30.12.1991

Irak-HilfeBilder des Grauens

Im Irak sterben Hunderttausende Kinder, weil westdeutsche Firmen an Bagdad weder Medikamente noch Lebensmittel verkaufen.
Die zerstörten Städte des Irak erinnerten den Frankfurter Medizinprofessor Ulrich Gottstein, 65, an Deutschland nach dem Krieg: ausgebombte Häuser, weggesprengte Brücken, leere Geschäfte, hungernde und sterbende Menschen.
Mit Kollegen der deutschen Sektion der "Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" brachte Gottstein im späten November zehn Lastzüge mit über 30 Tonnen Lebensmittel und medizinischem Material - Babymilchpulver, Medikamente, Infusionsbestecke, chirurgische Handschuhe, Narkosemittel und Verbandsmull - in den Süden des Landes.
Dort ist Hilfe bitter nötig. Hunderttausende Menschen, darunter 300 000 Kinder und Babys, sind nach Angaben Gottsteins infolge des Krieges und des Embargos "vom Tode bedroht oder bereits gestorben". Etwa 900 000 Kinder im Alter bis zu fünf Jahren leiden an schwerer Unterernährung.
Bei seinen Krankenhausbesuchen sah Gottstein Bilder des Grauens: Babys, die im Alter von drei bis fünf Monaten weniger wiegen als zum Zeitpunkt ihrer Geburt; sieben Monate alte Kinder, die nur noch aus Haut und Knochen bestehen und selbst zum Weinen zu schwach sind; ein Arzt, der auf einer Infektionsstation mit Typhus-, Hepatitis- und Meningitisfällen mit derselben Einmalspritze von Patient zu Patient geht, weil er nur die eine hat.
Durch den Wirtschaftsboykott der Uno kam auch der bundesdeutsche Irak-Handel seit August 1990 fast gänzlich zum Stillstand - obwohl Medikamente für Erste Hilfe und Lebensmittel "im Rahmen von Soforthilfelieferungen" trotz des Uno-Embargos gegen den Irak mit Sondergenehmigung ins Land importiert werden dürften.
Seit einem dreiviertel Jahr wird diese Genehmigung vom Bundesamt für Wirtschaft in Eschborn auch ohne großen bürokratischen Aufwand erteilt. Doch bislang haben nach Angaben der Behörde nicht einmal zwei Dutzend westdeutsche Firmen davon Gebrauch gemacht.
Nach einer Untersuchung des Statistischen Bundesamtes wurden seit dem Wirtschaftsboykott nur Waren im Wert von knapp 7,5 Millionen Mark von der Bundesrepublik in den von 18 Millionen Menschen bevölkerten Irak exportiert. Vor dem Boykott schickten deutsche Unternehmen allein im Juli 1990 für 217 Millionen Mark Güter aller Art in das arabische Land.
Grund für die Zurückhaltung sind vor allem Zahlungsschwierigkeiten des Irak. Bagdads ausländische Devisenkonten sind noch immer eingefroren, das Außenministerium in Bonn "überlegt" derzeit, die irakischen Gelder in Deutschland freizugeben. Mit seiner eigenen Währung kann der Irak ebenfalls nicht bezahlen. Der Dinar gilt als kaum mehr konvertierbar.
Den Herstellern von Pharmaprodukten, Arzneien, Lebens- und Kindernährmitteln geht es aber nicht nur ums Geld. Seit deutsche Firmen halfen, den Irak aufzurüsten, fürchten selbst Hersteller unverdächtiger Produkte, sie könnten als Sympathisanten Saddam Husseins in Verruf kommen. Vor allem Pharmaproduzenten, heißt es im Bonner Wirtschaftsministerium, seien "hellhörig geworden". Sie wollten "nicht in den Verdacht geraten", die irakische Regierung "zu stützen".
Zudem fühlen sich vor allem kleinere Unternehmen durch die Bürokratie der Europäischen Gemeinschaft verunsichert. Die schwer verständlichen und ständig veränderten EG-Bestimmungen richtig zu interpretieren ist ohne Expertenhilfe kaum noch möglich. "Die liefern", sagt Gerhard Reckel vom Bundesverband des Deutschen Groß- und Außenhandels, "lieber gleich in die ehemalige DDR."
Nicht zuletzt die Öffnung des Ost-Marktes hat das Interesse am Handelspartner Irak auf Null gebracht. Lebensmittel- und Medikamentenlieferungen in die neuen Bundesländer, nach Polen und in die Tschechoslowakei sind unkomplizierter und versprechen Gewinn ohne hohes Risiko.
Für die irakische Zivilbevölkerung ist das Geschäftsgebaren der Westdeutschen eine Katastrophe. Selbst wenn Bonn die Devisenkonten des Irak demnächst freigibt, kommt die Geste zu spät. Einem Uno-Bericht zufolge sterben an der Unterversorgung täglich 500 Kinder im Irak.
Die Iraker sind jedoch nicht allein Opfer profitorientierter Unternehmer und einer Uno-Diplomatie, die sich monatelang von der unmenschlichen "Hoffnung leiten" ließ, daß "die Versorgungsmisere den Sturz von Saddam Hussein beschleunigen könnte" (Neue Zürcher Zeitung).
Schließlich erlaubte der Uno-Sicherheitsrat dem Irak im vergangenen August, fünf Monate nach dem Irak-Besuch des Uno-Untergeneralsekretärs Martti Ahtisaari ("Nahezu apokalyptische Zustände"), Öl im Wert von 1,6 Milliarden Dollar zu verkaufen. Das Land sollte selbst Lebensmittel, Medikamente und Gerätschaften zum Wiederaufbau erwerben können. Saddam Hussein verweigert sich dieser Möglichkeit bisher jedoch, da ein Drittel des Erlöses für Reparationszahlungen und Uno-Auslagen verwendet werden soll. Außerdem setzt der Diktator darauf, daß die wachsende Not der eigenen Bevölkerung den Druck verstärkt, das Uno-Embargo ganz aufzuheben.
Ihn selbst und die herrschende Clique betrifft das Elend im Land ohnehin nicht. "Die führenden Schichten", berichtet der Irak-Reisende Gottstein, "zelebrieren weiterhin in schicken Restaurants ihre Diners." o

DER SPIEGEL 1/1992
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