30.12.1991

„Verzeihen geht ganz einfach“

Noch nach seiner Ernennung zum Sonderbeauftragten der Bundesregierung hält der in Rostock beheimatete Pastor Joachim Gauck im Ostteil Berlins an einer bescheidenen Zweitwohnung fest. Die Unterkunft ist mit den ehedem landesüblichen Anbauteilen, einer primitiven Schlafcouch und häßlichen Kunstfellsesseln möbliert. Täglich umfängt ihn dort ein Stück dahingegangener DDR-Kultur der besonderen Art - Gauck lebt in einem ehemals konspirativen Stasi-Treff, Deckname "Terrasse".
In der öden Absteige auszuharren ist für den Mann, der nun das Erbe eines gigantischen Repressionsapparats zu durchforsten sich bemüht, kein Akt der frommen Selbstkasteiung. "Ich tu'' mir da auch was an", räumt der 51jährige Seelsorger ein. Andererseits scheint ihm wichtig, daß er "diesen Ort sehenden Auges ertragen kann".
Denn "die Vergangenheit anzuschauen, in Erinnerungs- und Begegnungsprozessen" jene Freiheit erst zu gewinnen, von der die bevormundeten DDRler über die Jahrzehnte hinweg träumten, hat der vielzitierte Herr über die personenbezogenen Akten der Stasi von Anfang an für unumgänglich gehalten. Opfer wie Täter, heißt sein Credo, können nur so zu "Subjekten verantwortlichen Gestaltens" heranreifen.
Mit Beginn des neuen Jahres, wenn das kürzlich verabschiedete Stasi-Unterlagen-Gesetz in Kraft tritt, soll das massenhaft geschehen. Ein gewaltiges "Experiment der Selbstfindung" (Gauck) steht den wiedervereinigten, vor allem den östlichen Deutschen ins Haus - und entsprechend fiebrig ist die ihm vorauseilende Resonanz darauf.
Wer sich aber anschickt, derart in die kollektive Psyche einzugreifen, zieht sich Gegnerschaft auf den Leib. Galt "der Revolutionspastor", so eine Rostocker Zeitung, im bewegenden Wendeherbst ''89 noch als eine hochrespektierte Leitfigur, wird er jetzt zunehmend zum Ärgernis.
Sähe sich Joachim Gauck allein den Attacken eines Bündnisses von Pragmatikern und verdrängungsfreudigen Überlebenskünstlern ausgesetzt, er hätte damit kaum Schwierigkeiten. Was ihn indessen "traurig macht", ist die Schärfe, in der sich vormals Gleichgesinnte von ihrem früheren Weggefährten abgrenzen.
Spätestens seit der spitzelverdächtige Rektor der Berliner Humboldt-Universität, Heinrich Fink, sein Amt verlor, _(* Auf dem Balkon seines Büros in Berlin. ) schlägt dem Chef der Stasi-Ermittlungsbehörde Haß entgegen. So als habe er den Rausschmiß selbst verfügt (und nicht in einem rechtsstaatlich unzureichenden Schnellschußverfahren der zuständige Wissenschaftssenator), fällt nun eine wortwütige Intelligenzija den Überbringer der schlechten Nachricht an.
Joachim Gauck, ein Eiferer, der, wie der (Ost-)Berliner Schriftsteller Christoph Hein moniert, mit seiner Unerbittlichkeit "einer McCarthy-Moral" Vorschub leistet? Schlimmer als die Inquisition, nämlich "gottgleich", so Kollege Stefan Heym, entscheide der Nachlaßverwalter über Menschenschicksale.
Im zweiten Jahr nach dem Zerfall des SED-Zwangssystems wird Gauck in die Nähe von Methoden und Eigenschaften gerückt, als sei er selbst einer wie Erich Mielke. In einem Fernsehgespräch hält ihn der Journalist Günter Gaus für "nicht frei von Besessenheit". Auf der letzten Synode der Berlin-Brandenburgischen Kirche fühlt sich eine Pastorin gar "an die Judenverfolgung erinnert".
Doch der gebürtige Mecklenburger, dessen heftig zuckender Kehlkopf den Grad innerer Erregung verrät, lächelt über die dreisten Mutmaßungen tapfer hinweg. Eine gediegene Bodenhaftung - "meine norddeutsche Mitgift" - bewahrt ihn davor, seinerseits loszubrüllen.
Daß sich der Regierungsbeauftragte schmerzlich ins Unrecht gesetzt sehen muß, hat Gründe. Ist nicht er es gewesen, der von Anbeginn seines Engagements Mitarbeiter und Öffentlichkeit beschwor, sich der tristen Vergangenheit möglichst undramatisch zu widmen? Hat nicht allen voran der oberste Ermittler selbst davor gewarnt, die "Stasi zu mystifizieren, weil in ihrer Dämonisierung schon der Keim zur Verdrängungsbereitschaft wurzelt"?
Was immer die ihm aufgehalste Last noch hervorrufen mag - besessen wirkt der Theologe nie, wenn er zum Beispiel im früheren Stasi-Hauptquartier an der Normannenstraße dem erdrückenden Unterlagenwust gegenübersteht. Eher das Gegenteil ist zu beobachten. Um bereits die Vorstufen einer obsessiven Hinwendung zum Monströsen zu meiden, präsentiert sich der Nachlaßverwalter mitunter betont salopp.
Wer angesichts des Papiergebirges von 202 Kilometern laufendem Aktenmaterial "normal bleiben möchte, muß was tun", ruft sich Gauck zur Ordnung. Das erfordert, allen Verstiegenheiten zu entsagen - und sei es denn um den Preis einer "gewissen Blauäugigkeit".
So hat er wohl selbst das Stichwort dafür geliefert, daß seinen Ambitionen mit wachsendem Mißtrauen begegnet wird. Hunderttausendfach persönliche Schuld offenlegen zu wollen, respektive einer noch größeren Zahl Opfern Genugtuung in Aussicht zu stellen, gilt den Kritikern als ziemlich naiv. Wer sich wie der Pastor ins Gelingen des Menschenunmöglichen vernarrt habe, verhalte sich in Wahrheit anmaßend, tadeln sie ihn.
Will Gauck in der ab Januar zu erwartenden Antragsflut nicht versinken, benötigt er überschlägig 3500 Mitarbeiter. Zwar hat der Bonner Innenminister Dienstaufsicht über diese Mammutbehörde, ohne ihrem Leiter freilich fachliche Weisungen erteilen zu dürfen. Da verwundert es kaum, wenn Juristen bis hin zum Generalbundesanwalt Alexander von Stahl solche Machtfülle mit Argwohn sehen.
Doch der Sonderbeauftragte, der sich im Bewußtsein seiner gutgemeinten Absichten als "fairer Makler" beschreibt, versteht soviel Skepsis nicht. "Grotesk", entfährt es dem kopfschüttelnd, einen Mann in Zweifel zu ziehen, der "ein Leben lang gegen Behördenwillkür gekämpft" hat.
Wie soll er auch begreifen, daß er den einen, vorwiegend Westdeutschen, als zu einflußreich erscheint, während ihn ehemalige DDR-Bürgerrechtler in der Rolle des angepaßten Befehlsempfängers vermuten? Der sei ja "nur noch ''n treuer Beamter seines Innenministers", rügt ihn Bärbel Bohley enttäuscht.
Joachim Gauck zwischen den Fronten. Nachdem sich gezeigt hat, um wieviel tiefer der Stasi-Sumpf ist als ursprünglich angenommen - und also schwerer, ihn trockenzulegen -, gerät der öffentliche Aufklärer ins Zwielicht. Rigide verweigert ihm die Humanistische Union den bereits angebotenen "Fritz-Bauer-Preis". Begründung: Er habe dem Zugriff bundesdeutscher Geheimdienste auf DDR-Aktenmaterial zugestimmt.
Liegt hier wieder ein Fall von Blauäugigkeit vor, wenn er sich damit tröstet, der Gesetzgeber gestatte solche Einblicksmöglichkeiten nur in klar definierten Ausnahmesituationen? Ideal im Sinne des ''89er Aufbruchs zu uneingeschränkter Selbstbestimmtheit findet der Stasi-Kontrolleur das nicht. Aber sich davor "jammernd zurückzuziehen" wäre für ihn eine Flucht in die Politikunfähigkeit.
"Vor der Wahrheit kommt die Wahrnehmung", versteift sich der Archivar gegenüber seinen Anklägern, die sich nach Einschätzung der Tageszeitung zu einer "Anti-Gauck-Koalition konstituiert haben". Er ist "angetreten, um über die Kränkung, die einem ganzen Volk angetan wurde, nicht so einfach hinwegzugehen", und dieses Ziel verfolgt er mit lutherischem Beharrungsvermögen.
"Der Kampf des Menschen gegen die Macht ist der Kampf des Gedächtnisses gegen das Vergessen", hat der tschechoslowakische Schriftsteller Milan Kundera geschrieben - für Gauck ein Schlüsselsatz. Soll sich darüber empören, wer mag: Daß "die Begünstigten von gestern" nicht gleich wieder obenauf schwimmen, muß verhindert werden.
Insoweit ist der zupackend streitende Sohn eines Seekapitäns ein mecklenburgischer Dickschädel. Sieht er die Gefahr, daß seinen Bemühungen um Wahrheit durch Klarheit die Wirkung abhanden zu kommen droht, kann er auch selbst schon mal ruppig werden. Seine in der Affäre Fink unbedacht hingeschleuderte Bemerkung, die für ihren Rektor protestierenden Studenten seien offenkundig "PDSgesteuert", hat der Sache sicher geschadet.
Natürlich weiß der Seelsorger, daß sich ein Lebensverlauf in seiner Komplexität kaum allein aus Akten erklären läßt - die sind ihm "nur wichtiges Hilfsmittel". Andererseits: Wer das MfS-Material absichtsvoll bis zur Bedeutungslosigkeit herunterzureden trachtet, findet in Gauck einen unbeirrbaren Aufpasser. Einen wie ihn, der in vier Jahrzehnten Entmündigung selbst genug gelitten hat, soll im nachhinein "niemand verscheißern dürfen".
Redet so ein Geistlicher, der dem streng alle Sünden verfolgenden Gott des Alten Testaments anhängt? Joachim Gauck weist das weit von sich. "Rache liegt mir irgendwie nicht", sagt er im Tonfall schönster Unbefangenheit, "und zu verzeihen geht doch ganz einfach." Wogegen er allerdings ankämpft, "ist die voreilige Bereitschaft dazu". Wer Vergebung erwarte - erwarten dürfe -, müsse auch den Willen zur Veränderung offenbaren.
Kaum ein Tag verstreicht, an dem der Regierungsbeauftragte nicht gefragt wird, ob das Werk überhaupt gelingen könne. Häufig sitzt er dann da, als träfen ihn solche Erkundungen ohne innere Vorbereitung und zum erstenmal. "Tja, was soll ich sagen", sagt der Stasi-Ermittler wie im quälenden Selbstgespräch kaum hörbar, "eine Sicherheit gibt es nicht . . . ist ja auch nur ''n Versuch."
Aber den zu wagen erscheint ihm als unerläßlich, denn welche Alternative böte sich dazu an? Wie schlecht es einem Volk bekommt, das seine Vergangenheit krampfhaft zuzudecken bereit ist, haben für Gauck die Deutschen im Westen der Welt vorgeführt. Ohne deren Weigerung, sich hinreichend mit Krieg und Naziherrschaft (und ihrem Schuldanteil daran) auseinanderzusetzen, "wäre der Aufstand der Söhne und Töchter von 1968 nicht denkbar gewesen".
Folglich hat er sich entschieden, seine Landsleute daran zu hindern, "daß sie ihre Geschichte abermals nicht wahrhaben möchten". Den politisch ambitionierten Pastor, der sich zur linken Mitte zählt, treibt der Ehrgeiz um, "gesellschaftliches Bewußtsein verändern zu wollen".
Vergebung - ja; aber nicht ohne "schmerzhafte Erinnerung", heißt seine Parole.
* Auf dem Balkon seines Büros in Berlin.
Von Hans-Joachim Noack

DER SPIEGEL 1/1992
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