06.01.1992

MusikStatt Polo Piano

Gordon Getty, einer der reichsten Männer der Welt, möchte die Menschheit mit selbstkomponierter Musik beglücken.
Von seiner gelben Villa an der Bucht von San Francisco blickt Gordon Getty, 58, ins Weite und ärgert sich. Unten in der Bay liegt ein schmächtiger Öltank, grau und stumpf, und verhunzt die malerische Küstenlandschaft. "In die Luft sprengen sollte man das Ding", meint Getty, denn "das haut die Schönheit völlig kaputt".
Eigentlich dürfte er diesem technischen Schandmal gar nicht böse sein. Dem Öl nämlich verdankt Gordon Getty seine wirtschaftliche Existenz - als mehrfacher Milliardär und Sohn des 1976 verstorbenen amerikanischen Geschäftsmannes J. Paul Getty.
Doch Getty junior möchte nicht an seinen Dollars, sondern an Noten gemessen werden. Der exzentrische Tycoon, der täglich allein 500 000 Mark an Zinsen einnimmt, hat sich den Musen verschworen: Gordon Getty will den Konzertsaal erobern, will als Komponist großer Werke die Mit- und Nachwelt bereichern.
Noch allerdings hält sich deren Begeisterung in Grenzen. "Die Kritiker machen erst einmal ein Witzchen, wenn sie meinen Namen hören", gesteht Getty. Und tatsächlich liefern seine etwas betulich altmodischen Werke mancherlei Anlaß zur Häme. Getty komponiere "sehr brav", urteilte etwa die Frankfurter Allgemeine - ein vernichtendes Lob.
"Daraus lerne ich nur", behauptet der Kompositeur. In Wahrheit jedoch nagt solcherlei Spott durchaus an ihm. Und immer wenn der Frust ihn zu sehr plagt, setzt sich Gordon Getty an den schwarzen Yamaha-Flügel in seinem Musikzimmer und singt gewaltig, umrahmt von rund 10 000 LP und CD. Der Raum ist schalldicht, denn wenn er hier sitzt und "so richtig drauf ist", dann gibt es "einfach keine Pausen mehr".
Musik, das Hobby eines Exzentrikers also, der statt Polo Piano spielt? Das hört der Krösus nicht gern: "Das Geld ist eine Sache, meine Musik eine ganz andere."
Der Vater galt der New York Times noch als das "Symbol von Öl, Reichtum und Macht" schlechthin - doch dem Getty-Clan brachte dies wenig Glück: Gordons Bruder J. Paul II. verfiel zeitweise dem Heroin, Neffe J. Paul III. wurde 1973 in Italien entführt und büßte dabei ein Ohr ein, das die Kidnapper per Post nach Rom schickten.
Gordon Getty hingegen hat immerhin eine Oper verfaßt ("Plump Jack"), die von den Sinfonikern aus San Francisco uraufgeführt und auch vom Orchester der BBC in Londons Royal Festival Hall dargebracht wurde. Nach einer Aufführung seines Lieder-Zyklus "The White Election", nach Texten der amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson, trampelten im Brahms-Saal des Wiener Musikvereins die Leute "begeistert mit den Füßen" (Getty). Dem glücklichen Künstler trieb es "die Feuchtigkeit in die Augen".
Meist werden die Getty-Werke, etwa seine Walzer-Kompositionen "Tiefer und tiefer", "Ehemals" in bescheidenem Rahmen gespielt, zum Beispiel in einer High-School im kalifornischen Modesto oder in einem "Veterans Auditorium" in San Rafael.
Seine Ambitionen seien "weder Bayreuth noch die Mailänder Scala"; der dollarschwere Musikliebhaber ist bereits hoch erfreut, "wenn man mich ernst nimmt". Und das tun sogar die Großen seiner Zunft - ob aus Mitleid oder um der Society zu gefallen, ist ungewiß, nur: Placido Domingo, der große Tenor, hat Gordon Getty schon vor Jahren gebeten, ein Werk für ihn zu schreiben, und jetzt, findet der Komponist, "ist es wirklich höchste Zeit" dafür. Ein anderer Könner, der russische Cellist Mstislaw Rostropowitsch, steht ebenfalls auf Gettys Warteliste. Rostropowitsch "drängt zwar nicht", doch für Getty ist es "eine Art Ritterschlag, von ihm überhaupt gebeten zu werden".
"So früh wie Mozart" hatte ihn seine Mutter, eine von fünf Ehefrauen des J. Paul, zum Klavierspielen gebracht. Doch wie bei Mozart ging es nicht weiter: "Ich kann kaum meine eigenen Stücke spielen." Auch als Sänger versuchte sich Getty, aber nun trägt er nur noch manchmal Freunden, die nichts übelnehmen, Schuberts "Winterreise" vor. Komponieren, so glaubt er, "kann ich so gut wie alle anderen auch".
Anders als der Vater, der die römischen Kaiser und auch Adolf Hitler bewunderte, verehrt er Bach und Beethoven, Wagner und Mahler: "Es scheint, als schwebten deutschsprachige Komponisten in meiner Stratosphäre und meinem Pantheon ganz oben."
Gordon Getty hat "immer davon geträumt, nicht wegen meines Geldes, sondern wegen meiner Musik in Erinnerung zu bleiben". Und er weiß natürlich, daß er dem Erfolg nachhelfen könnte, "wenn ich das selbst bezahlen würde". Das aber "würde meinem Ruf schaden und dem des Orchesters, das sich dafür hergeben würde".
Geld gibt er trotzdem. Eine von ihm gesteuerte Stiftung hat bisher rund 600 Opernhäuser, Orchester und Musikhochschulen unterstützt - im Schnitt mit etwa zehn Millionen Mark jährlich. Künftig sollen 1000 Musikinstitutionen von Gordon Getty einen Scheck erhalten, einfach "nur so, ungefragt". Denn das sei ja klar: "Wer fragt, kriegt nichts." Auch Europäer will der Milliardär fortan beschenken, allerdings nur, "wenn ich das von der Steuer absetzen kann".
An seiner künstlerischen Karriere hat seine Frau Ann, die das gesellschaftliche Leben der Gettys in Gang hält, ihren Anteil. Sie sei sein "guter Geist", erklärt er, und sage ihm auch noch, wann er "den Smoking anziehen" solle.
Etwas allerdings trübt selbst diese 26 Jahre dauernde Ehe: Nachts nämlich komponiert der Hausherr zuweilen im Schlafe weiter. Wenn Gordon Getty mit seiner musikalischen Spätschicht beginnt, klappert er rhythmisch mit den Zähnen. Und das, meint seine Frau, sei "doch sehr lästig".

DER SPIEGEL 2/1992
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