30.12.1991

„Rußland, wohin stürmst du?“

Stürmst nicht auch du dahin, mein Rußland, wie eine flinke Troika, die niemand einholen kann? Mit neidischem Blick treten die anderen Völker und Staaten zur Seite und machen ihm Platz.
Natürlich, Michail Gorbatschow hat Fehler gemacht, die Spatzen pfeifen es von den Dächern, und gestandene Staatsmänner des Westens werfen sie ihm vor. Kaum einer hält ihm zugute, daß er vor einer unlösbaren Aufgabe stand; daß er, nachdem er sie nun einmal übernommen hatte, zum Scheitern verurteilt war.
Wir haben kein Beispiel für die alles in allem friedliche Auflösung eines so hochgerüsteten Großreichs, wie es die Sowjetunion war, verursacht durch die in 70 Jahren mühsam erkämpften inneren Widersprüche. Gorbatschows Fehler bestand darin, sich an die Spitze zu drängen, oder sich an die Spitze drängen zu lassen, anstatt im Kreise seiner Stagnationsgenossen die Privilegien seines Amtes mißtrauisch zu genießen. Aber ist das wohl eine angemessene, eine politische Fragestellung? Und wird die Machtfrage hier nicht naiv verharmlost?
Von Tragik sollte man bei gescheiterten Staatsmännern tunlichst nicht reden. Schon das Alter allein ist, wie de Gaulle ausgesprochen und Metternich ihm vorgelebt hat, ein Schiffbruch. Darum bewundern wir Leute wie Washington oder de Gaulle, die sich der Macht freiwillig begaben.
Aber der mit 60 Jahren noch jugendliche Gorbatschow, dem die Deutschen Dank schulden, ist tragisch gescheitert. Den Konflikt zwischen Glasnost und Perestroika, zwischen Meinungsfreiheit und Umgestaltung der Gesellschaft, er konnte ihn nicht lösen.
Die Fliehkräfte der von seinen Vorgängern unterworfenen Völker wurden freigesetzt, die Lebensumstände der Bürger aber noch dürftiger, weil bis heute keiner der Verantwortlichen etwas von Marktwirtschaft versteht. Will man Gorbatschow ernstlich vorhalten, das chinesische Modell, die Alternative der Leute um Deng Xiaoping, wäre seinem Lande besser bekommen?
"Das Land ward heimgesucht von Hungersnot, es schrie das Volk, im Elend bald verreckend", läßt Puschkin seinen Helden Boris Godunow nach sechs Jahren Herrschaft (1598 bis 1605) sagen. Auch er hatte die Wirtschafts- und Sozialstruktur Rußlands so wenig wie irgendein anderer nach ihm ins Gleichgewicht bringen können.
Man kann es nicht treffender ausdrücken, als es in der Umgebung von US-Außenminister James Baker nach seinem jüngsten Rußlandbesuch zu hören war. Er habe drastische Veränderungen vorgefunden, ließ Baker durchsickern, ob zum Besseren oder zum Schlechteren, könne man noch nicht sagen.
Das Problem ist nicht Boris Jelzin allein, doch auch er wird sich bald denselben Problemen gegenübersehen, die Gorbatschow objektiv zu zögerlich angepackt hat und nicht zu bewältigen vermochte. Nur, was heißt "objektiv"? Es kann ja niemand über sein Vermögen hinaus. Wer weiß, ob Jelzin die Macht im Kreml, deren er sich im Stile des Boris Godunow bemächtigte, so lange ausüben wird wie Gorbatschow? Zwar ist er bauernschlau und von gescheiten, aber in sich zerstrittenen Ratgebern umgeben. Doch wie sollte das reichen?
Die Europäische Union läßt für alle Beteiligten, namentlich für die Deutschen, schwere Turbulenzen absehen, aber bei allen denkbaren Fehlentwicklungen doch keine Katastrophe. Die im osteuropäischen Raum zu erwartenden Verwerfungen hingegen sind in ihrem Ausmaß und in ihrem Furor noch gar nicht abzuschätzen. Sie könnten das übrige Europa in Mitleidenschaft ziehen.
Serben und Kroaten bieten da ein schreckenerregendes Beispiel. Wenn ein Großserbentum wiedererstanden ist, wird dann nicht demnächst auch ein Großrussentum wiederauferstehen, das ja im Keller stets gegrummelt hat? Werden die Religionskämpfe zwischen Katholiken, Orthodoxen und Moslems, die in Jugoslawien oft auch nur den Vorwand liefern, in der früheren Sowjetunion nicht mit doppelter Gewalt aufbrechen?
Wie soll der größte Flächenstaat der Erde, der sich seiner kommunistischen Strukturen nur halb entledigt hat, neue - und seien es auch nur kapitalistische - entwickeln, geschweige denn demokratische? Der Westen kann diese lose Föderation doch nicht auch noch organisieren.
"Haben die Intellektuellen in Jugoslawien - und in anderen Ländern Osteuropas - versagt?" fragt der international angesehene polnische Politologe Adam Michnik. "Sie sind frei", antwortet er, "doch sie wehren sich nicht." Aber dann kommt der große Widerspruch: Die Neigung der Intellektuellen, sich nationalistischen Ideen zuzuwenden, überrasche ihn. Wie, wenn das in der neuen Föderation der Länder in und um Rußland auch so wäre?
Dem Magazin der Süddeutschen Zeitung sagte der Redakteur Stojan Cerovic von der oppositionellen Belgrader Wochenzeitung Vreme : _____" Die Energie Osteuropas ist sehr groß, es ist eine " _____" destruktive Energie. In Westeuropa hat das kaum einer " _____" erkannt. "
Nationalismus plus Neigung zur Sezession plus leere Regale: gewiß ein explosives Gemisch. Vojislav Seselj, Belgrader Soziologe und Tschetnik-Führer, antwortete dem SPIEGEL vor einigen Monaten auf die Frage, was er denn tun würde, wenn er serbischer Präsident wäre: _____" Sofort alle Serben mobilisieren, Kroatien in einem " _____" Blitzkrieg amputieren, anschließend die internationale " _____" Gemeinschaft über die neuen serbischen Grenzen " _____" informieren. "
Das ist schlimmster Bismarck, der als preußischer Gesandter in St. Petersburg im Hinblick auf den sich abzeichnenden Krieg zwischen der Habsburger Monarchie und dem mit Frankreich verbündeten Sardinien-Piemont in einem Brief an General von Alvensleben schrieb: _____" Die gegenwärtige Lage hat wieder einmal das große Los " _____" für uns im Topf, falls wir den Krieg Österreichs mit " _____" Frankreich sich scharf einfressen lassen, und dann mit " _____" unseren ganzen Armeen nach Süden aufbrechen, die " _____" Grenzpfähle im Tornister mitnehmen und sie entweder am " _____" Bodensee oder da, wo das protestantische Bekenntnis " _____" aufhört vorzuwiegen, wieder einschlagen. "
"Rußland, wohin stürmst du?" fragte Gogol 1842 in dem Roman "Tote Seelen". Nur mühsam mag man sich mit dem Gedanken beruhigen, daß vorläufig nur Serbien auskeilt, noch kein Land der neuen "Gemeinschaft unabhängiger Staaten", gar Rußland selbst.
Aber mit dem Kuba-Gleichgewicht der für uns Nato-Europäer so gemütlichen Nachkriegsordnung ist es nun wohl zu Ende.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 1/1992
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