30.12.1991

AusstellungenSchlimmer als Eisen

In Stuttgart wird ein „goldenes Zeitalter“ proklamiert. Vom Haar der Loreley bis zum goldenen Gorbi verbreitet sich viel - auch trügerisches - Geflimmer.
Alles glänzt. Aber wer echtes Gold sehen will, muß in die Knie. Ähnlich wie der Schatz der Wagnerschen Rheintöchter ("Traulich und treu ist''s nur in der Tiefe") funkelt das Edelmetall aus einem unzugänglichen Abgrund herauf und ist ziemlich mühsam zu erspähen.
Im größten Schauraum des Stuttgarter Kunstvereins erhebt sich derzeit ein Bodengeviert ein wenig über das Niveau ringsum, so daß ein niedriges Podest entsteht und an dessen Fuß ein schmaler Spalt. Durch ihn können gelenkige Besucher einen lohnenden Blick in den - minimal emporgefahrenen - Lastenaufzug des Hauses hinunterwerfen. Dort erglänzt, durch Spotlights aus dem Dunkel herausgehoben, eine "Stadt aus Gold".
Spielerisch wie ein Kind hat der Künstler Thomas Lehnerer sein untergründig-überwirkliches Walhall errichtet, nur daß seine Bauklötze Barren von Reingold sind. Leihgeber: Degussa. Materialwert: rund 150 000 Mark.
In Stuttgart wird "Das goldene Zeitalter" ausgerufen und üppig ausgestellt - eine Vision, die laut Kunstvereinsdirektor Tilman Osterwold von der aktuellen Kunst "immer dezidierter vergegenwärtigt" wird, die aber ebenfalls im Alltagsdesign eine wichtige Rolle spielt und eigentlich in schöner "Zeitlosigkeit" erstrahlt*.
Folglich wird der Besucherblick auch zurück ins Mittelalter mit seinen Goldgründen und Goldpokalen gelenkt, er fällt auf golden schimmernde Kaiserbüsten der Renaissance oder auf barocke Malerei mit dem Motiv jenes legendären Königs Krösus, der dem Weisen Solon vergebens mit Gold imponieren wollte.
Gold als Inbegriff für hohe, ja göttliche Werte, Gold aber zugleich als Signal des trügerischen Scheins - in der Ausstellung und dem wuchtigen Katalogbuch dazu schimmert das Thema in vielerlei Facetten. Von Fausts Gretchen ("Am Golde hängt doch alles") erschließen sich dem Leser und Betrachter Gedankenbrücken auch noch zu jener amerikanischen Künstlerin, die ungelogen Gretchen Faust heißt und die Choralzitate in blanke Messingschilder graviert. Neben wenig Reingold ist unvermeidlich viel Imitation und Talmi im Spiel.
Selten nimmt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Künstler den Goldglanz noch ganz feierlich. Sogar beim Mystiker Yves Klein kommt Komik auf; das kitschig-schöne Bild seiner _(* Bis 9. Februar. Katalog 544 Seiten; 55 ) _(Mark. ) Hochzeit (1962), gemeinsam vom Bräutigam und von Freund Christo angefertigt, hat einen fladenartigen Goldklecks abbekommen.
Und als der Hohepriester Joseph Beuys 1982 ein goldenes Herrschaftszeichen, eine Kopie der Zarenkrone, in einen "Friedenshasen" umgoß, wählte er dafür einen Typus, wie er sonst zur Osterzeit in Schokolade ausgeformt wird. Der Hase selber, auf den im Katalog verwiesen wird, kam allerdings nicht zum Kunstverein; er ist in der nahen Staatsgalerie aufzusuchen.
Der Ausstellung geht deswegen der Stoff nicht aus. Bei Johannes Brus bekakeln "Zwei Bildhauer" eine offenbar soeben ausgebrütete Goldkugel. Alexander Kosolapow setzt, in Warhol-Manier, statt Marilyn sarkastisch einen Gorbi vor Goldgrund. Stephan von Huene reicht der Loreley den Kamm für ihr sprichwörtliches Goldhaar. Gerd Rohling münzt das Gold abgegriffener Redensarten aus und baut beispielsweise ein "goldenes Tor" nach, das Marco van Basten einmal gegen Bayern München schoß.
"Alles, was ich berühre", so verkündet und demonstriert Ben Vautier, "wird zu Gold." Das ist, wie König Midas erfuhr, ein Fluch.
Von dem bleibt die Ausstellung nicht verschont. Sie ist partienweise witzig und aufschlußreich, aber in enzyklopädischem Ehrgeiz mit Beispielen überfüttert, die nur ein beliebiger Oberflächenglanz verbindet. Daß hier eine Goldader der Gegenwartskultur angegraben wäre, bleibt unbewiesen.
Überdies weitet der Exkurs auf jenen Mythos, den auch der Schau-Titel zitiert, das Thema unlogisch aus: Zahlreiche Grafiken des 16. bis 19. Jahrhunderts bebildern - schwarz-weiß - das "goldene Zeitalter".
"Golden" hatte der altgriechische Dichter Hesiod das Ur-"Geschlecht der redenden Menschen" genannt, die wohl noch nicht soviel Blech schwätzten wie etwa Osterwold im Katalog über "faszinatorische Ebenen", "wahrnehmungspsychologische Stimulanz" und "hintergründige semantische Strukturen".
Der Römer Ovid führte dann aus, erst nach der paradiesischen "goldenen Zeit" sei "das schändliche Eisen erschienen und, schlimmer als Eisen, Gold".
Periodisch wollten Lobredner eine Wiederkehr des goldenen Zeitalters feststellen. Vergil schmeichelte dem Kaiser Augustus, er bringe diese Wohltat zuwege. Im Florenz der Renaissance wirkten angeblich die Medici derart segensreich, zumindest "für Menschen von Genie". So erlebte es der Pionier der Kunstgeschichtsschreibung, Giorgio Vasari.
In Florenz wurde damals das Sprachbild vom goldenen Zeitalter auch ins Anschauliche übertragen. Vasari schildert einen Triumphzug durch die Stadt, der die Wahl des Medici-Papstes Leo X. im Jahr 1513 feierte und bei dem ein Knabe "völlig nackt und vergoldet" das "wiedererstehende goldene Zeitalter" zu verkörpern hatte.
Doch das Schicksal drohte mit dem Goldfinger. Vasari: "Ich will nicht verschweigen, daß das vergoldete Kind, es war der Sohn eines Bäckers, infolge des Ungemachs, das es erduldete, um zehn Scudi zu verdienen, kurz darauf verstarb." o
* Bis 9. Februar. Katalog 544 Seiten; 55 Mark.

DER SPIEGEL 1/1992
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