30.12.1991

Mehr Filz, weniger Wettbewerb

Die Zahl der Fusionen nimmt zu, und vor allem steigt die Zahl der Milliarden-Deals. Schiere Größe ist auch in Europa zum Unternehmensziel geworden. Märkte und Marktanteile werden zugekauft. Die Konzerne sichern zudem ihre Macht durch Partnerschaften mit Konkurrenten ab - der Wettbewerb droht zu ersticken.
Es war ein großer Tag für Palmela, ein Dorf im Westen Portugals. Ministerpräsident Anibal Cavaco Silva kam per Hubschrauber, einige Minister und zahlreiche Ehrengäste ebenso. Sie feierten am 3. Dezember ein Ereignis von europäischer Dimension.
In dem abgeschiedenen Provinznest hatten die beiden Autokonzerne Ford und Volkswagen zu einer Grundsteinlegung geladen. Ein neues Werk für den Bau einer Großraumlimousine soll hier entstehen.
Fünf Milliarden Mark kostet das Vorhaben, für VW-Chef Carl Hahn ist es "eine der Antworten auf den in jeder Beziehung härter werdenden Wettbewerb". Ford-Europachef Lindsey Halstead würdigte den Pakt der beiden Autoriesen als "strategische Allianz". Sie bereichere "die europäische Wettbewerbslandschaft".
Für die Region ist die Großinvestition ein Glücksfall. Über 12 000 Arbeitsplätze sollen geschaffen werden, die EG-Kommission will eine Milliarde Mark beisteuern. Bischof Manuel Martins aus Setubal segnete den Grundstein.
Bei Wettbewerbsexperten hält sich die Begeisterung in Grenzen. Einen "verbotswürdigen Tatbestand" nennt Siegfried Klaue vom Bundeskartellamt den Deal. Zum ersten Mal, so Klaue, habe die EG-Kommission ein "lupenreines Kartell" mit Subventionen bedacht.
Solche Bedenken zählen in Brüssel wenig. Die EG ist seit Herbst 1990 für Großfusionen mit grenzüberschreitenden Aktivitäten zuständig. Sie prüft die Fälle großzügig. Von 55 Zusammenschlüssen, für die sie bisher zuständig war, wurde lediglich einer abgelehnt.
Noch nie kam die Unternehmenskonzentration so flott voran. Rechtzeitig vor Einführung des europäischen Binnenmarktes Anfang 1993 wollen sich die Konzerne die besten Startplätze sichern.
Marktanteile werden nicht mehr erobert, Marken nicht mehr aufgebaut - sie werden zugekauft. Schiere Größe ist das Unternehmensziel; jeder will ein "global player" sein, ein Unternehmen, das international mitmischt.
Das Fusionsfieber hat alle Branchen erfaßt und alle Unternehmensgrößen. Kleine Firmen suchen Schutz bei großen, und Konzerne verbünden sich gegen Konkurrenten aus Übersee.
Selbst feinste Bankadressen sind inzwischen zu haben. Der britische Bankriese Barclays übernahm das Münchner Bankhaus Merck, Finck & Co. und plant den Zusammenschluß mit seinem Konkurrenten Midland Bank.
Der Bierkonzern Guinness kaufte den Weinbrenner Asbach. Giovanni Agnelli legte sich für seine Fiat-Gruppe den _(* Mit Portugals Premierminister Cavaco ) _(Silva am 3. Dezember 1991 in Palmela, ) _(Portugal. ) französischen Getränkekonzern Perrier zu. British Airways will mit der holländischen KLM zusammengehen.
Kaum eine Branche ist jedoch so verfilzt wie die Automobilindustrie. Die Folge ist eine weitere Konzentrationswelle - bei den Zulieferern.
Bei Autobatterien gibt es seit kurzem europaweit nur noch zwei gewichtige Anbieter. Die französische Ceac fusionierte mit der Batteriefabrik von Fiat, und beide zusammen verleibten sich die deutsche Firma Sonnenschein ein. Im Gegenzug vereinigten sich die Akku-Konkurrenten Varta und Bosch.
Auch Mannesmann, die Nummer 13 in der bundesdeutschen Industrie, fürchtet die Nachfragemacht der Einkäufer und stärkte seine Automobilsparte. Nach dem Kauf des Kupplungskonzerns Fichtel & Sachs übernahm der Düsseldorfer Konzern 1991 den führenden Stoßdämpferhersteller Boge und den Armaturenproduzenten VDO.
Das deutsche Kartellamt ist selbst bei solchen Großfusionen machtlos. Vergebens warnt dessen Präsident Wolfgang Kartte vor "nationalen oder europäischen Champions", die mit Milliardenbeträgen gedopt wurden.
Die übrigen Europäer sehen das anders. Franzosen, Holländer und vor allem die Südländer verspüren einen industriellen Nachholbedarf. Sie fördern die Machtausweitung ihrer Unternehmen mit allen Mitteln, vornehmlich mit Brüsseler Mitteln.
Die Industriepolitiker verweisen auf einen einflußreichen Fürsprecher - einen Deutschen. Der für Industriepolitik zuständige EG-Kommissar Martin Bangemann zeige sich allen Fusionsplänen gegenüber verständnisvoll. Größe ist gewollt, und die Großen werden immer größer. Immer öfter sind Europas führende Konzerne an den Firmenzusammenschlüssen beteiligt (siehe Grafik Seite 68). In Deutschland nimmt die Zahl der Fusionen ebenfalls zu. Auch hier steigt die Zahl der Milliarden-Transfers. Preussag kaufte Salzgitter, Krupp erwarb bei Hoesch die Mehrheit.
Mit jeder Großfusion stirbt ein Stück Wettbewerb. Doch der leidet nicht weniger, wenn Konzerne sich auf freundschaftliche Weise näherkommen.
In der Elektrobranche zum Beispiel kann es jeder mit jedem. Die gewaltigen Entwicklungskosten der Elektronik zwingen die Konkurrenten auf Teilgebieten zur Zusammenarbeit.
Siemens kooperiert mit fast allen größeren Anbietern in der Welt - von der AEG über IBM zu Matsushita. Ende November gewann der Multi aus München gegen ABB Asea die Übernahmeschlacht um die Mehrheit des tschechischen Kraftwerkbauers Skoda in Pilsen. Das hinderte die Gegner nicht, wenige Tage später den gemeinsamen Einstieg in den US-Markt zu verabreden.
Deutschlands größter Konzern, die Mercedes-AEG-MTU-Dornier-MBB-Gruppe, würde am liebsten mit Japans Mega-Konzern Mitsubishi ein enges Bündnis eingehen. Bislang halten die Japaner die Deutschen allerdings noch auf Distanz.
Hilflos müssen die Wettbewerbshüter zusehen, wie sich die Wirtschaft immer enger zusammenschließt. Bisweilen werden sie sogar regelrecht vorgeführt.
Europas größter Handelskonzern Metro ist im Umgang mit den Kartellwächtern besonders phantasievoll. Mit einem raffinierten Beteiligungsmodell unterläuft der Riese die deutschen Kartellgesetze. Vor wenigen Wochen sicherte er sich über seine Tochterfirma Kaufhof den Warenhaus-Konzern Horten.
Der nächste Coup ist längst geplant: der Einstieg des Kaufhof beim Touristik-Konzern TUI. Nach der Verschmelzung mit der konzerneigenen Reisetochter ITS wäre die Metro auch in diesem Sektor in Europa mit Abstand die Nummer eins.
Die deutsche Einheit treibt den Konzentrationsprozeß an. "Die Großen", so Kartellamtschef Kartte, "haben drüben bereits alles plattgemacht."
Von der Allianz bis zur Zeiss-Stiftung haben die westdeutschen Marktführer im Osten der Republik ihre Positionen abgesteckt. Vielen wurde der Eroberungsfeldzug besonders leichtgemacht.
Mit Unbehagen beobachten die Kartellbehörden seit Jahren, wie die Elektrizitätskonzerne ihre riesigen Profite aus den staatlich regulierten Strompreisen in anderen Branchen anlegen. Die Veba beispielsweise kaufte sich in zwei Jahrzehnten 300 Beteiligungen.
Der Branchenprimus RWE ewarb in den vergangenen vier Jahren für mehrere Milliarden Mark eine Druckmaschinenfabrik, einen Chemiekonzern und die Hälfte einer Großzeche - alles in den USA.
Für das Stromnetz im Osten und Süden der ehemaligen DDR muß der Essener Riese dagegen nur einige hundert Millionen Mark aufbringen. RWE, Veba, VEW und Viag teilten sich einträchtig den Ost-Markt der vereinigten Republik nahezu zum Nulltarif.
So gierig Deutschlands Konzerne auf Neuerwerbungen sind - sich selbst schotten sie rigoros gegen Aufkäufer ab.
Der Mischkonzern Viag, ein besonders eifriger Firmensammler, hat sich mit dem Stromkonzern Bayernwerk verflochten. Viag besitzt 40 Prozent des Bayernwerks, das wiederum hält knapp 15 Prozent der Viag-Aktien.
Das Modell findet Nachahmer. Der Versicherungsriese Allianz stieg kürzlich mit 24 Prozent bei der Dresdner Bank ein, die bündelte 10 Prozent des Versicherungskonzerns.
Die deutsche Wirtschaft verfilzt immer weiter. Der Chemie-Riese Hoechst hält zusammen mit Versicherungsunternehmen ein Paket von zehn Prozent an der Dresdner Bank. Das Geldhaus wiederum bildete mit anderen Assekuranz-Firmen einen Pool, der zehn Prozent der Hoechst-Aktien besitzt.
Ein gewaltiges Konzernkartell entsteht. Die Allianz, Hauptaktionär der Dresdner, ist mit der Deutschen Bank über Aktienpakete über Kreuz verflochten.
Das Netz gegenseitiger Verflechtungen schirmt die bundesdeutsche Wirtschaft nach außen ab. Eindringlinge haben keine Chance.
"In einem solchen Spinnennetz", warnt Kartellamtschef Kartte, drohe jeglicher Wettbewerb zu ersticken. Ein "System der Seilschaften", sagt er, laufe auf eine "Neuauflage" der Planwirtschaft hinaus.
[Grafiktext]
__68a Kartellamt: EG:
_____ / Zahl der Fusionen oder Übernahmen durch d. 1000 größten
_____ Industr.unter.
[GrafiktextEnde]
* Mit Portugals Premierminister Cavaco Silva am 3. Dezember 1991 in Palmela, Portugal.

DER SPIEGEL 1/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Mehr Filz, weniger Wettbewerb

Video 01:03

Mountainbike-Massenkarambolage Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht

  • Video "Grönlander über Trumps Kaufangebot: Sie können es nicht kaufen, sorry" Video 02:13
    Grönlander über Trumps Kaufangebot: "Sie können es nicht kaufen, sorry"
  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Boris Johnsons Berlin-Besuch: Das Goldammer-Szenario im Nacken" Video 02:49
    Boris Johnsons Berlin-Besuch: Das "Goldammer"-Szenario im Nacken
  • Video "Naturphänomen in Ungarn: Atompilz über dem Plattensee" Video 00:36
    Naturphänomen in Ungarn: "Atompilz" über dem Plattensee
  • Video "Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop" Video 01:01
    Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop
  • Video "Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln" Video 20:40
    Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln
  • Video "Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet" Video 01:08
    Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet
  • Video "Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch" Video 01:03
    Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Video "Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt" Video 01:10
    Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Video "Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D" Video 01:17
    Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Video "Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen" Video 01:16
    Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • Video "Rettungsschiff Open Arms: Weitere Flüchtlinge springen ins Meer" Video 01:08
    Rettungsschiff "Open Arms": Weitere Flüchtlinge springen ins Meer
  • Video "Uber Boat: In Cambridge kommt der Kahn per App" Video 00:58
    "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Video "Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun" Video 29:10
    Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Video "23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven" Video 01:06
    23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht