30.12.1991

„Ich habe ein robustes Gemüt“

Die lange Perlenkette blitzt im flackernden Kerzenlicht, als Renate Schmidt die Delegation aus Armenien - vier etwas linkisch wirkende graue Herren und eine betuliche Dolmetscherin - betont förmlich in ihrem Amtszimmer willkommen heißt.
Die Vizepräsidentin des Bonner Parlaments, im grauen Kostüm und schwarzen Pullover fast steif vor angestrengter Feierlichkeit, kündigt den Gästen an, sie werde gleich außerdem noch "die Ehre haben, Sie im Namen des Deutschen Bundestages im Plenum zu begrüßen".
So. Ende der Protokollstrecke. Aufmunternd lächelt sie den Herren zu. Daß ihre Stimme etwas flacher geklungen hat als gewöhnlich, ist den Armeniern nicht aufgefallen.
Die Besucher haben nicht mitgekriegt, wie ihre Gastgeberin die letzten paar hundert Meter zu diesem heimelig dekorierten Treff, bei dem gemütlich der Kaffee dampft und der Tisch beladen ist mit Torten und Kuchen, im Laufschritt zurückgelegt hat, mit flachen Lackschuhen über die Bonner Baustellen hüpfend wie eine übermütige Schülerin.
Eine unerwartete namentliche Abstimmung im gut 500 Meter entfernten Bundestagsplenum hatte sie zu diesem Zwischenspurt genötigt. Jetzt huscht ein Seitenblick schon wieder zur Uhr über der Tür: Es ist 15.35 Uhr. Um 16 Uhr soll Renate Schmidt präsidieren. "Also, was ist?"
Die Gäste sind befangen, höflich versuchen sie sich in Komplimenten. Die tranige Stimme der Dolmetscherin setzt zwischen den gefalteten Fingern der Präsidentin einen Daumen in ungeduldige Bewegung, er schlägt wie ein Metronom. Nun ist es 15.48 Uhr, und noch immer weiß sie nicht, was die Gäste von ihr wollen.
Hilfsbereit deutet ihr Fraktionskollege Dietrich Sperling, der die Armenier begleitet, auf ein Rosa-Luxemburg-Poster hinter dem Schreibtisch der SPD-Politikerin, das behauptet, es bleibe "die revolutionärste Tat, immer das zu sagen, was ist".
Renate Schmidt nickt. Das entspricht ihrer Überzeugung. Sie ist jetzt so wohlmeinend konzentriert, daß sie auch ihre Gäste in ihren knappen Rhythmus zwingt. Plötzlich hört sie ungeschminkte Sätze über Hunger, Elend und kriegerischen Alltag. Die Armenier reden leidenschaftlich vom Kämpfen, sie fragt hartnäckig nach "nicht kriegerischen Lösungen".
Es ist 16.02 Uhr. Renate Schmidt erhebt sich. Sie hat keine Versprechungen gemacht, aber ihre Gäste haben Teilnahme und Verständnis gespürt. Nach einer kurzen Warnung, sich die Rolle des Bonner Parlaments nicht allzu glorios vorzustellen, ist sie weg.
"Husch, husch, husch", feuert sie sich auf dem Weg zum Fahrstuhl an. Sie lacht, die Hektik nervt sie, aber sie genießt sie auch. "Und präsidieren tu'' ich wahnsinnig gern." Um 16.07 Uhr sitzt sie, ganz Würde des Hohen Hauses, auf dem Präsidentinnen-Sessel. Im Licht der Fernsehscheinwerfer leuchtet die lange Perlenkette.
Zehn Jahre lang ist die attraktive und lebensfrohe Renate Schmidt - verwitwet, Mutter dreier Kinder und Großmutter zweier Enkel - in Bonn über die vorderen Hinterbänke ihrer Fraktion nicht weit hinausgelangt. Von Insidern geschätzt, fleißig, loyal und pragmatisch, hatte sie erst langsam die Angst verloren, "unter so vielen Routiniers wie ein Niemand" hinter Papierbergen unterzugehen.
Plötzlich aber, in den vergangenen Monaten, ist die 48jährige Systemanalytikerin und ehemalige Quelle-Betriebsrätin ganz nach oben gekommen - eine Hoffnungsträgerin ihrer Partei. Kaum jemand zweifelt daran, daß sie anstelle von Hans-Ulrich Klose zur SPD-Fraktionsvorsitzenden gewählt worden wäre, hätte sie kandidiert.
Aber ihr reichte vorerst der Karriere-Dreisprung, mit dem sie sich in den vorhergehenden Monaten nach vorn schob: Als Nachfolgerin Annemarie Rengers wurde sie zur Vizepräsidentin des Parlaments gewählt; ziemlich brachial drängelte sie sich ins Präsidium der Bundes-SPD, und die demoralisierten Sozialdemokraten Bayerns kürten sie zur Landesvorsitzenden.
In tief ausgeschnittener schwarzer Spitzenbluse posiert sie nun in München markig unter der Traditionsfahne der Arbeiter-SPD: "Das Banner steht, wenn der Mann auch fällt." Sieht so die erste Ministerpräsidentin von Bayern aus? Am Ende gar die erste Bundeskanzlerin?
Das erste bestimmt, glaubt sie. Am "Mut zur Macht", zu dem sie ihre bayerischen Genossen aufzurütteln versucht, fehlt es ihr gewiß nicht. Über das andere denkt Renate Schmidt nicht nach, "noch nicht".
Ist sie also doch nur wieder eine typische Bonnerin - karrieregeil, berechnend, machtlüstern? Renate Schmidt lacht über solche Unterstellungen so, wie im etablierten Politikapparat kaum noch einer zu lachen vermag. Saftig und sinnenfroh. Keine schmallippige Griesgrämigkeit, keine emotionale Dürre, kein staubiger Stallgeruch.
Und schon gar keine falsche Bescheidenheit - gewiß doch, ehrgeizig ist sie. Darüber redet sie in schönstem Freimut: Wenn sie also keinen auf den Deckel kriegt und keine Bauchschmerzen bekommt, weil allzu viele an ihr "rumfriemeln"; wenn sie die Menschen nicht nach Strich und Faden belügen und sie nicht immer so tun muß, als wüßte sie für alles ein Rezept - warum denn nicht?
Können jedenfalls würde sie das. Und irrsinnigen Spaß macht ihr Politik sowieso. "Aber Macht für mich selbst? Das find'' ich pervers."
Macht also wofür? Für mehr Gerechtigkeit, sagt sie schlicht, für mehr Demokratie: "Für mich ist die sozialistische Utopie keineswegs gestorben."
Renate Schmidt kann, wenn sie so unverblümte und bei Sozialdemokraten dieser Tage besonders seltene Bekenntnisse ablegt, ganz ungemein lieb lächeln.
Sie sieht dann gern so aus, als sei sie Großmutters Poesiealbum entsprungen: Um das runde Gesicht mit den vollen Lippen und den großen braunen Augen ringeln sich goldig die Löckchen, als wolle sie - die sich ihre Eltern lieber als Sohn gewünscht hätten - im nachhinein beweisen, was für ein herziger Engel sie hätte sein können, wäre sie nicht in der mageren Zeit nach dem Kriege schon als Sechsjährige immer zum Anschreiben beim Bäcker losgeschickt worden.
Kein Wunder also, daß vor allem viele Linke in der Partei sie für naiv halten. Keine Programmatikerin. Theorieschwach. Nur Intuition und Gefühl. Wie die schon redet bei Versammlungen, wie eine Märchentante.
Tatsächlich pflegt die SPD-Politikerin ihren Zuhörern die "Steuerlüge" der Union mit der Geschichte vom "armen kleinen Vorstandsvorsitzenden" eines Kaufhauskonzerns und seiner "tapferen alleinerziehenden Verkäuferin" nahezubringen. Und keineswegs zufällig verfällt sie dabei in den suggestiv flüsternden Singsang einer Oma am Kinderbett, wenn sie darlegt, daß der Direktor - "weil er so ein armer kleiner Vorstandsvorsitzender ist" - vom CSU-Minister Waigel für sein Kind doppelt soviel Geld bekommt wie seine Angestellte: "So, und was macht er nun? Gibt er es etwa zurück? Nein, er hat sich was viel Besseres ausgedacht. Er stellt sich dafür eine Hausangestellte an, denn die kann er auch noch von der Steuer absetzen. Die Verkäuferin ihre Beiträge für einen Krippenplatz oder Kindergartenplatz aber nicht."
Längst ist es mucksmäuschenstill geworden im Wollner-Saal von Lauf an der Pegnitz. Rentnerinnen und gestandene Mannsbilder starren gebannt über ihre schweren Bierkrüge auf "das Madel", das einen Augenblick die vor Empörung stöhnende Stille lasten läßt, bevor sie kraftvoll und saalfüllend lospoltert: "Ja, haben wir denn noch alle Tassen im Schrank? Sind wir denn verrückt geworden?"
Naiv? Das ist die "rote Renate", wie sie in Bayern respektvoll sagen, eine populistische Moralistin, die sich prall ins Dirndl zu schnüren und mit Sprachkraft und Vitalität Bierzelte zu füllen versteht.
Beim Gillamoos in Abensberg, Bayerns drittgrößtem Volksfest, hat sie den Rednern von der CSU und sogar dem Republikaner Schönhuber den Rang abgelaufen. Der mit 800 Zuhörern besetzte Bierstadl mußte wegen des Andrangs geschlossen werden. Nicht nur ihr "rhetorisches Feuerwerk", das in Lauf den 23jährigen Ortsvereinsvorsitzenden Knut Reuter entzückt, zieht an, sondern mehr noch die ungewöhnlich einfühlsame Art, mit der sie sich anders präsentiert, als "die da oben" gemeinhin auftreten.
Die ist noch echt, die Renate, man sieht, wenn sie wütend ist, bei Ungerechtigkeiten sitzen die Tränen locker. Und Mißgeschicke passieren ihr wie dir und mir. Wenn ihr vor Publikum plötzlich die Manuskriptblätter vom Pult rutschen und in wildem Durcheinander zu Boden segeln, dann ruft sie "Auweioweiowei", ganz wie im richtigen Leben, und kriegt einen roten Kopf. Nur wie sie dann beim Aufsammeln plötzlich hochkommt und in das peinliche Schweigen hineinspottet: "Jetzt könnt ihr in der Zwischenzeit vielleicht mal ein Lied singen" - das hätte vielleicht nicht jeder im Saal so gut gebracht.
Niemand muß Renate Schmidt über ihre Stärken aufklären. Sie weiß, daß sie den richtigen Ton findet mit Menschen, daß sie ein Gefühl für Themen hat, die ankommen. Auch kennt sie ihre Gabe, komplizierte Sachverhalte einfach und "sinnlich" darzustellen. Entscheidend aber ist, daß sie, wie ihre grüne Ex-Kollegin Antje Vollmer sagt, trotzdem "keine Mogelpackung" ist: "Sie ruht in sich selbst."
Allemal ist Renate Schmidt, die Sozialdemokratin, die Feministin, die Vizepräsidentin, die Gewerkschafterin, die EDV-Spezialistin, die Fränkin, zunächst einmal Renate Schmidt - eine Frau, die gern und mit Volldampf lebt. Bei allem Bedürfnis nach Nähe zu anderen behält sie meist ironische Distanz zu sich selbst: "Renate, du blöde Hummel, was hast du denn nun schon wieder angestellt."
Überraschend viele Frauen verwenden, um ihre kraftvolle Aura zu beschreiben, das Wort "Charisma". Doch scheint Renate Schmidt weniger durch eine höhere, transzendente Gnade beflügelt als von einer erotischen Diesseitigkeit belebt. Eine Powerfrau ist sie, spontan, unkompliziert und charmant, doch wenn es sein muß, auch von rüder Direktheit.
"Ach, lassen Sie mich doch endlich mit Ihrem blöden Porsche in Ruhe", herrscht sie den PR-Chef des Luxuswagen-Herstellers an, der ihr in geselliger Runde aufdringlich "ein ästhetisches Verhältnis" zu seinen Produkten einreden will. Verhältnisse hat sie nur mit Menschen, basta. Sind ihr seine Nobelmobile etwa zu klein? Ein anzüglicher Blick streift ihre üppige Figur. Der Blick, den Renate Schmidt zurückwirft, ist auch nicht ohne: "Die Männer, die darin fahren, sind mir zu klein." Ende des Verkaufsgesprächs.
Niemand glaubt, daß Renate Schmidt zehn Jahre Bonner Politik überleben konnte, ohne Schaden zu nehmen an Leib und Seele; selbst sie nicht. Aber alle staunen, wie wenig man es bisher merkt. Sie ist eben Seiteneinsteigerin, zehrt davon, daß ihr die Ochsentour durch die Parteiniederungen erspart geblieben ist, die den meisten Kolleginnen und Kollegen graue Furchen der Verbissenheit in die Fassaden gegraben hat.
Ihre Biographie beschränkt sich nicht auf eine politische Karriere. Der Aufstieg ist ziemlich wildwüchsig aus ihren Lebensumständen herausgewuchert. Nichts geplant, alles genommen, wie es kam, versichert sie, sie sei "ziemlich abenteuerlustig".
Das ist gewiß nicht ganz falsch, aber ganz richtig ist es sowenig wie die umgekehrte Vereinfachung, die Renate Schmidt als zielstrebige Kurzbiographie im Handbuch des Deutschen Bundestages anbietet: Gymnasium bis 1961, Programmiererin beim Großversandhaus Quelle bis 1968, Systemanalytikerin bis 1973, freigestellte Betriebsrätin bis 1980 und seither Abgeordnete in Bonn.
Alles ist wahr, aber diese Wahrheiten sind nicht alles. Es verbirgt sich soviel Schicksal hinter der kargen Datenoberfläche, daß die ihr Leben eher verschleiert als erzählt.
So ist "die Fränkin" Renate Schmidt, die das "R" ganz bodenständig rollt, tatsächlich in Coburg aufgewachsen und später in Fürth zur Schule gegangen. Darunter aber brodelt der Balkan. "Mein deutsches Blut ist ein rechtes Gemisch, Gott sei Dank", lacht sie. Ihr Vater entstammt einer alten Prager Bürgerfamilie, die Mutter ist Tochter eines reichen Bauern aus dem rumänischen Siebenbürgen.
So fühlt sie sich als "Arbeiterkind", und die äußeren Lebensumstände belegen diese Aussage. Freilich, daß immer zuwenig Geld im Hause ist; daß die ganze Familie zeitweise in Heimarbeit Hutablagen flicht; daß die Mutter als Pelznäherin und Tankwartin, Vertreterin für Waschmaschinen, Reiseleiterin, Bürohilfe und Verkäuferin dazuverdienen muß - das alles sind, wie sie selbst erkennt, "trümmerzeitbedingte Rollenverwirrungen" gewesen. Tatsächlich prägt das gesellige und großbürgerliche kulturelle Bewußtsein der Prager Großmutter die Lebenshaltung der Familie stärker als das ärmliche Sein.
Nie haben sie die gegenläufigen Kräfte gelähmt, im Gegenteil. Ihre ständigen Mahnungen, mit Unfertigem zu leben, offen zu bleiben, sich nicht durch Theorien oder Programme "befrieden" zu lassen, wurzeln in der eigenen Lebenserfahrung.
So hat sie als Frau eine Karriere gemacht, die vielen Männern typisch männlich erscheint. Wahr ist aber, daß Renate Schmidt mit Macht zu hantieren weiß wie ein Mann, ohne ihre weibliche Identität zu verachten oder zu glorifizieren. Sie will sie nur respektiert wissen.
Der CDU-Landrat Hans-Jörg Ulrich in Nebra an der Unstrut hat es unlängst erfahren. Kann jemand, der soviel Wind macht und soviel Staub aufwirbelt wie _(* Kinder Jenny, Alexander, Vater ) _(Gerhard, Sohn Florian. ) der Bonner Staatsgast, der sich ganz standesgemäß im Hubschrauber herabsenkt auf das Kreisstädtchen südwestlich von Halle, etwas anderes sein als "der Präsident"? "Präsidentin", verbessert ihn Renate Schmidt, mit Betonung auf der letzten Silbe. Und Vize sei sie auch nur. "Jawohl, Frau Präsident."
Ein halbes dutzendmal korrigiert sie so sanft wie nachdrücklich ihren Gastgeber, der sie aber unverdrossen auch noch einer Bürgerversammlung als "Präsident" vorstellt.
"Ich bin Präsidentin", fährt die Bonnerin ihn da plötzlich an. Und vor seinen erschrocken aufgerissenen Augen weist Renate Schmidt mit weit ausholender Handbewegung an sich herunter: "Ja, eine -in, Herr Landrat, von oben bis unten." Und wie sie sich dabei reckt im überaus knappen kleinen Schwarzen, die wohlgeformten langen Beine wie bei einer Schönheitskonkurrenz übereinandergefaltet - das ist sowenig zu übersehen, wie zu überhören ist, daß diese Dame zugleich auch ein Boß ist, eine Bossin, vielmehr, die spitz hinzufügt: "Und wenn Ihnen das zu schwerfällt, dann sagen Sie einfach Frau Schmidt."
Männliche Selbstbehauptung und weibliche Fürsorge hat sie schon früh integriert. So gerüstet, verkraftet sie sogar einen Schock, der ihren Erfolgsweg ins Leben zu blockieren droht. Denn der Traum, einmal Lehrerin zu werden, endet 1961 abrupt, als die 17jährige Gymnasiastin ihre Reife noch vor dem Abitur durch eine Schwangerschaft nachweist. "Ich war eben schon immer etwas neugieriger als andere", spottet Renate Schmidt heute.
Damals muß sie, "in Schande gefallen", die Schule verlassen. So resolut sie danach auch ihren beruflichen Weg gegangen ist - der Stachel der fehlenden akademischen Qualifikation sitzt tief, bis heute. Freilich wiegt der Gewinn schwerer. Der Mut, "unmögliche Aufgaben" anzugehen, ja, sie reizvoll zu finden, hat hier seine solide Erfahrungsgrundlage. Renate Pokorny heiratet ihren Tanzstundenpartner, den Architekturstudenten Gerhard Schmidt, der, gerade 20 Jahre alt, als Vater vorzeitig für volljährig erklärt wird. Obwohl jeder dieser Kinderehe ein schnelles Ende vorhersagt, währt sie, bis Gerhard Schmidt im Jahre 1984 plötzlich stirbt.
Für den politischen Werdegang Renate Schmidts ist diese Ehe von großer Bedeutung. Nicht nur demonstrieren die jungen Leute Seite an Seite gegen die Notstandsgesetze, treten Ende 1972 gemeinsam in die SPD ein, gründen und betreuen zusammen eine "Falken"-Ortsgruppe und erstreiten nach achtjährigem Kampf gegen Nürnbergs Behörden mit einer Elterngruppe einen pädagogisch betreuten Abenteuerspielplatz. Wichtiger erscheint, daß sie eine Rollenumkehrung vorwegnehmen, die noch 30 Jahre später als avantgardistisch gilt: Der Architekt und Hochbautechniker Gerhard Schmidt fügt sich in die Rolle des Hausmannes, während seine Frau Karriere macht.
Fast zwei Jahre lang ist Renate Schmidt nach dem Tod ihres Mannes nahezu gelähmt. Sie nimmt sich Zeit zum Trauern. Dann, als sie sich um so vehementer in die Politik stürzt, scheint es, als blicke sie mit den kritischen Augen ihrer Familie auf die Institutionen, die sie selbst verkörpert.
Sie will "Politik ganz nahe an den Menschen" machen. Und das beginnt damit, daß sie erfrischend deftig den Bürgern über die Politiker und denen über "die Leute" ein paar Wahrheiten sagt.
Als töne das Volk persönlich, empört sich etwa die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages über den Zustand des Parlaments und verlangt eine Reform: "Es ist grauenhaft, wie das alles zerbröselt, wie am hellichten Vormittag da bei wichtigen Debatten nur 25 bis 27 Abgeordnete im Plenum sitzen - und lesen, dösen oder telefonieren."
Oder das vereinte Deutschland - müssen das alles "die paar Hanseln und Greteln an der Spitze" machen? Die wissen doch oft gar nicht, sagt Renate Schmidt der Bürgerversammlung von Nebra, was los ist im Lande. Sie nimmt sich da nicht aus.
Allzu begeistert ist Renate Schmidt anfangs nicht gewesen über die Vereinigung. Wie viele Linke in der alten Bundesrepublik hatte auch sie Angst, daß im Westen vieles von dem auf der Strecke bleiben könnte, "was gut war bei uns - das Demokratische, nicht das Materielle".
Nun aber ist die Einheit da, und um "ein Gefühl dafür zu kriegen, was läuft", hat sie sich schon im Dezember 1989 zehn Tage lang bei einem Parteifreund _(* Mit dem bayerischen ) _(Ministerpräsidenten Max Streibl und dem ) _(Münchner Oberbürgermeister Georg ) _(Kronawitter 1991 auf dem Oktoberfest. ) in Jena einquartiert, einem Bergmann. Seither fragt sie, wann immer es sie in den Osten verschlägt, "einfach mal ganz doof", wie es sich denn so lebe in der neuen Bundesrepublik.
In Nebra macht es Eindruck, wie aufmerksam sie zuhört, nachhakt, lernt. Endlich sei mal jemand dagewesen, der den "sehr verehrten Herren und Damen" aus Sachsen-Anhalt nicht die üblichen westlichen Weisheiten hingeknallt habe, freut sich Bürgermeisterin Sabine Reich vom Neuen Forum. Statt dessen ermuntert Renate Schmidt die Ostdeutschen: "Sie sind gefordert, jeder einzelne. Überlassen Sie nicht alles denen da oben. Kämpfen Sie um Ihre Mitsprache."
In solchen Augenblicken ist sie besonders intensiv, weil sie sich ganz nahe an ihrer eigentlichen Botschaft fühlt. Denn ihre Übersetzung von "Wir sind das Volk" heißt: "Mehr Demokratie wagen." Notwendiger als heute ist Willy Brandts Aufruf nie gewesen, findet die Enkelin, die selbst Oma ist.
Respekt. Aber kann sie mit solchen Thesen ausgerechnet in Bayern Ministerpräsidentin werden? Kann sie die eigenen Genossen in der verschlafenen und verkrusteten Verlierer-SPD des Freistaates auf Trab bringen, indem sie etwa dem sozialdemokratischen Bürgermeister von Reichenschwand bei Nürnberg und seinen erschrockenen Stadtvätern die Forderung nach einer neuen Umgehungsstraße kühl mit den Worten abschmettert: "Die Zeiten sind vorbei, in denen das vollständige Asphaltieren des Freistaates Bayern noch opportun erschien."
Renate Schmidt glaubt es, sie hält die Bürger für vernünftiger, als die ängstlichen Politiker wahrhaben wollen.
Zumindest die bayerische SPD scheint begriffen zu haben, daß sie mit einem Stimmenanteil von zuletzt 26 Prozent am Ende der traditionellen Parteiweisheit angekommen ist. Überraschend glatt ließ sie sich von Renate Schmidt eine lokale Größen entmachtende Strukturreform aufnötigen, die sie zur Voraussetzung ihres Engagements für München gemacht hatte. Ob aber die Genossen auch die "Knochenarbeit" zu erledigen bereit sind, die ihnen ihre neue Chefin verordnet hat, wird sich zeigen.
Sie arbeitet 10 bis 16 Stunden am Tag, manchmal ohne Sonntagspause. Aber "mit vier bis fünf Stunden Schlaf kann ich das gut verkraften". Maßhalten gehört nicht zu ihren Stärken.
Beginnt so die Selbstisolierung von Stars in der Politik? Erst jetzt gerät Renate Schmidt in die menschenzermürbende Mühle der Prominenz. Nun ist sie nicht mehr nur die lustige Renate, jetzt ist sie immer auch die Vizepräsidentin und Vorsitzende, rund um die Uhr.
Merkt sie nicht, daß Anpassungsdruck und Hektik an ihren Nerven zu zerren beginnen? Spürt sie nicht, wie die Distanz sich vergrößert zu alten Freunden, die erstmals an ihr auch taktische Rücksichten zu bemerken glauben?
Gewiß, Irritationen will Renate Schmidt gern einräumen. Manchmal ist sie eben "wie eine Dampfwalze", ihr Perfektionismus sei oft übertrieben. Vielleicht, sinniert sie, sei der Sprung in die erste Reihe doch ein bißchen zu plötzlich gekommen, als daß es ohne Anpassungsschwierigkeiten hätte abgehen können.
Sie sagt das ohne Weinerlichkeit. Immer hat Renate Schmidt die Realitäten so genommen, wie sie sind, und dann das Beste daraus gemacht. Jetzt schlüpft sie in Wohngemeinschaften unter, um dem Alltag nahe zu bleiben. In Nürnberg teilt sie ihr chaotisch-schnuckliges Heim, das versteckt in einem verwilderten Garten liegt, mit der Freundin eines Sohnes. Auch in Bonn und neuerdings auch in München lebt sie mit anderen Frauen zusammen.
Für sie sind diese Unterkünfte nicht nur Orte, "wo''s Klopapier gibt, einen Sprudel im Kühlschrank und vielleicht sogar mal ein Frühstück". Da kann sie auch lesen, reden, manchmal sogar ausschlafen. Vor allem aber verhängt sie sich dort nicht den Zugang zu Menschen mit ihrer amtlichen Perlenkette.
Ob das reicht gegen den Entfremdungsdruck auf dem Weg nach oben? Es muß eben. Renate Schmidts Lachen ist noch immer ansteckend: "Ich habe ein robustes Gemüt." o
* Kinder Jenny, Alexander, Vater Gerhard, Sohn Florian. * Mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Max Streibl und dem Münchner Oberbürgermeister Georg Kronawitter 1991 auf dem Oktoberfest.
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 1/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Ich habe ein robustes Gemüt“

Video 01:03

Mountainbike-Massenkarambolage Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht

  • Video "Bienenschwarm im Haus: Honig aus der Decke" Video 02:06
    Bienenschwarm im Haus: Honig aus der Decke
  • Video "Grönlander über Trumps Kaufangebot: Sie können es nicht kaufen, sorry" Video 02:13
    Grönlander über Trumps Kaufangebot: "Sie können es nicht kaufen, sorry"
  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Boris Johnsons Berlin-Besuch: Das Goldammer-Szenario im Nacken" Video 02:49
    Boris Johnsons Berlin-Besuch: Das "Goldammer"-Szenario im Nacken
  • Video "Naturphänomen in Ungarn: Atompilz über dem Plattensee" Video 00:36
    Naturphänomen in Ungarn: "Atompilz" über dem Plattensee
  • Video "Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop" Video 01:01
    Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop
  • Video "Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln" Video 20:40
    Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln
  • Video "Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet" Video 01:08
    Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet
  • Video "Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch" Video 01:03
    Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Video "Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt" Video 01:10
    Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Video "Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D" Video 01:17
    Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Video "Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen" Video 01:16
    Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • Video "Rettungsschiff Open Arms: Weitere Flüchtlinge springen ins Meer" Video 01:08
    Rettungsschiff "Open Arms": Weitere Flüchtlinge springen ins Meer
  • Video "Uber Boat: In Cambridge kommt der Kahn per App" Video 00:58
    "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Video "Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun" Video 29:10
    Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht