30.12.1991

Zu Fuß in die Zukunft

Fürchtet die Armen", rief der Prophet, "denn es herrscht Krieg zwischen Arm und Reich. Toleranz und Freundlichkeit sind fromme Lügen, und einige unter euch haben das auch schon hinreichend erfaßt. Obwohl ihr Fremde eigentlich gut leiden könntet - diesen Krieg werdet ihr führen müssen! Es sei denn, ihr trennt euch von eurem Wohlstand, aber das wird wohl kaum geschehen. Begreift also, und fürchtet euch!"
Alle hörten und lasen es und fürchteten sich sehr. Auch setzte der Prophet eine Miene auf, so wehmütig-verfinstert, so wissend-lethargisch, daß selbst Kinder die Botschaft augenblicklich verstanden. ",Fürchtet euch'?" murmelt einer. "Komisch. Hat das nicht mal anders geheißen . . .?" Aber so genau wußte er es dann auch nicht mehr.
Man rekapitulierte den Gedankengang: Die Erste Welt lebe auf Kosten der Dritten, indem sie ihr die Rohstoffe gegen viel zuwenig Geld wegnehme. So sammle sich dort nicht genug Kapital an, um teure Maschinen kaufen zu können. Eine wachsende Bevölkerung, immer weniger ernährbar - und die Erste Welt tat nichts, um das zu ändern.
Und weil nun viele Arme sich aufmachten, um wenigstens persönlich in die reichen Länder zu kommen, mußte man die Gewehre putzen und Haß aufbauen, zur Abschreckung und damit im Ernstfall gezielt geschossen wurde. Fremdenhaß hatte eine Funktion, also war es ab sofort nur noch naiv, gegen ihn anzukämpfen.
Aber da gab es nun diesen Berauschten in der "Deutschen Eiche", fünf Minuten vor zwölf. "Quatsch!" rief er. "Die haben ,African Queen' nicht gesehen! Wie das Boot im Dickicht festliegt und die ganzen Moskitos da um den Bogart und die Hepburn herum sind. Es regnet, sie wissen nicht mehr, wo es langgeht, sie legen sich hin zum Sterben. Alles hat keinen Sinn mehr. Denken sie! Weil sie sich nicht vorstellen können, wie weit sie schon sind und daß durch den Regen der Fluß steigen wird, und wenn er steigt . . .!"
Betrunkene sind hartnäckig, vor allem wenn sie dann so einen mitleidig-sanften Widerspruch erleben. "Oder Flugzeuge!" stieß er hervor. "Schwerer als Luft, schon gehört? Fliegen nicht, was? Kriegt man nie hin. Plumps! Wie'n Stein. Vor hundert Jahren wußte man das noch ganz genau. Oder Papiergeld. Kein bißchen Edelmetall drin. Wenn damit bezahlt wird, bricht alles zusammen. War jedem klar. Im Jahre siebzehnhundert!"
Wenn der Flügelschlag eines Schmetterlings den Weg einer Orkanfront ändern kann, dürfen wir auch bei wirren Worten eines nächtlichen Zechers nicht knauserig sein.
Nur einer hatte in der "Deutschen Eiche" wirklich zugehört, ein Sammler bei einer Hilfsorganisation, und der ärgerte sich schon seit Jahren über das ewige "Man kann ja doch nichts ändern", hinter dem sich die Gleichgültigen verschanzten. Sie konnten sich nichts vorstellen, weil sie es nicht wollten.
Wozu hatte man die Propheten und deren Erklärung des Gesamtzusammenhangs? Damit man im einzelnen nichts tun, vor allem sich um einzelne Schicksale nicht kümmern mußte! So etwas kurierte doch nur an den Symptomen herum. Nein, nur nicht helfen, nur nicht trösten, nur nicht sich für Schwache einsetzen - auf den Sieg über das gesamte System der Ungerechtigkeit kam es an, und der war, leider, nicht erreichbar.
Weil der Sammler sich über diese Leute ärgerte und sie gern zurückärgern wollte, erfand er das "System African Queen" und brachte ein paar Menschen zusammen, die Spaß darin fanden und sich immer öfter trafen. Das System war sehr einfach und bestand darin, immer das Gegenteil von dem zu behaupten, was der Prophet gesagt hatte.
Argumente waren erlaubt, aber keine Zahlen! Es war schon damals bekannt, daß alle Gegner des menschlichen Mutes stets präzise Zahlen anführten, weil sie wußten, daß er seine eigenen, neuen Zahlen immer erst durch Handeln schaffen kann.
Ein alter Herr trat dem Klub bei, ein ehemaliger Unternehmer, und formulierte den Grundwiderspruch gegen den Propheten: Der habe das Erfinderischste und Produktivste beleidigt, was es gebe - die Angst vor der Armut. Ohne diese nämlich, sagte der Alte, werde man weder die Armut noch die kurzsichtige Gefräßigkeit des Reichtums besiegen.
Nicht alle stimmten zu, doch der Prophet ärgerte sich immerhin. Der hatte auch gesagt, es gebe gar keinen Rassismus, nur eben jene Furcht aus ökonomischen Gründen. Jetzt mußte er hören, die ökonomischen Gründe gebe es bei näherem Hinsehen nicht, dafür aber einen Rassismus aus ganz anderen (sehr vielfältigen) Gründen, der die blödsinnigsten ökonomischen Argumente zusammenerfinde, um sich zu rechtfertigen - nicht unähnlich dem Propheten selbst.
Andere Propheten hatten bewiesen, die ungerechten Rohstoffpreise, die die Dritte Welt in Armut hielten, könnten vor allem wegen des Konkurrenzkampfes mit Japan nicht geändert werden. Einige der "Afrikaner", wie man sie jetzt mit zärtlichem Spott nannte, begannen Japanisch zu lernen, andere dachten so naiv wie möglich darüber neu nach, wie überhaupt haltbare Abkommen entstanden.
Vor allem erfand man im Klub und anderswo immer mehr Tricks, um Menschen abseits der allgemein grassierenden Talkshow-Lethargie zusammenzubringen und mit Aufmerksamkeit einzeln zum Blühen zu bringen. Das war bald so attraktiv, daß die Kirchen, die autoritären Sekten und vor allem das Fernsehen immer mehr Boden verloren.
Der freche Widerspruch gegen die Propheten - auch diese hatten sich vermehrt - war lebendig und zeigte sich in einem allgemeinen Tüfteln, Wursteln und Nachdenken. Den Propheten dämmerte, die Idee des schöpferischen Chaos und der Selbstorganisation des Lebens könnte ihre Stellung in Gefahr bringen: Die Menschheit brauchte einfach nicht mehr diese wissenden Führer mit ihrem müden Schick, die mit großen Gebärden Richtung Horizont wiesen. Und wenn sie sagten, sie machten sich doch nur aus Opferbereitschaft und Altruismus den Standpunkt des gemeinen Mannes zu eigen, dann lachten Tausende von Männern und Frauen sehr herzlich und gemein. "Haltlose Romantiker!" riefen die Propheten. "Stimmt!" war die Antwort. "Ihr haltet uns nicht!"
Die Gesellschaften in den reicheren Ländern waren de facto längst multirassisch. Die Einwanderung war so geregelt worden, daß jeder eine Chance hatte, und man brauchte Einwanderer, nicht nur als "Arbeitskräfte". Es gab aber keine unbegrenzte Zuwanderung. Die Sache war berechenbar geworden, und das war wichtig, weil es schließlich um Wohnraum ging, eine der sehr wenigen Ressourcen der Erde, die nicht ersetzt oder durch die Entwicklung überflüssig gemacht werden konnten. Politisches Asyl erbaten nur noch die, bei denen das wirklich angeraten war, und sie erhielten es.
Die Propheten hatten ferner davon geredet, die Reichen müßten sich vom Wohlstand trennen. Nun war dieser Wohlstand kein Besitz wie ein Sack voll Gold oder ein Stück Land oder Kuchen. Man wußte, daß sich von ihm nicht die Hälfte abschneiden und woanders hinreichen ließ. Er war ein intensiver Kreislauf von Geld und Leistungen, ein Energiefeld, das man nur erweitern und qualitativ verändern konnte.
Aber schon das Problem selbst wandelte sich, noch während man darüber nachdachte: Die Art des Verbrauchs von Konsumgütern begann sich seit geraumer Zeit zusammen mit der neuen Art des Miteinanders sacht zu ändern. Autoverrücktheit, Medien- und Informationsleerlauf, Wasser- oder Medikamentenverbrauch und andere bisherige Verschwendungen wichen einem anderen Lebensstil, ohne daß Zwang ausgeübt wurde. Nirgends wurde Lebensqualität wirklich eingeschränkt, im Gegenteil: Eine immer bessere Qualität (die sich aber nicht in Verbrauchs- und Beschleunigungsrekorden, überhaupt kaum in Zahlen ausdrückte) wurde gefordert und entwickelt.
Es wuchs eine menschenwürdigere, langsamere, aufmerksamere Lebensweise herauf, und sie konnte sehr wohl in die übrige Welt verbreitet werden, ohne daß auch nur die geringste Gefahr für Ozonschicht und Ressourcen entstand. Der Kern des alten Reichtums blieb dennoch vorerst, wo er war: Die Erste Welt war ja das technologische und innovative Kraftzentrum der Erde. Mitteilung, nicht Aufteilung war die Devise. Die Pathologie des Nullsummenspiels ("Was du dem einen geben willst, mußt du dem anderen nehmen") beherrschte nicht einmal mehr die Unzufriedensten.
Es hatte sich unter den "Afrikanern" (denen jetzt sogar wirkliche Afrikaner angehörten) eine neue ökonomische Schule gebildet. Ihr Slogan hieß: "Hilfe muß ein Gesicht haben", und darum hieß sie "Face" (Gesicht). Sie lief auf ein gigantisches Partnerschaftssystem aus lauter kleinen Hilfsabkommen zwischen Landkreisen reicher und armer Länder hinaus. Die Menschen machten hier lieber mit als bei den früheren anonymen Spendenaktionen, denn jetzt konnten sie sich konkret engagieren und Ergebnisse sehen. Das war schon kein edles Opfer mehr, sondern selbst Leben und Lebenszuwachs.
Das Gesicht eines zur Hilfe bereiten Menschen in Deutschland fand den Weg zu dem Gesicht eines mutigen Neuanfängers in Indien oder Äthiopien oder Kasachstan. Und das bewirkte auch mehr als frühere Millionenzahlungen an korrupte Führer armer Länder, die die Armut im eigenen Interesse noch zementiert hatten. Aber vor allem: Es war keine altruistische Hilfe aus Nächsten- oder Fernstenliebe, sondern purer, aber vernünftiger Egoismus. Vernünftig, weil er langfristig dachte und weil das Programm die Probleme nicht "global" zu lösen suchte, sondern langsam, geradezu fußgängerisch von Einzelheit zu Einzelheit ging - aber in sämtliche Richtungen zugleich wie eine Kettenbrief-Aktion.
Weil nun das Volk wieder mehr und Präziseres wollte als nur "mehr Geld pro Monat", wurden auch die Politiker wieder mehr in einem praktischen Sinn die Beauftragten des Volkes. Darum beherrschte auch nicht mehr der kurzatmige Rhythmus der Wahlperioden das gesamte Tun und Lassen der Regierungen. Und die Politiker, sofern sie noch vom alten Schlage und an die Propheten gewöhnt waren, unterzeichneten resigniert alle Papiere, vor denen ihre Warnungen vergeblich gewesen waren. Etwa das weltweite gemeinsame Preisabkommen, das in die Wirtschaft armer Länder endlich und direkt mehr Geld fließen ließ, und das Grundgesetz über das Mindesteinkommen, das jedem Menschen auf der ganzen Welt die Entscheidung überließ, ob er bezahlte oder unbezahlte Tätigkeiten ausüben oder nur für sich und seine Freunde da sein wollte.
Sie warnten bis zur letzten Minute, drohten mit Rücktritt und ewigem Höllenfeuer, es half nichts. Viele traten dann wirklich zurück, weil es ihnen schrecklich peinlich war, daß die Welt nicht zusammenbrach. Die "Hilfe mit Gesicht" kam durch das Mindesteinkommen erwartungsgemäß noch stärker in Gang und brachte es fertig, fortan alle Menschen auf der Erde zu ernähren, zu kleiden, mit akzeptablen Behausungen zu versehen und - zu Freunden zu machen.
"Tut mir leid, Jungs", sprach der Prophet zu seinen letzten Getreuen. Er war jetzt so alt, wie er aussah. "Aber das mit dem Krieg zwischen den Armen und den Reichen war doch immerhin ein Denkanstoß. Hat er etwa nicht gewirkt?" Er verstummte, weil er merkte, daß die anderen ihn etwas düster ansahen. "Gut, es war nur so eine Idee von mir." *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Sten Nadolny *
antwortet auf einen literarisch-provokativen Beitrag, mit dem sich sein Schriftsteller-Kollege Christoph Hein, 47, in die Debatte um die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland einmischte (SPIEGEL 50/1991). In der Maske eines Mephisto und im Ton eines grimmigen Propheten wandte sich Hein an die Ausländer. Kernsätze: "Nein, wir sind nicht ausländerfeindlich. Aber wir hassen die Armut. Wir werden uns wehren. Aus Angst, eines Tages eure Armut teilen zu müssen." Gemeinsam mit Hein ist Nadolny, 49, in einer "Berliner Initiative gegen Fremdenhaß" aktiv. Seine zwischen Realität und Utopie schwankende Replik sperrt sich gegen allzu schnelle Lektüre. Sie erinnert damit an den gewitzten Erzähler Nadolny, der mit dem Roman "Die Entdeckung der Langsamkeit" berühmt wurde und mit dem türkischen Gastarbeiter Selim einen märchenhaften Geschichtenerzähler zum Helden seines jüngsten Buches ("Selim oder Die Gabe der Rede") machte. "Wenn irgendwo", heißt es dort, "dann wohnt der Widerstand im Erzählen, listig, schwer erkennbar, erst nach längerer Zeit wirksam. Erzählen widersteht der Eile."
Von Sten Nadolny

DER SPIEGEL 1/1992
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