen Kontrolle unserer Vermehrung und zum "Management der Biosphäre".
Da es weder für die außermenschliche Natur noch für die Menschheit eine auch nur annähernd erstrebenswerte Zukunft geben kann, wenn die Menschheitsvermehrung bis zur kurzfristigen Tragekapazität der Erde fortschritte, ist es der wichtigste Auftrag des Menschen, seine Reproduktion zu zügeln, das heißt, sie bis zur Ersatzvermehrung (oder gar darunter) zu begrenzen.
Ein Zweites folgt nicht weniger zwingend. Der Mensch lebt von der Biomasse, die Mikroben, Pflanzen und Tiere ihm liefern. Für bald zehn oder gar zwölf Milliarden Menschen wird unsere Spezies künftig wohl bis zur Hälfte der gesamten Netto-Biomasse der Erde beanspruchen. Um diese produzieren und somit selbst überleben zu können, sind wir gezwungen, uns aller Mittel ertragreicher und zugleich nachhaltiger Landbewirtschaftung zu bedienen.
In der Vergangenheit diente dazu die Auswahl ertragreicher und schädlingsunempfindlicher Organismenarten aus dem Sortiment, das die Zufälle von Mutation und sexueller Neukombination uns lieferten. In neuerer Zeit wurde dies durch immer drastischere Schädlingsbekämpfung unterstützt.
Ich bin absolut überzeugt davon, daß wir künftig gezwungen sein werden, auch mit den Methoden gentechnischer Sortenveränderung dafür zu sorgen, daß die Menschheit genügend nutzbare und schädlingsresistente Organismen verfügbar hat. Bei zehn Milliarden Menschen kann man dazu nur sagen: Alternativen - keine. Daß dabei die Schöpfung manipuliert wird, ist richtig. Daß dies notwendig und sittlich geradezu geboten ist, um eben diese Schöpfung vor völliger Zerstörung zu retten, ist jedoch ebenfalls richtig.
Zehn oder zwölf Milliarden Menschen benötigen darüber hinaus nicht minder gewaltige Stoffströme zur Erzeugung aller Güter ihres täglichen Bedarfs, vor allem ununterbrochen strömende Energiequellen. Wir wissen, wie weit wir noch davon entfernt sind. Weitgehendes Schließen der Stoffkreisläufe, Nutzung regenerativer Energiequellen, Steigerung der Energienutzungseffizienz und Senkung des spezifischen Energieumsatzes in Produktion und Konsum sind die bekannten Stichworte. Geben wir uns keinen Täuschungen hin: Dies wird die Ressourcen dieser Erde bis an die Grenzen des Erträglichen beanspruchen, bis es - wer weiß wann - gelungen sein wird, den Übervölkerungszustand der Erde auf eine unbegrenzt verträgliche Zahl, die vielleicht eher bei einer Milliarde Menschen liegen könnte, zurückzuführen.
Dies bringt mich zum dritten Aspekt einer künftigen Natur unter Menschenhand. Es stellt sich nämlich die Frage, wieviel an außer- oder nebenmenschlicher Natur - sozusagen "Natur in Reinkultur" - neben einer bis an die Grenzen mit Menschen angefüllten und von Menschen genutzten Natur noch Platz und Überlebenschancen haben wird.
In weiten Bereichen der Erde, in denen der Mensch den größten Teil der Fläche für sich beansprucht, werden durch Biotopbelastung, -verkleinerung und -zerstörung gewaltige Verluste an Biodiversität zu verzeichnen sein. So sind zum Beispiel in der Bundesrepublik nur etwa 1,7 Prozent der Landesfläche als Naturschutzgebiete ausgewiesen und nur etwa 3,5 Prozent als Biosphärenreservate, in denen Naturschutzgebiete mit naturverträglich genutzten Kulturflächen zusammengefaßt werden.
Zwar schreitet die natürliche Evolution trotzdem weiter voran. Wir erleben zur Zeit ein gewaltiges Evolutionsexperiment: Auch äußerlich für uns unverändert aussehende Spezies verändern sich genetisch unter den vom Menschen ausgehenden ungeheuren Selektionsdrücken - so wenn aus scheuen Kulturflüchtern wie dem Höckerschwan oder verschiedenen Drosselarten geradezu lästig aufdringlich sich ausbreitende Kulturfolger wurden.
Wollen wir aber, daß in einer weltweit unter die Hände der Massenmenschheit geratenen Natur auch künftig möglichst viele Spezies ihr Auskommen finden, so kommt es darauf an, daß wir den Auftrag, die Natur in unsere Obhut zu nehmen, aktiv und positiv aufnehmen.
Die Faustregel, in dichtbesiedelten Regionen wenigstens zehn Prozent der Fläche unter strengen Schutz zu stellen, deutet die Richtung an, in die wir denken und handeln müssen. Wenn das Bundesamt für Naturschutz von 509 Biotoptypen der Bundesrepublik schon 15 Prozent für von totaler Vernichtung bedroht ansieht (eines ist schon ganz verschwunden), dann zeigt dies, wie alarmierend dringlich dieses schützende Handeln geworden ist.
Zudem muß die ganze Kulturlandschaft von einem dichten Netzwerk kleinerer und größerer Areale durchsetzt werden, in denen - unter pflegender Menschenhand - möglichst vielen Pflanzen- und Tierarten die Chance zum Überleben zu gewährleisten ist.
Diese selbstverantwortliche Abwendung vom altevolutionären Rattenrennen der Arten läßt sich als ein ganz neues Kapitel des Evolutionsprozesses verstehen, in dem die Natur, die den menschlichen Geist dazu instand setzte, die eigenen Existenzbedingungen zu durchschauen, zu einer neuen Stufe der Entfaltung fortschreitet. Man muß sich jedoch bewußt machen, daß man sich für das Verständnis der Bedingungen und Regeln dieser neuen Stufe natürlicher Evolution nicht auf die Bedingungen und Regeln, die bisher in ihr galten, beziehen darf.
Vielmehr: Diese Natur wird etwas anderes sein als jene der vorangegangenen Erdzeitalter, eine vom Menschen beherrschte, vom Menschen zu gestaltende und zu bewahrende, eine vom Menschen zu verantwortende Natur, mit einem Wort: eine Natur unter Menschenhand. _(Markl, 57, ist Professor für ) _(Biologie an der Universität Konstanz. Im ) _(Juni 1996 wird er die Präsidentschaft ) _(der Max-Planck-Gesellschaft übernehmen. )
"Gentechnik ist notwendig und sittlich geboten, um die Schöpfung vor Zerstörung zu retten"
Markl, 57, ist Professor für Biologie an der Universität Konstanz. Im Juni 1996 wird er die Präsidentschaft der Max-Planck-Gesellschaft übernehmen.
Von Hubert Markl

DER SPIEGEL 48/1995
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