30.12.1991

„Wir sind total überfordert!“

Die Akten-Aufseher in Dresden kapitulierten, noch ehe der Ansturm auf die Hinterlassenschaft der DDR-Staatssicherheit richtig begann.
Im November, rund sechs Wochen vor Inkrafttreten des Stasi-Unterlagen-Gesetzes, machte Sonja Rottig, Leiterin des Archivs für die Akten der ehemaligem Staatssicherheit in der sächsischen Hauptstadt, ihren Laden für den Publikumsverkehr dicht. Wer in Zukunft etwas von der örtlichen Gauck-Behörde wolle, müsse sich an die Zentrale in Berlin wenden.
Im Dresdner Archiv, in den Kellerräumen eines früheren MfS-Untersuchungsgefängnisses, läuft seit langem kaum etwas. Die Stasi-Akten, zum Teil aus Platznot einfach auf den Gängen gestapelt, vergammeln in feuchten, schlecht durchlüfteten Räumen. Einige Aktenberge sind durch die Feuchtigkeit zu einem unleserlichen Brei verquollen.
Die knapp 20 Mitarbeiter, eingepfercht in muffigen Arbeitszellen, kommen mit der Arbeit nicht hinterher. Weniger als die Hälfte des Aktenbestandes ist bisher archiviert. Zugleich steht die Dresdner Außenstelle der Gauck-Behörde vor einem Wust unerledigter Stasi-Überprüfungen für sächsische Behörden, Universitäten und Parteien.
Die Zustände im Stasi-Archiv Dresden sind exemplarisch für die Situation der Gauck-Behörde. Den Akten-Verwaltern, auf deren Beitrag zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit so viele hoffen, fehlt das Nötigste: qualifiziertes Personal, vernünftige Gebäude und technische Ausstattung.
Schon jetzt stapeln sich bei der Behörde 200 000 unerledigte Anfragen - vor allem Anträge auf Stasi-Überprüfungen. Rund 100 000 sind bisher beantwortet worden.
Ab Januar droht den Mitarbeitern des Ex-Pfarrers Joachim Gauck noch mehr Arbeit. Dann ist der Stasi-Check nicht mehr auf Parlamente und den Öffentlichen Dienst beschränkt. Selbst Notare, Gemeindevertreter oder leitende Angestellte in Betrieben können auf mögliche Stasi-Verbindungen überprüft werden.
Und jeder Bürger wird bei der Gauck-Behörde Erkundigungen über Stasi-Aufzeichungen zu seiner Person einziehen dürfen. Die Opfer der Staatssicherheit werden ihre Akten sehen, die Namen ihrer Peiniger in MfS-Diensten erfahren und Kopien der Unterlagen mit nach Hause nehmen können.
"Über uns wird eine Flut hereinbrechen", prognostiziert Klaus Richter, Referatsleiter bei der Gauck-Behörde in Berlin.
Jeder dritte Ostdeutsche will Auskunft über Stasi-Aufzeichnungen einholen: "Wir sind schon jetzt total überfordert, doch dann wird allein die Bewältigung des Posteingangs ein Problem." Die meisten Anfrager werden mehrere Monate, viele länger als ein Jahr auf Auskunft warten müssen.
Die akute Personal- und Raumnot der Behörde läßt ein höheres Tempo nicht zu. Wie in Dresden fehlt es auch in anderen Außenstellen der Gauck-Behörde an Platz - für eine ordentliche Aufbereitung der Akten ebenso wie für Mitarbeiter und Besucher.
Beim Kampf um neue Gebäude zog die Gauck-Behörde den kürzeren gegenüber Landesbehörden und West-Konzernen.
"Gegen Firmen wie Siemens", so Hansjörg Geiger, Gauck-Stellvertreter und Direktor der Akten-Behörde, "können wir nicht konkurrieren."
Jetzt sollen Büro-Container aufgestellt werden, um Abhilfe zu schaffen. Doch dem Gesetzesauftrag, Dokumentationszentren über die Stasi-Vergangenheit der DDR einzurichten, wird die Gauck-Behörde, unter anderem wegen mangelnder Unterstützung durch die ostdeutschen Landesregierungen, bis auf weiteres nicht nachkommen können.
Zuviel Hilfe wollten aber auch die Bonner nicht geben.
Nur eine Stunde nachdem das Stasi-Unterlagen-Gesetz im Plenum des Bundestages verabschiedet worden war, strich der Haushaltsausschuß Mitte November mit den Stimmen der christlichliberalen Regierungskoalition die Aufstockung des Gauck-Etats vorläufig um die Hälfte zusammen.
Der Rest solle erst später freigegeben werden, wenn konkreter Bedarf vorliege. Statt mit 3600 Stellen muß die Behörde nun vorerst mit rund 2000 auskommen.
Durchschnittlich 600 Minuten Arbeitszeit, so die Schätzung des Gauck-Direktors Geiger, brauche eine eingespielte Behörde, um eine Stasi-Akte entsprechend den gesetzlichen Vorgaben aufzubereiten, von der oft mühsamen Suche in den Archiven bis zur Durchsicht auf schutzwürdige Interessen Dritter.
Doch von einem eingespielten Team kann bei der Gauck-Behörde bislang keine Rede sein. Die Umsetzung des Stasi-Unterlagen-Gesetzes wird auf längere Sicht nur schleppend vorangehen. Für die erhoffte Aufarbeitung des Stasi-Erbes, so Geiger, "wird der 1. Januar noch nicht der Befreiungsschlag sein".

DER SPIEGEL 1/1992
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