30.12.1991

GESTORBENErnst Krenek

91. Als Leitfigur taugte er nie. Einen eigenständigen, sofort identifizierbaren Stil, ein kompositorisches Markenzeichen hat er nicht kreiert; und doch war Krenek einer der bedeutendsten Komponisten des Jahrhunderts. Aus dem Steinbruch der Schulen und Stile klaubte er sich immer das heraus, was ihm im Moment am interessantesten und aufregendsten schien: Zwölfton-Musik, Neoklassizismus, Serielle und sogar Elektronische Musik. Wie ein früher Postmoderner bediente er sich der jeweiligen Formensprache, den jeweiligen musikalischen Mainstream in fast allen Gattungen imitierend und, manchmal auch nicht ohne Witz, persiflierend. In Wien als Sohn eines aus Böhmen stammenden österreichischen Offiziers geboren, war Krenek mit 16 Jahren schon Meisterschüler des Spätromantikers Franz Schreker, später zog es ihn nach Berlin, wo ihn die zeitgenössische Komponisten-Avantgarde um Hindemith, Schönberg und Bartok faszinierte und prägte. Mit 26 landete Krenek, schon ganz neuschöpfender Eklektiker, seinen erfolgreichsten Theater-Coup. "Jonny spielt auf" hieß die Erfolgsoper, die 1927, mit dem Jazz spielend, das Lebensgefühl der zwanziger Jahre musikalisch bündelte. Die Wiener Uraufführung seiner bedeutendsten Oper, "Karl V.", wurde von den Nazis verhindert. Sie fand 1938 in Prag statt. Krenek war da schon im amerikanischen Exil. Nach dem Krieg pendelte er unstetig-beständig zwischen den USA und Österreich: ein Unbehauster, der in seiner deutschsprachigen Heimat erst ziemlich spät wahrgenommen und geehrt wurde. Ernst Krenek starb am vorvergangenen Sonntag in Palm Springs, Kalifornien.

DER SPIEGEL 1/1992
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